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Das Wesen und der Charakter des antikommunistischen Pseudobegriffes „Stalinismus“

von Anton Kaute

Quelle: TA

 

Im Kampf gegen den Kommunismus richteten und richten seine Feinde ihre Hauptanstrengungen stets gegen solche Wesensmerkmale des Marxismus-Leninismus von denen sie glaubten und glauben den Sozialismus/Kommunismus am härtesten treffen zu können. Dazu gehören der Bolschewismus, das Sowjetsystem und schließlich das revolutionäre Wirken J.W. Stalins. Dabei mußten sie ein ganzes Konglomerat von Lügen, Fälschungen, Desinformationen und was es sonst noch auf dem Gebiet der Irreführung gibt, auffahren.

Die Apologeten der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die große Mehrheit der bürgerlichen Historiker die sich mit Stalin befassen, tun es in der Regel mit dem Ziel, sozialistisch-kommunistische Ideale im Interesse des Erhalts der alten aber bereits überlebten Gesellschaftsordnung zu verteufeln. In diesem Sinne konstruierten sie den doktrinären, wirklichkeitsfremden und antikommunistischen Pseudobegriff „Stalinismus“ der im zunehmenden Maße, vor allem gegen Kommunisten und den Kommunismus eingesetzt wird. Um besser zu verstehen wie das geschah, funktionierte und heute noch wirkt hilft ein Rückblick in die Geschichte.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Klassiker des Marxismus-Leninismus hatten eine große Anziehungskraft auf die Unterdrückten und Ausgebeuteten der kapitalistischen Länder ausgeübt. Selbst dem wütendsten Antikommunismus (im Bunde mit Revisionisten und Reformisten) war es bis Mitte des XX. Jahrhunderts nicht gelungen, die schnelle Verbreitung sozialistischer und kommunistischer Ideen in der Welt aufzuhalten. Auch die Große Sozialistische Oktoberrevolution hatte er nicht verhindern können, was bei aller Gefährlichkeit des Antikommunismus auch die Grenzen seines Einflusses offenbarte. Die Losung „Hände weg von Sowjetrußland“, die sich nach dem Roten Oktober 1917 Millionen Menschen aller Kontinente zu eigen gemacht hatten, verdeutlichte dies. Für die junge Sowjetunion und ihre Bürger war das von unschätzbarer Bedeutung und eine große Hilfe. Um die Menschen davon abzuhalten, sich dem sozialistisch-kommunistischen Gedankengut zu öffnen und von der Teilnahme an antikapitalistischen Aktionen fernzuhalten, benötigten und konstruierten die Antikommunisten aller Schattierungen wirksame „Argumente“ bzw. Waffen im Kampf gegen den Kommunismus. Gebraucht wurde eine schärfere Speerspitze des Antikommunismus, ein tief und lang wirkendes Todschlagsargument, vergiftetes Hirnfutter für die Unterdrückten und Ausgebeuteten in den kapitalistischen Ländern und für die Werktätigen die bereits dabei waren den Sozialismus aufzubauen. Dabei nutzten sie skrupellos aber geschickt alles aus, was sich der jungen Sowjetmacht an Schwierigkeiten aller Art in den Weg stellte. Darunter auch die Tatsache, daß im Kampf des Sowjetstaates gegen konterrevolutionäre innere und äußere Feinde auch repressive Maßnahmen angewendet werden mußten. Unter Bezug auf solche Tatbestände ist ein noch nie gekanntes Lügengebäude aufgebaut worden. Dieses richtete sich zunächst gegen Stalin und im weiteren gegen die Führungsorgane der KPdSU(B) und des Sowjetstaates, gegen die Kommunisten und den Kommunismus insgesamt. Ein bewußt zusammengeführtes Gemenge von Entstellungen, Falschaussagen, aus dem Zusammenhang gerissene Fakten und nicht bewiesene Behauptungen das den Menschen seit Jahrzehnten eingetrichtert wird, hat dazu geführt, daß das Wort „Stalinismus“ starke Emotionen auslöst. Bei vielen Menschen verbinden sich damit Vorstellungen vom blutrünstigen Diktator, des grausamen „roten Terrors“, des Millionenfachen Massenmordes an unschuldigen Menschen. So katastrophal, wie sich die ideologische, politische und psychologische Totschlagskeule namens „Stalinismus“ in den vergangenen Jahrzehnten auf die kommunistische- und Arbeiterbewegung auswirkte, erfüllt sie auch heute noch den erwünschten Zweck.

Die dem „Stalinismus“ zugewiesene Funktion besteht vor allem in der Brechung des antiimperialistischen Widerstandes, in der Diskreditierung des konsequentesten Kampfes gegen imperialistische Kriegspolitik und zur Rechtfertigung der kapitalistischen Ausbeuterordnung. Es soll ablenken von der Tatsache, das die kapitalistische Profitwirtschaft den einfachen Menschen bereits ein Meer  von Blut und kaum vorstellbares Leid gebracht hat. Die Erfahrungen haben gezeigt, daß immer dann, wenn Feinden und Gegnern des Sozialismus/Kommunismus die Argumente ausgehen, sie den „Stalinismus"-Knüppel hervorholen. Hinter der lauthalsen „Kritik" an Stalin ist aber deutlich die Absicht erkennbar, die Werte und Ziele zu diskreditieren, denen er dreißig Jahre an der Spitze der KPdSU(B) und des Sowjetstaates gedient hat. Stalin wird bespuckt, weil die sozialistischen/kommunistischen Ideen und ihre Träger bespuckt werden sollen. Aber so wie sich Stalins persönliche Interessen mit den Interessen der sozialistischen Revolution deckten, steht heute die Wertung Stalins in engem Zusammenhang mit der Geschichte und der Zukunft des Sozialismus/Kommunismus.

An der zweckbestimmten Schaffung des durch und durch verlogenen Pseudobegriffes „Stalinismus“ haben viele „Kremelforscher“, bürgerliche Ideologen, Historiker und Politiker der kapitalistischen Welt ihren Anteil. Aber auch Renegaten und andere Feinde der Sowjetmacht in der Sowjetunion selbst bzw. aus dem Ausland widmeten sich dieser unrühmlichen, niederträchtigen Politik. Es ist eine Tatsache, daß zu den ersten, die das Wort „Stalinismus“ im hetzerischen, kriminalisierenden Sinne gebrauchten, Trotzki gehörte. Jener Mann, der sich schon zu Lebzeiten in seiner fraktionellen, parteifeindlichen Tätigkeit von seinem persönlichen Hass gegen Stalin leiten ließ. Trotzki war es, der allen, die sich dafür interessierten (und das waren viele in den kapitalistischen Ländern) aber auch unter den in der Sowjetunion verbliebenen Feinden der Sowjetmacht), politische Munition gegen die Lenin-Stalinsche Partei und Stalin als Persönlichkeit lieferte. Viele, die Stalin als Verbrecher darstellten, berufen sich auf Trotzki, als könne er Kronzeuge sein. Doch welchen Wert haben Aussagen eines Kronzeugen, der so abgrundtief von persönlichem Haß gegen den „Beschuldigten" erfüllt ist? Trotzki hatte es u.a. nie verwinden können, daß, den bewaffneten Aufstand im Oktober 1917 betreffend, nicht er sondern Stalin in die militärische Führungsgruppe, die den Aufstand leitete, bestimmt wurde. Er konnte sich auch nicht damit abfinden, daß ihm Stalin während der Konterrevolution und der ausländischen Intervention (als Trotzki Oberbefehlshaber der Sowjetarmee war) von Lenin persönlich in mehreren Fällen als Kontrolleur vorgesetzt wurde und daß 1922 auf dem XI. Parteitag der KPR(B) nicht er, sondern Stalin zum Generalsekretär des Zentralkomitees gewählt wurde. Trotzkis Haß-, Hetz- und Schmähschriften, die er speziell Stalin „widmete", dienten und dienen noch heute als „Quellenlagerstätte", aus der ungezählte antikommunistische Historiker nach Herzenslust schöpfen. Doch diese Quellen sind, wie nicht anders zu erwarten, in hohem Maße vergiftet.

Auch manche „demokratischen Sozialisten", ja sogar sogenannte Kommunisten, sprechen davon, daß man Stalins „Verbrechen", seine „Massenmorde", seinen „Verrat am Marxismus-Leninismus" usw. hart kritisieren muß. Allerdings wollen sie es „von links" tun; und sie glauben ernsthaft, das sei etwas anderes - wohl besseres - als das, was von rechts mit dem kriminalisierenden Schlagwort „Stalinismus" beabsichtigt wird. Doch sie sagen nicht, worin der Unterschied besteht. Ob Antikommunismus von „links" oder von rechts, im Grunde bleibt sich das wohl gleich. Darauf hat bekanntlich schon Lenin hingewiesen.

Es ist an der Zeit, daß die fortwährend unheilvoll, vor allem auf die kommunistische Weltbewegung wirkende „Stalinismus“-Konstruktion entschieden bekämpft wird; nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt nicht halbherzig, sondern offensiv mit Herz, Verstand und ganzer Kraft. Aufbauend auf Tatsachen, im Interesse der Wahrheit und mit ihr gilt es, den Menschen aller Generationen ein reales Geschichtsbild über die „Zeit unter Stalin" zu vermitteln. Natürlich erfordert das die gesamte „Stalinismus“-Konstruktion, und nicht nur das Lügengewebe, welches um Stalins Person gewoben wurde, zu durchleuchten. Der „Begriff" als solcher gibt den Menschen weder Wissen über Stalin noch Verständnis für die sogenannte Stalin-Ära. Die Machwerke des „Stalinismus" das kann nicht oft genug betont werden, haben alle nur das Ziel, Stalin als Verbrecher abzustempeln, um den Sozialismus/Kommunismus zu diskreditieren. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele grober Verunglimpfungen und Verketzerungen von Menschen und gesellschaftlichen Bewegungen, die sich dem Fortschritt verschrieben hatten. Aber wie dies im Falle Stalins und der Kommunisten geschah und geschieht, dürfte jedoch seinesgleichen suchen. Es geht letztlich nicht nur um eine Person, um einen Menschen, - und sei er auch noch so bedeutungsvoll in der Geschichte -, sondern um entschieden mehr: So zum Beispiel um die historische Wahrheit über die Entstehung, Gestaltung und die Verteidigung des ersten sozialistischen Staates der Arbeiter und Bauern in der Geschichte der Sowjetunion und anderer sozialistischer Länder. Es geht um die wirklichen Ursachen für die Niederlage des Sozialismus, die Benennung des Verrats und der Verräter und um den künftigen Weg zum Sozialismus/Kommunismus. Auch in Bezug auf Stalin sollte gelten: Wer die Geschichte fälscht, verursacht ebenso Unheil wie ein Kartograph, der falsche Karten für die Navigation anfertigt. Wer es bewußt tut, begeht ein Verbrechen an der Geschichtsschreibung.

Natürlich birgt das Bemühen, Anschuldigungen gegen Stalin hinterfragen zu wollen, die „Gefahr" in sich, als „linksradikal" bezeichnet und kriminalisiert zu werden. Doch hat es jemals zu etwas Gutem geführt, wenn man aufhört, nach der Wahrheit zu suchen, ihr gerecht zu werden, sie zu verteidigen? Die Zeit ist überreif, daß Kommunisten für die Darstellung und das Wirken Stalins entsprechende geschichts-wissenschaftliche Kriterien heranziehen.

Wie kaum in einer anderen Frage kommt es für das Begreifen des damit im Zusammenhang Stehenden auf den Standpunkt an. Genauer, auf den Klassenstandpunkt. Gewisse bürgerliche Historiker und Vertreter der „freien Marktwirtschaft", sprich, der kapitalistischen Gesellschaft, denen die Profitmaximierung alles und der Mensch wenig bedeutet, werden in der Regel mit keinem Argument und sei es noch so wahr und richtig von ihrer „Stalinismustheorie" abzubringen sein. Ist sie doch einer ihrer schärfsten Waffen zur Verteidigung des kapitalistischen/imperialistischen Systems. Die sogenannten Lohnabhängigen jedoch, soweit sie nicht schon vollkommen vom Kapital korrumpiert sind, können den Weg zur Überwindung der antikommunistischen „Stalinismus“-Lüge finden und begehen. Voraussetzung dafür ist natürlich, daß sie sich vom Standpunkt der Arbeiterklasse leiten lassen, der die Bereitschaft einschließt, die Wahrheit zu suchen.

Kommunisten dürfen sich nicht an der Schande des Verrates gegenüber einem der bedeutendsten proletarischen Revolutionäre, einem Führer der internationalen kommunistischen Bewegung beteiligen in dem sie sich zur Bedienungsmannschaft des Flaggschiffes des Antikommunismus, seiner Speerspitze namens „Stalinismus“ machen.  Schließlich gibt es neben analogen Faktoren auch ein politisches Gewissen und eine kommunistische Moral. Die Wiedererstarkung der internationalen kommunistischen- und Arbeiterbewegung erfordert zwingend die Entlarvung des sogenannten „Stalinismus“. Dieser politisch-ideologische und theoretische Kampf dient der Entfernung eines vergifteten Stachels, der bewußt in den Köpfen der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung getrieben wurde. Es ist moralische Pflicht, vor allem der Kommunisten, in diesem Kampf voranzugehen.

