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W. B. Bland

 

Stalins Briefe an Molotow, 1925-1936

- eine Buchbesprechung

(Hrsg. von Lars T. Lih, Oleg V. Naumov und Oleg V. Klevniuk, veröffentlicht von

Yale University Press, New Haven/USA, 1995)

 

 

 

Einleitung

 

Im Dezember 1969 übergab Stalins engster Mitstreiter, Wjatscheslaw Molotow, dem Zentralarchiv beim Institut für Marxismus-Leninismus 79 Briefe, die ihm Stalin zwischen 1925 und 1936 geschrieben hatte. Diese Dokumente befinden sich jetzt im 'Russischen Zentrum für die Aufbewahrung und das Studium von Dokumenten der jüngsten Geschichte', in: fond (Bestand) 558, opis (Verzeichnis) 1, delo (Vorgang) 5388.

 

Die russischen Archive weisen darauf hin, dass der Briefwechsel nur bruchstückhaft erhalten ist und merken dazu an, dass

 

" ...die Zeit von 1931 bis 1936 nur von einigen wenigen Dokumenten abgedeckt wird. Briefe aus anderen Jahren, wie aus dem Jahre 1928, fehlen ganz. Es ist nicht bekannt, ob Molotow wirklich alle Dokumente überreicht hat, die er besaß oder nur einen Teil."

(Lars T. Lih, Oleg V. Naumov und Oleg V. Khlevniuk, Hrsg., 'Stalins Briefe an Molotow, 1925-1936', New Haven/USA, 1995, S. XIV, Vorwort).

 

Dennoch:

 

" ... Die erhaltenen Briefe enthalten einzigartige Informationen",..

(Ebenda)

 

..besonders deshalb, weil sie nicht geschrieben wurden, um veröffentlicht zu werden.

 

Lenins 'Testament'

 

Der vielleicht interessanteste Teil des Buches behandelt das so genannte Testament Lenins, ein Brief, der von ihm Ende Dezember 1922 während seiner letzten Krankheit diktiert wurde.

 

"In Übereinstimmung mit seinem Wunsch (Lenins - Verf.) wurde der Brief den Delegierten des 13. Parteitags, der vom 23. bis zum 31. Mai 1924 abgehalten wurde, verlesen. Der Parteitag beschloss einstimmig, den Brief nicht zu veröffentlichen, ..da er an den Parteitag gerichtet und nicht für eine Veröffentlichung bestimmt sei."

(Anmerkung zu: Wladimir I. Lenin, 'Letzte Briefe und Artikel', Moskau 1971, S. 63).

 

Im Jahre 1925 brachte der US-amerikanische Trotzkist Max Eastman die Schrift 'Seit Lenins Tod' heraus, die angeblich Auszüge aus dem Brief Lenins enthalten sollte. In seinem Vorwort (zu 'Stalins Briefe an Molotow - Üb.) räumt der Herausgeber Lars T. Lih ein, dass Eastmans Buch den Inhalt des Briefes aus politischen Gründen erheblich entstellt:

 

"Bisherige westliche Auslegungen waren sich stets darin einig, dass Eastmans Buch 'längere Passagen' aus dem 'Testament' 'richtig wiedergegeben habe'. Nachdem ich 'Seit Lenins Tod' gelesen hatte, war ich überrascht zu entdecken, dass dies keineswegs zutraf. Eastman gibt nicht nur eine in höchstem Maße verzerrte Version des 'Testaments' wieder; seine Entstellungen dienen alle auch einem klar umrissenen politischen Ziel. ...'Seit Lenins Tod' ist ein ungenauer, stark politisierter Bericht, der darauf abzielt, Trotzki mit seiner 'verklärten' Hingabe an die Revolution von allen anderen Führern der Partei, die nichts als skrupellose Machthaber sind, herauszuheben."

(Lars T. Lih, Einführung, ebd., S. 20f).

 

Eastman gab an, dass sein Buch auf

 

" ... seinen Plaudereien mit dem Genossen Trotzki über Lenins so genanntes Testament beruhe und von den 'Hauptfiguren' des Zentralkomitees handele."

(Josef W. Stalin, Brief an das Politbüro und das Präsidium der Zentralen Kontrollkommission der Russischen Kommunistischen Partei vom 17. Juni 1925, in: ebenda, S. 71).

