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A. G. Stachanov erzählt, wie er Bergmann wurde und wie er den Kohlenabbau erhöhen konnte

Aus seiner Rede auf der 1. Allunionskonferenz der Stacha­nov-Arbeiter am 14. November 1935

 

Genossen! Bevor ich aus der Praxis meiner Arbeit etwas mittei­le, erlauben Sie mir, zunächst darüber zu sprechen, wie die Produktion in unserem Abschnitt früher organisiert war. In einer Kohlenlagerstätte-85 Meter lang, Dicke der Lage 1,4 Me­ter, in acht Stufen zugeschnitten - arbeiteten in einer Schicht 8 bis 9 Häuer. Wir arbeiteten mit dem Abbauhammer. Zu den Verpflichtungen jedes Häuers gehörte die Aufgabe, seine Abbaustufe herauszuschlagen und abzustützen. Gewöhnlich wur­den die Häuer mit dieser Arbeit in 2% bis 3 Stunden fertig. Die übrige Zeit waren wir mit dem Abspreizen beschäftigt. So war die Arbeit in zwei Schichten organisiert ... Und daher, Genos­sen, ergab es sich, daß in einem Zeitraum von 24 Stunden die Abbauhämmer insgesamt 5 bis 6 Stunden arbeiteten, und die übrige Zeit blieben sie untätig, obwohl es Möglichkeiten gab, Kohle herauszuschlagen, obwohl die Kompressoren Luft für volle zwei Schichten gaben.

Die Produktivität eines Häuers hängt von vielen Faktoren ah. Ich zähle die grundlegenden auf: Die erste ist die Länge der Stufe. Beim alten Arbeitssystem, als der Umfang der Stufe ge­wöhnlich auf der Grundlage »langjähriger Praxis« bestimmt wurde, hinderten deren unbedeutende Ausmaße den Häuer daran, sich mit voller Kraft zu entfalten. Den zweiten Nachteil der alten Arbeitsorganisation bildete die Notwendigkeit, viel Zeit für einen sehr aufwendigen, aber völlig unproduktiven Prozeß zu vergeuden, nämlich das Heraushauen eines kleinen Rechtecks, bei uns im Schacht nennt man es Winkel (kutok). Diese Arbeit ist für den Häuer die schwierigste, weil er sie in einer sehr ungünstigen Lage ausführen muß: Er hat keine feste Stütze, ja darüber hinaus muß der Hammer die ganze Zeit das überhängende Gestein halten. Schließlich der dritte Mangel des früher bestehenden Systems: er bestand in der Notwendigkeit, nicht nur Kohle herauszuschlagen, sondern auch den Stoß: ab­zustützen. Bis jetzt war man bei uns in den Schächten der An­sicht, daß der Häuer unbedingt sowohl Kohle abbauen als auch den Stoß stützen müsse. Niemand dachte daran, diese zwei Prozesse zu trennen, obwohl es klar war, daß der Übergang vom Abbauen zum Stützen und umgekehrt den Häuer zwingt, viel Zeit zu vergeuden, und daß diese Arbeitsorganisation nicht die Möglichkeit gibt, seine Zeit ganz auszunutzen und die Vor­richtungen auszulasten.

Kurz gesagt: die Initiative des Häuers wurde unter dem alten System durch die Norm und die Länge der Stufe begrenzt. Wenn er seine Stufe herausgehauen hatte, konnte der Häuer beim besten Willen mehr nicht leisten.

Als ich die Rede durchlas, die Genosse Stalin bei der Entlas­sung der Absolventen der Militärakademie am 4. Mai gehalten hatte, begann ich angestrengt darüber nachzudenken, was man für die Erhöhung der Arbeitsproduktivität, für die vollständige Ausnutzung der gesamten Technik tun müsse ...

Es nahte der Internationale Jugendtag, und ich wollte diesen Tag durch einen Rekord auf (lern Gebiet der Erhöhung der Arbeitsproduktivität auszeichnen. Ich muß erwähnen, daß wir im Schacht schon lange vor diesem Tag zusammen mit den Parteiorganisatoren, den Genossen Petrov und Djukanov, dar­über nachgedacht hatten, wie man die Fesseln der Norm spren­gen und den Häuern die Möglichkeit geben könne, sich zu steigern, wie man die Hämmer zwingen könne, während der ganzen Schicht zu arbeiten. Und das beschlossen wir im Schacht: den Häuer auf die ganze Lagerstätte loszulassen". En­de August kamen der Parteiorganisator des Schachts und der Vorgesetzte des Abschnitts zu mir in die Wohnung und schlu­gen mir vor, in die Lagerstätte hinunterzusteigen. Mit großer Begeisterung nahm ich diesen Vorschlag an und ging in der Nacht auf den 31. August daran, abzubauen. Mit mir zusam­men stiegen zwei Abspreizer hinunter, der Leiter des Ab­schnitts, Genüsse Masurov, der Parteiorganisator des Schachts, Genosse Petrov, und der Redakteur der Betriebszeitung, Ge­nosse Michajlov. Es ist schwer, jetzt all das wiederzugeben, was ich - wie auch die Genossen, die damals mit mir hinunterstie­gen - damals durchgemacht habe. Aber ich erinnere mich, daß wir alle vorn Erfolg unserer Sache überzeugt waren.