 

Zweiter Teil

Die Rolle J. W. Stalins in der Geschichte und die reaktionären, konterrevolutionären Versuche, ihn und damit den Kommunismus zu verleumden.

Kaum jemand wird bestreiten, daß die Beschreibung der Biographien historisch bedeutender Persönlichkeiten ein wissenschaftliches Herangehen erfordert. Dies muß natürlich auch für Stalin gelten, denn wer wird schon leugnen wollen oder können, daß dieser zu den herausragendsten Menschen des vergangenen Jahrhunderts gehört. Aber leider wird bei der Analyse seines Lebens und Wirkens dieser Grundsatz all zu oft, bewußt oder unbewußt, verletzt. Ein symptomatisches Beispiel dafür ist die Tatsache, daß Entscheidungen, die Stalin zu treffen hatte oder die unter seiner Führung in den obersten Partei- und Staatsorganen getroffen werden mußten, häufig unter Mißachtung dialektischer und historischer Zusammenhänge bewertet werden. Vieles, was über Stalin gesagt und geschrieben wurde und wird, ist von Einseitigkeit geprägt und hält auch anderen wissenschaftlichen Kriterien nicht stand.

Um das Leben J. W. Stalins umfassend zu beschreiben, wäre es zweckmäßig, seinen Kinder- und Jugendjahren entsprechende Aufmerksamkeit zu widmen. Doch angesichts der Notwendigkeit, die vielen Verleumdungen, denen er als führender Bolschewik, sozialistischer Revolutionär, Politiker und Staatsmann ausgesetzt war, als Lügen zu entlarven, muß der Schwerpunkt auf diesen Abschnitt seines Lebens gelegt werden. Deshalb zu seinen Kinder- und Jugendjahren nur das Wichtigste.

Josef Wissarionowitsch Stalin, geboren am 21. Dezember 1879 in der georgischen Stadt Gori, war der Sohn eines georgischen Bauern und Schuhmachers. Seine Mutter entstammte einer leibeigenen Bauernfamilie. Im Alter von neun Jahren wurde er 1888 in die geistliche Elementarschule von Gori aufgenommen, die er 1894 abschloß. Im gleichen Jahre wurde Stalin Schüler eines geistlichen griechisch-orthodoxen Seminars in Tiflis. Diese Seminare waren damals Diskussionsstätte für Befreiungsideen verschiedener Art, darunter auch marxistisch-internationalistische. Das in Stalin Widerspruch und Empörung hervorrufende Jesuitenregime im Seminar nährte und verstärkte in ihm die revolutionäre Gesinnung. Auf eine diesbezügliche Frage des deutschen Schriftstellers Emil Ludwig hatte sich Stalin dazu geäußert: „Aus Protest gegen das schändliche Regime und die jesuitischen Methoden die im Seminar angewandt wurden, war ich bereit Revolutionär zu werden und wurde tatsächlich Revolutionär, ein Anhänger des Marxismus, dieser wahrhaft revolutionären Lehre.“1)

Stalin wurde wegen Propagierung des Marxismus im Mai 1899 aus dem Seminar ausgeschlossen, nachdem er bereits ein Jahr vorher Mitglied der SDAPR geworden war. Er machte sich mit den grundlegenden Werken von Marx, Engels und Lenin vertraut. Der Kreis seiner theoretischen Interessen wurde immer umfassender. Er studierte Philosophie, Politische Ökonomie, Geschichte, Naturwissenschaften und las Werke der Klassiker der schöngeistigen Literatur. Zur Zeit der russischen Revolution von 1905 war Stalin bereits ein vielseitig gebildeter Marxist.

Nachdem sich Lenin und Stalin 1903 erstmals persönlich kennengelernt hatten, wurden beide enge Gefährten, besonders im Kampf um den Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Als Schüler Lenins stand Stalin über drei Jahrzehnte an der Spitze der KPdSU(B) und des ersten sozialistischen Staates der Arbeiter und Bauern in der Geschichte. Eine solche Persönlichkeit und diese Periode, in der marxistisch-leninistische Theorie erstmals in die Praxis umgesetzt und sozialistische Geschichte geschrieben wurde, können nicht aus dem Bewußtsein gestrichen werden, schon gar nicht aus dem Klassenbewußtsein von Kommunisten. Wer das Leben Stalins zu werten versucht, darf nicht vergessen, daß er entscheidend zur Entstehung des ersten sozialistischen Staates der Arbeiter und Bauern in der Geschichte beigetragen hat, in dem nicht Kapitalisten oder andere Ausbeuter die Politik bestimmten. Als er illegal, von der Geheimpolizei des Zaren stets gejagt, mehrmals eingekerkert und verbannt, gegen die zaristische Selbstherrschaft, für die Menschenrechte aller Geknechteten kämpfte, galt Rußland noch als das Land der Bastschuhe und Analphabeten. In historisch sehr kurzer Zeit nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution war die Sowjetunion unter den schwierigsten Umständen, trotz der faschistischen Aggression, gegen die sie sich verteidigen mußte, zu einer wissenschaftlichen, industriellen, kulturellen und militärischen sozialistischen Großmacht geworden. Dank der Sowjetunion entstand nach dem Zweiten Weltkrieg ein Weltsystem sozialistischer Staaten. Die Sowjetunion hatte einen bedeutenden Anteil an der Beseitigung des unmenschlichen imperialistischen Kolonialsystems.

Viele Völker konnten sich dank der Unterstützung durch die sozialistische Weltmacht von den Fesseln kolonialer Unterdrückung befreien. Selbst die „Arbeitnehmer“ in den kapitalistischen Ländern verdanken viele ihrer sozialen Errungenschaften, die sie sich erkämpften, in beträchtlichem Maße der Existenz der Sowjetunion und der sozialistischen Staatengemeinschaft. All dies ist mit Stalins Namen untrennbar und unauslöschlich verbunden. Der Niedergang und der Sturz des Sozialismus in der Sowjetunion und in Europa begann bzw. erfolgte nicht in den Jahren zwischen 1917 und 1953. Im Gegenteil, in dieser Periode feierte er seine größten Triumphe.

Vernunftbegabte Historiker gehen davon aus, daß der Schlüssel zum Verständnis für das Handeln von Personen, die eine besondere Rolle in der Geschichte gespielt haben, in den objektiven Bedingungen ihrer Zeit zu suchen sind. Warum soll das nicht auch für Stalin gelten? Eine gerechte wissenschaftliche Bewertung seines Wirkens in den Verstrickungen seiner Zeit erfordert es, ihr die Biographie Stalins in ihrer Gesamtheit und im Gesamtzusammenhang mit den inneren und äußeren Bedingungen der Sowjetunion und der KPdSU(B) zugrunde zu legen. Und was gehört u.a. zu den Bedingungen, unter denen Stalin und die sowjetische Führung handeln mußten? Zu den Bedingungen gehörte, daß es notwendig war, in kürzester Zeit den Bildungsstand der Menschen und die Wirtschaft, insbesondere die Schwerindustrie, so zu entwickeln, daß ein ständig wachsendes Lebensniveau der Sowjetbürger und die zuverlässige Verteidigungsfähigkeit des Landes gegen imperialistische Aggressionen sichergestellt werden konnte. Stalin selbst faßte dieses Problem in einer Rede am 4. Februar 1931 vor Wirtschaftsfunktionären so zusammen: „Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt.“A)

Und mit welchen Kadern war das alles zu bewältigen, da der alte Staatsapparat vollständig zerschlagen werden mußte? Menschen in leitenden Positionen, die alle Voraussetzungen für die Bewältigung der wichtigsten Vorhaben aller Zeiten besaßen, waren äußerst rar. Dazu kommt ein Aspekt, dem oft zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet worden ist.

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution in Rußland hatte in ihren Sog nicht nur ehrliche, dem Sozialismus zugewandte und ihm ergebene Menschen hineingezogen, sondern auch Trittbrettfahrer aller Art: Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Anarchisten, bezahlte und verkappte Agenten. Auch Kriminelle, getarnt als Revolutionäre, nutzten ihre „Chance". Selbst Leute wie Trotzki, die noch bis kurz vor der Revolution in politischer Gegnerschaft zu Lenin standen (und wie sich herausstellte in entscheidenden Fragen auch danach), mußten in das Räderwerk der Revolution und ihrer Verteidigung eingebaut werden. Ohne Kontrolle, Mißtrauen und Härte war da keine Hoffnung auf Erfolg. Sollte die Forderung nach Verwirklichung der Diktatur des Proletariats in all ihren Bestandteilen und Wesensmerkmalen, wie das von Marx, Engels und Lenin herausgearbeitet wurde, nicht Schall und Rauch bleiben, bedurfte es Menschen, die bereit waren, sich dieser Aufgabe ohne Wenn und Aber zu stellen. Lenin war das wohl bewußt. Deshalb entsandte er u.a. Stalin an fast alle Brennpunkte und betraute ihn mit den kompliziertesten Aufgaben und Funktionen. Überall, wo an der Front des Bürgerkrieges eine ernste Gefahr drohte, wurde Stalin hingeschickt. Zwischen 1918 und 1920 war er der einzige, den das ZK der Partei von einer Front an die andere, an die für die Verteidigung der Revolution kritischsten Stellen entsandte. Im Laufe von zwei Jahren ging Stalin nacheinander an die Front von Zaryzin, an die Front bei Perm, an die Front von Petrograd, an die Westfront, an die Südfront, an die polnische Front im Gebiet von Shitomir und wieder an die Südfront. „Wenn irgendwo die Rote Armee wankte, wenn die konterrevolutionären Kräfte größere Erfolge hatten, wenn die Erregung und die Spannung in Katastrophen umzuschlagen drohten, immer dann tauchte Stalin auf. In Nächten ohne Schlaf organisierte er, nahm die Leitung in die Hand, brach Widerstände und führte die Wende herbei."2)

Kein anderer aus der näheren Umgebung Lenins war zu dessen Lebzeiten mit so vielen wichtigen Funktionen betraut wie Stalin. Er war, um nur einige zu nennen: Mitglied des Zentralkomitees der Partei und seines Politbüros, Mitglied der Leitungsgruppe zur Führung des Aufstandes (Oktober 1917), Vorsitzender des Organisationsbüros des Zentralkomitees (wichtigstes kollektives Organ nach dem Polit-Büro), Volkskommissar für Angelegenheiten der Nationalitäten und Vorsitzender der Arbeiter- und Bauerninspektion. Nach dem XI. Parteitag der KPR(B) wählte das Plenum des Zentralkomitees auf Lenins Vorschlag hin Stalin zum Generalsekretär des Zentralkomitees (3. April 1922). Das ist die nachprüfbare Wahrheit. Und wie bereits erwähnt, nicht irgendwer beauftragte Stalin mit diesen für den Sieg über die Konterrevolution und die Sicherung des weiteren sozialistischen Aufbaues so bedeutsamen Aufgaben, sondern das Zentralkomitee der Partei und in den meisten Fällen Lenin persönlich. Würde Lenin so gehandelt haben, wenn er daran gezweifelt hätte, daß Stalin ein konsequenter Kämpfer für den endgültigen Sieg der sozialistischen Revolution und ihr entschiedener Verteidiger war? Die Sympathie Lenins für seinen Schüler und Kampfgefährten Stalin entstammte übrigens nicht erst aus den Revolutionstagen und den Jahren danach. In einem Brief an Maxim Gorki hatte er Stalin z.B. bereits 1913 als seinen „prächtigen Georgier“ bezeichnet.3)

Stalin wurde im Verlauf der Jahrzehnte vieler und unvorstellbarer Verbrechen bezichtigt. Hat er sie wirklich begangen? Bekannt ist, daß Lebensumstände (jahrelanger illegaler Kampf gegen die zaristische Selbstherrschaft, Verrat durch engste Mitarbeiter, Erfahrungen mit dem weißen Terror u.a.) verbunden mit dem unbeugsamen Willen, den sozialistischen Aufbau zu sichern, bei ihm zu Härte und Strenge geführt hatten. Er selbst sagt dazu: „Als die Bolschewiki zur Macht gelangt waren, ließen sie anfangs gegenüber ihren Feinden Milde walten. Die Menschewiki bestanden weiter legal und gaben ihre eigene Zeitung heraus. Die Sozialrevolutionäre bestanden ebenfalls weiter legal und hatten eine eigene Zeitung. Sogar die Kadetten gaben ihre Zeitung weiter heraus.

