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William B. Bland

 

Die Syrtsow-Lominadse-Affäre

(Eine Veröffentlichung des marxistisch-leninistischen Forschungsbüros, Ilford/Essex, Großbritannien)

 

 

 

Die Bildung der Fraktion (1930)

 

Im Jahre 1930 entstand in der KPdSU,B eine neue Oppositionsgruppe, die von Sergej Syrtsow, dem damaligen Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare (und gleichzeitig Ministerpräsident der Russischen Föderation) sowie von Wissarion ('Besso') Lominadse, dem Ersten Sekretär des Regionalen Parteikomitees von Transkaukasien (ein zeitweiliger Zusammenschluss von Georgien, Armenien und Aserbaidschan - Üb.) gegründet wurde. Auch Ian Sten gehörte zu der Gruppe. Syrtsow:

 

" ...stand an der Spitze dieses Oppositionsblocks."

(Heinrich E. Schwarz, Paul K. Urban und Andrew I. Lebed, Hg., 'Wer war wer in der UdSSR?' Metuchen, USA, S. 531).

 

Die Fraktion bildete sich als Oppositionsgruppe nach dem 16. Parteitag der KPdSU,B, der im Juni/Juli 1930 abgehalten worden war:

 

"Es ist bekannt, dass drei kleinere Gruppen nach dem 16. Parteitag konspirativ zusammengearbeitet haben, um einen Politikwandel herbeizuführen. In der ersten Gruppe befanden sich recht junge Mitglieder. ... S. I. Syrtsow, der Anführer der Gruppe, war Ministerpräsident der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik."

(Ian Grey, 'Stalin - Mann der Geschichte', London 1979, S. 255).

 

"Der Zusammenschluss war auf die Unterstützung vieler Parteisekretäre und anderer Genossen vor Ort angewiesen. Ein großer Teil der jüngeren Mitglieder des ZK sowie der Zentralen Kontrollkommission ... zeigte offene Sympathien für die Forderungen des Blocks. ... Die ehemaligen Oppositionellen waren im Block durch Sten vertreten - einem ehemaligen Mitglied der Zentralen Kontrollkommission."

(Abdurakhman Awtorkhanow, 'Stalin un die Sowjetische Kommunistische Partei', ein Studie über die Technologie der Macht, London 1959, S. 19).

 

Die politische Orientierung der Fraktion, 1930

 

Die Fraktion war von ihrer politischen Orientierung her eine rechte Oppositionsgruppe innerhalb der KPdSU, B:

 

"Syrtsow und Lominadse ..besaßen gegenüber Stalins Politik eine gemeinsame Grundlage."

(Robert H. Davies, 'Die Syrtsow-Lominadse-Affäre', in: Sowjetische Studien, Bd. 33, Nr. 1, Januar 1981, S. 29).

 

Es war im Grunde eine rechte Linie, die verlangte, dass die Partei eine 'gemäßigtere' Politik einschlagen sollte:

 

"Lominadse begann damit, ..Denkschriften kursieren zu lassen und setzte sich für eine gemäßigtere Politik ein."

(Ronald C. Suny, 'Die Entstehung der georgischen Nation', London 1989, S. 251).

 

"Im Spätsommer oder im Herbst 1930 veranlasste Lominadse das transkaukasische Regionalkomitee, eine Erklärung herauszugeben, in der die 'feudal-gutsherrliche Haltung gegenüber den Interessen der Arbeiter und Bauern' heftig kritisiert wurde."

(Ronald C. Suny, ebd., S. 243).

 

Zunächst verurteilte die Fraktion die ökonomische Politik der Partei als 'Abenteurertum' und verlangte ein langsameres Industrialisierungstempo sowie einen Stopp der Kollektivierungen. Im Herbst 1930 zum Beispiel brachten

 

"Lominadse und Syrtsow ..eine Denkschrift in Umlauf, in der sie die Regierung wegen ihres wirtschaftspolitischen Abenteurertums verurteilten."

(Robert Conquest, 'Der Große Terror', London 1973, S. 51).

 

Sie erklärten, dass, da

 

" ... das Tempo der Industrialisierung wegen der bestehenden materiellen Ressourcen nicht aufrechtzuerhalten sei, die Zahl der Industrieprojekte verringert werden müsse. Syrtsow wollte einen Stopp der Kollektivierungen."

(Robert W. Davies, ebd., S. 45).

 

Eben zu dieser Zeit hielt Syrtsow eine Rede, in der er sich

 

" ...für geringere industrielle Investitionsraten"

(Robert H. McNeal, 'Stalin - Mensch und Herrscher', Basingstoke 1988, S. 145)

 

einsetzte.

