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W. B. Bland

 

'Der Kampf gegen den Revisionismus auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft'

(Aus: 'COMpass', Organ der British Communist League, Nr. 126, Februar 1997)

 

 

 

 

"Keine Wissenschaft kann sich ohne einen Kampf der Meinungen

entwickeln und entfalten, ohne die Freiheit der Kritik."

(Josef W. Stalin: 'Über Marxismus und Sprachwissenschaft')

 

 

Vorwort

 

Nach der Errichtung der Arbeitermacht in Sowjetrussland nahm der Klassenkampf neue und meist verdeckte Formen an. Der offene Revisionismus in der Zeit nach Stalin, der zur Wiederherstellung des Kapitalismus führte, hat seine Ursprünge in dem verdeckten Revisionismus, einer Entartung des Marxismus, die den Interessen des internationalen Kapitals dient (einschließlich ehemalige Kapitalisten und künftige Kapitalisten in der Sowjetunion) und fast bis zur Revolution zurückreicht. Der verdeckte Revisionismus zeigte sich praktisch in allen Lebensbereichen, einschließlich in der Kunst und Wissenschaft. In der Sprachwissenschaft beispielsweise waren die unwissenschaftlichen und antimarxistischen Theorien von Nicolai Marr über zwanzig Jahre lang führend.

 

Dieser Bericht stellt den Versuch dar, dieses Phänomen zu erklären. Er liefert Beweise dafür, dass einflussreiche Personen in der sowjetischen kommunistischen Partei, die Marr unterstützten, Revisionisten waren, das heißt Leute, die sich selbst als 'Marxisten' ausgaben, tatsächlich jedoch den Marxismus in einer Weise entstellten, dass von seinem revolutionären Kern nichts mehr übrig blieb, mit dem Ziel, das sozialistische System zu untergraben.

 

Die offizielle Unterstützung für unwissenschaftliche Theorien trug dazu bei, das sozialistische System durch die Entfremdung ehrlicher Intellektueller von der Kommunistischen Partei zu untergraben, die für jeden erkennbar daran ging, unwissenschaftliche Irrationalität zu fördern. Sie lieferte außerdem einen Vorwand dafür, ehrliche Wissenschaftler, die den Versuch unternahmen, den unwissenschaftlichen Charakter der betreffenden Theorien zu entlarven sowie ehrliche Marxisten, die darum bemüht waren, ihren unmarxistischen Charakter offen zu legen, aus einflussreichen Positionen zu entfernen.

 

Wir sind der Meinung, dass ein Verständnis für die Zerstörung des Sozialismus in der ehemaligen Sowjetunion nur dadurch erreicht werden kann, dass die lange Geschichte des heimlichen Revisionismus - und des Kampfes gegen ihn - aufgedeckt wird.

 

Einleitung

 

Sprachwissenschaft oder Philologie ist

 

" ... das wissenschaftliche Studium der Sprache."

('New Encyclopaedia Britannica', Band 23, Chicago 1994, S. 40).

 

Im Allgemeinen wird angenommen, dass sie am 2. Februar 1786 entstand, als der britische Orientalist und Jurist William Jones (1746-94) vor der bengalischen Asiengesellschaft in Kalkutta erklärte:

 

"Die Sprache des Sanskrit ... besitzt eine wunderbare Struktur; sie ist noch perfek ter als das Griechische, noch umfangreicher als das Lateinische und noch vorzüg licher verfeinert als beide zusammengenommen; aber dennoch ist sie mit beiden stärker verwandt, sowohl was die Stammformen der Verben betrifft, als auch die Struktur der Grammatik, als sich dies durch reinen Zufall erklären ließe; so stark nämlich, dass kein Sprachwissenschaftler alle drei untersuchen könnte, ohne annehmen zu müssen, dass sie einer gemeinsamen Quelle entsprungen sind, welche vielleicht gar nicht mehr existiert."

(William Jones: 'Der dritte jährliche Diskurs', Asiengesellschaft, Calcutta, Februar

1786, in: 'Werke' (Stalin-), Band 1, London 1999, S. 26).