Als General Krasnow seinen konterrevolutionären Marsch auf Leningrad unternahm und uns in die Hände fiel, hätten wir ihn aufgrund der Kriegsverhältnisse in Gefangenschaft behalten können; mehr noch, wir hätten ihn erschießen müssen. Wir aber haben ihn auf sein ‚Ehrenwort’ hin freigelassen. ... Derselbe Krasnow, den wir auf sein ‚Ehrenwort’ hin freigelassen hatten, organisierte die weißgardistischen Kosaken. Er vereinigte sich mit Mamontow und führte zwei Jahre lang einen bewaffneten Kampf gegen die Sowjetmacht. Wir überzeugten uns davon, welchen Fehler wir begangen hatten, als wir Milde walten ließen.“4)

Soweit Stalin persönlich über Milde und Härte. Man muß kein Hellseher sein, um zu verstehen, daß es angesichts der Gefahren, die dem jungen Sowjetstaat von allen Seiten drohten und die von konterrevolutionären Aktivitäten im Inneren der Partei noch verstärkt wurden, ein schmaler Grat war zwischen notwendiger Härte, Unduldsamkeit und Verantwortung einerseits und Gerechtigkeit in jedem Falle. Das interessiert aber Stalins Gegner nicht. Um ihn zu diskreditieren, wird nach dem Prinzip vorgegangen, daß der Zweck die Mittel heiligt. Die Methoden, derer man sich bedient, um Stalin zum blutrünstigen Diktator und Verbrecher zu stempeln, sind vielfältig und skrupellos. Vor keinen Gemeinheiten aller Art wird zurückgeschreckt. Nie in der Geschichte ist Leichenfledderei in einem solchen Ausmaß geübt worden, wie an diesem Menschen.

Bei der Einschätzung bzw. Darstellung charakteristischer Eigenschaften Stalins, seiner Auffassungsgabe, Befähigung etc. gehen die Feststellungen der „Stalinbiographen“ so weit auseinander, daß schon aus diesem Grunde die Unseriösität solcher Erkenntnisse deutlich wird. Hier findet man alles: Er sei einfältig und dumm, unfähig, mittelmäßig, sehr intelligent, gerissen und hinterhältig, listig und blutrünstig, grausam, geisteskrank, machtgierig, eifersüchtig, kalt berechnend, rachsüchtig und (nach Solschenizyn) ein boshafter Idiot gewesen. Selbst Bauernschläue und die Art eines netten Großvaters billigt man ihm zu. Aber wie er sich auch gibt und was er tut, letztlich geschieht alles nur zur Tarnung seiner „kriminellen“ Ziele. Tat Stalin etwas Gutes, dann war es Heuchelei, eine hinterhältige Falle. Machte er einen Fehler, war er sowieso ein Verbrecher. Wie hätte Stalin handeln sollen, um bei seinen Feinden als „anständiger Mensch“ zu gelten? Stalin werden oft niedere Beweggründe für sein Wirken unterstellt. Alles wird ihm zum Nachteil ausgelegt.

Seine umsichtige, bedächtige Art, sein Vermögen zuzuhören sind natürlich auch reine Taktik. Selbst das konsequente Eintreten Stalins für die strenge Ahndung von Vergehen hoher Staats- und Parteifunktionäre gegen die sowjetische Gesetzlichkeit war angeblich nur eine rein taktische Variante zur Verschleierung machtbesessener krimineller Absichten, im besonderen zur Beseitigung unliebsamer Konkurrenten. Der ehemalige USA-Botschafter in der Sowjetunion J. E. Davies ist da allerdings anderer Meinung. Er schreibt in seinem Buch „Als USA-Botschafter in Moskau“ (Zürich 1943) u.a.: „Er [Stalin] gilt durchweg als ein sauber lebender Mensch, bescheiden, zurückhaltend, zielbewußt, ein Mann von eingleisigem Denken, dessen Sinnen und Trachten auf den Kommunismus und die Hebung des Proletariats gerichtet ist. ... Er hat einen gescheiten Humor. Und einen großen Geist. Scharfsinnig, durchdringend klug und vor allem, so empfinde ich ihn, weise. Wenn Du Dir eine Persönlichkeit ausmalen kannst, die in allen Stücken das volle Gegenteil von dem ist, was der rabiateste Stalingegner sich auszudenken vermöchte, dann hast Du ein Bild dieses Mannes“.5)

1) J.W. Stalin Werke Band 13 S. 103

2.)Henri Barbusse, „Stalin-Eine neue Welt“. Rotfront-Reprint Berlin 1996 (Nachdruck) S.68

3) W.I. Lenin, „Briefe an Gorki“, 1908-1919. Wien 1924; S. 74.

4) J.W. Stalin, Werke, Bd.13, Berlin 1955, S. 96.

5) J.E. Davies, „Als USA-Botschafter in Moskau“, Zürich 1943, S. 147, 276.

A  (Stalin, Werke, Bd.13, S. 36).

 

Dritter Teil

Um Stalin als hervorragenden Revolutionär, Arbeiterführer und Staatsmann in den Augen der Weltöffentlichkeit zu demontieren, scheuen seine Gegner und Feinde keine Mittel. Besonders grobe Lügen, welche über ihn verbreitet worden sind, stehen, wie bereits erwähnt, im Zusammenhang mit den persönlichen Lenin-Stalin-Beziehungen. Insbesondere Stalins Gegner aus dem Lager der Renegaten und Revisionisten waren und sind es, die über das Verhältnis der beiden Parteiführer und Staatsmänner solche Lügen in Umlauf setzen. So z.B. jene, daß Lenin als sogenannten zweiten Mann und eigentlichen Stellvertreter nicht Stalin sondern Trotzki betrachtet hätte. Aber man lese nur die verschiedenen Schriften Lenins. Es ist wohl wahr, daß der Name Trotzki in ihnen öfter genannt wird als Stalin. Nur: Stalins Namen erwähnt Lenin bis auf verschiedene kleine Ausnahmen im positiven Sinne, während er sich mit Trotzki überwiegend negativ kritisch auseinandersetzen muß. Und dies nicht nur in der Zeit vor der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, als Trotzki generell auf der Lenin entgegengesetzten Seite stand, sondern auch für die Zeit nach dem Roten Oktober.

Im „Brief an den Parteitag" bescheinigt ihm Lenin sogar, nie Bolschewist gewesen zu sein. Und diesen Trotzki sollte Lenin sich als „zweiten Mann", als Stellvertreter oder Nachfolger auserkoren haben? Das ist schon mehr als lächerlich. Außerdem: Warum hat Lenin im April 1922, als es erforderlich war, in einer äußerst schwierigen Situation die Kampfkraft der Partei zu erhöhen, Stalin und nicht Trotzki zum Generalsekretär des ZK vorschlagen? Stalins Weg führte über den gefährlichen illegalen Widerstand gegen die zaristische Selbstherrschaft und über ein intensives Studium des Marxismus-Leninismus direkt an die Seite Lenins, dessen treuer Schüler er war. Trotzki indessen ist ideologisch fast überall zu Hause gewesen. Er war Freimaurer, Zentrist, ein bißchen Sozialrevolutionär und schwankte hin und her. Zum Schluß gab er sich als Bolschewik aus.

Immer wieder neu aufgewärmt wird auch die Behauptung, Stalin sei vom Leninschen Weg abgewichen und habe den Marxismus-Leninismus verfälscht. Aber warum sollte gerade er, der von Anfang an stets zu Lenin gehalten hat, der nie ernsthaft geschwankt hat, dessen ideologischen, theoretischen und politischen Positionen zu beziehen und zu verteidigen, warum sollte gerade Stalin, der anläßlich Lenins Tod den bekannten Schwur geleistet hatte, sein Vermächtnis wie den eigenen Augapfel zu hüten, Verrat an Lenin geübt haben? Doch der Vorwurf liegt auf dem Tisch: So wird behauptet, Stalin habe die These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Land „erfunden" und bereits dadurch die Grundlagen für sein Scheitern gelegt. Dies ist in zweierlei Hinsicht falsch.

Erstens: Wäre er wirklich der „Urheber" dieser richtigen Erkenntnis, würde ihm das durchaus zur Ehre gereichen. Sie hat sich ja in der Praxis als richtig erwiesen. Nicht die Tatsache, daß unter den damaligen Umständen der Sozialismus in einem Land (Rußland) siegen konnte, ist Schuld an seiner Niederlage nach mehr als 70 Jahren. Die sozialistische Gesellschaftsordnung war ja Anfang der fünfziger Jahre in der Sowjetunion und in Europa insgesamt (trotz aller Unvollkommenheit) schon so fest verwurzelt, daß nur unglaublicher und kaum für möglich gehaltener revisionistischer Verrat von führenden „Kommunisten" das Werk der Zerstörung hervorbringen konnte. Womit nicht in Zweifel gestellt werden soll, daß auch andere Faktoren „im Spiel" waren.

Zweitens: Die Erkenntnis, daß unter Umständen der Sozialismus auch in einem Lande siegen kann, stammt nicht von Stalin, sondern von seinem Lehrmeister und Kampfgefährten Lenin. In seiner Schrift „Das Militärprogramm der proletarischen Revolution" schreibt Lenin: „Die Entwicklung des Kapitalismus geht höchst ungleichmäßig in den verschiedenen Ländern vor sich. Das kann nicht anders sein bei der Warenproduktion. Daraus die unvermeidliche Schlußfolgerung: Der Sozialismus kann nicht gleichzeitig in allen Ländern siegen. Er wird zuerst in einem oder einigen Ländern siegen, andere werden für eine gewisse Zeit bürgerlich oder vorbürgerlich bleiben."1)

Stalin sei der „Erfinder" der These, daß sich der Klassenkampf im Verlauf des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaft zeitweilig verstärkt und er habe damit die Begründung bzw. den Vorwand für die Repressionen in den zwanziger und dreißiger Jahren geschaffen, lautet eine weitere Behauptung. Eigentlich beweist dies nur, daß jene, die sie aufstellen, Lenin nicht kennen. Denn dieser war es, der die folgenden Sätze schrieb: „Die Aufhebung der Klassen ist... das Werk eines langwierigen, hartnäckigen Klassenkampfes, der noch nach dem Sturz der Macht des Kapitals, nach der Zerstörung des bürgerlichen Staates, nach der Aufrichtung der Diktatur des Proletariats nicht verschwindet (wie sich manche Flachköpfe vom alten Sozialismus und von der alten Sozialdemokratie einbilden), sondern nur seine Form ändert und in vieler Hinsicht noch erbitterter wird."2)

An anderer Stelle nimmt Lenin zu diesem Problem noch ausführlicher Stellung. Er schreibt u.a.: Wenn in den ersten Momenten nach dem Oktober viele naive Leute so dumm waren zu glauben, die Diktatur des Proletariats wäre etwas Vorübergehendes, Zufälliges, so müßten doch jetzt sogar die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre begreifen, daß es eine Gesetzmäßigkeit gibt in dem Kampf, der unter dem Ansturm der gesamten internationalen Bourgeoisie ausgefochten wird. In der Praxis haben sich nur zwei Kräfte herausgebildet: die Diktatur der Bourgeoisie und die Diktatur des Proletariats. Wer das beim Lesen von Marx nicht begriffen hat, der ist nie Sozialist gewesen, hat nichts vom Sozialismus begriffen, hat sich nur Sozialist genannt.... In der kapitalistischen Gesellschaft hat sich der Kampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat entwickelt. So lange dieser Kampf noch nicht beendet ist, wird unsere Aufmerksamkeit vor allem darauf konzentriert sein, ihn zu Ende zu führen. Er ist noch nicht zu Ende geführt."3)

Wer sich, nicht nur oberflächlich, mit dem Wirken Lenins und Stalins vertraut gemacht hat, wird feststellen, daß beide wußten: in bestimmten Formen geht der Klassenkampf selbst durch die Reihen der Partei. Das hatten Lenin und Stalin stets beachtet, als sie darauf verwiesen, daß im Verlaufe des sozialistischen Aufbaus, unter den Bedingungen der Noch-Existenz des kapitalistischen Weltsystems der Klassenkampf bestehen bleibt und sich teilweise noch verstärkt. Revisionisten (Revisionismus), Opportunisten (Opportunismus) in der Partei, das hieß bürgerliche Ideologie und Politik in der Partei als Formen des gegen das Proletariat geführten Klassenkampfes - und zwar unabhängig davon, ob sich deren Träger immer dessen bewußt waren. Natürlich mußte dagegen angekämpft werden. Insbesondere aus diesem Grunde legte Lenin, wie kein anderer, wert auf die Erhaltung und Festigung der Einheit der Partei entsprechend dem beschlossenen Statut und Programm der Partei, die unverkennbar seine Handschrift trugen.

In einer Resolution des Parteitages fordert Lenin, daß mit der Opposition grundsätzlich Schluß gemacht werden muß und er begründete diese Auffassung ganz konkret. Den Vorstellungen Lenins über den Charakter der Partei zufolge dürfe es in ihr keine Plattformen, Fraktionen, Gruppenbildungen geben, sondern nur das eine: Einheit und nochmals Einheit. Lenin war es dann auch, der dem X. Parteitag des KPR(B) die bekannte Resolution über die Einheit der Partei zur Beschlußfassung vorgeschlagen hatte, in der es u.a. heißt: „Der Parteitag ordnet die sofortige Auflösung ausnahmslos aller Gruppen an, die sich auf der einen oder anderen Plattform gebildet haben, und beauftragt alle Organisationen, strengstens darüber zu wachen, daß keinerlei fraktionelle Kundgebungen zugelassen werden. Die Nichterfüllung dieses Parteitagsbeschlusses zieht den unbedingten und sofortigen Ausschluß aus der Partei nach sich. Um innerhalb der Partei und der gesamten Sowjetarbeit strenge Disziplin herbeizuführen und die größte Einheit bei Ausmerzung jeglicher Fraktionsmacherei zu erzielen, bevollmächtigt der Parteitag das ZK im Falle (in Fällen) eines Disziplinbruchs oder des Wiederauflebens oder der Zulassung der Fraktionsmacherei, alle Disziplinarmaßnahmen der Partei bis zum Ausschluß aus der Partei ... in Anwendung zu bringen."4)

Ein Jahr später, im März 1922, findet der XI. Parteitag der KPR(B) statt.