In der Kohlenlagerstätte begann ich den Einschnitt auf der obersten Stufe. Erst machte ich den Einschlag, dann schlug ich die Zwischenschicht heraus, die von unten nach oben verlief, gleichzeitig nahm ich den oberen Teil der Lage herunter und trug dann von oben nach unten die Erdschicht ab. Diese Ar­beitsgänge führte ich auf allen acht Stufen durch, wobei ich auf jeder einen Winkel (kutok) einhaute. Unmittelbar hinter mir arbeiteten die zwei Abspreizer. Wir arbeiteten angestrengt, aber die Zeit verging, ohne daß wir es merkten. Ich arbeitete fünf Stunden und 45 Minuten lang durch. Es wurde nachgewogen, und es stellte sich heraus, daß ich die ganze Lagerstätte geschafft und 102 Tonnen abgebaut hatte.

Als ich nach oben stieg, tagte es schon. Eine Gruppe von Genossen kam mir entgegen und drückte mir fest die Hand. Aber ich muß sagen, daß es einige Leute in unserem Schacht gab, die nicht auf Anhieb glaubten, daß ich in einer Schicht 102 Tonnen abbauen konnte. Sie sagten, das hat man ihm sicher nur zugeschrieben. So viel Kohle kann er in einer Schicht un­möglich abgebaut haben.

Man mußte die Sache absichern, man mußte allen Zweiflern zeigen, daß man 102 Tonnen und mehr ohne große Anstren­gung erzielen konnte, wenn man nur die Arbeit richtig organi­sierte. Also stieg am 3. September der Parteiorganisator des Ab­schnitts, in dem ich arbeitete, Genosse Djukanov, hinunter in den Schacht. Dieser Abschnitt heißt »Nikanor Vostok«. Dju­kanov arbeitete eine Schicht durch und erreichte 115 Tonnen. Aber auch Djukanov glaubte man nicht auf Anhieb. Man mußte noch einen Mann hinunterschicken. Und als Dritter ging in den Schacht der Komsomolze Koncedalov, der einen neuen Rekord aufstellte - 125 Tonnen. Innerhalb einiger Tage überbot ich meinen und ihren Rekord, indem ich anfangs in einer Schicht 175 und später sogar 227 Tonnen abbaute.

Freilich, mein Rekord wäre eben nur ein Rekord geblieben, wenn man aus ihm nicht sofort praktische Schlußfolgerungen für den ganzen Abschnitt, den ganzen Schacht gezogen hätte. Allen wurde klar, daß man in einem Abschnitt die Arbeitsgänge so organisieren kann, daß man den Abbauhammer hundertpro­zentig ausnützt, daß man die bisher bestehende Produktivität des Häuers um ein Mehrfaches erhöht. Man muß nur die Tätig­keiten der Arbeiter streng spezialisieren: Der Häuer muß ab­bauen, und der Abspreizer muß abstützen, die Stufen muß man vergrößern. Mein Abbauergebnis zerschlug sehr schnell die Vorstellungen und Berechnungen bezüglich der Normen, und in Verbindung damit wurde - zunächst im Abschnitt, dann im ganzen Schacht- beschlossen, die Zahl der Stufen um die Hälfte zu vermindern und gleichzeitig ihre Länge zu vergrößern.

Darin besteht auch im wesentlichen meine Arbeitsmethode mit dem Abbauhammer. Am 5. September beriefen wir eine Konferenz unseres Ab­schnitts ein und vereinbarten: Anstelle von acht Stufen bleiben im ganzen vier, jede 22 Meter lang. Anstelle von 23 Häuern bleiben fünf, außerdem fünf Abspreizer und ein Arbeiter, der die Pausierenden ablöst. Die Ergebnisse dieser Arbeitsorganisa­tion zeigten sich sehr schnell bei der Arbeit unseres Abschnitts.

