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W. B. Bland

 

Das Schicksal Bela Kuns

(Anhang zu: 'Die ungarische 'Sowjetrepublik' von 1919, aus: COMBAT - das theore-

tische Organ der Communist League of Britain, Juni 1978)

 

 

Vorwort des Übersetzers

 

Wie viele andere Kommunisten, die sich damals in den dreißiger Jahren in der

sozialistischen Sowjetunion aufhielten, die vehement den sich im Aufbau befindli-

chen Sozialismus unterstützten und die durch ihre vorige politische Tätigkeit als

Revolutionäre in ihren Heimatländern (hier in Ungarn) gezeigt hatten, dass sie ihr

Leben für die Revolution bereit waren zu geben und voll ganz und ganz die Prinzi-

pien des Marxismus-Leninismus in Theorie und Praxis unterstützten, wurde auch

Bela Kun während seines Aufenthalts in Moskau von der Sicherheitspolizei des

NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten - Übers.) verhaftet und eini-

ge Jahre später hingerichtet. Auch seine Frau Iren Kun wurde verhaftet und zu ei-

ner längeren Lagerhaft verurteilt. Seine Tochter verlor ihre Arbeit in einem Verlags-

haus..

 

Diese Vorgänge, die von den Ideologen und Historikern des Imperialismus unter

die Überschrift 'Stalinsche Säuberungen' oder 'Stalinscher Terror' fallen, sind bis

heute, von dieser Ausnahme abgesehen, nicht marxistisch-leninistisch aufgearbeitet.

Die 'Aufarbeitung' dieser wichtigen Ereignisse erfolgt stattdessen seit Jahrzehnten durch

bürgerliche und revisionistische Ideologen und Meinungsmacher, die das gleiche Ziel

eint: Das große Aufbauwerk des Sozialismus in der damaligen Sowjetunion mit Hilfe

der Vorgänge um die so genannten Säuberungen der dreißiger Jahre als Unrechtssy-

stem und menschenverachtend hinzustellen. Man geht aus von einem übermächtigen,

alles bestimmenden Diktator Stalin, der nur mit dem Finger zu schnippen brauchte,

um einen missliebigen Kritiker dem NKWD auszuliefern und auszuschalten. Bislang

scheute man auch nicht davor zurück, die Zahl der Opfer künstlich auf ein Niveau zu

schrauben, das der der Naziopfer gleichkommt, ja diese noch weit übersteigt, um den

Sozialismus in der ehemaligen Sowjetunion mit dem Nazifaschismus gleichzusetzen.

 

In letzter Zeit jedoch, besonders nachdem es nach der 'Wende' möglich geworden

ist, in begrenztem Maße Archivmaterial einzusehen, gehen bestimmte bürgerliche

Wissenschaftler daran, die Dinge differenzierter zu sehen. Dies hat dazu geführt, dass

wir heute über Darstellungen verfügen, die auch die Rolle der Kominternführung sowie

z.B. die der nach 1935 erneuerten 'K'PD-Führung nicht unberücksichtigt lassen und uns

Einblicke in das Wirken bestimmter Personen wie Georgi Dimitroff, dem Vorsitzenden

der Komintern oder anderer wie Herbert Wehner, Wilhelm Pieck oder Walter Ulbricht

vermitteln. (Reinhard Müller: 'Die Akte Wehner', 'Menschenfalle Moskau'; Hermann

Weber u.a., 'Terror. Stalinistische Parteisäuberungen'..).

 

Diese differenziertere Betrachtungsweise erlaubt uns, den Anteil bestimmter Perso-

en an diesen 'Säuberungen' genauer zu erkennen, ja dokumentarisch beweiskräftig

zu belegen. Dennoch: Auch diese Darstellungen machen nach wie vor im Prinzip den

Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Josef W. Stalin, für

alle Vorgänge letztendlich allein verantwortlich und damit das System, für das er stand:

den Sozialismus in der damaligen Sowjetunion. Letztendlich entschuldigt man trotz der

überwältigenden Beweislast, die selbst mitgeliefert wird (siehe die umfangreichen Do-

kumentenanhänge zu diesen Studien), die Akteure damit, dass sie unter den dama-

ligen Umständen und in der damaligen 'Atmosphäre' gar nicht anders handeln konn-

ten oder dass man zumindest für ihr Handeln Verständnis aufbringen müsse, weil es

sich im Rahmen des 'stalinistischen Terrorsystems' vollzog, deren Teil sie gewollt oder

auch ungewollt geworden waren.