Auf der konstituierenden Tagung des neuen ZK wird Stalin zum Generalsekretär des ZK der Partei gewählt. Es bedarf wohl keines großen Scharfsinns, um festzustellen, warum gerade auf Stalin die Wahl gefallen war.

Auch in seinem oft sehr einseitig gewerteten „Brief an den Parteitag" räumte Lenin der Einheit der Partei die überragende Bedeutung ein. Selbst die charakterisierenden Bemerkungen zu einigen führenden Funktionären machte er im Hinblick auf den Erhalt der Einheit. All dies berücksichtigend formulierte J.W. Stalin dann nach Lenins Tod in seiner Rede auf dem II. Sowjetkongreß der UdSSR am 26. Januar 1924 den bekannten Schwur, in dem es u.a. heißt: „Als Genosse Lenin von uns schied, hinterließ er uns das Vermächtnis, die Einheit unserer Partei wie unseren Augapfel zu hüten. Wir schwören Dir, Genosse Lenin, daß wir auch dieses Dein Gebot in Ehren erfüllen werden."5)

Stalin wäre nicht Stalin gewesen, hätte er sich nicht in der Folgezeit mit ganzer Kraft für die Einhaltung und Erfüllung dieses Schwures eingesetzt. Das Vermächtnis Lenins über die Einheit der Partei und den im Auftrage des Zentralkomitees geleisteten Schwur Stalins mißachtend, versuchten nach Lenins Tod auch Mitglieder des ZK der KPdSU(B) immer wieder gegen Beschlüsse, hinter denen eine große Mehrheit stand, verstoßend, Fraktionen, Gruppen, oder Plattformen zu bilden, die sich gegen die Mehrheit richteten. Es ist tragisch aber wahr, daß sich an dieser Spaltungstätigkeit auch ehemalige alte Kader, die schon unter Lenin zur Parteiführung gehörten, beteiligten. Gegen die Spalter ist übrigens nicht von Anfang an hart vorgegangen worden. Jahrelang wurde (legt man Lenins Resolution des X. Parteitages über die Einheit der Partei als Maßstab an) mit ihnen mehr als behutsam umgegangen. Stalin selbst hat sich öfter den Zorn des ZK eingehandelt, weil er vorschlug, nicht zu hart gegen Spalter vorzugehen.

In seiner Rede in der Sitzung des vereinigten Plenums des ZK und der ZKK der KPdSU(B) vom 23. 10. 1927 „Die trotzkistische Opposition früher und jetzt" hat Stalin eindeutig dazu Stellung genommen.6)

Das Vorgehen gegen die Opposition mußte natürlich kompromißloser werden als sich herausstellte, daß sie nicht nur eine große Gefahr für die Kampfkraft der Partei, sondern für den jungen Sowjetstaat wurde. Vor allem, als sich bereits die dunklen Wolken des bevorstehenden Zweiten Weltkrieges am Horizont abzeichneten und mit der Möglichkeit gerechnet werden mußte, daß sich alle imperialistischen Staaten, einschließlich des faschistischen Deutschlands, gegen die Sowjetunion wenden könnten, sah es die große Mehrheit des ZK der KPdSU(B) und der gesamten Partei als an der Zeit an, dem leninschen Vermächtnis entsprechend, konsequenter mit den parteifeindlichen Fraktionen, Plattformen und Gruppen, die sich bewußt oder unbewußt zu Handlangern von Feinden außerhalb der Partei und außerhalb des Landes entwickelt hatten, umzugehen. Aber da war ein Teil von Wortführern bereits zu konspirativen kriminellen Handlungen übergegangen. Daß in dieser Auseinandersetzung, die ja verflochten war mit dem Kampf gegen die noch vorhandene alte innere Reaktion und der vielfältigen ausländischen Feindtätigkeit, auch Unschuldige zu Schaden kamen, ist unumstritten. Nach dem, was bereits über den Kampf um die Einheit der Partei gesagt wurde, müßte es für Kommunisten einleuchtend sein, daß Parteireinigungen (wie das Wort auch klingen mag) notwendig waren. Die Idee bzw. der Gedanke für die Notwendigkeit des ständigen Kampfes um die Einheit und Reinheit der Partei geht nicht von Stalin aus (obwohl er sich stets für ihn stark machte), sondern ursächlich von Lenin. Dieser war es, der sich schon auf dem II. Parteitag der SDAPR (1903), besonders in Auseinandersetzung mit Martow (zum Parteistatut, insbesondere zum § 1) für die Schaffung einer revolutionären Kampfpartei einsetzte.

In seinem Werk „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" hat Lenin die marxistische Lehre von der Partei weiterentwickelt und die Organisationsprinzipien der revolutionären proletarischen Partei ausgearbeitet. Es ist nicht zu übersehen, daß beides mit dem Ringen um die Einheit und Reinheit im engen Zusammenhang steht. Wie oft manche auch die Nase rümpfen mögen: Begründer der Partei neuen Typs war Lenin.

Die von ihm geschaffene und von Stalin verteidigte bolschewistische Partei basierte auf dem demokratischen Zentralismus, dem Organisationsprinzip der revolutionären Arbeiterpartei. Er beinhaltet die breite innerparteiliche Demokratie ebenso wie die unbedingte Verbindlichkeit der Beschlüsse der höheren Organe für die Organe und die Mitglieder, sowie die Forderung einer straffen Parteidisziplin. Damit ist auch bereits gesagt, daß, wie es die erwähnte Leninsche Resolution des X. Parteitages vorsah, mit aller Strenge gegen parteischädigende Aktivitäten aller Art vorzugehen war. Um noch einmal deutlich zu machen, daß es auch in Fragen des Kampfes um die Einheit und Geschlossenheit der Partei zwischen Lenin und Stalin keine unterschiedlichen Auffassungen gab, sei eine Bemerkung Lenins zitiert, die er im Politischen Bericht des ZK der KPR(B) an den XI. Parteitag machte:

„Wenn jemand, sei er auch von der besten Absicht geleitet, in einem Augenblick Panik verbreitet, wo wir einen unerhört schwierigen Rückzug durchführen und wo alles darauf ankommt, daß volle Ordnung gewahrt bleibt - in solch einem Augenblick muß die geringste Verletzung der Disziplin streng, hart, erbarmungslos bestraft werden, und das gilt nicht nur hinsichtlich mancher unserer innerparteilichen Angelegenheiten....7)

Fußnoten:

1) W.I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. II, Berlin 1972, S.773.
2) W.I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. V, Berlin 1972, S.133.
3) W.I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. V, Berlin 1972, S.44ff.
4) Die KPdSU(B) in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Parteikonferenzen und Plenartagungen des ZK, Teil 1, Moskau 1941 S. 364-366, russisch.
5) J.W. Stalin, Werke, Bd. 6, Berlin 1952, S. 42.
6) J.W. Stalin, Werke, Bd.10, Berlin 1953, S. 150ff.
7) W.I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. VI, Berlin 1972, S. 536.

 

Fortsetzung Teil 3 aus TA November 2006

Anton Kaute

Lenin hatte das im Zusammenhang mit der Einführung der NÖP gesagt, die einen Rückzug bedeutete, um neue Kraft zu sammeln. Aber gab es, insbesondere in den dreißiger Jahren, als die drohenden Wolken des Krieges heranzogen, nicht auch solche gefährlichen „Augenblicke"?

Aber Stalin unterstellt man nicht nur die Verfälschung der Lehren von Marx, Engels und Lenin. Wenn irgendwo und irgendwann eine namhafte Persönlichkeit auf unnatürliche Weise um ihr Leben kam, steckte angeblich immer Stalin dahinter. So z.B. bei Kirow, Trotzki, Swerdlow, Kuibischew, Frunse, Shdanow, Münzenberg. Und nicht nur das, auch mancher ausländischer Politiker oder Staatsmann, dessen Todesursache nicht ganz eindeutig geklärt war, wird auf das „Mordkonto“ Stalins geschrieben. Beweise sind in keinem der genannten Fälle vorgelegt worden.

„Stalin war machtbesessen“ lautet eine weitere verleumderische Behauptung. War er das wirklich? Und wenn, in welchem Sinne? Bewiesen ist, daß er seine ganze Persönlichkeit uneigennützig für den Sieg der sozialistischen Revolution, für die Festigung der Sowjetmacht und für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in der Sowjetunion zur Verfügung stellte. Niemals hatte er Lenins Feststellung vergessen, daß die Machtfrage letztendlich das Entscheidende für die Verteidigung der sozialistischen Errungenschaften ist. Wenn das unter Machtbesessenheit verstanden werden soll, so kann man dem nur zustimmen. Aber das meinen die Stalin-Kritiker nicht. Allgemein bekannt ist übrigens, daß Stalin zu Lenins Lebzeiten wie keine andere führende Persönlichkeit unauffällig und bescheiden im Hintergrund arbeitete. Im Rampenlicht der Öffentlichkeit standen meist andere. Er indes war vor allem mit den viel Zeit und Kleinarbeit erfordernden Problemen der Organisationsarbeit befaßt, auf die auch Lenin so großen Wert legte. „Ist die richtige politische Linie gegeben, entscheidet die Organisation alles.“ Erinnern wir uns?

Dem Vorwurf der „Machtbesessenheit" widerspricht die Tatsache, daß Stalin außerordentlich bescheiden lebte. Jeder, der viel mit Sowjetbürgern zu tun hatte (und ehrlich ist), wird anerkennen müssen, daß dies im Volk fast sprichwörtlich verankert war.

Stalin mochte es auch nicht, wenn ihm gegenüber Lobhudeleien ausgesprochen wurden. Davon zeugt u.a. ein Brief an Schatunowski. Stalin schreibt: „Sie sprachen von Ihrer Ergebenheit mir gegenüber. Mag sein, daß Ihnen diese Worte nur zufällig entschlüpft sind. Mag sein. Sollten Ihnen jedoch diese Worte nicht zufällig entschlüpft sein, so würde ich Ihnen raten, das ‚Prinzip’ der Ergebenheit gegenüber Personen über Bord zu werfen. Das ist nicht bolschewistische Art. Seien Sie der Arbeiterklasse, der Partei, Ihrem Staat ergeben. Das ist notwendig und gut. Aber verwechseln Sie diese Ergebenheit nicht mit der Ergebenheit gegenüber Personen, mit diesem hohlen und unnützen intelligenzlerischen Phrasengeklingel:“1)

Unvoreingenommene Kenner der Problematik wissen um die einfache, bescheidene Lebensführung Stalins, die durchaus im Einklang mit seinem immensen Arbeitseifer stand. Um diese Tugenden (wo gibt es sie heute noch beim Großteil der Politprominenz) können auch seine Gegner und Feinde keinen Bogen machen.

Es zu akzeptieren und daraus anständige Schlußfolgerungen zu ziehen, kommt heute aber selten vor. Ein makabres Beispiel bietet der Potsdamer Professor Wolfgang Ruge, der sich in Lächerlichkeiten versteigt, die kaum zu überbieten sind. Er schreibt im „Neuen Deutschland“ vom 3. April 1997 u.a.: „Zweifellos imponierte.... die vorgeschützte Bescheidenheit Stalins, der seinen Ruf der Selbstlosigkeit seit seinem Eintritt in die Partei mit wahrhaft orientalischer List gepflegt hatte." Da muß man wohl doch sagen: dümmer geht's nimmer. Stalin, der neunzehnjährig im Jahre 1898 in die Partei eintrat, beschloß sofort, in weiser Voraussicht, daß er einmal daraus Nutzen ziehen könnte, ein Leben lang Bescheidenheit vorzutäuschen! Vielleicht hat er mit „orientalischer List“ damals schon auf den Posten des Generalsekretärs des ZK der KPdSU(B) hingearbeitet? Daß ein Mensch aus ehrlichen Motiven, weil es sich für einen guten Kommunisten so gehört, selbstlos und bescheiden sein will, ist natürlich Menschen wie W. Ruge nicht vorstellbar.

Einfachheit, Bescheidenheit und Zurückstellung persönlicher Belange hinter die gesellschaftlichen Erfordernisse verlangte Stalin auch von den Partei- und Staatsfunktionären, vor allem von denen, die „ganz oben“ tätig waren. Ob das immer allen gefallen hat?

Oft gehen „Kritiker“, die sich für besonders klug halten, mit der „Entdeckung“ hausieren, daß Stalin hinsichtlich seiner Fähigkeiten als Theoretiker nicht an das Niveau Lenins heranreichte. Nun, ganz abgesehen davon, daß in Fragen der marxistisch-leninistischen Bildung keiner dieser Leute, die das vorbringen, Stalin in dieser Beziehung ebenbürtig ist, sei darauf verwiesen, daß er selbst Lenins einmalige Genialität nie in Frage gestellt hat.