 

Auch verurteilte die Gruppe die 'exzessive' zentrale Wirtschaftsplanung als 'undemokratisch' und forderte, dass sie zumindest teilweise durch das Sich-Stützen auf die Kräfte des Marktes ersetzt werden sollte. Zum Beispiel

 

" ... ließ Lominadse im Sommer oder im Herbst 1930 das transkaukasische Regionalkomitee eine Erkärung verabschieden, in der die 'feudal-gutsherrliche Haltung gegenüber den Bedürfnissen und Interessen der Arbeiter und Bauern' heftig kritisiert wurde."

(Ronald C. Suny, ebd., S. 251).

 

Diese Resolution

 

" ...lehnte sich eng an den Wortlaut der Syrtsow-Rede an."

(Robert W. Davies, ebd., S. 41).

 

Diese hatte er auf dem 16. Parteitag gehalten und sie offenbarte

 

" ...die gemeinsame Haltung von Syrtsow und Lominadse."

(Ebd., S. 42).

 

Anstelle einer zentral geleiteten Produktion forderte die Syrtsow-Lominadse-Fraktion, dass

 

" ...die exzessive Zentralisation und der Mangel an Initiative des Systems gedrosselt werden müssen... Marktanreize sollten teilweise wieder zum Zuge kommen."

(Ebd., S. 45f).

 

Drittens bezeichnete die Gruppe die Behauptung der Partei, dass die UdSSR in die Phase des Aufbaus des Sozialismus eingetreten sei, als unzutreffend. In seinem politischen Bericht an den 16. Parteitag der KPdSU, B im Juni 1930 sagte Stalin:

 

"Wir haben entscheidende Erfolge im Kampf für den Sieg des sozialistischen Aufbaus erzielt."

(J.W. Stalin, Politischer Bericht des ZK an den 16. Parteitag der KPdSU, B, Juni 1930, in: 'Werke', Bd. 12, Moskau 1955, S. 385).

 

Noch im gleichen Jahr bestand Lominadse darauf, dass

 

" ...es kaum möglich sei zu behaupten, dass wir in die Phase des Sozialismus eingetreten sind."

(Wissarion W. Lominadse, in: 'Probleme der Ökonomie', Nr. 11, 1930, S. 4f, in: Robert W. Davies, ebd., S. 35).

 

Und die von Lominadse mitverfasste Resolution (siehe oben),

 

" ...griff Stalin direkt an, wenn darin seine Erklärung kritisiert wurde, dass die UdSSR in die Phase des sozialistischen Aufbaus eingetreten sei."

(Ronald C. Suny, ebd., S. 251f).

 

Viertens forderte die Gruppe ab 1932 Stalins Ablösung als Parteiführer:

 

"Ab 1932 kursierten ... in den obersten Etagen Denkschriften, in denen von der Notwendigkeit gesprochen wurde, ihn (Stalin - Verf.) als Generalsekretär der sowjetischen kommunistischen Partei abzusetzen. Die Leute, von denen diese Kampagne ausging, um Stalin zu entfernen, waren der führende georgische Politiker ..Besso Lominadse..sowie der Ministerpräsident der Russischen Föderativen SSR, Syrtsow."

(David M. Lang, 'Eine moderne Geschichte Georgiens', London 1962, S. 252).

 

"Denkschriften über die Notwendigkeit, ihn abzusetzen, zirkulierten in seiner unmittelbaren Umgebung. Sie waren von Syrtsow und Lominadse unterschrieben worden."

(Isaac Deutscher, 'Stalin. Eine politische Biografie', London 1967, S. 333).

 

Das Anliegen der Syrtsow-Lominadse-Fraktion bestand darin, eine Einigung zwischen der 'linken' und rechten Opposition herzustellen:

 

"Seine Idee (die Syrtsows - Verf.) bestand darin, die Kluft zwischen der linken und rechten Opposition durch eine Gruppe zu überbrücken, die unter dem widersrprüchlichen Namen 'Rechts-Links-Block' bekannt werden sollte."

(Ian Grey, ebd., S. 255).

 

Trotz der Ähnlichkeit ihrer politischen Ansichten weigerten sich jedoch die einflussreichsten Führer der rechten Opposition, sich mit der Syrtsow-Lominadse-Fraktion zusammenzutun:

 

"Syrtsow ... versuchte, den Widerstand zu organisieren (gegen die Politik der Partei - Verf.), während die führenden rechten Politiker zur Geduld rieten."

(Robert Conquest, ebd., S. 206).

 

"Die rechtsgerichteten politischen Führer taten sich mit Syrtsow und Lominadse zusammen, aber Bucharin verurteilte in seiner Erklärung an das ZK vom 14. November ausdrücklich die 'Syrtsow-Lominadse-Fraktion."

