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W. B. Bland

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag von 1939

 

eine Vorlesung, gehalten vor der Stalin-Gesellschaft in Ilford/Essex im Februar 1990

 

Einführung

Eine der zahlreichen Legenden, die über Stalin in Umlauf gebracht wurden, ist die,dass zu einer Zeit, da die sowjetische Regierung mit Großbritannien und Frankreichüber ein Abkommen zur kollektiven Sicherheit verhandelte, das gegen die aggressivedeutsche Expansionspolitik gerichtet war, er daran ging, mit Deutschland einen Paktabzuschließen, der dann den Zweiten Weltkrieg auslöste.Natürlich besaß nicht alles, was damals in der Sowjetunion geschah, Stalins Zustim-mung. Was jedoch den Fall des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags von 1939betrifft, so besitzen wir die Aussage von Stalins engstem Mitarbeiter, Wjatscheslaw

Molotow, aus der hervorgeht, dass

"Genosse Stalin ... die Möglichkeit andeutete, dass es zwischen Deutschland

und der UdSSR eine ganze Reihe nichtfeindseliger und gutnachbarlicher Be-ziehungen geben könne. ...Der Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtan-griffsvertrags ... zeigt, dass Genosse Stalins historischer Weitblick auf brillian-te Weise bestätigt worden ist."(W. M. Molotow, Rede vor der 4.Sondersitzung des Obersten Sowjet der

UdSSR, 31. August 1939, in:'Sowjetische Friedenspolitik', London, 1941, S. 16).

Der Vorwurf, dass dies ein schwerer Fehler seitens Stalin war, muss deshalb ernsthaft

geprüft werden.

Die Neuorientierung der sowjetischen Außenpolitik

In seinem berühmt berüchtigten Buch 'Mein Kampf', das Mitte der 20iger Jahre geschrie-ben wurde, entwickelte der Naziführer Adolf Hitler ganz offen die Außenpolitik, die dieNazis anstrebten:

"Wir Nationalsozialisten ziehen ganz bewusst einen Schlussstrich unter die

außenpolitische Orientierung aus der Zeit vor dem Krieg. ...Wir machen Schlussmit der endlosen deutschen Bewegung Richtung Süden und Westen und wen-den unseren Blick dem Land im Osten zu. ...Wenn wir heute von Boden in Eu-ropa sprechen, dann haben wir in erster Linie nur Russland im Sinn."

(A. Hitler, 'Mein Kampf', London, 1984, SS. 598, 604).

Als dann die Nazis im Januar 1933 in Deutschland an die Macht kamen, bedeutete dieseine Situation in Europa, die ganz eindeutig große Gefahren für die Sowjetunion herauf-beschwor und natürlich nicht nur für die Sowjetunion.Die Marxisten-Leninisten in der sowjetischen Führung, die darauf bedacht waren, densozialistischen Staat zu verteidigen, reagierten auf diese neue, gefährliche Lage dadurch,dass sie die sowjetische Politik umorientierten, indem sie jetzt eine Politik verfolgten, diedarauf gerichtet war, zusammen mit anderen Staaten, die objektiv gesehen ein Interessean der Aufrechterhaltung des Status quo (des bestehenden Zustands - Übers.) in den in-ternationalen Beziehungen besaßen, ein kollektives Sicherheitssystem zu schaffen.

 

Die objektive Grundlage kollektiver Sicherheit

Die objektive Grundlage für die sowjetische Politik der kollektiven Sicherheit bestand darin,dass die imperialistischen Mächte der Welt in zwei Gruppen eingeteilt werden konnten:1. Die eine Gruppe bestand aus Deutschland, Italien und Japan und besaß ein relativhohes Produktionsniveau bei relativ eingeschränkten Märkten und Einflusssphären. Da-raus ergab sich, dass diese Mächte ein starkes Interesse daran besaßen, die Welt zuihren Gunsten zu verändern. Es handelte sich deshalb bei ihnen um relativ aggressiveMächte.2. Die andere Gruppe imperialistischer Mächte - Großbritannien, Frankreich und die Ver-einigten Staaten - besaßen relativ ausgedehnte Märkte und Einflusssphären and hattenvon daher objektiv gesehen ein stärkeres Interesse daran, die Welt so zu belassen wiesie war, statt sie zu verändern. Diese Mächte waren somit relativ wenig aggressiv.Stalin, der der Ansicht war, dass der Zweite Weltkrieg bereits begonnen hatte, fassteseine Position dazu auf dem 18. Parteitag der KPdSU im März 1939 folgendermaßenzusammen:

"Der Krieg wird von aggressiven Staaten geführt, die in jeder nur erdenklichen

Weise sich über die Interessen der nicht-aggressiven Staaten, darunter in ers-ter Linie England, Frankreich und die USA, hinwegsetzen. ... Wir erleben so-mit eine offen betriebene Neuaufteilung der Welt und der Einflussgebiete aufKosten der nicht-aggressiven Staaten."

(J.W. Stalin, ebenda, S. 14).

Als sozialistischer Staat, als ein Staat der arbeitenden Menschen, besaß die Sowjet-union das stärkste Interesse aller Staaten an der Erhaltung des Friedens.Die Politik der sowjetischen Regierung in den 30iger Jahren bestand somit darin, denVersuch zu unternehmen, zusammen mit den nicht-aggressiven europäischen imperia-listischen Staaten Großbritannien und Frankreich ein Bündnis der kollektiven Sicher-heit einzugehen - eine Allianz der kollektiven Sicherheit, die stark genug sein würde,entweder die aggressiven imperialistischen davon abzuhalten, einen Krieg vom Zaunzu brechen oder ihre schnelle Niederlage herbeizuführen.Die sowjetische Regierung fasste 1948 diese Außenpolitik für die Zeit nach 1933 mitfolgenden Worten zusammen:

"Im gesamten Verlauf der Vorkriegsperiode betonte die sowjetische Delega-

tion den Grundsatz der kollektiven Sicherheit im Völkerbund."

('Geschichtsfälscher: historische Informationen', London, 1948).