 

Auf dieser Grundlage kam die vergleichende Sprachwissenschaft voran und sie konnte aufzeigen, dass es viele Ursprungsbeziehungen zwischen den Sprachen gibt:

 

"Die größte Errungenschaft der linguistischen Forschung des 19. Jahrhunderts bestand in der Entwicklung der vergleichenden Methode, die eine Reihe von Grundsätzen aufstellte, wonach Sprachen systematisch miteinander verglichen werden konnten - was ihr Lautsystem, ihre grammatische Struktur und ihr Vokabular anbetraf - wodurch gezeigt werden konnte, dass sie 'genealogisch' (vom Ursprung her - Übers.) miteinander verwandt sind."

('New Encyclopaedia Britannica', Band 23, Chicago 1994, SS. 42f).

 

Die genetische (die Entstehung betreffend - Übers.) Einteilung von Sprachen geht davon aus,

 

" ... dass bestimmte Sprachen miteinander verwandt sind, in der Weise, dass sie sich ursprünglich aus einer gemeinsamen Ahnensprache entwickelt haben."

(Ebenda, Band 22, Chicago 1994, S. 572).

 

Auf dieser Grundlage wurden Sprachen in Familien eingeteilt, die häufig nach Gestalten aus der jüdischen Mythologie benannt wurden, z.B. nach den Söhnen von Noah (Ham, Shem und Japheth). Danach hieß eine Familie die hamitische Familie,

 

" ... eine Gruppe von afrikanischen Sprachen mit dem Altägyptischen und dem Berber, mit Galla und anderen verwandten, aber inzwischen ausgestorbenen Sprachen."

('Oxford English Dictionary', Band 6, Oxford 1989, S. 1.056).

 

Eine andere Sprachfamilie wurde die semitische Familie genannt, wozu

 

"das Hebräische, Armenische, Arabische, Äthiopische und Altasyrische als die wichtigsten Mitglieder zählen."

(Ebenda, Band 14, Oxford 1989, S. 961).

 

Wiederum eine andere war die japhetische Familie, wie sie ursprünglich genannt wurde oder auch

 

"kartvelianische Sprachfamilie"

(Lawrence L. Thomas: 'Die linguistischen Theorien von N. J. Marr', Berkeley, USA,

1957, S. 39).

 

genannt, die das

 

"Georgische umfasst, das südlich des Hauptgebirgszuges des Kaukasus gesprochen wird."

('New Encyclopaedia Britannica', Band 6, Chicago 1994, S. 752).

 

Die vergleichende Sprachwissenschaft unterteilt jede Sprachenfamilie in Gruppen. Zum Beispiel: Die indoeuropäische Familie umfasst die germanische Gruppe (mit dem Dänischen, dem Englischen, dem Deutschen, dem Isländischen, dem Niederländischen, Norwegischen und Schwedischen); die romanische Gruppe (mit den aus dem Volkslatein abgeleiteten Sprachen wie Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Spanisch und Rumänischen) sowie die slawische Gruppe, die das Belorussische, Bulgarische, Tschechische, Mazedonische, Polnische, Serbo-Kroatische, Slowenische und Ukrainische umfasst.

 

Vor 1925 war in Russland und in der Sowjetunion

 

"die vorherrschende sprachwissenschaftliche Theorie diejenige, welche von den meisten Philologen der Welt vertreten wurde. Diese Theorie, die im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, geht von der Annahme aus, dass es 'Ursprachen' wie das Indoeuropäische gab, aus denen sich ganze Sprachenfamilien entwickelt haben."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies: 'Die Krise in der sowjetischen Linguistik', in:

'Sowjetische Studien', Band 2, Nr. 3, Januar 1951, S. 210).

 

"Von 1930 bis 1950 ... wurde die Sprachwissenschaft in der Sowjetunion von der so genannten 'Marr-Schule' beherrscht", ..

(Lawrence L. Thomas: Ebenda, S. VII).

 

..das heißt von dem Ideensystem, das von dem Philologen Nikolai Marr entwickelt wurde.

 

Die Karriere von Nikolai Marr

 

Nikolai Jakowjewitsch Marr (1864-1934) wurde in Kutaisi/Georgien im Januar 1865 geboren. Sein Vater war Schotte und seine Mutter Georgierin. Nach Besuch des örtlichen Gymnasiums von Kutaisi schrieb er sich an der Abteilung für Orientalische Sprachen an der Universität zu St. Petersburg ein (1884). Erst zwanzig Jahre alt, beschäftigte er sich besonders mit den im Kaukasus gesprochenen Sprachen.