(Robert W. Davies, ebd., S. 45).

 

Und dennoch:

 

"Sinowjew und seine Leute ..und die Trotzkisten..bildeten Ende 1932 einen gemeinsamen Block. Ihnen hatte sich auch die Lominadse-Gruppe angeschlossen."

(Robert Conquest, ebd., S. 155).

 

Die Degradierungen

 

"1930 besuchte Lominadse Syrtsow in Moskau, wo sie sich mehrere Stunden lang über Partei- und Staatsangelegenheiten unterhielten. Stalin erfuhr von dem Gespräch."

(Roy A. Medwedjew, 'Lasst die Geschichte urteilen. Die Ursachen und Folgen des Stalinismus', London 1971, S. 142).

 

In Trotzkis 'Bulletin der Opposition' war zu lesen:

 

"Als man in Syrtsows Wohnung eine Hausdurchsuchung durchführte, fand man Sitzungsprotokolle, die die Enttarnung des Blocks ermöglichten."

(Bulletin der Opposition, Nr. 17-18, Nov./Dez. 1930, S. 39).

 

"Stalin ging von Oktober bis Dezember 1930 gegen diese Widersacher vor."

(Robert H. McNeal, ebd., S. 145).

 

Am 3. November 1930 wurde Syrtsow als russischer Ministerpräsident entlassen und zum

 

"Direktor einer Fabrik für Grammophon-Platten degradiert."

(Roy A. Medwedjew, ebd., S. 142).

 

Lominadse wurde

 

" ...vom transkaukasischen Regionalkomitee für Arbeiten ins Handelskommissariat versetzt und kam danach nach Magnitogorsk, wo er Sekretär des Stadtkomitees wurde."

(Roy A. Medwedjew, ebd., S. 142).

 

Am 1. Dezember 1930 entfernte eine gemeinsame Resolution des Politbüros und des ZK der Partei beide aus dem Zentralkomitee:

 

"Im November/Dezember 1930 wurden die Mitglieder dieser Gruppe - Syrtsow, Lominadse, Schatzkin u.a. - öffentlich als 'Rechte und Parteigänger von Rykow und Tomsky gebrandmarkt und aus dem ZK der sowjetischen kommunistischen Partei ausgeschlossen."

(Babette Gross, 'Die deutschen Kommunisten. Einheits- und Volksfrontunternehmen', in: M. M. Dratschkowitsch & Branko Lasitsch, Hg., 'Die Komintern. Historische Höhepunkte, Aufsätze, Erinnerungen, Dokumente', Stanford, USA, 1966, S. 390f).

 

"Syrtsow und Lominadse verloren ihre öffentlichen Ämter und flogen aus dem Zentralkomitee."

(Adam B. Ulam, 'Stalin. Der Mann und seine Zeit', London 1989, S. 341f).

 

Die Resolution des ZK warf Syrtsow vor,

 

" ...eine im Untergrund arbeitende, gegen die Partei gerichtete Gruppe organisiert zu haben."

('Prawda' vom 2. Dezember 1930, in: Robert W. Davies, ebd., S. 43).

 

Lominadse wurde vorgeworfen,

 

" ...über einen längeren Zeitraum hinweg Führer einer parteifeindlichen Fraktion"

(Robert W. Davies, ebd.)

 

..gewesen zu sein.

 

Nach einem 'Brief aus Moskau', der in Trotzkis 'Bulletin der Opposition' abgedruckt wurde,

 

" ... habe Syrtsow, als man ihm vorwarf, einen Block gebildet zu haben, dem ZK frei heraus gesagt, dass Stalin ein 'starrköpfiger Mann' sei, der das Land in den Ruin führe."

('Bulletin der Opposition', Nr. 19, März 1931).

 

Lominadses Selbstkritik, 1934

 

Auf dem 17. Parteitag der KPdSU, B im Januar/Februar 1934 gehörte Lominadse zu den zahlreichen ehemaligen Oppositionsführern, die unehrliche selbstkritische Stellungnahmen abgaben:

 

"Die Linie, die sie einnahmen, war eine der hundertprozentigen stalinistischen Orthodoxie, angefüllt mit Lobpreisungen für den Generalsekretär und Schmähungen der Feinde."

(Robert Conquest, ebd., S. 63f).

 

Lominadse gab zu,

 

" ...dass er einen Fehler beging, als er Stalins Behauptung bestritt, dass die UdSSR in die Phase des Sozialismus eingetreten sei. Der Block ..habe die Schwierigkeiten überschätzt."

(Robert W. Davies, ebd., S. 44, Lominadses Rede auf dem 17. Parteitag zitierend).