Oft wies Stalin darauf hin, daß er sich nur als Schüler Lenins verstand, der sein Werk in Ehren fortsetzen wolle. Man lese und durchdenke in diesem Zusammenhang, was er im April 1932 in einer Unterredung mit dem deutschen Schriftsteller E. Ludwig äußerte: „Was mich betrifft, so bin ich ein Schüler Lenins, und das Ziel meines Lebens ist es, ein würdiger Schüler Lenins zu sein. Die Aufgabe, der ich mein Leben widme, besteht darin, den Aufstieg einer anderen Klasse zu fördern, nämlich der Arbeiterklasse. Würde nicht ein jeder Schritt in meiner Arbeit, die dem Aufstieg der Arbeiterklasse und der Festigung des sozialistischen Staates dieser Klasse gilt, darauf gerichtet, die Lage der Arbeiterklasse zu festigen und zu verbessern, so würde ich mein Leben als zwecklos ansehen.“2)

Das Bekenntnis Stalins „nur“ ein Schüler Lenins zu sein, heißt natürlich nicht, wie oft behauptet wird, sein Intellekt, seine Reden und Schriften seien primitiv und mittelmäßig gewesen. Es ist unschwer möglich, sich vom Gegenteil zu überzeugen, wenn man seine Arbeiten liest oder besser studiert. Natürlich spekulieren die Stalin-Hasser darauf, daß es möglichst wenige tun.

Es stimmt, daß Stalin nie darauf aus war, die Rednertribüne zum Parlament zu machen. Er war in seinen Reden sogar noch nüchterner als Lenin. Beim Lesen seiner Reden und anderen Ausarbeitungen kann aber leicht festgestellt werden, daß es ihm unbedingt darauf ankam, in verständlicher Form das auszudrücken, von dem er überzeugt war, um auch andere zu überzeugen. Er verstand es zu berücksichtigen, an wen seine Worte und Gedanken gerichtet waren.

Im krassen Widerspruch zu den geschichtlichen Tatsachen treten Gegner und Feinde Stalins fast regelmäßig mit der infamen Verleumdung auf, Stalin (der „Stalinismus“) habe mehr Opfer zu verantworten als Hitler und der Faschismus. Stalin und Hitler werden gleichgesetzt. Als Beweis für diese Behauptung werden u.a. die „Moskauer Prozesse“ der unmittelbaren Vorkriegszeit, mit denen ein harter Schlag gegen die in der Sowjetunion installierte „Fünfte Kolonne“ geführt worden war, angegeben. Angeblich sind diese Prozesse nur Schauveranstaltungen gegen Unschuldige gewesen. Aber viele ausländische Diplomaten, Juristen, Schriftsteller u.a., die an den Prozessen teilnahmen, z.B. auch der damalige US-Botschafter J. E. Davies, waren da anderer Meinung. Davies schrieb dazu in seinem Buch „Als USA-Botschafter in Moskau“, Zürich 1944 folgendes: „An der Erscheinung der Angeklagten war nichts Auffälliges. Sie schienen alle gut genährt und psychisch normal zu sein.“... „Die Absicht war, dem Publikum die Freiwilligkeit der Geständnisse der Beschuldigten in offener Gerichtsverhandlung glaubwürdig zu machen. Wäre diese im geheimen Verhör erfolgt oder mit der Unterschrift der Angeklagten vorgelegt worden, so hätte ihre Beweiskraft vielleicht bestritten werden können. Nun aber kann, angesichts der mündlichen Selbstanschuldigungen in offener Gerichtsverhandlung die Tatsache dieser Schuldbekenntnisse niemals in Frage gestellt werden.“... „Natürlich muß ich gestehen, daß ich ein Vorurteil gegen die Glaubwürdigkeit der Erklärungen der Angeklagten hatte....Objektive Betrachtung“ ... „ließ mich jedoch widerstrebend zu dem Schluß kommen, der Staat habe tatsächlich seine Anklage bewiesen, wenigstens insofern, als das Vorhandensein einer ausgedehnten Verschwörung und geheimer Ränke gegen die Sowjetregierung... außer Frage gestellt, und gemäß den bestehenden Gesetzen die in der Anklageschrift behaupteten Verbrechen begangen wurden und strafbar seien.“... „Wollte man behaupten, der Vorgang sei erfunden und inszeniert worden, um ein hochdramatisches politisches Schauspiel zu geben, so hieße dies, die schöpferische Genialität eines Shakespeare verbunden mit der Regiekunst eines Belascos annehmen“ ... „Alles in allem genommen würde es mir schwer fallen, mir einen Gerichtshof vorzustellen" ... „der zu einem anderen Ergebnis gekommen wäre“ ... „Ich habe mit vielen, ja mit fast allen Mitgliedern des hiesigen Diplomatischen Korps gesprochen und, mit vielleicht einer einzigen Ausnahme, waren alle der Auffassung, die Verhandlungen hätten deutlich das Vorhandensein eines politischen Geheimplanes und einer Verschwörung zum Zwecke der Beseitigung der Regierung bewiesen.“ ... „Sofort nach Schluß der Sitzungen empfing ich unsere Pressekorrospondenten, darunter Duranti, Deuel, Nutter und Bess, zu Erfrischungen in unserer Wohnung, und wir sprachen gründlich die ganze Lage durch. Sie stimmten alle einmütig der obengeschilderten Auffassung zu.“

Stalin unterdrückte angeblich Kritik, diktierte und zwang anderen rücksichtslos seinen Willen auf, haben „Stalin-Forscher“ herausgefunden. Das paßt natürlich zur Behauptung, er sei ein gewalttätiger Diktator gewesen.

Doch war das wirklich so? Unvoreingenommene Menschen, die sich bemühen, diese Behauptung z.B. anhand von Protokollen der Politbüro-Beratungen und ZK Tagungen zu prüfen, werden sagen müssen, daß die Tatsachen eine andere Sprache sprechen. Personen, die oft mit Stalin zu tun hatten (z.B. aus dem wissenschaftlichen, künstlerischen oder militärischen Bereich), waren es, die solchen Lügen widersprachen. Eine der populärsten von ihnen war der Marschall der Sowjetunion Shukow. Liest man dessen Erinnerungen aus dem Großen Vaterländischen Krieg, kann leicht festgestellt werden: Kollektivität war für Stalin von erstrangiger Bedeutung.

Im Kollektiv sah er den Platz, an dem es galt, um verbindliche Mehrheitsbeschlüsse auf der Basis marxistisch-leninistischer Grundsätze zu ringen. Allerdings kämpfte er auch energisch um die Mehrheit für Positionen, die er selbst vertrat und von deren Richtigkeit er überzeugt war. Daß Stalin mitunter auch das letzte und entscheidende Wort sagen mußte, verlangte seine Verantwortung in Partei, Staat und Gesellschaft. Es entsprach den von Lenin geschaffenen Prinzipien und Regeln in der Partei, daß jeder sich an gefaßte Beschlüsse zu halten hat.

Kritik und Selbstkritik als Entwicklungsgesetz der marxistisch-leninistischen Partei hatte zu Stalins Zeiten außerordentliche Bedeutung erlangt. Der Massenkritik von unten widmete Stalin besondere Aufmerksamkeit.

Nimmt man alles zusammen, was er zur Kritik und Selbstkritik als Voraussetzung für fruchtbare gesellschaftliche Entwicklung gesagt und geschrieben hat, würde daraus ein sehr interessantes Lehrbuch entstehen. Es ist einfach gelogen, wenn behauptet wird, Stalin selbst habe sich der Kritik und Selbstkritik entzogen. Im Gegenteil: Er hat sich diesem Prinzip, dem er so große Bedeutung beimaß, und das er förderte wie kein anderer, auch persönlich untergeordnet. Darüber gibt es genügend Belege. Interessenten seien dazu u.a. Stalins Reden auf dem Vereinigten Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B) vom 5. August 1927, in der Vollversammlung des Aktivs der Moskauer Organisation der KPdSU(B) vom 13. April 1928 und auf dem VIII. Kongreß der Kommunistischen Jugendverbände am 16. Mai 1928 sehr empfohlen.

Stalins ideologisches, theoretisches und praktisches Wirken, sein Kampf im Interesse der Arbeiterklasse und aller Ausgebeuteten hat im wissenschaftlichen Sozialismus einen würdigen Platz eingenommen. Wer das negiert oder wem das mißfällt befindet sich nicht im Einklang mit dem Marxismus-Leninismus.

1) J.W. Stalin, Werke, Bd. 13, Berlin 1955, S. 17.

2) J.W. Stalin, Werke, Bd. 13, Berlin 1955, S. 94.

 

Fünfter Teil

W. I. Lenin schrieb ein Jahr vor seinem Tode, schon schwer erkrankt, einen Brief an den bevorstehenden XIII. Parteitag der KPdSU(B). Er sprach ihn zwischen dem 23. Dezember 1923 und dem 4. Januar 1924 in das Stenogramm. In diesem Brief äußerte sich Lenin vor allem zu Fragen die den Erhalt der Einheit der Partei betrafen. Er vermittelt in diesem Zusammenhang „Erwägungen von rein persönlicher Natur“ zu Mitgliedern der Parteiführung, darunter zu Stalin und Trotzki. Von verschiedenen oppositionellen, opportunistischen und revisionistischen Kräften wurde und wird dieser Brief fälschlicherweise auch als „Testament“ bezeichnet. Jedenfalls ist er eine der wichtigsten „Säulen“ der gesamten antikommunistischen „Stalinismus“-Konstruktion.

In Lenins Brief heißt es u.a.: „...24. Dezember 1922. Unter der Stabilität des Zentralkomitees, von der ich oben gesprochen habe, verstehe ich Maßnahmen gegen eine Spaltung. ... Ich meine mit Stabilität die Garantie vor einer Spaltung in allernächster Zeit und beabsichtige, hier eine Reihe von Erwägungen rein persönlicher Natur anzustellen. Ich denke, ausschlaggebend sind in der Frage der Stabilität unter diesem Gesichtspunkt solche Mitglieder des ZK, wie Stalin und Trotzki. Die Beziehungen zwischen ihnen stellen meines Erachtens die größere Hälfte der Gefahr jener Spaltung dar, die vermieden werden könnte. ... Genosse Stalin hat, nachdem er Generalsekretär geworden ist, eine unermeßliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, daß er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen. Anderseits zeichnet sich Genosse Trotzki, wie schon sein Kampf gegen das ZK in der Frage des Volkskommissariats für Verkehrswesen bewiesen hat, nicht nur durch hervorragende Fähigkeiten aus. Persönlich ist er wohl der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK, aber auch ein Mensch, der ein Übermaß von Selbstbewußtsein und eine übermäßige Vorliebe für rein administrative Maßnahmen hat. Diese zwei Eigenschaften zweier hervorragender Führer des gegenwärtigen ZK können unbeabsichtigt zu einer Spaltung führen, und wenn unsere Partei nicht Maßnahmen ergreift, um das zu verhindern, so kann die Spaltung überraschend kommen.

Ergänzung zum Brief vom 24. Dezember 1922. Stalin ist zu grob, und dieser Mangel, der in unserer Mitte und im Verkehr zwischen uns Kommunisten durchaus erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte und jemand anderen an diese Stelle zu setzen, der sich in jeder Hinsicht von Gen. Stalin nur durch einen Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, daß er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft usw. ist.

Es könnte so scheinen, als sei dieser Umstand eine winzige Kleinigkeit. Ich glaube jedoch unter dem Gesichtspunkt der Vermeidung einer Spaltung und unter dem Gesichtspunkt der von mir oben geschilderten Beziehungen zwischen Stalin und Trotzki ist das keine Kleinigkeit, oder eine solche Kleinigkeit, die entscheidende Bedeutung erlangen kann. Lenin....Niederschrift: L.F. 4. Januar 1923.“[1]

Den Anlaß zur Ergänzung vom 4. Januar 1923 bildete ein eher banaler Streit zwischen Stalin und Lenins Ehefrau N. K. Krupskaja.

Nach Lenins Schlaganfall vom 16. Dezember 1922 hatte das ZK der KPR(B) am 18. Dezember Stalin ermächtigt, für die Einhaltung der ärztlichen Anordnungen zu sorgen. Alles, was den schwerkranken Lenin aufregen konnte, sollte vom ihm ferngehalten werden. Als Stalin bekannt wurde, daß N. K. Krupskaja gegen die ärztlichen Behandlungsvorschriften und den Beschluß des ZK verstieß, indem sie es zuließ, daß Mitglieder des Politbüros (vor allem Trotzki) die Ruhe Lenins durch Gespräche bzw. Konsultationen störten und sich von ihm Briefe diktieren ließ, kam es am 22. l2.1922 zu einem Telefongespräch zwischen Stalin und N.K. Krupskaja. Stalin hatte sie in diesem Gespräch in scharfer Form kritisiert und ihr Vorwürfe gemacht. Er wies sie auf die ärztlichen Verordnungen und den Beschluß des ZK der Partei hin, die im Interesse der Genesung Lenins festgelegt bzw. gefaßt worden waren.