 

1903 erhielt er seinen Doktortitel und im folgenden Jahr wurde er Professor für armenische und georgische Literatur.

 

1912 wurde er aktives Mitglied der zaristischen 'Akademie der Wissenschaften' und 1917

 

" ... hieß er die Oktoberrevolution vorbehaltlos willkommen."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies: Ebenda, S. 214).

 

1921

 

"gründete er mit ausdrücklicher Genehmigung der Akademie der Wissenschaften das Petrograder (später Leningrader) japhetische Institut" ..

(Katherine H. Philips: 'Sprachtheorien in der Frühphase der Sowjetunion', Exeter 1986, S. 77).

 

..für das Studium der japhetischen (d.h. kartvelianischen) Sprachfamilie.

 

1923

 

"wurde Marr zum Präsidenten des Zentralrats der Abteilung der Geistesschaffenden gewählt."

(Ebenda, S. 80).

 

1930 wurde er in die Kommunistische Partei aufgenommen und 1934 erhielt er den Leninorden.

 

Er starb im Dezember 1934 im Alter von 69 in Leningrad.

 

Nach seinem Tode wurde das sprachwissenschaftliche Institut, an dessen Spitze er gestanden hatte, in 'N. J. Marr Institut für Sprachwissenschaften' umbenannt.

 

Marrs sprachwissenschaftliche Theorie

 

'Japhetitologie'.

 

Zu Beginn seiner Laufbahn schuf Marr die, wie er sich ausdrückte,

 

" ... Japhetitologie", ..

(Grigori A. Kapantsjan: 'Über einige allgemeine linguistische Thesen von N. Marr', Mai 1950, in: Elisabeth Kresky, Hrsg.: 'Die sowjetische linguistische Kontroverse, übersetzt aus der sowjetischen Presse', New York 1951, S. 42).

 

..das heißt das wissenschaftliche Studium der japhetischen (ursprünglich der 'kartvelianischen') Sprachen und ihre Beziehungen untereinander.

 

In Marrs erster Arbeit aus dem Jahre 1888 stellt er die Behauptung auf, dass

 

" die georgische Sprache ... aus der semitischen Sprachfamilie kommt."

(Nikolai J. Marr: 'Das Wesen und die Besonderheit der georgischen Sprache', 1888, in: Lawrance L. Thomas, ebenda, S. 2).

 

Diese Theorie ließ Marr nicht mehr los. Er hielt an ihr fest, obwohl sie sich mit wissenschaftlichen Fakten nicht vereinbaren ließ:

 

"Der Ursprung des Systems von Marr ist eindeutig. Seine gesamte Arbeit in dieser Zeit wurde der Aufgabe unterstellt zu beweisen, dass seine Theorie von der Verwandtschaft der japhetischen Sprachen mit den semitischen Sprachen richtig ist. ... Man hat irgendwie den Eindruck, dass, sollte dem nicht so sein, die Tatsachen dafür verantwortlich seien."

(Lawrence L. Thomas: Ebenda, S. 17).

 

Bald ging Marr, der von dieser Theorie völlig eingenommen war, dazu über, seine Definition der 'japhetischen Sprachen' auszuweiten. Die Zahl der dazu gehörenden Sprachen wurde

 

"nach und nach größer, so dass bald nicht nur die kaukasischen Sprachen dazu zu rechnen waren, sondern auch andere wie das Baskische, Urartu, Elamite usw.. Das führte so weit, dass die angenommenen ursprüngliche Verbindung (dieser Sprachen mit den japhetischen - Übers.) bald nicht mehr erkennbar war."

(Grigori A. Kapantsjan: 'Zu einigen von N. Marrs allgemeinen linguistischen Thesen',

Mai 1950, in: Elisabeth Kresky: Ebenda, S. 42).

 

Es kam vor, das

 

" ... Marr der japhetischen Sprachfamilie sogar Sprachen hinzufügte, ohne sie eigentlich erforscht zu haben."

(Lawrence L. Thomas: Ebenda, S. 38).

 

Und Mitte der zwanziger Jahre konnte Marr behaupten, dass

 

" ... der gesamte Mittelmeerraum von einem ungebrochenen japhetischen Einfluss beherrscht war, bevor die Indoeuropäer eintrafen."