 

Wir als Marxisten-Leninisten wissen jedoch, dass Personen, besonders politisch

handelnde Personen in führenden Positionen, die Interessen bestimmter Klassen ver-

treten und dass sie versuchen, über die Organisationen, für die sie arbeiten, die In-

teressen der Arbeiterklasse oder der Bourgeoisie beispielsweise zu vertreten. Wir

wissen, dass der Klassenkampf im Sozialismus auch nach der Errichtung der Dikta-

tur des Proletariats und der Zerschlagung der wirtschaftlichen Grundlagen der Macht

der Bourgeoisie und ihrer militärischen Überwindung im Verlauf von Bürgerkriegen

und Kriegen gegen das sozialistische Land selbst nicht aufhört, sondern dass der

Widerstand der reaktionären Klassen auch nach Jahrzehnten des sozialistischen

Aufbaus sich fortsetzt, ja sich sogar noch in neuen Formen verstärken und effektiver

werden kann.

 

Dieser Klassenkampf ging auch in der sozialistischen Sowjetunion auch nach dem

Bürgerkrieg, auch nach der Intervention von 14 Staaten und nach der politischen Entlar-

vung des Trotzkismus in der KPdSU unvermindert weiter. Nur so lässt sich erklären,

dass Anhänger Stalins wie die Thälmannsekretäre Werner Hirsch oder Erich Birken-

hauer Opfer von NKWD-Säuberungen wurden, während tatsächliche Feinde des Sozialis-

mus wie Pieck oder Ulbricht, die sich durch ihre später politische Tätigkeit selbst

entlarvten, vom NKWD verschont blieben, ja selbst zu den Akteuren der Säuberungen

gehörten und unzählige ehrliche deutsche Kommunisten den konterrevolutionären Hen-

kern im NKWD, das bis Ende 1938 von Revisionisten mit Nikolai Jeschow an der Spitze

geführt wurde, durch ihre Machenschaften und Verrätereien auslieferten, um ehrliche Kom-

munisten loszuwerden und die Vorherrschaft der revisionistischen Konterrevolution im

Staatsapparat und in den Parteien auch personell und besonders auch für die Zeit nach

nach dem Krieg zu gewährleisten, um sicherzustellen, dass dann die Führungen aller

'kommunistischen' Parteien von Marxisten-Leninisten gesäubert und mit 'zuverlässigen'

Revisionisten besetzt waren. Es war kein geringerer als Dimitroff selbst, der Tito zum

Generalsekretär der Jugoslawischen Kommunistischen Partei machte.

 

Eine gründliche Aufarbeitung dieser Vorgänge auf marxistisch-leninistischer Grundlage

tut not, um zu zeigen, wer für den 'stalinistischen Terror' und das Leid so vieler unschul-

dig Verfolgter und Ermordeter verantwortlich war und wer zu Recht wegen seiner konter-

revolutionärer verbrecherischer Aktivitäten gegen den sozialistischen sowjetischen Staat,

die größte Errungenschaft der revolutionären Arbeiterbewegung, ohne die der sozialisti-

sche Aufbau und später die Zerschlagung des barbarischen deutschen Faschismus

nicht möglich gewesen wäre, ausgeschaltet werden musste.

 

In 'Das Schicksal Bela Kuns' zeigt Bill Bland, der Autor der 'Restauration des Kapita-

lismus in der Sowjetunion', wie die Kominternführung um Dimitroff und Togliatti u.a. mit

einenm Anhänger Stalins verfuhr, der nicht bereit war, die revisionistische Linie des 7.

Weltkongresses in seinem Lande umzusetzen und wie sie dabei den von ihnen selbst auf-

gebauten Kult um die Person Stalin ausnutzten, um ihn 'zu überführen'. Sein Schicksal

steht für das so vieler von der konterrevolutionären faschistischen Kominternführung Er-

morderter, das es aufzuarbeiten gilt, um Einblick in die tatsächlichen Vorgänge zu be-

kommen und ihre Ursachen und Zusammenhänge zu durchschauen..

 

 

Das Schicksal Bela Kuns

 

Nach dem Zusammenbruch der ungarischen 'Räterepublik' wurde Bela Kun (Volkskom-

missar für Auswärtige Angelegenheiten der ungarischen Räterepublik - Übers.) bis Som-

mer 1920 interniert. Nach seiner Freilassung ging er in die Sowjetunion, wo er sich bis zu

seinem Tode im Jahre 1939 aufhielt.