 

Am 17. Juni 1925 schrieb Stalin deshalb einen Brief an die Mitglieder des Politbüros und das Präsidium der Zentralen Kontrollkommission der RKP, in dem er seine Ansicht zum Ausdruck bringt, dass er überzeugt sei, dass Eastmans Buch darauf abziele,

 

" ... die Regierung der UdSSR und das Zentralkomitee der Russischen Kommunistischen Partei zu diskreditieren und dass zu diesem Zweck Eastman eine ganze Reihe von Verleumdungen und Entstellungen bringt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Eastmans Buch verleumderisch ist, dass es sich für die internationale Konterrevolution als äußerst nützlich erweisen wird (und es bereits getan hat!) und dass damit der gesamten revolutionären Bewegung ernster Schaden zugefügt wird."

(Josef W. Stalin, ebd., S. 73f).

 

Stalin schlug vor, dass wegen

 

" ... des Stillschweigens des Genossen Trotzki in dieser Angelegenheit, das nur als Eingeständnis oder als Entschuldigung für diese Entstellungen angesehen werden kann"

(Ebd., S. 74f)

 

..Trotzki aufgefordert werden sollte, zumindest einige Behauptungen, die in dem Buch aufgestellt werden, zurückzunehmen, darunter die Behauptung, dass

 

"Trotzkis Originaltexte nicht erscheinen dürfen"

(Ebd.)

 

und dass die Parteiführer

 

" ... Lenins letzte Worte an seine Partei unter die Zensur fallen ließen."

(Ebd.).

 

Deshalb schlug Stalin vor, dass das Politbüro

 

" ... dem Genossen Trotzki nahelegen solle, dass er sich von Eastman distanziert und eine Stellungnahme in der Presse abgibt, in der er zumindest die angeführten Entstellungen kategorisch von sich weist."

(Ebd., S. 81).

 

Am folgenden Tag, den 18. Juni 1925

 

" ... billigte das Politbüro Stalins Vorschlag"

(Ebd., S. 82)

 

und

 

" ... Trotzki selbst versprach, innerhalb von drei Tagen den Text seiner Stellungnahme einzureichen."

(Ebd.).

 

Später, im Juni 1925, schickte Trotzki den Entwurf seiner Stellungnahme an Stalin, der darauf so reagierte:

 

"Wenn du an meiner Meinung interessiert bist: Ich betrachte den Entwurf als völlig unbefriedigend."

(Josef W. Stalin, Anmerkung zu Trotzki, Juni 1925, in: ebenda, S. 82).

 

Trotzki wandte sich an das Politbüro, aber

 

" ... nachdem er sich dort die übliche Abfuhr geholt hatte, ... begann er den Text seiner Stellungnahme für die Presse zu überarbeiten. ...Die Endfassung seiner Stellungnahme lag am 1. Juli 1925 vor."

(Ebenda).

 

Trotzkis Stellungnahme, bzw. Teile daraus, hörten sich so an:

 

"Eastman kommt zu Schlussfolgerungen, die auf der ganzen Linie gegen unsere Partei gerichtet und in der Lage sind, wenn man sie wörtlich nimmt, die Partei und die Sowjetmacht zu diskreditieren. ..Eastman meint, dass das Zentralkomitee eine Reihe höchst wichtiger Dokumenrte, die Lenin in der letzten Phase seines Lebens verfasste - Briefe zur nationalen Frage, das so genannte Testament usw. - vor der Partei versteckt habe: Dies kann nur als Verunglimpfung des Zentralkomitees unserer Partei angesehen werden.

Diese Briefe stellen Ratschläge zur internen Parteiorganisation dar, nach Eastmans Worten jedoch kann man zu der Schlussfolgerung kommen, dass Wladimir Illjitsch vorhatte, sie zu veröffentlichen. Tatsächlich ist dies völlig unrichtig. ..Es versteht sich von selbst, dass all diese Briefe und Vorschläge die Adressaten erreichten und den Delegierten des 13. Parteitags bekannt wurden. ..Wenn sie nicht veröffentlicht wurden, so deshalb, weil ihr Autor nicht die Absicht hatte, sie veröffentlichen zu lassen.