(Ebenda, S. 52).

 

So kam es, dass

 

" ... plötzlich japhetische Elemente in den verschiedensten Sprachen 'auftauchten'; die japhetischen Sprachen seien angeblich mit allen Sprachen 'verwandt'; was zur Folge hatte, dass die ursprüngliche Verwandtschaft oder 'genetische' Verwandtschaft jede Bedeutung verlor."

(Arnold S. Tschikobawa: 'Zu bestimmten Problemen der sowjetischen Sprachwissenschaft', Mai 1950, in: Elisabeth Kreskiy, Hrsg.: Ebenda, S. 11).

 

Die neuen Sprachforschungen

 

Bis 1924 bewegten sich Marrs theoretische Arbeiten, obwohl sie sich jenseits erwiesener Fakten bewegten, immer noch

 

" ... im Wesentlichen im Rahmen der orthodoxen linguistischen Theorie."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies: Ebenda, S. 212).

 

Ab 1924 jedoch fing er an, theoretische Ansichten zu verbreiten, die ganz erheblich von dem abwichen, was bis dahin und auch danach außerhalb der Sowjetunion als wissenschaftlich fundiert angesehen wurde. Diesen Theorien zusammengenommen wurden allmählich unter dem Namen 'Marrismus' bekannt.

 

Zu eben dieser Zeit benannte Marr seine 'japhetische Theorie' in 'Neue Sprachforschungen' um:

 

"Der Begriff 'Neue Sprachforschungen' wurde zuerst 1924 verwendet. Davor nannte Marr seine Theorie 'japhetische Theorie'."

('Große Sowjetenzyklopädie', Band 18, New York 1977, S. 181).

 

In Übereinstimmung mit dieser Umbenennung

 

" ... wurde der Name des Leningrader Japhetischen Instituts in 'Institut für Sprache

und Denken' geändert."

(Katherine H. Phillips: Ebenda, S. 85).

 

Gleichzeitig

 

" ... versuchte Marr 1925 sein System mit den philosophischen Ideen des historischen Materialismus zu verbinden."

('Große Sowjetenzyklopädie', ebenda).

 

Das bedeutete, dass er

 

" ... sich daranmachte, ganz bewusst und gewollt, seine Theorien mit den Prinzpien des dialektischen und historischen Materialismus in Einklang zu bringen."

(Katherine H. Phillips: Ebenda, S. 80).

 

Die Tatsache, dass es Widersprüche zwischen dem Marrismus und den Erkenntnissen der Sprachwissenschaft gab, konnte dann durch die Behauptung wegerklärt werden, dass der Marrismus eine 'marxistische Sprachwissenschaft' sei und sich deshalb zwangsläufig in einem ideologischen Kampf mit der 'bürgerlichen Linguistik' befinden müsse, die mit dem 'Marxismus unvereinbar' sei:

 

"Als Marrs Hypothese von der sprachlichen Verwandtschaft in einen Konflikt mit den Erkenntnissen der Sprachwissenschaft geriet, versuchte er, diesen Widerspruch dadurch aufzulösen, dass er die gesamte 'traditionelle' ... Linguistik für veraltet und als mit dem Marxismus unvereinbar hinstellte."

('Große Sowjetenzyklopädie', Band 15, New York 1977, S. 492).

 

In seiner Ansprache aus Anlass des 110jährigen Bestehens der Leningrader Universität im Jahre 1930 erklärte Marr, dass seine linguistische Theorie

 

" ... die nationale proletarische Antithese gegenüber der feudal-bürgerlichen Großmacht-These darstelle."

(Nikolai J. Marr: Ansprache an der Leningrader Universität, 1930, in: 'William K. Matthews: Ebenda, S. 176).

 

Leider begriff Marr den Marxismus

 

" ... in einer stark vereinfachten Weise, im Sinne eines vulgär-soziologischenAnsatzes."

('Große Sowjetenzyklopädie', Band 18, New York 1978, S. 181).