Beschwichtigungspolitik

Obwohl, wie wir gesehen haben, Stalin darauf hinwies, dass die britischen und französi-schen Imperialisten, objektiv gesehen, ein Interesse daran haben mussten, zusammenmit der Sowjetunion solch ein Bündnis für kollektive Sicherheit einzugehen, erkanntendie Regierungen Großbritanniens und Frankreichs, geführt von Neville Chamberlain bzw.Edouard Daladier, diese objektive Tatsache nicht an. Sie erkannten sie nicht an wegenihres Abscheus vor dem Sozialismus und vor der Sowjetunion und weil sie deren Zer-schlagung herbeiwünschten.

Stalin vor dem 18. Parteitag der KPdSU im März 1939:

"England, Frankreich und die USA ... geben nach, machen Rückzieher und ma-

chen den Aggressoren ein Zugeständnis nach dem anderen. Deshalb erleben

 

wir jetzt eine offen betriebene Neuaufteilung der Welt und der Einflussgebiete auf

Kosten der nicht-aggressiven Staaten, ohne dass der geringste Versuch, Wider-stand zu leisten, unternommen wird und dies geschieht sogar mit einem gewissenstillschweigenden Einverständnis. ...Wie kann es sein, dass die nicht-aggressi-ven Staaten ... so einfach und ohne jeden Widerstand ihre Positionen und ihreVerpflichtungen aufgegeben haben, um den Aggressoren entgegenzukommen?Liegt dies etwa an der Schwäche der nicht-aggressiven Staaten? Natürlich nicht!Zusammen sind die nicht-aggressiven, demokratischen Staaten zweifellos stärkerals die faschistischen Staaten, sowohl in wirtschaftlicher als auch in militärischerHinsicht. ...Der Hauptgrund besteht darin, dass die Mehrheit der nicht-aggressiven Länder, be-sonders England und Frankreich, die Politik der kollektiven Sicherheit, des kollek-tiven Widerstands gegen die Aggressoren zurückgewiesen hat und zu einerPosition der 'Nichteinmischung' übergegangen ist. ...Diese Politik der 'Nichtein-mischung' lässt den Eifer, den Wunsch erkennen, Deutschland nicht daran zuhindern, sich auf einen Krieg mit der Sowjetunion einzulassen. ...Man könnte glau-ben, dass die Gebiete der Tschechoslowakei Deutschland überlassen wurden alsPreis für das Unterfangen, den Krieg mit der Sowjetunion vom Zaun zu brechen."

(J.W. Stalin, ebenda, S. 14 f., S. 16).

Es ist dokumentarisch belegt, dass der britsche Außenminister Lord Halifax Hitler im No-vember Folgendes mitgeteilt hat:

"Er und andere Mitglieder der britischen Regierung waren sich durchaus bewusst,

dass der Führer eine Menge errreicht hat. ... Nachdem er den Kommunismus inseinem eigenen Land zerschlagen hatte, hatte er auch diesem den Weg nachWesteuropa verlegt und Deutschland besaß deshalb das Recht, als Bollwerk desWestens gegen den Bolschewismus betrachtet zu werden.Wenn der Weg für eine deutsch-britische Annäherung geebnet worden ist, dannmüssen die vier großen westeuropäischen Mächte gemeinsam das Fundament fürfür einen dauerhaften Frieden in Europa legen."('Dokumente zur deutschen Außenpolitik, 1918-1945', Reihe D, Band 1, London,

1954, S. 55).

Dennoch erkannten die sowjetischen Marxisten-Leninisten, dass diese Politik der 'Be-schwichtigung', objektiv gesehen, den Interessen der britischen und französischen Imperia-listen und erst recht den Interessen der britischen Arbeiterklasse entgegenstand. Sie gin-gen deshalb davon aus, dass falls die Sowjetunion ihre Bemühungen fortsetzte, ein kollek-tives Sicherheitssystem mit Großbritannien und Frankreich zu bilden, dass dann die Be-schwichtiger in Großbritannien, die auch in Frankreich regierten, von den weitsichtige-ren Vertretern des britischen Imperialismus (wie Winston Churchill und Anthony Eden)im Bündnis mit den britischen Arbeitern aus dem Amt gedrängt werden würden.(Dies passierte dann auch tatsächlich im Jahre 1940, aber erst, nachdem der Krieg in

Europa schon ausgebrochen war).

Die britisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen

Am 31. März 1939 gab die britische Regierung, ohne Absprache mit der Sowjetunion, eineeinseitige Garantieerklärung zur Verteidigung Polens gegen eine mögliche Aggression ab.Der Führer der britischen Liberalen, David Lloyd George, vor dem Britischen Unterhaus:

"Ich kann nicht verstehen, dass wir uns nicht vor Eingehen dieser gewaltigen

Verpflichtungen im Vorfeld die Beteiligung Russlands sicherten. ...Wenn Russlandin diese Angelegenheit nicht mit einbezogen wurde, weil bei den Polen gewisseVorbehalte vorhanden sind und sie die Russen da nicht haben wollen, ... dannmüssen sie doch bereit sein, diese eine Bedingung, die wir stellen, damit wir ihnenhelfen können, anzunehmen oder sie tragen die ganze Verantwortung selbst."

('Parlamentsdebatten, 5. Reihe, Unterhaus, Band 35, London, 1935, SS. 2, 510).

Die britisch-französische Garantie verstärkte den öffentlichen Druck auf die Regierungender Beschwichtiger, damit wenigstens Gesten in Richtung kollektive Sicherheit gemachtwürden. Am 15. April 1939 schließlich kontaktierte die britische Regierung die Sowjet-union und deutete an, dass sie möglicherweise eine öffentliche Erklärung herausgebenwerde, in der sie all jenen Staaten, die an die Sowjetunion grenzten, für den Fall, dass sieeiner Aggression ausgesetzt sind, falls sie dies wünschten, militärischen Beistand ge-währen würde.Zwei Tage später, am 17. April, antwortete die sowjetische Regierung, dass für sie eineeinseitige Garantie, die die Sowjetunion in eine Position der Ungleichheit mit anderenbetroffenen Mächten versetzen würde, nicht in Frage käme. Stattdessen schlug sie vor:1. Einen dreiseitigen Beistandspakt zwischen Großbritannien, Frankreich und der Sow-jetunion gegen eine Aggression;2. Die Ausweitung der Garantien auf die baltischen Staaten (Estland, Finnland, Lettlandund Litauen) mit der Begründung, dass die Vorenthaltung solcher Garantien an dieseStaaten eine offene Einladung an Deutschland bedeuten würde, in Richtung Osten mit derInvasion dieser Staaten zu expandieren;3. dass der Vertrag nicht unbestimmt sein dürfe, sondern das genaue Ausmaß und die Artdes militärischen Beistands, den die Unterzeichnerstaaten gewähren würden, enthaltenmüsse.Am 27. Mai antworteten die britische und französische Regierung auf die sowjetischenVorschläge mit dem Entwurf eines Dreimächte-Abkommens. Dazu der britische Premier-minister in einem Brief an seine Schwester:

"Im Prinzip bekommen die Russen was sie verlangen, aber der Form und der

Aufmachung nach vermeidet er die Vorstellung von einer Allianz und von Ab-sichtserklärungen. Das ist wirklich eine ganz geniale Idee."

(Neville Chamberlain Archiv, Universität Birmingham, 11/1/1101).

Wjatscheslaw Molotow, der soeben das Amt des Kommissars für Auswärtige Angelegen-heiten von Maxim Litwinow übernommen hatte, wies den Entwurf mit der Begründung zu-rück, dass er für den Fall von Feindseligkeiten keinen sofortigen gegenseitigen Beistandvorsah, sondern lediglich eine Konsultation im Rahmen des Völkerbundes.Am 2. Juni unterbreitete die sowjetische Regierung Großbritannien und Frankreich einenGegenentwurf und wies auf die genannten Vorbehalte hin. Darauf reagierten die britischeund französische Regierung mit dem Argument, dass Finnland, Estland und Lettland kei-ne Garantien annehmen wollten.Die sowjetische Regierung bestand weiterhin darauf, dass auch eine militärische Verein-barung unterzeichnet werden müsse, zusammen mit der Unterzeichnung des politischenAbkommens, um jede Möglichkeit eines Ausweichens vor der Anwendung des letzterenzu vermeiden. Am 17. Juli erklärte Molotow, dass es keinen Zweck mehr habe, die Dis-kussionen über ein politisches Abkommen fortzusetzen, solange keine militärische Ver-einbarung erzielt worden sei.Am 23. Juli schließlich stimmten die britische und französische Regierung der Aufnahme

von Verhandlungen zu den militärischen Fragen zu, also schon vor dem Abschluss eines

 

politischen Beistandspaktes und ein britischer Marineoffizier mit dem vierteiligen NamenAdmiral Reginald Plunkett-Ernie-Erle-Drax wurde dazu bestimmt, die britische Delegationzu leiten. Niemand hatte anscheinend die britische Regierung davon in Kenntnis gesetzt,dass das Flugzeug erfunden worden war und so verließ die Delegation Tilbury mit einemBummelschiff Richtung Leningrad, von wo aus sie mit dem Zug nach Moskau weiterreiste.Als die Delegation schließlich und endlich in Moskau am 11. August ankam, musste diesowjetische Seite feststellen, dass sie keinerlei Vollmachten für Verhandlungen besaß,sondern nur 'Gespräche' führen durfte. Außerdem hatte die britische Delegation offizielleAnweisung

"sich mit den Gesprächen nicht zu beeilen."

('Dokumente zur britischen Außenpolitik', 3. Reihe, Band 6, London, 1953, An-

hang 5, S. 763).

Dennoch begannen die militärischen Gespräche am 12. August in Moskau.Am 15. August teilte der Leiter der sowjetischen Delegation, der Volkskommissar fürVerteidigung Marschall Kliment Woroschilow, den Abgesandten mit, dass, falls densowjetischen Truppen nicht gestattet werden würde, polnisches Territorium zu betreten,es der Sowjetunion in der Praxis nicht möglich sein werde, Polen Beistand zu gewäh-ren und es von daher sinnlos sei, die Gespräche fortzusetzen.Dieses Problem konnte nie beigelegt werden, so dass die britisch-französisch-sowjeti-schen Verhandlungen am 21. August auf unbestimmte Zeit vorschoben wurden, nach-dem die sowjetische Regierung beschlossen hatte, den Nichtangriffsvertrag mit Deutsch-

land abzuschließen.

Warnschüsse aus Moskau

Auch auf die Gefahr hin, als Chauvinist zu gelten, kann ich glaube ich mit einigemRecht behaupten, 'dass es nirgendwo Diplomaten gibt, die größere Experten auf demGebiet hinterhältiger Machenschaften sind als die britischen'. Dennoch ließen sich diesowjetischen Führer nicht reinlegen, als sich die britisch-französisch-sowjetischen Ver-handlungen monatelang hinzogen und Moskau schoss auch schon einige Warnschüs-se ab.Am 11. März 1939 trug der ehemalige Botschafter der USA in Moskau in Brüssel, woer hinbeordert worden war, in sein Tagebuch über die Rede Stalins vor dem 18. Partei-tag der KPdSU, der ein paar Tage davor stattgefunden hatte, Folgendes ein:

"Es handelt sich um eine äußerst bedeutsame Erklärung. Sie enthält die Merk-

male einer deutlichen Warnung an die britische und französische Regierung,dass die Sowjets es nämlich bald satt haben, über eine 'unrealistische' Oppo-sition gegen den Aggressor zu sprechen. ...Dies ist sicherlich das deutlichsteWarnsignal, das ich bis jetzt wahrgenommen habe."

(J.E. Davies, 'Mission in Moskau', London, 1942, S. 279 f.).