Wladimir Illjitsch hat nicht ein 'Testament' hinterlassen und der Charakter seines Verhältnisses zur Partei, geschweige denn der Charakter der Partei selbst, schließt die Möglichkeit eines solchen 'Testaments' aus. ..

Eastmans Behauptung, dass das Zentralkomitee ..meine Broschüre 1923 oder 1924 oder zu irgendeinem anderen Zeitpunkt zurückgehalten habe, ist unzutreffend. ..

Mein Verhältnis zu Eastman unterscheidet sich in keinster Weise von dem zu vielen anderen Kommunisten oder 'sympathisierenden Ausländern' ..und war ganz sicher nicht enger.

Sein Buch kann nur den böswilligen Feinden des Kommunismus und der Revolution schaden und stellt deshalb objektiv ein Werkzeug in der Hand der Konterrevolution dar."

(L. Trotzki, Stellungnahme im 'Bolschewik', Nr. 16, 1925, in: ebenda, S. 244-248).

 

Es muss darauf hingewiesen werden, dass Trotzki nicht wie behauptet wurde die Existenz des Dokuments, das als 'Lenins Testament' bezeichnet wurde, abgestritten hat:

 

"Trotzki stellte klar, dass es nicht angebracht sei, Lenins Brief als 'Testament' zu bezeichnen, d.h. als wörtliches Kundtun von letzten Wünschen, die die Partei verpflichtet sei zu erfüllen."

(Lars T. Lih u.a., Hg., ebd., Einleitung, S. 22).

 

Manuilski

 

Am 16. Juli 1925 veröffentlichte die 'L'Humanité', das Organ der Französischen Kommunistischen Partei

 

" ... die Erstfassung von Trotzkis Stellungnahme."

(Ebd.).

 

Am 27. Juli verabschiedete das Politbüro der Russischen Kommunistischen Partei die folgende Resolution:

 

"a) Die 'L'Humanité' wird aufgefordert, eine Darstellung zu veröffentlichen, aus der hervorgeht, dass der Text des Genossen Trotzki, Eastmans Buch betreffend, unvollständig und entstellend ist.

b) Die 'L'Humanité' wird weiterhin aufgefordert, den vollen Wortlaut der Endfassung des Briefes des Genossen Trotzki zu Eastmans Buch zu veröffentlichen."

(Ebd., S. 83).

 

Später stellte sich heraus, dass die Endfassung von Trotzkis Stellungnahme der 'L'Humanité' absichtlich von dem heimlichen Revisionisten Dimitri Manuilski zugespielt worden war:

 

"Es stellte sich bald heraus, dass die Erstfassung von Trotzkis Artikel von D. S. Manuilski, einem Mitglied des Exekutivkomitees der Komintern, während seiner Reise nach Frankreich an die 'L'Humanité' weitergegeben worden war."

(Ebd.).

 

Am 1. August 1925 schrieb Stalin an Molotow:

 

"Mir wurde mitgeteilt, dass Manuilski der 'L'Humanité' den ersten Entwurf von Trotzkis Artikel zur Veröffentlichung zugeleitet hat. Nicht zufällig, sondern ganz gezielt. Wenn dies stimmen sollte, ist es eine Ungeheuerlichkeit. Wenn es zutreffen sollte, dann haben wir es hier nicht mit einem 'Fehler' zu tun, wie du mir geschrieben hast, sondern mit der Politik einiger Leute, die aus irgendeinem Grunde keine Interesse daran haben, Trotzkis Endfassung zu veröffentlichen. Dies ist zweifellos der Fall. Wir können die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen. Ich schlage vor, dass wir ..Manuilskis unerträgliches Verhalten verurteilen."

(Josef W. Stalin, Brief an W. Molotow vom 1. August 1925, in: ebd., S. 90).

 

Nach Manuilskis 'Entschuldigung' für seine Handlungsweise meinte Stalin in der für ihn typischen direkten Art:

 

"Der Brief von Manuilski ist ein Zeichen von Feigheit und Hinterhältigkeit. Ich stehe voll und ganz zu meiner Äußerung, dass hier betrogen und mit schmutzigen Tricks gearbeitet wird, auch wenn einige Genossen das nicht so sehen."