 

Oder, wie es Stalin frei heraus sagte:

 

"Rettet uns vor N. J. Marrs Marxismus! Tatsächlich wollte und versuchte N. J. Marr Marxist sein, aber es gelang ihm nicht, einer zu werden. Er war nichts als ein Vereinfacher und Vulgarisierer des Marxismus, ähnlich wie die 'Proletkult-Leute' oder die 'Rapp-Leute'."

(Josef W. Stalin: 'Über Marxismus und Sprachwissenschaft, Juni 1950,- hiernach zitiert als 'Josef W. Stalin, 1950, 1', in: 'Werke', Band 16, London 1986,

S. 228).

 

Die wichtigsten Thesen von Marrs 'Neuen Sprachstudien' werden in den folgenden sechs Abschnitten beschrieben.

 

Ablehnung entstehungsgeschichtlicher Verwandtschaftsbeziehungen

 

Marrs 'Neue Sprachstudien' wiesen die ganze Vorstellung von einer entstehungsgeschichtlichen Verwandtschaft der Sprachen zurück. Er

 

" ... weigerte sich, eine Verwandtschaft unter den Sprachen anzuerkennen und lehnte eine Einteilung nach ihrer Entstehungsgeschichte ab."

(Grigori Kapantsjan: 'Über einige allgemein sprachwissenschaftliche Theorien von N. Marr', Mai 1950, in: Elisabeth Kresky, Hrsg.: Ebenda, S. 42).

 

Der Ausgangspunkt des Marrismus

 

" ... scheint bei seiner persönlichen Überzeugung zu liegen, dass die Vorstellung von 'Sprachfamilien' ... im Grunde eine falsche Vorstellung ist."

(Molly Miller: 'Marr, Stalin und die Sprachtheorie', in: 'Sowjetische Studien', Band 2, Nr. 4, April 1951, S. 364).

 

Marrs

 

" ... 'Neue Linguistik' ist ein übertriebener Protest gegen eine 'Einteilung vonSprachen nach Sprachfamilien', die jeweils von ihrer Ursprache abstammen", ..

(B. B. J.: 'Die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung zwischen Stalin und Marr in der UdSSR', in: 'World Today', Band 6, August 1950, S. 156).

 

.. eine Sprachwissenschaft, die sich

 

" ... von der Hauptrichtung der Entwicklung der Linguistik losgesagt hatte."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies: Ebenda, S. 214).

 

Oder, wie Stalin sich ausdrückte: Marr

 

" ...beschimpfte die vergleichend-historische Methode auf schrille Weise als 'idealistisch'.

Er wies auf arrogante Weise jeden Versuch, Gruppen (Familien) von Sprachen zu erforschen, zurück. ... Dennoch kann nicht abgestritten werden, dass die sprachliche Verwandtschaft von Nationen wie der slawischen Nationen außer Frage steht und dass eine Analyse der sprachlichen Verwandtschaft dieser Nationen sehr lohnenswert für Sprachwissenschaftler bei ihrer Untersuchungen der Entwicklungsgesetze der Sprachen sein kann."

(Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, SS. 229f).

 

Mit anderen Worten: Er

 

" ... lehnte die Errungenschaften der vergleichenden historischen Sprachwissenschaft ab", ..

('Große Sowjetenzyklopädie', Band 18, New York 1978, S. 181).

 

.. Errungenschaften, die Friedrich Engels in seiner Streitschrift gegen den deutschen Philosophen Eugen Dühring besonders herausgehoben hatte:

 

"Es ist offensichtlich, dass wir es mit einem Sprachwissenschaftler zu tun haben, der nicht ein einziges Wort von der umfangreichen und erfolgreichen Entwicklung der historischen Sprachwissenschaft, die in den letzten sechzig Jahren stattgefunden hat, mitbekam."

(Friedrich Engels: 'Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft' - 'Anti-Dühring', Juni 1878, New York 1939, S. 349).

 

Der 'nicht-kommunikative' Ursprung der Sprache

 

Die 'Neuen Sprachstudien' wiesen die Theorie zurück, dass sich die Sprache aus dem Bedürfnis des Menschen, miteinander zu kommunizieren, heraus entwickelt hat:

 

Dazu Marr:

 

"Es gibt auch noch eine andere wichtige Fehlannahme, wenn sie (die Leute- Verf.) der Sprache die Funktion bei ihrer Entstehung zuweisen, die heute im Vordergrund steht: die kommunikative. Sprache ist ein magisches Hilfsmittel. ... Die Notwendigkeit und Möglichkeit, die Sprache als Mittel der Kommunikation zu benutzen, kam erst sehr viel später auf." (Nikolai J. Marr: 'Beitrag zur Bakuer Diskussion über Japhetidologie und Marxismus', 1932, in: Lawrance L. Thomas: Ebenda, S. 102).