 

Im Herbst 1920 beteiligte er sich als Politischer Kommissar an den letzten Gefechten

im Bürgerkrieg auf der Krim gegen die weißgardistischen Einheiten unter dem Befehl des

Generals und Barons Petr Wrangel.

 

Im Februar 1921 wurde Kun in des Kleine Büro des Exekutivkomitees der Kommunisti-

schen Internationale nachgewählt und als Vertreter nach Deutschland geschickt. Dort trat

er entschieden für die 'linke' 'Theorie der Generaloffensive' ein und spielte eine führende

Rolle bei der unheilvollen 'Märzaktion' (eines Aufstandsversuchs der KPD 1920, der mit

einer verheerenden Niederlage endete - Übers.).

 

Nach der harten Kritik an ihm durch Lenin im Zusammenhang mit seiner Rolle (als Kom-

internvertreter in Deutschland - Übers.), erhielt er einen untergeordneten Posten im Ural.

 

Auf dem Vierten Kongress der Kommunistischen Internationale im Februar 1922 nahm

er erneut seine ehemalige Position in der Führung der Komintern ein. Danach beteiligte

er sich an sämtlichen Kongressen und an den meisten Plenumssitzungen der Komintern.

Er war zu verschiedenen Zeiten Mitglied oder Kandidat des EKKI (Exekutivkomitee der

Kommunistischen Internationale, das höchste Führungsorgan der KI - Übers.), stellvertre-

tendes Mitglied seines Präsidiums, Mitglied seines Organisationsbüros, Leiter seiner Agit-

prop-Abteilung und schrieb zahlreiche Broschüren.

 

Bela Kun wurde am 15. Mai 1937 durch die Sicherheitspolizei des 'Volkskommissariats

für Innere Angelegenheiten' (NKWD) verhaftet und am 30. November 1939 hingerichtet. Sei-

ne Frau Iren wurde am 23. Februar 1938 verhaftet und zu sechs Jahren Arbeitslager verur-

teilt. Seine Tochter verlor ihre Arbeit in einem Verlag und ihr späterer Mann, der ungarische

Dichter Antal Hidas, wurde ebenfalls in ein Arbeitslager gebracht, aus dem er 1945 entlas-

sen wieder entlassen wurde.

 

Am 21. Februar 1956 - kurz nach dem 20. Parteitag der KPdSU - wurde Kun in einem

Beitrag des Ungarn Jeno Varga für die 'Prawda' 'rehabilitiert'.

 

Im März 1959 kehrte Iren Kun nach Ungarn zurück. Am 21. März 1964 wurde in Leningrad

eine Schule und eine Straße nach ihm benannt.

 

Trotz seiner 'Rehabilitierung' haben sich die neorevisionistischen Führer sowohl in der

Sowjetunion als auch in Ungarn über die Umstände seiner Verhaftung und Hinrichtung äu-

ßerst bedeckt gehalten.

 

Die offiziell genehmigte sowjetische Biografie über Kun von I.M. Grachalk und M.F. Lbo-

witsch vermerkt lediglich Folgendes:

 

"Das Leben dieses glühenden Vorkämpfers der Arbeiterbewegung, dieser heraus-

rangenden Gestalt der internationalen und ungarischen kommunistischen Bewe-

gung nahm am 30. November 1939 plötzlich ein Ende."

(I. M. Granchak und M.F. Lbowitsch, 'Bela Kun', Moskau 1975, S. 149).

 

Die offizielle revisionistische Geschichte Ungarns wird wenig deutlicher, wenn es heißt:

 

"Er wurde Opfer der stalinschen Säuberungen."

(E. Pamlenyi, 'Eine Geschichte Ungarns', London 1975, S. 620).

 

Trotz dieser Zurückhaltung in Moskau und Budapest, machen die meisten Autoren Stalin

für Kuns Verhaftung und Hinrichtung verantwortlich:

 

"Der Mord an dem ungarischen Kommunistenführer Bela Kun kann als besonders

typisches Beispiel für Stalins Zerstörungswahn betrachtet werden."

(B. Levytaky, 'Die Anwendung des Terrors: Der sowjetische Geheimdienst 1917-

1970', London 1971, S. 112).