(Josef W. Stalin, ebd., 18. August 1925, in: ebd., S. 94).

 

Dimitroff

 

Das Buch enthält nur einen einzigen Hinweis auf Manuilskis engsten Mitarbeiter (in der Komintern - Üb.), den heimlichen Revisionisten Dimitroff.

 

Nach den Untersuchungen von Dobrin Mitscheff vom Institut für Geschichte der Kommunistischen Partei Bulgariens schrieb

 

" ..Dimitroff am 10. März (1934 - Verf.) ..an Stalin. In seinem Brief erklärt er, dass er während des einen Jahres, das er im Gefängnis verbrachte, sich viele Gedanken über die Probleme der internationalen Arbeiterbewegung machen konnte. Besonders habe er sich, so führte er aus, mit Fragen der Strategie und Taktik, mit den Methoden, den Aktionen und dem Funktionieren der Kommunistischen Internationale beschäftigt. Das Gespräch (mit Stalin - Üb.) fand kurz darauf im Beisein von Manuilski und anderen statt. Im Verlaufe der Unterhaltung erläuterte und entwickelte Dimitroff seine Vorstellungen, die denen Stalins widersprachen. Die Diskussion war hitzig, schwierig und leidenschaftlich."

(Dobrin Mitscheff, in Jean Méroy, 'Dimitroff. Ein Revolutionär unserer Zeit', Paris 1972, S. 184f).

 

Auf dem Siebten Weltkongress der Kommunistischen Internationale, der im Juli/August 1935 (in Moskau - Üb.) stattfand, sagte Stalin wenig erbaut:

 

"Der Kongress ging so."

(Josef W. Stalin, Brief an Molotow vom 5. August 1935, in: Lars T. Lih u.a., Hg., ebd., S. 237).

 

Anscheinend meinte er damit, dass es noch schlimmer hätte kommen können.

 

Litwinow

 

In seinem Briefwechsel mit Molotow bemerkt Stalin, dass der sowjetische Diplomat (und Außenminister der UdSSR - Üb.) die Dinge nicht auf revolutionäre Weise sah:

 

"Litwinow sieht nicht die revolutionäre Seite der Politik und ist daran auch gar nicht interessiert."

(Josef W. Stalin, Brief an W. Molotow vom 29. August 1929, in: ebd., S. 174).

 

Er habe wider bessere Vernunft solchen Leuten wie dem britischen Sozialdemokraten Wise vertraut:

 

"Litwinow ..glaubt Wise und anderen Halunken mehr als der Logik der Dinge."

(Ebd., S. 177f).

 

In einem anderen Brief geht Stalin so weit, von Litwinow als jemand zu sprechen, der, ähnlich wie Nikolai Bucharin und Aleksej Rikow, die später wegen Hochverrat verurteilt wurden, nicht imstande sei, die Stärke der Sowjetunion wahrzunehmen:

 

"Rykow und auch Bucharin und Litwinow ..sehen nicht die wachsende Macht und Stärke der UdSSR."

(Ebd., S. 182).

 

Krupskaja

 

Auf dem 14. Parteitag am 14. Dezember 1925 sagte Lenins revisionistische Witwe Nadeschda Krupskaja:

 

"Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Mehrheit immer Recht hat. ..Erinnern wir uns an den Stockholmer Parteitag (von 1906, als ihrer Meinung nach die Minderheit, nämlich die Menschewiki, Recht hatte und nicht die bolschewistische Mehrheit - Üb.)."

(N. Krupskaja, Rede auf dem 14. Parteitag, 20. Dezember 1925, in: ebd., S. 117).

 

Darauf Stalin:

 

"Krupskaja ist eine Spalterin. Wenn wir die Einheit der Partei bewahren wollen, müssen wir sie als Spalterin bekämpfen."

(Josef W. Stalin, Brief an Molotow, 16. September 1925, in: ebd., S. 127).