Dann, am 3. Mai, wurde der Rücktritt von Maxim Litwinow als Volkskommissar für Aus-wärtige Angelegenheiten bekanntgegeben und seine Ersetzung durch einen VertrautenStalins, Wjatscheslaw Molotow. Obwohl die sowjetische Regierung abstritt, dass diesirgendeinen Wandel in der sowjetischen Außenpolitik signalisierte, war er doch bezeich-nend, da Litwinows Name in ganz besonderer Weise mit der kollektiven Sicherheit ver-bunden und er bekannt dafür war, dass er persönliche Sympathien für den Westen heg-te.Am 29. Juni veröffentlichte der führende sowjetische Marxist-Leninist Andrej Schdanoweinen Artikel in der 'Prawda', der auf ungewöhnliche Weise zum Ausdruck brachte, dasses in der Führung der KPdSU Meinungsverschiedenheiten darüber gab, ob die britischeund französische Regierung wirklich aufrichtig ein ernstzunehmendes Beistandsabkom-men wünschten:

"Die britisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen über den Abschluss eines

funktionierenden Pakts gegenseitigen Beistands gegen eine Aggression befindensich in einer Sachgasse. ... Ich erlaube mir, meine persönliche Meinung zu dieserFrage zum Ausdruck zu bringen, obwohl ich weiß, dass meine Freunde sie nichtteilen. Sie glauben immer noch, dass die englische und französische Regierung,als sie die Verhandlungen mit der Sowjetunion aufnahmen, ernsthafte Absichtenhatten, um eine machtvolle Barriere gegen eine Aggression in Europa zu errichten.Ich bin der Ansicht und werde versuchen, dies durch Fakten zu belegen, dassdie englische und französische Regierung keinen Vertrag wünschen ..., dem einStaat, ohne seine Selbstachtung zu verlieren, beitreten könnte. ...Die sowjetische Regierung benötigte 16 Tage, um Antworten auf die vielen engli-schen Projekte und Vorschläge vorzubereiten, während die verbleibenden 59 Tagemit Verzögerungen und Verschleppungen aufseiten der Engländer und Franzosenzugebracht wurden.Vor nicht allzu langer Zeit ... erklärte der polnische Außenminister Beck unzwei-deutig, dass Polen von der UdSSR weder irgendwelche Garantien verlange nochwünsche ...Dies hält jedoch England und Frankreich nicht davon ab, ihrerseitsGarantien von der UdSSR ... für Polen zu verlangen. ...Mit scheint, dass die Engländer und Franzosen keinen wirklichen Vertrag, der fürdie UdSSR annehmbar wäre, wünschen, sondern nur Gespräche über einen Ver-trag, um vor der öffentlichen Meinung in ihren jeweiligen Ländern über die angeb-lich unnachgiebige Haltung der UdSSR zu spekulieren, um auf diese Weise selbsteinfacher mit den Aggressoren ins Geschäft zu kommen.Die nächsten Tage werden zeigen, ob dem wirklich so ist oder nicht."(A. Schdanow, Artikel in der 'Prawda', 29. Juni 1939, in: J. Degras, Hrsg., 'Sowje-

tische Dokumente zur Außenpolitik', London, 1953, S. 352 ff.).

Ein letzter Warnschuss wurde am 22. Juli abgegeben, als offiziell verkündet wurde, dass

in Berlin deutsch-sowjetische Handelsgespräche im Gange seien.

Die deutsch-sowjetischen Verhandlungen

Auf dem 18. Parteitag der KPdSU im März 1939 beschrieb Stalin die Grundlage der sow-jetischen Außenpolitik wie folgt:

"Wir treten für den Frieden und für die Intensivierung von Handelsbeziehungen mit

allen Ländern ein und wir werden bei dieser Position bleiben, solange Länder mitder Sowjetunion solche Beziehungen aufrechterhalten und solange wie sie keineAnstalten machen, die Interessen unseres Landes zu verletzen."(J.W. Stalin, Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees an den 18. Parteitag derKPdSU(B), in: 'Das Land des Sozialismus heute und morgen', Moskau, 1939, S.

18).

Am 17. April 1939 führte der sowjetische Botschafter in Berlin, Aleksej Merekalow, einGespräch mit dem deutschen Außenminister Baron Ernst von Weizäcker, der ihn fragte,ob es irgendwelche Aussichten auf eine Normalisierung der Beziehungen zwischenDeutschland und der Sowjetunion gäbe. Die Antwort des Botschafters entsprach der Linieder sowjetischen Außenpolitik:

"Für Russland besteht kein Grund, weshalb es nicht mit uns normale Beziehun-

gen haben könnte. Und von dem Punkt aus könnten die Beziehungen immer et-was besser werden."

('Deutsch-sowjetische Beziehungen, 1939-1941', Dokument 1, Washington, 1948,

S. 2).

Am 29. Juli wies das deutsche Außenministerium seinen Botschafter in Moskau GrafFritz von der Schulenburg an, Molotow Folgendes mitzuteilen:

"Wir wären bereit, ... alle sowjetischen Interessen zu respektieren und mit der

Regierung in Moskau zu einem Übereinkommen zu gelangen. ...Diese Idee könn-te dadurch vorangetrieben werden, dass wir unsere Haltung gegenüber den balti-schen Staaten ändern, um so vitale sowjetische Interessen in der Ostsee zu res-pektieren."('Dokumente zur deutschen Außenpolitik, 1918-1945', Reihe D, Band 6, London,

1956, SS. 1, 016).

Am 14. August wandte sich der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop telegra-fisch an Schulenburg und wies ihn an, beim sowjetischen Volkskommissar für AuswärtigeAngelegenheiten Wjatscheslaw Molotow vorstellig zu werden, um ihm folgende Mitteilungzu machen:

"Es gibt keine einzige Frage zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer, die

nicht zur vollständigen Zufriedenheit beider Staaten geregelt werden könnte. ...DieFührungen beider Länder sollten deshalb ... tätig werden.Wie wir erfahren haben, hat auch die sowjetische Regierung den Wunsch, diedeutsch-sowjetischen Beziehungen zu bereinigen. ...Ich wäre bereit, Moskau einenkurzen Besuch abzustatten, um im Namen des Führers seine Ansichten HerrnStalin vorzutragen. Meiner Ansicht nach kann nur durch ein solches direktes Ge-spräch ein Wandel erzielt werden und deshalb sollte es nicht unmöglich sein, dieGrundlagen für eine endgültige Bereinigung der deutsch-sowjetischen Beziehungenzu legen."

(Ebenda, Band 7, S. 63).