Aus einem Brief N. K. Krupskajas an L. B. Kamenew, den sie am 23. 12. 1922 schrieb geht hervor, daß auch die ZKK als oberstes Kontrollorgan der Partei die Einhaltung des ZK-Beschlusses forderte. Im Brief N. K. Krupskaja an Kamenew hieß es u.a.: „Lew Borisowitsch, wegen des kurzen Briefes, den mir Wladimir Iljitsch diktiert hat, erlaubte sich Stalin mir gegenüber gestern einen groben Ausfall. ... Worüber man mit Iljitsch reden kann, weiß ich besser als jeder Arzt.... An den einstimmigen Beschluß der Kontrollkommission, mit dem Stalin zu drohen sich erlaubte, zweifle ich nicht. ...“[2]

 So weit der Sachverhalt, der der Auslöser für die Ergänzung, die Lenin am 4. Januar 1923 im „Brief an den Parteitag“ vornahm, war.

Es sei schon an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht, daß sich die in der Ergänzung zum Brief vom 24. 12. 1922 gemachten Aussagen Lenins (die Stalin betreffen) im krassen Gegensatz zu seinen früheren Äußerungen befinden. Um diesen klären zu können, muß folgender Frage nachgegangen werden: Welche Rolle hatten in diesem Zusammenhang die Gespräche gespielt die Trotzki mit Lenin am Krankenbett führte, während Stalin, der Generalsekretär, bemüht war, der großen Verantwortung, die nun auf seinen Schultern lastete, gerecht zu werden?

Noch auf dem XI. Parteitag der KPR(B) im April 1922 schlug Lenin seinen Schüler Stalin für die Wahl zum Generalsekretär des ZK der Partei vor (acht Monate vor dem Entstehen des „Briefes an den Parteitag“).

Auf eben diesem XI. Parteitag hatte Lenin seinen Kampfgefährten Stalin mit folgenden Worten gewürdigt: „Wir brauchen einen Menschen, zu dem jeder beliebige Vertreter einer Nation kommen kann, um ihm ausführlich zu eröffnen, was er auf dem Herzen hat. Wo ist ein solcher Mensch zu finden? Ich glaube, auch Preobrashenski könnte keine andere Kandidatur nennen als die des Genossen Stalin. ... Eine großartige Sache. Um aber die Kontrolle richtig zu handhaben, ist es notwendig, daß an der Spitze ein Mann steht, der Autorität genießt, sonst werden wir in kleinlichen Intrigen steckenbleiben und versinken.“[3]

Wenn man bedenkt, daß Lenin, seitdem er Stalin kannte, stets eine so positive Meinung von ihm hatte, wird klar, daß seine im „Brief an den Parteitag“ gemachten Bemerkungen zu Stalins Grobheit eine relativ spontane Reaktion war. Eine Reaktion auf womöglich überzogene Kritik Stalins an N. K. Krupskaja und auf dubiose „Informationen“ vor allem durch Trotzki.

Es war gewiß eine prekäre Situation, die sich nach Lenins erneutem Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder vollends erholte, vor allem für ihn selbst, für seine Ehefrau und auch Stalin ergab. Lenin wollte trotz seiner schweren Erkrankung und der Tatsache vor Augen, daß er kaum noch in der Lage war, seinen Aufgaben an der Spitze der Partei und des Staates nachzukommen, dennoch bis zuletzt in das Geschehen eingreifen. Das läßt sich anhand der Arbeiten, die er während einer kurzen Phase der Besserung seines Gesundheitszustandes noch bis März 1923 verfaßte, nachweisen. Ihn beunruhigte manches, was ihm während seiner Krankheit trotz der ärztlichen Verbote und des ZK-Beschlusses z. B. von Trotzki an „Informationen“ zugetragen worden war. Man kann sich auch den seelischen Zustand, die Empfindlichkeit seiner Ehefrau, die in größter Sorge um ihren Wladimir Iljitsch war, vorstellen.

Und Stalin? Auf ihm lastete plötzlich die Hauptverantwortung für alles, was geschah oder was geschehen konnte. Er fühlte sich gebunden an die Verordnungen der Ärztekommission und an den ZK-Beschluß, die darauf gerichtet waren, Lenins Genesung zu fördern. Stalins Haltung zu Beschlüssen und ihrer Durchsetzung ohne Ansehen der Person ist bekannt. Aber unabhängig davon, ob er in diesem Falle in seiner Kritik überzogen hatte oder nicht, er hat sich bei N. K. Krupskaja, die übrigens 1927 Mitglied des ZK der KPdSU(B) wurde und bis zu ihrem Tode 1939 in dieser Funktion blieb, für diesen Vorfall entschuldigt. Die Tatsache, daß N. K. Krupskaja bis ans Ende ihres Lebens an der Seite Stalins - und nicht an der Seite Trotzkis oder anderer Oppositionsführer tätig war, beweist, daß der Vorfall aus dem Jahre 1922 für sie aufgehört hatte, eine Rolle zu spielen.

Als Lenin die Bemerkungen zu Stalin, Trotzki und anderen führenden Mitgliedern des ZK der Partei machte, hatte er festgelegt, daß dieser Teil des Briefes erst nach seinem Tod dem ZK übergeben werden sollte. N. K. Krupskaja nahm ihn in Verwahrung und übergab ihn dann auch kurz vor dem XIII. Parteitag der KPR(B) im Mai 1924 dem ZK. Man sollte sich darüber Gedanken machen, weshalb Lenin nicht wünschte, den Teil des Briefes, welcher sich mit der Charakterisierung führender Genossen des ZK beschäftigte, dem ZK noch zu seinen Lebzeiten zu übergeben.

Wir werden seine Gedanken hierzu nie erfahren. Fakt ist jedenfalls, daß Stalin im April 1923, als Lenin noch lebte, vom ZK, das auf dem XII. Parteitag gewählt worden war, als Generalsekretär bestätigt wurde. Auch nach Übergabe des Teiles des Lenin-Briefes an das ZK (nach Lenins Tod), der sich u.a. mit der Charakterisierung von ZK-Mitgliedern beschäftigte, wurde Stalin auf dem XIII. Parteitag der KPR(B) im April 1924 erneut in das ZK und von diesem als Generalsekretär wiedergewählt.

Stalin selbst hatte im Zusammenhang mit der Kritik Lenins zweimal seinen Rücktritt angeboten. Dies wurde jedoch jedesmal vom Plenum des ZK einstimmig abgelehnt. Stalin selbst sagte dazu unter anderem: „... Gleich in der ersten Sitzung des ZK-Plenums nach dem XIII. Parteitag ersuchte ich das Plenum des ZK, mich von der Funktion des Generalsekretärs zu entbinden. Der Parteitag selbst behandelte diese Frage. Jede Delegation behandelte diese Frage, und alle Delegationen, unter ihnen auch Trotzki, Kamenew, Sinowjew, verpflichteten Stalin einstimmig, auf seinem Posten zu bleiben. Was konnte ich tun? Von meinem Posten davonlaufen? Das ist nicht meine Art, ich bin niemals von irgendeinem Posten davongelaufen, und ich habe kein Recht davonzulaufen, denn das wäre Desertion. Wie ich schon früher sagte, bin ich nicht frei in meinen Entschlüssen und wenn die Partei mich zu etwas verpflichtet, so muß ich mich fügen. Ein Jahr danach richtete ich erneut einen Antrag an das Plenum, mich von meiner Funktion zu entbinden, aber man verpflichtete mich erneut, auf meinem Posten zu bleiben. Was konnte ich weiter tun?“[4]

Wie aus dem „Brief an den Parteitag“ mühelos entnommen werden kann, hat Lenin seine Bemerkungen zu Stalin und Trotzki insbesondere aus Sorge um die Stabilität im ZK der KPR(B) und um die Einheit der Partei gemacht.

Zum Glück war das, worum sich Lenin sorgte, nicht eingetreten. Zumindest in dieser Frage hat sich gezeigt, daß mit Stalin an der Spitze die Einheit der Partei erhalten blieb. Das hatte allerdings einen harten Kampf um die Durchsetzung des Beschlusses über die „Einheit der Partei“, der vom X. Parteitag der KPR(B) im März 1921 auf Lenins Initiative angenommen worden war, erfordert. Es war ein Kampf zur Zerschlagung des Trotzkismus, ein Kampf gegen parteifeindliche Fraktionsmacherei und Gruppenbildungen. Daß Stalin gegenüber Feinden der Partei, Spaltern und Renegaten grob sein konnte, hat er selbst nie bestritten. Es kann aber nicht oft genug erwähnt und nachdrücklich betont werden, daß er sich in allen wesentlichen politischen, ideologischen, theoretischen und organisatorischen Fragen mit seinem Lehrmeister einig war. Und dies in den kritischsten Zeiten bzw. Situationen, als es um Leben oder Tod der Revolution ging.

Auf Stalin hatte sich Lenin immer verlassen können. Ganz im Gegenteil zu solchen „alten Kadern“ wie Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Bucharin, Pjatakow und anderen. Wie immer man über die kritischen Bemerkungen Lenins gegenüber Stalin im „Brief an den Parteitag“ denken mag, als Kronzeugen für all das, was Stalin von verschiedener Seite später an Grausamkeiten angelastet wurde, taugen sie nicht.

Chruschtschow hat mit der „Geheimrede“ den antikommunistischen Pseudobegriff „Stalinismus“ zwar nicht erfunden, zu seiner inhaltlichen Ausprägung und zu seiner Verbreitung bis in die kommunistische Bewegung hinein aber wesentlich beigetragen.

Dieses Thema zu behandeln, erfordert zwingend einige Wahrheiten zur Person voranzustellen. In Chruschtschows Denken und Handeln bestätigen sich die Hinweise von Marx, Engels und Lenin, daß die bürgerliche Ideologie historisch bedingt zäh und langlebig ist. Sein Wirken (sichtbar geworden besonders nach Stalins Tod) war gekennzeichnet:

- von opportunistisch-revisionistischen, antimarxistischen-antileninistischen Tendenzen,

- von Subjektivismus und einem selbstherrlich-schwätzerischen, hinterhältig-feigen Charakter.

Zu Stalins Lebzeiten war Chruschtschow einer derjenigen, der in seinen Äußerungen nicht müde wurde, dessen Leistungen zu preisen. Wenn es denn einen „Kult“ um Stalin gegeben haben soll - davon wird noch zu sprechen sein - so war Chruschtschow einer der eifrigsten Verfechter. Noch an Stalins Bahre (das kann man auf den existierenden Fotos erkennen) zeigte er ein Gesicht (besser eine Maske), als ob sein eigener gütigster Vater gestorben wäre. Doch zur gleichen Zeit suchte sein Hirn schon nach Wegen, wie er Stalin am schnellsten und sichersten in das Reich der Verdammten befördern könne. Chruschtschow dachte schon in diesen Augenblicken, als er mit aufgesetzter Trauermine am Sarge Stalins stand, darüber nach, wie er die Macht in der Partei und im Staat an sich reißen könnte. Niemals darf vergessen werden, daß sich Chruschtschow durch Intrigen an die Spitze der KPdSU und des Sowjetstaates putschte.

Nach dem Tod Stalins wäre es erforderlich gewesen, umgehend einen Parteitag einzuberufen. Das muß wohl nicht besonders begründet werden. Aber was geschah? Drei Jahre gingen ins Land, ehe der XX. Parteitag der KPdSU stattfand. Chruschtschow und seine Kumpane benötigten diese Zeit, um ihn „vorzubereiten“. Leicht ist ihnen die konterrevolutionäre Vorbereitung des Parteitages sicher nicht gefallen. Davon zeugt u.a. das im Juli 1953 durchgeführte Plenum des ZK der KPdSU. Dieses Plenum, dessen Hauptaufgabe darin bestanden hatte, mit Berija abzurechnen, konnte Chruschtschow noch nicht für einen Generalangriff gegen Stalin nutzen. Nur Andeutungen in der Frage des „Personenkults“ waren von ihm zu hören. Das große Ansehen Stalins im Sowjetvolk war auf diesem Plenum allgegenwärtig. Sowohl in den Reden und Diskussionsbeiträgen als auch im (entscheidend von Chruschtschow initiierten) Beschluß des Plenums widerspiegelte sich die hohe Achtung vor den Leistungen Stalins und das Treuebekenntnis zu ihm. Im Beschluß des ZK-Plenums vom Juli 1953 heißt es dazu: „Die vom genialen Lenin vor 50 Jahren gegründete KPdSU hat sich zu einer gigantischen Kraft entwickelt und wurde unter der Führung des Schülers und Fortsetzers des Werkes Lenins, des großen Stalin und seiner Kampfgefährten gestählt.“[5]

Fußnoten

[1]  W.I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. VI, Berlin 1972, S. 640ff.

[2] W.I. Lenin, Briefe. Bd. IX, S. 547f.

[3] W. I. Lenin, Werke in sechs Bänden. Bd. VI, Berlin 1972, S. 572f.

[4] J. W. Stalin, Werke, Bd. 10, Berlin 1953, S. 153.

[5] Der Fall Berija/Protokoll einer Abrechnung. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1993, S. 340.