 

Sergo Ordshonikidse

 

Im August 1933 wurde einigen Funktionären, die für die Produktion landwirtschaftlicher Maschinen verantwortlich waren, vor dem Obersten Gericht der UdSSR wegen Sabotage der Prozess gemacht. Sie hatten Mähdrescher liefern lassen, ohne dass alle Maschinenteile vorhanden waren. Am 22. August hielt der stellvertretende Generalstaatsanwalt Andrej Wyschinski eine Rede, in der er die staatlichen Abteilungen kritisierte, weil sie für

 

" ... das immense Versagen bei den Arbeitsmethoden einiger wichtiger staatlicher Einrichtungen verantwortlich sind. Ich denke da in erster Linie an das Kommissariat für Landwirtschaft, vertreten durch seine landwirtschaftliche Beschaffungsabteilung. ..Ich denke da auch an das Kommissariat für Schwerindustrie, vertreten durch seinen Landmaschinenverband."

(Lars T. Lih, u.a., Hg., ebd., S. 233).

 

Wyschinskis Bemerkung verärgerte Grigori ('Sergo') Ordshonikidse und Jakow Jakowlew, die Kommissare für Schwerindustrie bzw. Landwirtschaft und

 

" ..in Stalins Abwesenheit gelang es ihnen, das Politbüro davon zu überzeugen, für eine Resolution zu stimmen, in der Wyschinski wegen seiner Anschuldigungen kritisiert wird, um 'Wyschinski klarzumachen, dass er seine Ansichten nicht in einer Weise hätte formulieren dürfen, die ..ungerechtfertigte Beschuldigungen gegen die Leitungen der Schwerindustrie und der Landwirtschaft ermöglichten'."

(Ebd., S. 233f).

 

Dazu Stalin:

 

"Ich betrachte Sergos Handlungsweise, was Wyschinski betrifft, als das Verhalten eines Rowdys. ..Durch seinen Protest wollte er ganz eindeutig die Kampagne des Rats der Volkskommissare und des Zentralkomitees für die Anlieferung ordentlicher Ausrüstung unterlaufen."

(Josef W. Stalin, Brief an Molotow vom 1. September 1933, in: ebd., S. 233).

 

"Das Verhalten von Sergo (und von Jakowlew) ..kann man nur als gegen die Partei gerichtet ansehen, denn ihre Absicht besteht darin, reaktionäre Elemente der Partei gegen das Zentralkomitee in Schutz zu nehmen."

(Brief vom 12. Sept. 1933, in: ebd., S. 234).

 

Sabotage

 

Die Briefe widerlegen die Legende, dass Stalin der Meinung war, dass Personen, denen Sabotage vorgeworfen wurde, unschuldig gewesen seien, wie der US-amerikanische Herausgeber der Briefe, Lars T. Lih, einräumt:

 

"Die Briefe zeigen, dass ..Stalin ehrlich der Meinung war, dass die Saboteure schuldig im Sinne der Anklage waren."

(Lars T. Lih, u.a., Hg., Einleitung, S. 48).

 

Er bestand außerdem auf der vollständigen Veröffentlichung der Aussagen der Angeklagten und des Geheimdienstes:

 

"Wir müssen umgehend alle Aussagen sämtlicher Saboteure der Versorgung mit Fleisch, Fisch, Konserven und Gemüse veröffentlichen. ..Was soll die Geheimniskrämerei? Wir sollten sie veröffentlichen.

Es wäre nicht schlecht, wenn wir die Aussagen der Mitarbeiter des Nachrichtendienstes publik machen würden ..über die Wühlarbeit der Angestellten von Wickers (britische Firma, die 'Spezialisten' in die Sowjetunion entsandte, von denen sich nicht wenige als gekaufte Saboteure erwiesen - Üb.), die unsere Fabriken und Gebäude zur Explosion gebracht haben, sie angesteckt und beschädigt haben. ..Warum wird dieses umfangreiche Material geheimgehalten?"

(Josef W. Stalin, Brief an Molotow, 13. September 1930, in: ebd., S. 213).

 

Stalin schlug vor, dass man auch so im Fall des Professors Leonid Ramsin vorgehen solle, dem Hauptangeklagten im Prozess gegen die 'Industriepartei' im Jahre 1930, falls sich seine Aussage bewahrheiten sollte:

 

"Falls Ramsins Aussagen bestätigt und erhärtet werden, ..wird dies für die OGPU (den sowjetischen Geheimdienst - Üb.) ein großer Sieg sein und wir werden das verfügbare Material in irgendeiner Form den Parteien der Komintern und den Arbeitern der Welt zur Verfügung stellen."