Früher überstieg die Produktivität des Abbauhammers nie 13 bis 14 Tonnen Ertrag pro Ausfahrt (vychod). Jetzt sind es 60 bis 65 Tonnen. Man sagt: es sind aber auch mehr Abspreizer ge­worden. Ja, es sind mehr. Aber auch wenn man diese Produktivität auf die Abspreizer, die zusammen mit den Häuern arbei­ten, verteilt, beträgt sie immer noch 30 bis 32 Tonnen pro Ar­beiter in der Lagerstätte. Auf den ganzen Abschnitt gerechnet stieg unser Ertrag auf 300 bis 365 Tonnen, während früher der Abschnitt höchstens 250 Tonnen produzierte. Man muß hinzu­fügen, daß sich der Personalbestand im Abschnitt um dreizehn Menschen verringert hat: Früher waren es 117, jetzt sind es 98 Arbeiter. Die richtige Arbeitsorganisation gab uns die Mög­lichkeit, mehr Kohle zu liefern. Wir verringern nicht den Be­stand der Arbeiter, sondern übertragen ihnen andere, vorberei­tende Arbeiten am selben Schacht ...

Ich will jetzt über den Lohn sprechen. Die hohe Arbeitspro­duktivität, die dank einer strengen Spezialisierung der Arbeiter erreicht wurde, hob auch die Arbeitslöhne. Wieviel verdienten wir früher in unserem Schacht-, Ich verdiente nicht schlecht: 500, manchmal auch 600 Rubel im Monat. Aber jetzt, im Sep­tember zum Beispiel, verdiente ich für achtzehn Fahrten 1000 Rubel. Unser Parteiorganisator, Genosse Djukanov, ver­diente 1338 Rubel und Genosse Koncedalov 1618 Rubel ... Diese Löhne geben uns die Möglichkeit, anders zu leben. Las­sen Sie mich an mein früheres Leben erinnern.

Ich stamme aus Orel. Unser Dorf war sehr arm. Unsere Fa­milie schlug sich gerade so durch. Mein Großvater und mein Vater gingen in die Stadt, um Geld zu verdienen. Von meinem 12. Lebensjahr an begann ich, ein selbständiges Leben zu füh­ren, als ich anfing, beim Kulaken in der Mühle zu arbeiten. Vom Morgengrauen bis in die Nacht schleppte ich Säcke, und in der Nacht sah ich nach den Pferden, und davon gab es hei ihm 40 Stück. Das war hart.

Mein Leben begann erst hier, im Schacht. Hierher, nach Irmi­no, kam ich 1927. Anfangs war ich mit Aufräumarbeiten be­schäftigt (otgrebscik) - keine hohe Qualifikation. Ich sage es offen: Ich fürchtete mich vor den Schächten. Die ganze Zeit erinnerte ich mich an die Worte des Großvaters: »Schacht- das ist Zwangsarbeit (katorga), du zerstörst deine Kraft für nichts, du gehst zugrunde ...«

Ich stieg einmal, zweimal in den Schacht hinunter - es machte nichts, ich hielt es aus, und dann wurde ich vertraut damit, gewöhnte mich daran. Bald wurde ich Pferdetreiber. Diese Arbeit war mir bekannt. Seit der Kindheit war ich es gewöhnt, Pferde zu pflegen. Es verstrich einige Zeit. Dann ging ich über zur Arbeit vor Ort. Zuerst baute ich mit der Hacke ab, dann - nach der Einführung der Abbauhämmer - mit dem Hammer.

Ich stellte mir die Aufgabe, so gut wie irgend möglich mit dem Abbauhammer zu arbeiten. Ich begann zu lernen. Ich paß­te auf, wie die anderen arbeiteten, und nach und nach eignete ich mir die Arbeitsweise an und erreichte 5 bis 6 Tonnen pro Hammer. Und als im Schacht Kurse organisiert wurden zur Ausbildung am Abbauhammer, bewältigte ich bald immerhin 12 bis 13 Tonnen. Später legte ich das staatliche technische Ex­amen mit »ausgezeichnet« ab .. .

Ja, vieles hat sich jetzt bei meiner Arbeit verändert. Auch das Familienleben hat sich gewandelt. Meine Familie ist nicht groß: meine Frau und zwei Kinder. Meine Frau hat sich in sieben Jahren im Schacht eingelebt, sie wurde Bergmännin im eigentli­chen Sinne und lebt jetzt für meine Interessen, für die Interes­sen des Schachts ...

Die Hauptsache besteht, wie ich meine, darin, die Erfahrung der besten Häuer allen Bergleuten zu vermitteln. Bei uns im Schacht ist der Erfahrungsaustausch organisiert durch die Ein­berufung spezieller Konferenzen nach Qualifikationen, durch eine besondere »Stachanov-Stunde« in den Schulen usw. Das wird folgendermaßen durchgeführt: Es wird eine Skizze der Arbeiten im Abschnitt angefertigt, aus der deutlich wird, wie man an diese oder jene Arbeit herangehen muß, wie man mit dem Abbauhammer umgehen muß, was man tun muß, um eine vollwertige Arbeit der Vorrichtungen während der ganzen Ar­beitsschicht zu gewährleisten.

Bei uns im Schacht gibt es bereits weit über hundert Bergleu­te, die das zwei-, drei-, vierfache der Norm und mehr leisten! Unser Schacht wird ein Stachanov-Schacht! ...