 

"Stalins mörderische Wut in der Komintern ... richtete sich sowohl gegen Führer

und aktive Parteimitglieder. ... Die ausländischen kommunistischen Gruppierungen

wurden von Stalin ausradiert. ... Den ungarischen kommunistischen Führern ... ge-

lang es zwar, dem 'Weißen Terror' zu entfliehen, fielen jedoch dann Stalins Terror

anheim. ... Unter ihnen befand sich auch Bela Kun."

(B. Lasitsch, 'Stalins Massaker an den ausländischen kommunistischen Führern',

in: M.M. Dratschowitsch und B. Lasitsch, in: 'Die Komintern: Historische Höhepunk-

te', New York 1966, SS. 140, 161f).

 

Aber selbst jene, die diese Behauptungen aufstellen, sehen sich gezwungen zuzugeben,

dass Stalin kein rationales Motiv für die Ausschaltung von Kun besaß:

 

"Kun war kein Oppositioneller, kein Parteigänger der Trotzkisten oder irgendeiner

anderen derartigen Bewegung, sondern ein loyaler Anhänger Stalins."

(B. Levytsky, ebenda, S. 112).

 

"Es konnte nicht sein, dass es hier um einen internen Machtkampf ging, der in

diesen Massakern zum Ausdruck kam, denn die Opfer waren Ausländer und ka-

men deshalb als mögliche Rivalen Stalins nicht in Frage ..., aber wie soll die Er-

klärung, dass es der Zweck des Massakers war, sich der restlichen trotzkisti-

schen, sinowjistischen und bucharinschen Elemente zu entledigen, ausreichen,

da doch fast alle kommunistischen Führer, die von Stalins Polizei verhaftet und

getötet wurden, in der Vergangenheit Stalin gegen Trotzki, Sinowjew und Bucha-

rin gedient hatten? Keine ausschließlich politische Deutung konnte erklären, wes-

halb es notwendig gewesen sein sollte, kommunistische Führer zusammen mit

ihren Frauen und Kindern zu ermorden, die über viele Jahre hinweg in Stalins Dien-

sten gestanden hatten."

(B. Lasitsch: Ebenda, S. 170ff).

 

...und so sehen sie sich gezwungen, auf 'Erklärungen' wie Stalins angebliche 'psychopa-

thische' Veranlagung zurückzugreifen:

 

"Wenn wir den wahren Grund für diese Massaker finden wollen, ... müssen wir

uns um einen psychologischen oder gar psycho-pathologischen Ansatz bemü-

hen", ...

(Ebenda, S. 172).

 

müsse man sich mit Stalins

 

"Zerstörungswahn"

(B. Levytsky, ebenda, S. 112).

 

befassen.

 

Die Tatsache, dass selbst voreingenommene und sogar feindlich gesonnene Beob-

achter, die zu Stalin in seinen letzten sechzehn Lebensjahren engen Kontakt hatten,

ihn als ausgesprochen geistig gesund einschätzten, erschweren es, diese 'Theorie'

ernst zu nehmen.

 

Die Tatsachen von Kuns Verhaftung und Hinrichtung ergeben jedoch Sinn, wenn man

zur Kenntnis nimmt, dass

 

1. schon 1937 Stalin und seine marxistisch-leninistischen Mitstreiter sowohl in

der Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion als auch in der Kom-

munistischen Internationale sich in der Minderheit befanden, welche von (noch

teilweise verdeckt arbeitenden) Revisionisten beherrscht wurden;

 

2. auf dem Siebten Weltkongress der Kommunistischen Internationale ihre re-

visionistische Führung, mit Georgi Dimitroff an der Spitze, die Komintern auf

einen rechtsrevisionistischen Kurs gebracht hatte und dass

 

3. Kun, der lange Zeit einer linken Linie gefolgt war, nicht bereit und der Lage

war, dieser rechtsrevisionistischen Linie zu folgen:

 

"Ein Teil der Führung der KPU, einschließlich Bela Kun, ... war der Auffassung,

dass es für die Kommunisten Ungarns nicht notwendig sei, die politische Linie

der Partei sofort (in Übereinstimmung mit den Beschlüssen des Siebten Welt-

kongresses - Verf.) zu ändern."

(I.M. Granchak & M.F. Lbowitsch, ebenda S. 146).