 

"Marr verneinte, dass die ursprüngliche Funktion der Sprache die der Kommuni kation war, wie Marx lehrte."

(B.B.J.: Ebenda, S. 360).

 

Seine Behauptung, dass die Sprache als magische Methode entstand, übernahm er von dem französischen Philosophen Lucien Levy-Bruhl (1857-1939).

 

"Bei der Formulierung seiner semantischen Gesetze (die Gesetze, die sich mit den Bedeutungen sprachlicher Zeichen befassen - Übers.) ... stützt er sich größ tenteils auf den französischen Philosophen und Völkerkundler Levy-Bruhl und nicht so sehr auf Marx. ... Marr unterstützte Levy-Bruhls Thesen; einerseits vereinfachte er sie und andererseits versuchte er, ihnen ein marxistisches Fundament zu geben."

(Lawrence L. Thomas: Ebenda, SS. 78f).

 

Die Begründer des Marxismus vertraten jedoch die Ansicht, dass sich die Sprache aus dem Bedürfnis des Menschen, miteinander zu kommunizieren, entwickelt habe:

 

"Die Sprache entsteht aus dem Bedürfnis der Notwendigkeit des Verkehrs mit anderen."

(Karl Marx & Friedrich Engels: 'Die deutsche Ideologie', London 1946, S. 19).

 

"Bei der Menschwerdung gelangte man an den Punkt, dass man sich etwas zu sagen hatte. Die Notwendigkeit schuf das Organ; der unentwickelte Kehlkopf des Affen wurde allmählich, jedoch nachhaltig durch die Anpassung verändert, so dass immer besser Töne produziert werden konnten und die Mundwerkzeuge lernten nach und nach, einen verständlichen Ton nach dem anderen auszusprechen."

(Friedrich Engels: 'Die Rolle der Arbeit bei der Menschwerdung des Affen', Juni 1876, in: 'Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates', London 1972, SS. 253f).

 

Sprache als 'Überbau'

 

Der Marxismus umschreibt die Basis und den Überbau der Gesellschaft wie folgt:

 

"Die Basis ist die ökonomische Struktur der Gesellschaft auf einem bestimmten Stand ihrer Entwicklung. Den Überbau machen die politischen, juristischen, religiösen, künstlerischen, philosophischen Ansichten der Gesellschaft aus sowie die politischen, juristischen und anderen Einrichtungen, die ihnen entsprechen.

Jede Basis besitzt ihren entsprechenden Überbau. ... Wenn sich die Basis ändert oder wenn sie aufhört zu bestehen, dann ändert sich dementsprechend ihr Überbau oder er wird abgeschafft. Wenn eine neue Basis entsteht, dann entsteht auch als Folge ein ihr entsprechender Überbau."

(Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, SS. 195f).

 

Dem Marrismus zufolge gehört die Sprache zum Überbau einer Gesellschaft:

 

"Die Sprache hat den gleichen sozialen Überbauwert wie die Malerei oder die Kunst im Allgemeinen."

(Nikolai J. Marr: 'Die japhetische Theorie', 1928, in: Elisabeth Kresky, Hrsg.: Ebd., S. 11).

 

"Marrs Theorie rechnete die Sprache zum Überbau."

(Francoise Cadet, Jean-Marc Gayman, Yvan Mignot & Elisabeth Rondinesco: 'Les maitres de la langue, avec des textes de Marr, Staline, Polivanov' (Die Meister der Sprache, mit Texten von Marr, Stalin, Poliwanow, Paris 1979, S. 13).

 

Und der Marr-Anhänger und Philologe Stepan Nikiforow betont:

 

"Eine ganze Reihe der Thesen des Gelehrten N. J. Marr sind unwiderlegbar. ... Die wichtigste darunter ist die Erkenntnis, dass die Sprache Überbau ist."

(Stepan Nikiforow: 'Die Geschichte der russischen Sprache und die Theorie N. J.