Die Entlarvung

Chruschtschow persönlich sagte auf dem Plenum: „Wir alle vereh­ren Stalin... Wir sind fest davon überzeugt, daß es niemandem gelingen wird, uns von dem richtigen Weg, auf dem unsere Partei voranschreitet, von dem Weg, den uns Lenin und Stalin gewiesen haben, abzubringen.“1)

Ja, Chruschtschows „Zeit“ war noch nicht gekommen. Er traute sich noch nicht ans Fenster. Aber während er die oben zitierten Worte sprach, ging er mit wenigen skrupellosen Elementen, wie er selbst eines war, zur „Sache“ über. Von den 24 Rednern auf dem Plenum des ZK der KPdSU im Juli 1953 waren drei Jahre später nur noch acht auf ihren Posten. Die anderen wurden entweder erschossen (Bagirow), aus der Partei ausgeschlossen oder ihrer Funktion enthoben.2)

So erging es nicht nur den Mitgliedern des ZK. Ähnlich wurde unter Chruschtschows Regie auf allen Ebenen der Partei und des Sowjet­apparates mit denen verfahren, die sich weiterhin zu Stalin bekannten. Chruschtschow wußte natürlich, daß diese „Säuberungen“ nicht aus­reichen würden, um sein Ziel zu erreichen. Er bereitete deshalb im geheimen, im Zusammenwirken mit dem ZK-Mitglied Pospelow (der nach Chruschtschows Eingeständnis in seinem Auftrag „Dossiers“ über Stalin zusammenstellte) und mit Schepilow, eines der schmutzigsten „Dokumente“, das die Geschichte kennt, den sogenannten „Geheimbericht“ vor.3)

Niemand außer Chruschtschow und seinen Komplizen wußte, was da als „Vorbereitung“ des XX. Parteitages im Gange war, und kein Gremium hatte dazu etwas beschlossen.

R. I. Kosolapow, Prof. Dr. der philosophischen Wissenschaften, schreibt dazu, daß Chruschtschow den „Geheimbericht“,,... als eine Art Solo­beilage dem Wesen nach außerhalb des Parteitages vortrug. Die Verlesung ... erfolgte, als der Parteitag bereits die neuen, zentralen Leitungsorgane gewählt und seine Arbeit, genau genommen, schon beendet hatte, als die Parteitagsdelegierten ihre statutenmäßigen Vollmachten nicht mehr ausüben und bestenfalls in der Rolle von passiven Zuhörern eines Parteiaktivs auftreten konnten.“4)

Neben den vielen Verleumdungen bzw. Lügen, die den Inhalt des „Berichtes“ prägen, zeugen auch folgende Fakten davon, daß er ein antikommunistisches, konterrevolutionäres Machwerk darstellt, das in der Geschichte seinesgleichen sucht:

Weder im ZK der KPdSU noch in seinem Präsidium wurde der„Geheimbericht“ erörtert. Chruschtschow hielt die Rede entgegen dem Willen der Mehrheit des Präsidiums des ZK. Diskussionen zur Rede waren nicht erlaubt und es durften keine Notizen gemacht werden. Der Presse wurde es untersagt, über die Rede Chruschtschows zu berichten. Nicht genug, daß das ZK nicht wußte, was Chruschtschow vortragen würde, fügte er während der Rede, deren Text nur ein paar „Vertraute“ kannten, eine Reihe zusätzlicher Beschuldigungen hinzu. Ausländische Gäste des Parteitages waren ausgeschlossen, als Chruschtschow den „Geheimbericht“ verlas. Obgleich beschlossen worden war, den „Geheimbericht“ nicht zu veröffentlichen, kursierten schon bald Kopien im kapitalistischen Ausland.5)

So sehr sich manche Kreise auch bemühen, die Wahrheit zu verleugnen: Es ist eine Tatsache, daß sich, ausgehend vom XX. Parteitag der KPdSU unter der Ägide Chruschtschows und seiner Kumpane - bis hin zu Gorbatschow und Jelzin - in der kommunistischen Bewegung dem Wesen nach konterrevolutionäre Entwicklungen vollzogen.

Einen vorderen Platz in Chruschtschows sogenannter Geheimrede nimmt das Thema „Personenkult“ um Stalin ein.

Chruschtschow stellt das Problem so dar, als ob Stalin mit krimineller Energie seine Person bewußt als unfehlbar und unantastbar in den Vordergrund gestellt und dabei jeden Widerstand im Interesse persön­licher Machterhaltung brutal gebrochen habe.

Nach Chruschtschows Version hat Stalin höchstpersönlich und bewußt alle Erfolge beim sozialistischen Aufbau und im Krieg gegen die faschistischen Aggressoren der Öffentlichkeit als seine persönlichen Verdienste suggeriert. Es lohnt sich, diese Version auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.

Stalin selbst hat sich stets dagegen gewandt, wenn er in unange­messener Weise in den Vordergrund gestellt oder mit hintergründigen Schmeicheleien konfrontiert wurde.

Zur Erinnerung sei an dieser Stelle, weil es sich dabei um ein besonders einprägsames Beispiel handelt, an Stalins Antwort auf einen Brief Schatunows hingewiesen. Es kann natürlich sein, daß Stalin mit der Parteiführung die von Marx und Engels vertretene Meinung teilte, der zufolge in gewissen Grenzen „an einzelne Personen geknüpfte öffentliche Demonstrationen“, wenn „ein großer Zweck dadurch erreicht werden kann“, durchaus gerechtfertigt sind.6)

Konnte es seinerzeit einen größeren „Zweck“ geben, als den Aufbau und die Sicherung des Sozialismus zu fördern?

Stalin war sich über die Rolle der Persönlichkeit und die der Volksmassen in der Geschichte, besonders bei der revolutionären, sozialistisch­-kommunistischen Umgestaltung der Gesellschaft, sehr wohl im Klaren. Das wird verstehen, wer sich unvoreingenommen mit seinen Reden und Schriften, besser noch mit seinen Handlungen in der politischen und gesellschaftlichen Praxis beschäftigt. Ohne das historisch-­materialistische, marxistisch-leninistische Herangehen an diese Frage hätten die Massen des Sowjetvolkes weder die Aufgaben der Elektri­fizierung, der Industrialisierung, der Kollektivierung noch der Vorbe­reitung des Landes auf die militärische Verteidigung bewältigen und den Sieg über die faschistischen deutschen Aggressoren herbeiführen können. Daß sich Stalin über drei Jahrzehnte mit äußerster Konsequenz und Kraftanstrengung, unter Zurückstellung persönlicher und fami­liärer Ansprüche für die Erreichung dieser Ziele eingesetzt hat, dürfte hinreichend bewiesen sein. Wer sich zu Stalins Lebzeiten jahrelang in der Sowjetunion aufgehalten hat und viel Kontakt zu den „einfachen“ Menschen hatte, wird wissen, daß Stalin aufgrund seines persönlichen Einsatzes bei breiten Teilen des Sowjetvolkes ein hohes Ansehen hatte. Stalin wurde verehrt, geehrt und geachtet. Positive Eigenschaften Stalins strahlten aus, bewirkten verehrenden Respekt und Autorität. Ja, sogar Huldigungen waren ausgeprägt. Es stellt sich die Frage: War das überzogen? Wurde hier eine Grenze überschritten? War das schon „Personenkult“? Es kann darüber gestritten werden. Festzustellen wäre, daß, wenn „Personenkult“ betrieben wurde, zwei Seiten dazu gehören: die Person, welche es betraf und jene, die den „Kult“ bewußt oder unbewußt förderten (oder nichts dagegen taten).

Chruschtschow sagte im „Geheimbericht“ u.a.: „Trotz allem Schaden, den der Personenkult um Stalin der Partei und dem Volk zugefügt hat, konnte er die Natur unserer Gesellschaftsordnung nicht ändern und hat sie auch nicht geändert.“7)

Was den zweiten Teil dieses Satzes betrifft, sollte man Chruschtschow ausnahmsweise recht geben. Die Natur der Gesellschaftsordnung auf dem Territorium der UdSSR grundlegend zu ändern, blieb ihm und seinesgleichen vorbehalten. Wer könnte das bezweifeln? Chruschtschow kommt in der „Geheimrede“ nicht umhin, die großen Errungenschaften und Erfolge, die unvergänglichen Ruhmestaten bei der sozialistisch-kommunistischen Gestaltung der Sowjetgesellschaft anzuerkennen. Er sieht den „Organisator“ dieser Erfolge in der „gefes­tigten, einheitlichen Führung“, im „Leninschen Kern des Zentralkomi­tees der KPdSU“.8)

Dazu zwei Bemerkungen. Die erste: Von der Anwesenheit des Verrä­ters Chruschtschow in diesem „Leninschen Kern“ der „gefestigten einheitlichen Führung“ abgesehen, mag diese Aussage zutreffen; sie steht jedoch im Widerspruch zur Behauptung, Stalin hätte diktiert. Er war nicht nur Teil dieses „Kerns“, dieser „Führung“, sondern er stand an seiner Spitze. Die zweite: Wenn es tatsächlich einen Personenkult gegeben hat, welchen Anteil hatte dann der „Leninsche Kern“, vor allem Chruschtschow, der sich als vollendeter Leninist begriff und seit 1939 im Politbüro saß, am Entstehen dieses Personenkults?

Welche der Lügen Chruschtschows, die er in seinem „Geheimbericht“ von sich gab, am verwerflichsten sind, ist schwer zu sagen. Aber die Behauptungen, unter Stalin sei die Sowjetunion nicht gut auf einen möglichen Krieg vorbereitet worden, Stalin wäre nach Aggres­sionsbeginn so deprimiert gewesen, daß er wochenlang seinen Pflichten nicht nachkommen konnte, daß er später die militärischen Operationen am Globus plante und dergleichen, gehören wohl dazu.

Diese Verleumdungen zu entlarven, hat besondere Bedeutung, weil sie symptomatisch für den gesamten Inhalt seines Machwerkes sind. Mehrere Heerführer der Roten Armee haben in ihren Erinnerungen Chruschtschows Lügen zurückgewiesen. Am klarsten hat das der Marschall der Sowjetunion, G. K. Shukow, getan. Er war zu Beginn des Krieges Chef des Generalstabes der Roten Armee und wurde unmit­telbar danach auch Stalins Stellvertreter als Oberster Befehlshaber.

Die Behauptung Chruschtschows, Stalin habe militärische Opera­tionen am Globus geplant und vorbereitet, zeugt nur von seiner charakterlichen Verkommenheit und von der Unkenntnis darüber, wie Stalin militärische Operationen tatsächlich führte. Shukow berichtet über viele Beratungen mit Stalin, bei denen exakte militärische Karten die entscheidende Bedeutung hatten. Aus den „Erinnerungen und Gedanken“ Shukows geht auch eindeutig hervor, daß Stalin vom ersten Tage des Krieges an eine intensive und harte Arbeit leistete. Ihm ist von einer tage- oder wochenlangen „Depression“ am Beginn des Krieges nichts bekannt. Die prägnantesten Aussagen Shukows sollen das beweisen:

„Stalin war ein willensstarker Mensch und kein Feigling. Nach dem 22. Juni 1941 hat Stalin während des ganzen Krieges mit dem ZK der Partei und der Sowjetregierung fest und sicher das Land, die militä­rischen Operationen und die internationalen Angelegenheiten gelei­tet.“9)

„Stalins Äußeres, seine leise Stimme, seine konkreten Urteile und sein Wissen in militärischen Fragen, sowie die Aufmerksamkeit, mit der er sich meinen Bericht anhörte, hatten mich stark beeindruckt.“10)

„Im Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag (März 1939) verwies Stalin auf die Gefahr eines neuen imperialistischen Krieges und beton­te, daß unser Land unablässig eine Politik zur Erhaltung des Friedens durchführte, zugleich aber eine enorme Arbeit leistete, um die Gefechts­bereitschaft unserer Roten Armee und unserer Seekriegsflotte zu verstärken. Das war wirklich der Fall.“11)

„Es ist... das Verdienst Stalins, daß er die Ratschläge der angesehenen Militärfachleute richtig erfaßt, ergänzt, entwickelt und in verallgemei­nerter Form als Richtlinien, Direktiven und Vorschriften unverzüglich an die Truppen zur praktischen Anleitung weitergegeben hat. ... Außerdem bewährte sich Stalin bei der Sicherung der Operationen, der Schaffung strategischer Reserven, der Organisierung der Produktion von Kampftechnik und überhaupt bei der Schaffung all dessen, was für die Front nötig war, als hervorragender Organisator. Und es wäre ungerecht, wenn man ihm das nicht hoch anrechnete... Stalin ging in der Nähe des Tisches auf und ab und hörte den Streitenden aufmerksam zu. Er selbst war wortkarg und konnte die Redseligkeit anderer nicht leiden. Oft unterbrach er einen Redner mit Zwischenbemerkungen: ,Kürzer! Deutlicher!’... Stalin eröffnete die Sitzungen ohne einleitende Worte, er sprach leise, frei und nur zum Wesen der Sache. Er war lakonisch und formulierte seine Gedanken klar.“22)

„Von der militärischen Seite her kenne ich Stalin bestens; habe ich doch den Krieg mit ihm zusammen begonnen und auch mit ihm beendet. Er beherrschte die Organisation von Operationen einzelner Fronten und von Frontgruppen und leitete sie sachkundig, wobei er sich auch in großen strategischen Fragen gut zurechtfand. In dieser Hinsicht bewährte er sich als Oberster Befehlshaber besonders bei Stalingrad. Stalin besaß die Fähigkeit, in der strategischen Lage das Hauptkettenglied zu erkennen. Er war zweifellos ein würdiger Oberster Befehlshaber.“13)

„Ich werde häufig nach der Rolle Stalins während der Schlacht bei Moskau gefragt. Um jene Zeit war Stalin immer in Moskau. Er organi­sierte die Kräfte und Mittel zur Zerschlagung des Gegners. Er hat an der Spitze des Staatlichen Verteidigungskomitees, auf die leitenden Kader der Volkskommissariate gestützt, eine kolossale Arbeit zur Organisation der notwendigen strategischen Reserven und der materiell-technischen Mittel geleistet. Durch seine äußerst harten Ansprüche setzte er, das kann man schon sagen, fast Unmögliches durch.“14)

Besonders in der Anfangsperiode des Krieges, aber auch noch 1942, mußte die Rote Armee eine Reihe ernster Niederlagen hinnehmen. Chruschtschow wurde nicht müde, die Verantwortung dafür wider besseren Wissens Stalin anzulasten. So auch bei der mißlungenen Angriffsoperation der Südwestfront bei Charkow in der Ukraine im Mai 1942: Im „Geheimbericht“ verkündete Chruschtschow, daß Stalin persönlich für diese Niederlage verantwortlich sei. Er soll Informationen des Kriegsrates der Südwestfront (deren Mitglied Chruschtschow war) mißachtet haben, was zur Vernichtung eines Teiles der eingesetzten militärischen Kräfte geführt habe.