 

Auch gab er zu, an fraktionellen Aktivitäten gegen die Parteiführung beteiligt gewesen zu sein, wenn er einräumte:

 

"Wir verbargen unsere Ansichten vor der Partei, kämpften heimlich und beschritten den Weg der Täuschung der Partei. ..Wie jede andere Opposition wandte sich der 'Rechts-Links-Block' gegen die Führung unserer Partei, gegen den Führer der Partei."

(Ebd.).

 

Die Verhaftung von Syrtsow, 1935

 

Syrtsow wurde 1935 verhaftet und wegen Hochverrat angeklagt und verurteilt. Er erhielt eine längere Gefängnisstrafe.

 

Lominadses Selbstmord, 1935

 

Inzwischen war man sich an höchster Stelle darüber einig, dass Lominadses Selbstkritik nicht ehrlich war, und man bestellte ihn in die Kreishauptstadt Tscheljabinsk. Nachdem ihm klar wurde, dass seine landesverräterischen Aktivitäten ans Tageslicht gekommen waren, beging er Selbstmord:

 

"Besso Lominadse, dem man Gelegenheit gegeben hatte, seinen Fehler wiedergutzumachen, und der zum Sekretär im wichtigen Magnitogorsker Parteikomitee ernannt worden war, viel plötzlich in Ungnade. Als er unerwartet nach Tscheljabinsk zitiert wurde, erschoss er sich."

(Ronald C. Suny, ebd., S. 271).

 

Roy Medwedjew bestätigt dies:

 

"Lominadse wurde nach Tscheljabinsk beordert und erschoss sich in seinem Wagen auf dem Weg dorthin."

(Roy A. Medwedjew, ebd, S. 167).

 

Der Kamenjew-Sinowjew- Prozess, 1936

 

Bei seinem Prozess mit Lew Kamenjew und Grigori Sinowjew im August 1936 machte der Terrorist Wagarschak Ter-Waganjan folgende Aussage:

 

"Im Herbst 1931 begann meine sehr enge Verbindung und Freundschaft mit Lominadse. Ich traf ihn häufig und bei diesen Gelegenheiten unterhielten wir uns über den Block. Zu dieser Zeit nahmen die Trotzkisten mit den Sinowjewleuten sowie mit den 'Linken' (gemeint: die Syrtsow-Lominades-Fraktion - Verf.) Verhandlungen zwecks Bildung eines Zusammenschlusses auf. ...Die terroristische Orientierung verstand sich eindeutig von selbst."

(Prozessbericht über die Strafsache des trotzkistisch-sinowjewistischen terroristischen Zentrums, Moskau 1936, S. 110).

 

Der Angeklagte Sergej Mratschkowski bezeichnete Lominadse als eines der Mitglieder des

 

" ... trotzkistisch-sinowjewistischen terroristischen Zentrums."

(Ebd., S. 440).

 

 

Bibliografie

 

 

Awtorkhanow, Abdurakhman, 'Stalin und die sowjetische kommunistische Partei', London 1959.

 

Conquest, Robert, 'Der Große Terror', London 1973.

 

Davies, Robert W., 'Die Syrtsow-Lominadse-Affäre', in: 'Sowjetische Studien', Bd. 33, Nr. 1, Januar 1981.

 

Deutscher, Isaac, 'Stalin. Eine politische Biografie', London 1967.

 

Dratschkowitsch, Milorad M. & Lasitsch, Branko, Hg., 'Die Komintern. Historische Höhepunkte. Aufsätze, Erinnerungen, Dokumente', Stanford, USA, 1966.

 

Grey, Ian, 'Stalin Mann der Geschichte', London 1979.

 

Lang, David N., 'Eine moderne Geschichte Georgiens', London 1962.

 

McNeal, Robert H., 'Stalin Mensch und Herrscher', Basingstoke 1988.

 

Medwedjew, Roy A., 'Lasst die Geschichte urteilen', London 1971.

 

Schwarz, Heinrich E., Urban, Paul K. & Lebed, Andrew I, Hg., 'Wer war wer in der UdSSR?', Metuchen, USA, 1972.

 

Stalin, Josef W., Politischer Bericht des Zentralkomitees an den 16. Parteitag der KPdSU, B, in: 'Werke', Bd. 12, Moskau 1955.

 

Suny, Ronald C., 'Die Entstehung der georgischen Nation', London 1989.

 

Ulam, Adam B., 'Stalin - der Mensch und seine Zeit', London 1989.

 

 

Andere Quellen:

 

 

Bulletin der Opposition Nr. 17/18, Nov./Dez. 1930, Nr. 19, März 1931.

 

Prozessbericht in der Strafsache des trotzkistisch-sinowjewistischen terroristischen Zentrums, Moskau 1936.