Schulenburg traf Molotow am 16. August und, wie angewiesen, verlas er ihm gegenüberRibbentrops Botschaft. Noch in der gleichen Nacht machte er Berlin Mitteilung, dass Molo-tow

"mit großem Interesse die Information, die ich zu überbringen hatte, zur Kenntnis

nahm. ...Er zeigte an der Frage Interesse, inwieweit die deutsche Regierung derIdee, einen Nichtangriffsvertrag mit der Sowjetunion abzuschließen, zuneige."

(Ebenda, S. 77).

Ribbentrop antwortete noch am gleichen Tag und wies Schulenburg an, sich erneut mitMolotow zu treffen und ihm mitzuteilen, dass

"Deutschland bereit ist, mit der Sowjetunion einen Nichtangriffsvertrag abzuschlie-

ßen. ...Darüberhinaus ist Deutschland auch gewillt, zusammen mit der Sowjet-union für die baltischen Staaten Garantien abzugeben. ...Ich bin bereit, mit dem Flugzeug zu jeder Zeit nach Freitag, dem 18.August, nachMoskau zu kommen, um, ausgestattet mit umfassenden Vollmachten vonseitendes Führers, über den ganzen Komplex der deutsch-sowjetischen Beziehungenzu verhandeln und, falls sich die Gelegenheit ergibt, die entsprechenden Verträgezu unterzeichnen."

(Ebenda, S. 84).

Am 17. August übergab Molotow Schulenburg die schriftliche Antwort der Sowjetregierung.In der Note wurde zunächst an die feindselige deutsche Politik gegenüber der Sowjetunionin der Vergangenheit erinnert und die Aussicht auf eine Verbesserung der deutsch-sowjeti-schen Beziehungen willkommen geheißen. In ihr werden eine ganze Reihe von Schrittenin diese Richtung vorgeschlagen, angefangen mit einem Handelsabkommen bis hin zumAbschluss eines Nichtangriffsvertrages 'unmittelbar danach'.Am 18. August sandte Ribbentrop eine weiteres Telegramm an Schulenburg, in dem erdie Ansicht vertrat, dass 'das erste Stadium' des diplomatischen Prozesses (die Unter-zeichnung des Handelsabkommens) abgeschlossen sei und hoffe, 'baldigst nach Mos-kau' abreisen zu können, wo er

"in der Lage wäre, ...die russischen Wünsche zu berücksichtigen, z.B.auf die Re-

gelung der Einflusssphären im Baltikum einzugehen."

(Ebenda, S. 123).

Am 19. August antwortete Schulenburg, dass Moskau einverstanden sei,

"dass der Reichsaußenminister am 26. oder am 27. August nach Moskau kom-

men könne. Molotow hat mir den Entwurf eines Nichtangriffsvertrages überreicht."

(Ebenda, S. 134).

Am 20. August schaltete sich Hitler persönlich mit einem Brief an Stalin ein, in dem erzum Ausdruck brachte, dass er den Entwurf für den Nichtangriffsvertrag billige und bat,dass Ribbentrop

"spätestens am Mittwoch, den 27. August"

(Ebenda, S. 157).

in Moskau empfangen werden solle.

Stalin antwortete Hitler am 21. August und bedankte sich für seinen Brief:

"Die Zustimmung der deutschen Regierung zum Abschluss eines Nichtangriffs-vertrages liefert die Grundlage dafür, dass die politischen Spannungen beseitigtwerden können und dass es zu Frieden und Zusammenarbeit zwischen unserenStaaten kommen kann. Die Sowjetregierung hat mich beauftragt, Ihnen mitzutei-len, dass sie bereit sei, Herrn von Ribbentrop am 23. August in Moskau zu emp-fangen."

(Ebenda, S. 168).

Ribbentrop und seine Delegation trafen am 23. August in Moskau ein und der Nichtan-griffsvertrag wurde dann noch im späteren Verlauf des gleichen Tages unterzeichnet. SeinWortlauf war fast identisch mit dem sowjetischen Vertragsentwurf, der den Deutschen am19. August zuging. Keine Seite würde die andere angreifen und sollte eine Seite Opferkriegerischer Handlungen durch eine dritte Partei werden, dann würde die andere Seitedieser dritten Macht keine Unterstützung gewähren.Noch stärker als der Vertrag selbst ist das 'Geheime Zusatzprotokoll' zum Vertrag kriti-siert worden, in dem die deutschen und sowjetischen 'Einflusssphären' umrissen wurden.Der Begriff 'Einflusssphäre' jedoch beinhaltet nicht notwendigerweise Anspielungen aufimperialistische Vorherrschaft. Wenn zwei Staaten möglicherweise von einem Krieg be-troffen sind, aber nicht wünschen, dass sie dadurch in einen Konflikt miteinander geraten,dann muss die Abgrenzung von Einflusssphären als eine legitime und wünschenswerteHandlung bezeichnet werden.In dem 'Zusatzprotokoll' hieß es:

"1.Im Falle einer gebietlichen und politischen Veränderung in den Territorien,

die zu den baltischen Staaten gehören (Finnland, Estland, Lettland, Litauen),soll die Nordgrenze von Litauen die Grenze der Einflusssphären sowohl Deutsch-lands als auch der Sowjetunion bilden. ...2. Im Falle einer gebietlichen und politischen Veränderung in den Territorien, diezum polnischen Staat gehören, soll die Grenze der Einflusssphären sowohl fürDeutschland als auch für die Sowjetunion etwa die Linie der Flüsse Narew, Wis-la und San bilden."

(Ebenda, S. 246 f.).

Einfach ausgedrückt bedeutete dies, dass die deutsche Regierung versprach, dass deut-sche Truppen nach einem Überfall auf Polen nicht versuchen würden, die 'Curzon-Linie',die vom britischen Außenminister Lord Curzon nach dem Ersten Weltkrieg als ethnischeTrennlinie, die Polen von Ukrainern und Weißrussen trennen sollte, bezeichnet wurde,zu überschreiten. Das Gebiet östlich dieser Linie war sowjetisches Territorium, das nachder Revolution von der Sowjetunion zurückerobert worden war.Deutschland hatte somit zugestimmt, dass es der Sowjetunion für jegliche Handlungen

östlich dieser Linie freie Hand geben würde.

Die Auswirkungen des Nichtangriffsvertrages

Vor dem Obersten Sowjet der Sowjetunion bezeichnete Molotow am 31. August dendeutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag als

"einen Wendepunkt in der Geschichte Europas und nicht nur Europas allein."