Marschal Shukow kannte den wahren Sachverhalt. Er schrieb, unter Anspielung auf Chruschtschows Lügen: „Die Version, die Kriegsräte der Südwestfront und der Südfront hätten sorgenerfüllte Meldungen an Stalin gerichtet, entspricht nicht der Wahrheit. Ich behaupte das, weil ich Zeuge der Gespräche Stalins gewesen bin.“

Chruschtschow behauptete auch, daß Stalin den Begriff Volksfeind „eingeführt“ habe, um damit die physische Vernichtung von Menschen zu begründen, die mit Stalin in irgend etwas nicht übereinstimmten. Er sagte bezeichnenderweise nicht, wann und wem gegenüber Stalin diesen Begriff erstmals angeblich „eingeführt“ hat, obwohl (wenn dies stimmen würde) es leicht gewesen sein müßte, das zu belegen.

Diese Behauptung ist in mehrfacher Hinsicht verlogen. Unabhängig davon, welche sowjetische Persönlichkeit das Wort „Volksfeind“ erstmals ausgesprochen hat, ist doch klar, daß Personen, die sich schwerster Verbrechen gegen sowjetische Gesetze schuldig machten, Feinde waren. Wessen Feinde wohl? Etwa nicht Feinde des Volkes, das sich 1936 die fortschrittlichste Verfassung der Welt (die Stalinsche) gab? Prüfen wir, was Lenin zur Frage der „Feinde“ für eine Meinung hatte: In seinem Werk „Der ,linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ (1920) schrieb er u.a.: „... in eine Regierungspartei versuchen sich unvermeidlich Karrieristen und Gauner einzuschlei­chen, die nur verdienen, erschossen zu werden.“15)

Ein Jahr später, auf dem X. Parteitag, sagte Lenin u.a.: „Sie wissen natürlich, Genossen, daß alle unsere Feinde in allen ihren zahllosen Presseorganen dasselbe wiederholen und weitergeben, was unsere bürgerlichen und kleinbürgerlichen Feinde hier, innerhalb der Sowjet­republik, hundert- und tausendfach von Mund zu Mund verbreiten. ... wir haben so viele Feinde vor uns (die Aufgabe der Diktatur des Proletariats in einem Bauernland ist so unermeßlich, so schwierig, daß es uns nicht genügt, wenn die Arbeit nur formal geschlossen und einträchtiger vor sich geht als früher); ...es ist vielmehr notwendig, daß das nicht bloß formal geschieht, sondern daß es nicht die geringsten Spuren von Fraktionsmacherei gibt - wo und wie sie auch bisher zutage getreten sein mag -, daß diese Spuren unter keinen Umständen bestehen bleiben. Nur unter dieser Voraussetzung werden wir die riesigen Aufgaben bewältigen, vor denen wir jetzt stehen.“16)

Wie man sieht, war es auch Lenin bewußt, daß es „Feinde“ gab. Doch weder er noch Stalin hatten diesen Begriff erfunden bzw. „eingeführt“.

Chruschtschow regte sich darüber auf, daß Stalin bestimmte Machen­schaften als volksfeindlich und die Rädelsführer als Volksfeinde be­zeichnete.

Aus historischer Sicht gesehen: Gab es denn damals keinen Klassen­kampf und keine Volksfeinde? Nach Chruschtschows Ansicht wohl nicht (er hätte sich ja selbst als solchen bezeichnen müssen), was u.a. der Grund dafür ist, daß sich politische Lumpen entwickeln konnten, von denen die Sowjetunion, und nicht nur sie, in den Abgrund gerissen wurde. Spätestens nach Gorbatschows Eingeständnis, daß er seit Jahr­zehnten auf die Zerstörung der Sowjetunion hingearbeitet hat sowie dem jelzinschen KPdSU-Verbot, müßte es auch den letzten Zweiflern klar sein, daß es im Land Volksfeinde gegeben hat. Und dies nicht nur an irgend einer Stelle der Gesellschaft, sondern an deren Spitze.

Es ist auch juristisch gesehen schlicht unwahr, wenn Chruschtschow sagt, daß die angeblich von Stalin „eingeführte“ Formel vom „Volksfeind“ für die sowjetische Justiz Anlaß war, um Repressalien auszuüben. Repressionen hat es gegeben, weil staats- und gesellschaftsfeindliche Elemente schwere und schwerste Gesetzesverstöße begangen haben oder Vorschub für solche Verbre­chen leisteten. Was war ungerecht oder falsch daran, wenn solche Handlungen beim Namen (volksfeindlich) genannt wurden?

Eines der beliebtesten Anti-Stalin-Argumente Chruschtschows bestand in der Behauptung, Stalin sei „krankhaft mißtrauisch“ gewesen. In diesem Zusammenhang nennt er bemerkenswerte Beispiele. Stalin habe von den Mitgliedern des Politbüros verlangt, daß sie ihn an­schauen sollten, wenn sie mit ihm sprechen. „Warum haben Sie heute so einen unruhigen Blick?... Weshalb wenden Sie sich heute so oft um und sehen mir nicht direkt in die Augen?“... „Blind seid Ihr wie junge Katzen, was wird nur ohne mich; das Land wird untergehen, wenn ihr es nicht versteht, die Feinde auszumachen.“ soll Stalin gesagt haben.17)

Nach den Erfahrungen, die mit Leuten wie Chruschtschow, Gorbatschow, Jelzin und den vielen Wendehälsen, die nach der Zerstörung der sozialistischen Staatengemeinschaft zutage traten, gemacht wurden, ist bewiesen, daß auch Mißtrauen gerechtfertigt war.

Chruschtschow ging auf dem Wege der Verleumdungen noch weiter und behauptete, Stalin habe persönlich die Folterung von Angeklagten angewiesen. Im Zusammenhang mit der Verhaftung einer Gruppe von Ärzten, die kurz vor Stalins Tod (!) verhaftet und angeklagt worden waren, durch falsche Therapie-Anwendungen hohe Partei- und Staats­funktionäre ermorden zu wollen, habe er, um Geständnisse zu erpres­sen, dem damaligen Minister für Staatssicherheit, Ignatjew, gesagt: „Wenn Sie keine Geständnisse der Ärzte erreichen, machen wir Sie um einen Kopf kürzer.“ Chruschtschow will dies mit dem Hinweis beweisen: „Anwesend ist hier als Parteitagsdelegierter der frühere Minister für Staatssicherheit, Genosse lgnatjew“.18)

Aber ist das ein Beweis? Daß Chruschtschow sich in diesem Punkt auf Ignatjew berief, erfolgte zu einer Zeit,  als dieser erleben mußte, wie Berija und eine Reihe anderer Funktionäre erschossen oder zu langjährigen Haftstrafen in Arbeitslagern verurteilt worden waren. Bewiesen ist, daß Ignatjew zwar von Chruschtschow seines Postens enthoben aber nicht erschossen wurde. Er durfte sogar noch einige Jahre in untergeordneten Funk­tionen tätig sein, bis er 1960 auch als 1. Sekretär des Tatarischen Gebietskomitees abgelöst wurde. Der „Dank“ Chruschtschows war erloschen; der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan.

Wie bereits erwähnt, war Chruschtschow seit 1939 Mitglied des Polit­büros des ZK der KPdSU(B). Das hinderte ihn nicht daran, eine Reihe wichtiger Beschlüsse dieses Parteigremiums zu kritisieren. Daran wäre im Prinzip nichts besonderes. Aber er tat es in einer Art und Weise, als ob er nicht selbst an der Beschlußfassung beteiligt gewesen wäre. Es ist ja kein Geheimnis, daß die Politbürobeschlüsse in der Regel einstimmig gefaßt wurden, also auch mit der Stimme Chruschtschows. Und wenn er seinerzeit tatsächlich Einwände gehabt hatte oder gar gegen ihre Annahme war, warum sagte er dann in seiner „Geheimrede“ kein einziges Wort dazu? Offensichtlich deshalb, weil noch zu viel Zeitzeugen lebten, die ihn als Lügner hätten entlarven können.

Indem Chruschtschow suggerierte, er habe mit den Beschlüssen nichts zu tun gehabt, entlarvte er sich selbst. Chruschtschow ging bewußt nicht darauf ein, mit welchen offiziellen Begründungen die von ihm attackierten Beschlüsse angenommen worden waren.19)

Bekanntlich hatte aufgrund des Kriegsgeschehens dreizehn Jahre kein Parteitag stattgefunden. Auch Politbüro- und ZK-Tagungen waren in diesem Zeitraum nicht so kontinuierlich durchgeführt worden, wie vor dem Krieg. Dafür arbeitete die Parteiführung verstärkt mit Gruppen bzw. Kommissionen, die sich hauptsächlich aus Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees und des Politbüros zusammensetzten.20)

Diese Gruppen bzw. Kommissionen waren für die Beratung der verschiedenen anstehenden Probleme und die entsprechenden Entscheidungsfindungen zuständig. Chruschtschow, der ja selbst einbezogen war, fand dies plötzlich nicht nur falsch, sondern er nutzte diese damalige, aus der Not heraus stattgefundene Organisations­veränderung dazu, um gegen Stalin zu intrigieren.

Ein weiterer Beschluß, den Chruschtschow als„ungeheuerlich“ bezeich­nete, betraf die Umsiedlung von Sowjetbürgern in weiter östlich gelegene Gebiete während des Krieges. Denunziatorisch versuchte er den Eindruck zu erwecken, als ob es dafür keine Gründe gegeben und nur Angehörige nichtrussischer Nationalität betroffen hätte.21)

G. Shukow, der sich in seinen Memoiren ebenfalls mit diesem Problem befaßte, äußerte sich dazu anders. Er schrieb: „Bis 1942 hatten die Aggressoren die Riesenfläche von rund 1.800.000 Quadratkilometern besetzt, ein Territorium auf dem vor dem Krieg rund 50 Millionen Sowjetbürger lebten. Viele Millionen Sowjetbürger hatten Heim und Hof verlassen und nach Osten ziehen müssen.“22)

Fußnoten

1) Der Fall Berija - Protokoll einer Abrechnung, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1993, Seite 71.

2) Der Fall Berija - Protokoll einer Abrechnung. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1993, Seiten 342 ff.

3) R. J. Kosolapow: Die Wahrheit über Stalin, Marxistisch-leninistische Schriftenreihe für Geschichte, Politik, Ökonomie und Philosophie, Heft 13, Berlin Seite 7.

4) ebenda

5) R. Medwedjew: Geheimrede, Neues Deutschland vom 24. Februar 1996.

6) Marx/Engels: Werke, Band 22, Seite 264.

7) Die Geheimrede Chruschtschows, Seite 102.

8) Der Fall Berija - Protokoll einer Abrechnung. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1993, Seite 51; Die Geheimrede Chruschtschows, Seite 100.

9) G. K. Shukow: Erinnerungen und Gedanken, Band 1, Deutscher Militärverlag, Berlin 1970, Seite 324.

10) ebenda, Seite 209.

11) ebenda, Seite 214.

12) ebenda, Seiten 323 f.

13) ebenda, Seite 344.

14) ebenda, Seite 432.

15) W. I. Lenin: Werke in sechs Bänden, Band 5, Seite 496.

16) W. I. Lenin: Werke in sechs Bänden, Band 6, Seite 152.

17) Die Geheimrede Chruschtschows, Seiten 41 und 63.

18) ebenda

19) ebenda, Seite 24.

20) ebenda, Seite 80.

21) ebenda, Seiten 56 f.

22) G. K. Shukow: Erinnerungen und Gedanken, Band 2, Deutscher Militärverlag, Berlin 1970, Seite 39.