(Ebd., S. 196).

 

Kontrolle

 

Die Briefe werfen ein interessantes Licht auf Stalins Arbeitsmethoden, besonders auf die Wichtigkeit, die er der Auswahl von Kadern und der Kontrolle der Ausführung von Beschlüssen beimaß:

 

"Die Ausdrücke 'Beschlusskontrolle' und 'Kaderauswahl' kommen immer wieder vor."

(Lars T. Lih, u.a., Einleitung, ebd., S. 14).

 

An einer Stelle gratuliert er Molotow zu dessen Praxis der Beschlusskontrolle:

 

"Du hast ein Muster an Leninscher Beschlusskontrolle abgegeben. Wenn es klappt, herzlichen Glückwunsch für den Erfolg!"

(Ebd., S. 221).

 

"Das Politbüro hat meine Vorschläge zur Getreidebeschaffung angenommen. Das ist nicht schlecht, aber wie ich finde unzureichend. Jetzt kommt es darauf an, den Politbürobeschluss umzusetzen. ..Deshalb ist es nötig, das Folgende von den Beschaffungsorganisationen, der OGPU, dem Zentrum der Kollektivfarmen usw. zu verlangen:

a) Kopien ihrer Anweisungen an untergeordnete Organe betreffs Verwirklichung des Politbürobeschlusses;

b) alle zwei Wochen regelmäßige Berichte (noch besser einmal pro Woche!) über die Resultate der Verwirklichung des Beschlusses."

(Ebd., S. 168).

 

Stalin und die internationale revolutionäre Bewegung

 

Schließlich belegen die Briefe eindeutig, dass Stalin in keinster Weise, 'die Sache der Weltrevolution aufgab' (Trotzki), wenn er das Prinzip verteidigte, dass der Sozialismus in einem Lande aufgebaut werden kann.

 

"Stalin heuchelte nicht, wenn er die Weltrevolution unterstützte, da aus seiner Sicht deswegen keinerlei staatliche Interessen aufgegeben werden mussten. Stalin bestätigt in den Briefen seinen guten Ruf als Revolutionär. ..Als erster Diener des sowjetischen Staates war er auch erster Diener der internationalen Revolution. .. Die Briefe widerlegen die trotzkistische Auslegung, wonach 'der Sozialismus in einem Lande' die isolationistische Zurückweisung von Revolutionen in anderen Ländern bedeute. ..Die Briefe zeigen, dass Stalin zwischen den revolutionären Interessen und den staatlichen Interessen kein 'Entweder-oder-Verhältnis' sah."

(Lars T. Lih, u.a., Einleitung, S. 28, 36, 62).

 

Die Briefe bezeugen, dass er stark an den Klassenkämpfen der britischen Arbeiter interessiert war:

 

"Stalins Bemerkungen zeigen, dass er sich sehr intensiv mit den britischen Ereignissen beschäftigte."

(Ebd., S. 30).

 

Als dann der britische Bergarbeiterstreik am 1. Mai 1926 begann, bestand Stalin darauf, dass die Arbeiter jede nur erdenkliche Unterstützung erhielten:

 

"Wir müssen den vollständigen Text der Resolution unserer Arbeiter für die streikenden britischen Arbeiter im Allgemeinen und für die Grubenarbeiter im Besonderen so schnell wie möglich in die wichtigsten westlichen Sprachen übersetzen. ..Dies ist eine Frage des Kampfes und darf nicht auf der Strecke bleiben."

(Josef W. Stalin, Brief an Molotow vom 26. Mai 1926, in: ebd., S. 104).

 

"Die Delegation der britischen Bergarbeiter kann jeden Tag eintreffen. ..Sie sollte nach allen Regeln der Kunst empfangen werden und es sollte so viel Geld wie nur irgend möglich für sie gesammelt werden. Ich habe gehört, dass die Amerikaner eine Million Dollar versprochen haben. Weniger als die Amerikaner ist nicht möglich oder vielleicht sogar ganze drei Millionen. Die Lage in England ist ernst und sie verpflichtet uns, große Opfer zu bringen."

(Ebd., S. 119).