(W.M. Molotow, Rede vor dem Obersten Sowjet vom 31. August 1939, in: 'Sow-

jetische Friedenspolitik', London, 1941, S. 18).

Molotow stimmte Schdanows Schlussfolgerung zu, dass die Briten und Franzosen zukeinem Zeitpunkt ernsthafte Verhandlungen geführt hätten:

"Sie selbst legten eine außergewöhnliche Saumseligkeit an den Tag und zeig-

ten alles andere als eine ernsthafte Einstellung bei den Verhandlungen, wennsie diese Individuen der zweiten Garnitur überließen, die nicht mit angemesse-nen Vollmachten ausgestattet waren. ...Die britische und französische Militärmission kamen ohne klarumrissene Voll-machten nach Moskau und ohne das Recht, irgendeine Militärkonvention abzu-schließen.Darüberhinaus kam die britische Militärmission ohne irgendein Mandat nach Mos-kau."

(W. M. Molotow, ebenda, S. 13).

Molotow führte weiter aus, dass das Scheitern der britisch-französisch-sowjetischen Ver-handlungen nur dem Schein nach auf die Weigerung Polens, sowjetische Hilfe anzuneh-men, zurückzuführen war, da

"sich während der Verhandlungen zeigte, dass Großbritannien nicht daran ge-

legen war, diese polnischen Einwände zu zerstreuen, sondern, ganz im Gegen-teil, noch dazu ermunterte. Polen ... hatte nur auf Anweisung Großbritanniensund Frankreichs gehandelt."

(W.M. Molotow, ebenda, SS. 12, 14).

Er betonte, dass nicht die Unterzeichnung des Vertrages durch die sowjetische Regierungdie britisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen zum Scheitern gebracht habe. Ganzim Gegenteil: Die sowjetische Regierung habe den Vertrag erst unterschrieben, als die bri-tisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen unwiderbringlich von der britischen und fran-zösischen Regierung zerrüttet worden waren:

"Es werden Anstrengungen unternommen, die Erfindung zu verbreiten, dass der

Abschluss des deutsch-sowjetischen Vertrages die Verhandlungen mit Groß-britannien und Frankreich über einen gegenseitigen Beistandspakt gesprengthätten. ...In Wirklichkeit ist das genaue Gegenteil wahr. ...Die Sowjetunion hatden Nichtangriffsvertrag mit Deutschland unter anderem deswegen unterschrie-ben, weil die Verhandlungen mit Frankreich und Großbritannien ... gescheitertwaren, wofür die herrschenden Kreise Großbritanniens und Frankreichs das Ver-schulden trifft."

(W.M. Molotow, ebenda, S. 20).

Ähnlich äußerte sich der sowjetische Volkskommissar für Verteidigung Marschall KlimentWoroschilow auf einer Pressekonferenz am 27. August 1939, wenn er sagte:

"Die Militärverhandlungen mit England und Frankreich wurden nicht deswegen ab-

gebrochen, weil die UdSSR mit Deutschland einen Nichtangriffsvertrag abschloss;im Gegenteil, die UdSSR schloss einen Nichtangriffsvertrag mit Deutschland ab auf-grund der Tatsache, dass inzwischen die Militärverhandlungen mit Frankreich undEngland sich in der Sackgasse befanden."(K.J. Woroschilow, Presseerklärung vom 27.August 1939, in: J.Degras, Hrsg., 'So-

wjetische Dokumente zur Außenpolitik', London, 1953, S. 361).

Darüberhinaus betonte Molotow, dass die sowjetischen Verhandlungen mit Deutschlandauf einer ganz anderen Ebene stattgefunden hätten als die mit Großbritannien und Frank-reich:

"Es geht hier nicht um einen gegenseitigen Beistandspakt wie im Fall der britisch-

französisch-sowjetischen Beziehungen, sondern lediglich um einen Nichtangriffs-vertrag."

(W.M. Molotow, ebenda, S. 18).

Die UdSSR war somit als Folge des Abschlusses des deutsch-sowjetischen Vertrages

"nicht verpflichtet, sich in einen kriegerischen Konflikt hineinzubegeben, weder

auf der Seite Großbritanniens gegen Deutschland, noch auf der Seite Deutsch-lands gegen Großbritannien."

(W.M. Molotow, ebenda, S. 21).

Selbst ein antisowjetischer Autor wie Edward Carr muss zugeben, dass die Entscheidungder sowjetischen Regierung, den Nichtangriffsvertrag mit Deutschland abzuschließen, ei-ne von den Umständen erzwungene zweite Wahl war, die nur mit äußerster Abneigunggetroffen worden sei:

"Das Auffallendste an den deutsch-sowjetischen Verhandlungen ... ist die äußer-

ste Vorsicht, mit der sie von der sowjetischen Seite aus geführt wurden, aberauch das lange sowjetische Widerstreben, die Tür zu den Verhandlungen mitdem Westen zuzuschlagen."(E.H. Carr, 'Von München nach Moskau, II.', 'Sowjetstudien', Band 1, Nr.12, Okto-

ber 1949, S.104).

Tatsächlich drängten einige führende sowjetische Politiker, besonders Maxim Litwinow,der ehemalige sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, darauf, sichmehr Zeit zu lassen und abzuwarten, bis die britische und französische Regierung unterdem Druck der öffentlichen Meinung in ihren jeweiligen Ländern gezwungen wären, ernst-hafte Verhandlungen über einen gegenseitigen Beistandspakt zu führen.Das, was jedoch die Annahme der deutschen Vorschläge für eine Annäherung beschleu-nigte, war die Entdeckung des sowjetischen Nachrichtendienstes, dass die Chamberlain-Regierung insgeheim mit Deutschland Verhandlungen über eine Militärallianz führte, wo-mit die Sowjetunion von einer Aggression durch vier Mächte bedroht war: von Großbritan-

 

 

nien, Frankreich, Deutschland und Italien zusammen genommen. Der britische Botschaft-ter in Berlin, Sir Nevile Henderson, beschreibt in einem offiziellen Bericht an Außenminis-ter Lord Halifax, datiert vom 29. August 1939, eine Unterredung mit Hitler und Ribbentropfolgendermaßen:

"Herr von Ribbentrop fragte mich, ob ich garantieren könne, dass der Premierminis-

ter in der Lage sei, die Bevölkerung für eine Politik der Freundschaft mit Deutsch-land für sich zu gewinnen. Ich sagte, es bestünden keinerlei Zweifel, dass er dieskönne und auch tun würde, vorausgesetzt, Deutschland würde mit ihm zusammen-arbeiten. Herr Hitler fragte, ob England bereit sei, ein Bündnis mit Deutschland ein-zugehen. Ich sagte darauf, dass ich für meinen Teil eine solche Möglichkeit nichtausschließen würde."('Dokumente zu den deutsch-polnischen Beziehungen und zum Ausbruch der Feind-seligkeiten zwischen Großbritannien und Deutschland am 3. September, 1939', Cmd.