 

Nicht Stalin, der nach allen zur Verfügung stehenden Dokumenten der revisionistischen

Linie des Siebten Weltkongresses der KI feindlich gegenüberstand, sondern die noch teil-

weise verdeckt arbeitenden Revisionisten, die die KI dominierten, besaßen ein Motiv dafür,

Kun aus dem KI-Apparat zu entfernen. Und da die sowjetische Sicherheitspolizei zu die-

ser Zeit von einem noch nicht entlarvten Mitglied der revisionistischen Verschwörung, von

Nikolai Jeschow, geleitet wurde, verfügten sie auch über den Apparat, die physische Li-

quidierung Kuns und anderer ausländischer Kommunisten in der Sowjetunion, die sich nicht

in der Lage sahen, die neue Linie mitzutragen, vornehmen zu lassen.

 

Die oben vorgenommene Deutung der Ereignisse wird durch einen Bericht von Avo Tuo-

minen, dem damaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei Finnlands, bestätigt,

in dem er das Verfahren der von der Führung der KI eingesetzten Kommission zur Untersu-

chung des 'Fall Kun' schildert. Den Vorsitz in dieser Kommission führte Georgi Dimitroff

(Bulgarien), der 'Berichterstatter' war Dimitri Manuilski (Sowjetunion) und zu den weiteren

Mitgliedern, außer Tuominen, gehörten Wilhelm Florin (Deutschland), Klement Gottwald

(Tschechoslowakei), Otto Kuusinen (Finnland), Wilhelm Pieck (Deutschland), Palmiro Tog-

liatti (Italien) und Wang Ming (China), von denen sich alle später als altgediente Revisionis-

ten erwiesen.

 

"Sobald die Sitzung eröffnet war, verkündete ihr Vorsitzender, Georgi Dimitroff,

auf brutale Weise, dass es darum gehe, den Fall Bela Kun zum Abschluss zu

bringen.

Der Sekretär der Komintern, Dimitri Manuilski, beeilte sich, ohne Zeit zu verlieren,

bestimmte Dokumente zu verlesen. Nachdem er mehrere Seiten vorgelesen hatte,

fragte der den 'Bürger' Bela Kun, ob er diese Dokumente kenne. Der Ausdruck

'Bürger', den Manuilski soeben benutzt hatte, ließ Bela Kun erschreckt hochfah-

ren. Die anderen von uns, hielten den Atem an: Der Gebrauch des Wortes 'Bürger,'

anstatt 'Genosse', bedeutete in solchen Fällen ein Todesurteil. Blass geworden und

und erregt, stammelte Bela Kun:

"Ich kenne sie sehr genau. Es sind Teile eines Rundschreibens von mir,

das den kommunistischen Aktivisten in Ungarn zugeschickt wurde."

 

Manuislki:

 

"Ganz richtig!"

 

Und daraufhin las er den Brief weiter vor. Er las einen Absatz vor, in dem die Aktivi-

täten der Komintern scharf kritisiert wurden, was auf die schwache Vertretung der

Sowjetunion in der Komintern zurückgeführt wurde. Nachdem er den Absatz fertig

vorgelesen hatte, wandte sich Manuilski erneut an Bela Kun und fragte:

 

"Hat Bürger Bela Kun auch diesen Absatz geschrieben?"

 

Kun (zögernd):

 

"Ja."

 

Er spürte, dass ihn etwas Schreckliches erwartete.

 

Manuilski:

 

"Sehr gut. ..Bürger Kun muss wissen, dass ein Vertreter der UdSSR in der

Komintern der Genosse Stalin ist."

 

Kun brüllte wie ein tödlich verwundeter Löwe:

 

"Dies ist eine entsetzliche Provokation, eine Verschwörung, um mich umzu-

bringen. Aber ich schwöre, ich wollte nicht Stalin beleidigen. Ich werde dem

Genossen Stalin alles selbst erklären."

 

Als dieses Duell vorbei war, läutete Dimitroff eine kleine Glocke und erklärte, dass

die Sitzung beendet sei. ... Bela Kun durfte gehen."

(A. Tuominen, 'Das Läuten des Kreml', Helsingfors 1958, in: 'Est et Ouest' - Ost und

West - Band 15, Nr. 293, 1.-15. Februar 1963, S. 9).

 

In der offiziell von den ungarischen Revisionisten abgesegneten Biografie von Belane Kun

heißt es, dass ein paar Tage nach dieser Sitzung Stalin Bela Kun angerufen habe und

 

"Kun gefragt habe, einen französischen Reporter zu empfangen, um ihm gegen-

über das Gerücht von seiner Verhaftung zu zerstreuen."

(B. Kun, 'Kun Bela' - Bela Kun - Budapest 1966, in: R. Conquest, ebenda, S. 580).