 

Seine Briefe an Molotow legen auch Zeugnis von seinem starken Interesse an der chinesischen Revolution und für seine Unterstützung dieser Revolution ab:

 

"Stalin betrachtet den Erfolg der Chinesischen Kommunistischen Partei als eine Frage sowohl staatlicher als auch revolutionärer Interessen."

(Lars T. Lih, u.a., Einleitung, S. 33).

 

Er war auch davon überzeugt, dass die Politik der Komintern in der chinesischen Frage richtig war:

 

"Nie war ich so zutiefst und fest von der Richtigkeit unserer Politik ..in Sachen China ..überzeugt wie ich es jetzt bin."

(Josef W. Stalin, Brief an Molotow vom 11. Juli 1927, ebd., S. 143).

 

Er

 

" ... beharrte darauf, dass die Schuld für das Scheitern der Kominternstrategie bei den Führern der Chinesischen Kommunistischen Partei zu suchen sei", ..

(Lars T. Lih, u.a., Einleitung, ebd., S. 32).

 

..die er nicht als wahre kommunistische Partei ansah:

 

" ..Leider haben wir keine echte oder, wenn du so willst, wirkliche kommunistische Partei in China. ..Woraus besteht das derzeitige Zentralkomitee der Chinesischen Kommunistischen Partei (KPC)? Aus nichts als einer Ansammlung von allgemeinen Phrasen, die hier und da aufgeschnappt wurden, die nicht von einer Linie oder richtungsweisenden Idee miteinander verbunden sind. Ich will ja keine übertriebenen Forderungen an das Zentralkomitee der KPC stellen. Ich weiß, dass man ihm gegenüber nicht zu fordernd sein darf. Aber es gibt eine einfache Forderung: Die Direktiven der Komintern auszuführen. Hat es diese Direktiven ausgeführt? Nein.

Es gibt im Zentralkomitee nicht einen einzigen marxistischen Geist, der in der Lage wäre, die soziale Komponente der Ereignisse, die sich jetzt dort zutragen, zu begreifen. ..Ab und zu faselt die KPC von der Führung durch das Proletariat. Aber ..die KPC hat keine blasse Ahnung von dieser Führungsrolle. Deshalb werden die Direktiven der Komintern auch nicht ausgeführt. Deshalb bin ich inzwischen der Meinung, dass die Frage der Partei die Hauptfrage der chinesischen Revolution ist."

(Josef W. Stalin, Brief an Molotow vom 9. Juli 1927, in: ebd., S. 140f).

 

1929 ist Stalin sogar für ein militärisches Eingreifen in der Mandschurei, um die Chinesische Revolution zu unterstützen:

 

"Ich finde, es ist Zeit, darüber nachzudenken, einen Aufstand durch die revolutionäre Bewegung in der Mandschurei zu organisieren. ..Wir müssen zwei Brigaden aufstellen, die aus zwei Regimentern bestehen, die sich hauptsächlich aus Chinesen zusammensetzen, sie mit allem Nötigen ausrüsten (Artillerie, MGs usw.); wir müssen Chinesen an die Spitze der Brigade stellen und sie in die Mandschurei mit folgendem Auftrag schicken: eine Rebellion unter den mandschurischen Truppen auszulösen, ..Harbin zu besetzen und nach der Organisierung von Verstärkung Tschang Hsü-liang für abgesetzt erklären und eine revolutionäre Regierung aufbauen. ..Dies können und sollten wir tun. Es gibt kein 'internationales Gesetz', das gegen diese Aufgabe spricht."

(Josef W. Stalin, Brief an Molotow vom 7. Oktober 1929, in: ebd., S. 182).

 

 

 

Deutsche Ausgabe:

Stalin. Briefe an Molotow, 1925-1936, hrsg. von Lars T. Lih, Oleg Naumow und Oleg Chlewnjuk,

russische wissenschaftliche Berater: L. Koschelewa, L. Rogowaja, W. Leltschuk und V. Naumow, mit einer Einführung von Robert C. Tucker, erschienen im Siedler Verlag, Berlin 1996.

 

Titel der russischen Originalausgabe:

Pisma I. W. Stalina W. M. Molotowu, 1925-1936 gg., sbornik dokumentow, erschienen bei:

Rossija molodaja, Moskwa.

Aus dem Russischen und Amerikanischen von Helmut Ettinger.