6106, London, S. 130).

Die Tatsache, dass sowohl deutsche als auch sowjetische Truppen in Polen eindrangen, istdazu benutzt worden, das faschistische Deutschland mit der sozialistischen Sowjetuniongleichzusetzen. Hierzu muss zunächst festgestellt werden, dass sowjetische Truppen aufdas vordrangen, was nur am 17. September - 16 Tage nach der deutschen Invasion Polens -polnisches Territorium war, als der polnische Staat zusammenbrach wie Molotow vor demObersten Sowjet am 31. Oktober unterstrich:

"Unsere Truppen drangen erst nach Polen ein, nachdem der polnische Staat schon

zusammengebrochen war und faktisch aufgehört hatte zu existieren. ...Die sowje-tische Regierung konnte nicht anders als zu handeln in Anbetracht der außergewöhn-lichen Situation, die für unsere Brüder in der Ukraine und in West-Weißrussland ent-standen war, die infolge des Zusammenbruchs Polens ihrem Schicksal überlassenwaren."(W.M. Molotow, Rede vor dem Obersten Sowjet der UdSSR, 31.Oktober 1939, in:

'Sowjetische Außenpolitik', London, 1941, S. 32).

Auch die Korrespondenten der kapitalistischen Presse stimmen mit sowjetischen Quellenzur Zeitgeschichte überein, dass die Rote Armee von der ukrainischen und weißrussischenBevölkerung als Befreier begrüßt wurden. Dazu Molotow:

"Die Rote Armee ...wurde von der ukrainischen und weißrussischen Bevölkerung

mit Begeisterung empfangen, die unsere Soldaten als Befreier vom Joch des Land-adels sowie vom Joch der polnischen Grundbesitzer und Kapitalisten begrüßten."

(W.M. Molotow, ebenda, S. 33).

Im Britischen Unterhaus erklärte der konservative Abgeordnete Robert Boothby:

"Ich bin der Meinung, es ist legitim anzunehmen, dass diese Aktion vonseiten der

sowjetischen Regierung aus Gründen der Selbsterhaltung und Selbstverteidigungeingeleitet wurde. ... Die Aktion der sowjetischen Truppen ... hat die deutscheGrenze um einiges weiter nach Westen verschoben. ...Ich bin dankbar dafür, dass russische Truppen jetzt an der polnisch-rumänischenGrenze stehen. Ich ziehe es vor, dort russische als deutsche Soldaten stehen zuhaben."(Parlamentsdebatten, 5. Reihe, Band 351, Britisches Unterhaus, London, 1939,

Col. 996).

Es würde den Rahmen dieses Seminars heute sprengen, wenn wir eine der absurdestenAnti-Stalin-Geschichten diskutieren würden - dass Stalin darauf vertraute, dass die Nazissich an den Pakt halten würden und dass er völlig überrascht war, als die deutsche Armee

die Sowjetunion 1941 überfiel.

 

Wer kann Stalin's prophetische Worte aus dem Jahre 1931 vergessen:

"Wir sind 50 oder hundert Jahre hinter den entwickelten Ländern zurück. Wir müs-

sen innerhalb von 10 Jahren diesen Rückstand aufholen. Entweder wir schaffendas oder wir werden untergehen."(J.W. Stalin, 'Die Aufgaben von wirtschaftlichen Führungskräften', in: 'Werke', Bd.

13, Moskau, 1955, S. 41).

Genau zehn Jahre später, 1941, kam die deutsche Invasion.Der Test für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit von Stalins Politik besteht darin, ob es ihmgelang, die Fähigkeit der sozialistischen Sowjetunion, sich gegen eine künftige Aggression,die seine Führer für unvermeidlich hielten, zu verteidigen, zu stärken oder ob er sie ge-schwächt hat.Selbst solche wütend anti-sowjetischen Autoren wie Edward Carr geben zu, dass die Un-terzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages die Sowjetunion in die Lageversetzte, sich in eine unvergleichlich stärkere Verteidigungsposition gegen eine deutscheInvasion zu begeben:

"Die Chamberlain-Regierung ...,als Verteidigerin des Kapitalismus, weigerte sich,

...mit der UdSSR gegen Deutschland ein Bündnis einzugehen. ...In dem Pakt vom23. August 1939 sicherte sie (die Sowjetregierung - Verf.) sicha) eine Atempause vor einem Angriff;b) die deutsche Unterstützung zur Abschwächung des japanischen Drucks im FernenOsten;c) die deutsche Zustimmung für die Errichtung einer vorgeschobenen Verteidigungs-stellung außerhalb der bestehenden sowjetischen Grenzen in Osteuropa. Es warbezeichnend, dass diese Barriere nur eine Verteidigungslinie gegen einen möglichendeutschen Angriff sein konnte, eine Eventualität, die nie aus den sowjetischen Über-legungen verschwand. Aber das, was in erster Linie durch den Pakt erreicht wurde,war die Sicherheit, dass wenn die UdSSR schließlich gegen Hitler zu kämpfen hatte,die westlichen Mächte bereits verwickelt waren."(E.H. Carr, 'Von München bis Moskau, II', in: 'Sowjetische Studien', Band 1, Nr. 2,

Oktober 1949, S. 103).