 

Dies tat er und das Dementi wurde veröffentlicht. Ein paar Tage später wurde Kun vom

NKWD verhaftet.

 

Entweder besaß Stalin einen pervertierten und sadistischen 'Sinn für Humor', wofür es

eindeutig keine Beweise gibt oder die Initiative zur Liquidierung kam nicht von Stalin, son-

dern von anderer Seite. Stalins Anruf kann als Versuch angesehen werden, die Verhaf-

tung Kuns zu erschweren.

 

Aber nicht nur Kun, sondern auch eine ganze Reihe anderer ausländischer Kommunisten,

die sich damals in der Sowjetunion aufhielten und die aufgrund ihrer konsequenten 'linken'

Positionen nicht in der Lage waren, die rechtsrevisionistische Linie, die auf dem 7. Weltkon-

gress der Komintern gebilligt wurde, vollständig zu akzeptieren, wurden von den (immer

noch teilweise verdeckt arbeitenden) revisionistischen Führern der KI im Verein mit dem re-

visionistisch geführten NKWD (bis Ende 1938, als Nikolai Jeschow entlarvt, verurteilt und

hingerichtet und von Lavrenti P. Berija ersetzt wurde - Übers.) ermordet.

 

Sich den 'Personenkult' zunutze machend, den sie vorher um Stalins Person aufgebaut

hatten, wurden die 'Anklagepunkte' häufig mit angeblichen Beleidungen Stalins begründet.

 

Andere Autoren haben ähnliche Berichte wie den von Tuominen zum 'Fall' von Bela Kun

geliefert, wobei sie sich auf die Verfahren anderer solcher ausländischer Kommunisten, die

sich damals in der Sowjetunion aufhielten, bezogen.

 

Herbert Wehner, der zu der Zeit Mitglied im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei

Deutschlands war und in Moskau lebte, hat beschrieben, wie die Ausschaltung solcher Füh-

rer der KPD, die sich nicht vollständig in der Lage sahen, die politische Linie des 7. Welt-

kongresses zu übernehmen, unter der Aufsicht von Palmiro Togliatti (Italien) verlief. Bezug-

nehmend auf den Fall Hermann Schubert berichtet er:

 

"Hermann Schubert, der, nachdem er aus der Parteiführung entfernt worden war,

im Exekutivkomitee der Roten Hilfe arbeitete, bereitete sich gerade auf seinen

Redebeitrag vor, den er in der vom Präsidium des EKKI organisierten Diskussion,

an der eine ganze Reihe von offiziellen Vertretern der Organisation (gemeint: der

Komintern - Übers.) teilnahmen, halten wollte, als er von Ercoli (=Togliatti), der

den Vorsitz führte, gefragt wurde, ob es stimme, dass er sich in einer Weise aus-

gelassen haben, wie dies in einem Brief von Malke Schorr (Rote Hilfe Österreich)

zum Ausdruck gekommen sei.

In dem Brief, den Ercoli dann laut vorlas, beschrieb sie eine kurze Unterhaltung,

die sie mit Schubert auf dem Flur des Gebäudes der Roten Hilfe geführt hatte.

Sie hatte Schubert darauf aufmerksam gemacht, dass die Rote Hilfe sich die Mos-

kauer Prozesse in ihrer internationalen Propaganda zunutze machen sollte, insbe-

sondere Trozkis Verbindungen zu den Nazis. Schubert hatte ihr darauf geantwor-

tet, dass diese Propaganda nichts bringen würde, denn der Gegner könnte ja da-

rauf erwidern, dass Lenin in einem versiegelten Wagon Deutschland durchquert ha-

be - mit Erlaubnis der kaiserlichen Militaristen.

Make Schorr bestand darauf, dass gegen Schubert Maßnahmen ergriffen werden

sollten, der es gewagt habe, Lenin und Trotzki auf eine Stufe zu stellen! Ercoli wie-

derholte seine Frage und verlangte, dass Schubert mit ja oder nein antworten sollte.

Schubert äußerte den Wunsch, die Umstände der Unterhaltung zu schildern und

wie er seine Antwort an Malke Schorr gemeint habe, ihm wurde jedoch das Wort ab-

geschnitten. Kurz darauf wurde er verhaftet."

(H. Wehner, 'Erinnerungen', Bonn 1957, S. 159).

 

Es wird deutlich, dass das allgemein akzeptierte Bild von dem 'stalinistischen Terror'

in den 30iger Jahren weit davon entfernt ist, dem tatsächlichen zu entsprechen.