 

Fragen der Zuhörer an den Vortragenden und seine Antworten

Frage 1

Es ist behauptet worden, dass Litwinow von seinem Posten nur weil er ein Jude war entferntwurde, weil er als solcher als Verhandlungspartner von den Deutschen nicht akzeptiert wor-

den wäre. Ist da etwas dran?

Antwort 1

Meiner Meinung nach nicht. Wir wissen, dass Stalin die Entfernung Litwinows befürworteteund Stalin war nicht nur dafür bekannt, dass er gegen den Rassismus war, sondern auch da-für, dass man diesem keine Zugeständnisse machen dürfe.Litwinow war persönlich sehr stark mit der Politik der kollektiven Sicherheit verbunden undzuverlässige Quellen bestätigen, dass es seine Überzeugung war, dass die britische undfranzösische Regierung nach einer gewissen Zeit seine Politik gebilligt hätten. In dem Mo-ment als die sowjetischen Führer eine Annäherung an Deutschlands in Betracht zogen,hörte er auf, ein zuverlässiger Verfechter der sowjetischen Außenpolitik zu sein.

 

Frage 2

Hat sich Litwinow letzten Endes gegen die Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages aus-

gesprochen?

Antwort 2

Mir liegen keine Informationen darüber vor, dass er prinzipiell gegen ihn war, aber es istbekannt, dass er die Meinung vertrat, dass man den britischen und französischen Ver-tretern mehr Zeit hätte geben sollen, um einsichtig zu werden. Es gibt aber Quellen, denenzufolge er erklärt hat, dass es 'ein Fehler' war, der sich aus Molotows 'mangelndem Ver-

ständnis für die Funktionsweise der westlichen Demokratie' ergeben habe.

Frage 3

In einer seiner Reden nach der Besetzung Ostpolens bezeichnete Molotow den polnischenStaat als das uneheliche Kind von Versailles und fügte hinzu, dass es glücklicherweisewieder verschwunden sei. Dies ist so ausgelegt worden, dass damit bewiesen sei, dassdie Sowjetunion stets Gebietsansprüche gegen Polen gehabt habe. Bestand die sowjeti-sche Position darin, den polnischen Staat zu zerstören? Bedeutet dies, dass die Sowjet-union nicht bereit war, dem Verlangen des polnischen Volkes nach einem eigenen Staat

nachzukommen?

Antwort 3

Es gibt keinen Zweifel daran, dass das polnische Volk eine Nation bildet und Marxisten-Leninisten haben immer das Recht jeder Nation auf ihren eigenen unabhängigen Staatanerkannt.Der polnische Staat, der 1939 existierte, besaß jedoch keine Grenzen, die nach ethni-schen Gesichtspunkten gezogen worden waren. Er umschloss zum Beispiel Millionenvon Ukrainern und Weißrussen und ich bin sicher, dass es solche Tatsachen waren, dieMolotows Äußerung zugrunde lagen. Mit anderen Worten: Es war damit nicht der polni-sche Staat überhaupt, sondern der 1939 bestehende gemeint, den Molotow als ein Un-geheuer bezeichnete. Aber dieser polnische Staat wurde nicht von der Roten Armeezerstört, sondern von der deutschen Wehrmacht. Die Besetzung der Westukraine unddie des westlichen Teils von Weißrussland begann erst, nachdem der polnische Staatbereits zusammengebrochen war und aufgehört hatte zu existieren. Der polnische Staat

wurde nach dem Sieg der Alliierten über Deutschland wiederhergestellt.

Frage 4

Wurde als Bestandteil des Nichtangriffspaktes ein Protokoll unterzeichnet, das dazuführte, dass eine Linie quer durch Polen gezogen wurde, die die Einflusssphären derSowjetunion und Nazideutschlands markierten? Ist das das Geheimprotokoll, auf dasim Westen immer angespielt wird und existierte es wirklich? War die Trennlinie die

'Curzon Linie'?

Antwort 4

Die angloamerikanischen Imperialisten veröffentlichten des 'Geheimprotokoll' nach demZweiten Weltkrieg und behaupteten, dass es irgendwo in den eroberten Archiven desDeutschen Außenamtes gefunden worden sei. Mir ist bekannt, dass der verstorbenesowjetische Präsident Andrej Gromyko dieses 'Geheime Zusatzprotokoll' in seinenErinnerungen als 'Fälschung' bezeichnet hat, aber er war ein berüchtigter Revisionistund damit keine Quelle, der ich den geringsten Glauben schenken würde. So weit ichmich entsinnen kann, hat die sowjetische Regierung zur damaligen Zeit seine Echtheitweder bestätigt noch abgestritten.Die vom Sowjetischen Informationsbüro 1948 herausgegebene Schrift 'Geschichtsfäl-scher' erhebt jedoch keinen Vorwurf, dass das Dokument eine Fälschung sei und indieser amtlichen Information heißt es:"Die Sowjetunion machte guten Gebrauch von dem deutsch-sowjetischen Ver-trag, indem sie ihre Verteidigungsanstrengungen verstärkte, ...indem sie ihreGrenzen weit nach Westen verschieben konnte, um so dem ungehinderten Vor-dringen der deutschen Aggression in Richtung Osten einen Riegel vorzuschie-ben."('Geschichtsfälscher', ebenda, S. 45).Es scheint, dass sich dies unmöglich auf den Vertrag selbst beziehen kann, in demvon Einflusssphären oder Grenzen keine Rede ist, sondern nur auf das 'Geheime Zu-satzprotokoll'. Wie schon vorhin gesagt, bin ich nicht der Meinung, dass 'Einflusssphä-ren' zwischen Staaten unbedingt eine Sache sind, die man verurteilen muss. Ein sozia-listischer Staat darf seine eigene Einflusssphäre besitzen, die er als lebenswichtig fürseine Verteidigung ansieht und dort, wo diese die anderer Staaten berührt, da scheintes mir angebracht zu sein, zu einer Vereinbarung mit diesen anderen Staaten zu kommen,um sie klar zu umreißen, damit die friedlichen Beziehungen zu ihnen aufrechterhalten wer-den können. Nach den mir zur Zeit vorliegenden Informationen gehe ich davon aus, dassdas 'Geheime Zusatzprotokoll' echt ist.

Ja, die Trennlinie verlief entlang der alten Curzon-Linie.