Marrs', Juni 1950, in: Elisabeth Kresky, Hrsg.: Ebenda, S. 62).

 

Jedoch widerspricht dies dem Marxismus. Dazu Stalin:

 

"Die Sprache unterscheidet sich grundlegend vom Überbau. ... Im Verlauf der vergangenen dreißig Jahre wurde die alte, kapitalistische Basis in Russland beseitigt und eine neue sozialistische aufgebaut. Dementsprechend wurde der Überbau der kapitalistischen Basis beseitigt und ein neuer Überbau geschaffen, der der sozialistischen Basis entsprach.

Was hat sich in dieser Zeit in der russischen Sprache verändert? Das Vokabular der russischen Sprache hat sich in gewisser Weise verändert, in dem Sinne, dass sie mit einer ganzen Reihe von neuen Wörtern und Ausdrücken aufgefüllt wurde.

Was den Grundstock an Wörtern und was das grammatische System der russischen Sprache angeht, welches die Grundlage einer Sprache ausmacht, so ... sind diese, weit davon entfernt, durch einen neuen Grundstock an Wörtern und ein neues grammatisches Sprachsystem ersetzt zu werden, in ihrer Gesamtheit erhalten geblieben. .

In dieser Beziehung unterscheidet sich die Sprache grundlegend vom Überbau. Die Sprache ist nicht das Produkt der einen oder anderen Basis, einer neuen oder alten, innerhalb einer bestimmten Gesellschaft, sondern das Produkt des gesamten Verlaufs der Geschichte einer Gesellschaft ... über mehrere Jahrhunderte hinweg. ... Eine Sprache kann sowohl dem alten, absterbenden System, als auch dem neuen, aufstrebenden System dienlich sein. Eine Sprache lebt deshalb unendlich viel länger als jede Basis oder jeder Überbau. Deshalb kann ein Marxist

a) die Sprache weder als Überbau noch als Basis betrachten und

b) begeht man einen schweren Fehler, wenn man Sprache und Überbau miteinander

verwechselt.

N. J. Marr führte in die Sprachwissenschaft die falsche, unmarxistische Formel ein, dass die Sprache Überbau ist. Er verwirrte sich damit selbst, aber er richtete damit auch in der Sprachwissenschaft ein Durcheinander an. Die sowjetische Sprachwissenschaft kann nicht auf der Grundlage einer unrichtigen Formel vorankommen."

(Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, SS. 196ff, 203, 229).

 

"Die Sprache kann weder der Kategorie der Basis noch der des Überbaus zugeordnet werden. Sie kann ebensoweinig einem 'Zwischen'phänomen zwischen der Basis und dem Überbau zugeordent werden, denn solche 'Zwischen'formen gibt es nicht."

(Josef W. Stalin: 'Über bestimmte Probleme der Sprachwissenschaft', Juni 1950,

hiernach zitiert als 'Josef Stalin, 1950, 2', in: 'Werke', Band 16, London 1986).

 

Gestik war zuerst da

 

Marr behauptete, dass die Gestik, die er auch 'lineare' oder 'kinetische' Sprache nannte, vor der gesprochenen Sprache vorhanden war:

 

"Die manuelle Sprache ... wurde erst spät von der gesprochenen Sprache abgelöst."

(Nikolai J. Marr: 'Sprache und Denken', in: Lawrence L. Thomas: Ebenda, S. 102).

 

Nach Marr wurde die kinetische Sprache (Zeichensprache - Übers.)

 

" ... erst dann durch ein System gesprochener Sprache ersetzt, als eine besondere Schicht von 'Magiern' auftauchte, die zuerst die gesprochene Sprache verwendeten. ... Sie waren es, die zuerst die gesprochene Sprache für das gesamte Kollektiv verbindlich machten."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies: Ebenda, S. 215).

 

"Marr zufolge wurden die kommunikativen Bedürfnisse über unzählige Generatio nen hinweg nicht durch die gesprochene Sprache, sondern durch die 'kinetische' oder Zeichensprache befriedigt. Die gesprochene Sprache sei erst im späteren Verlauf der Entwicklung des Menschen aufgekommen und sei nicht durch ein bestimmtes Sprechbedürfnis erzeugt worden."

(Lawrence L. Thomas: Ebenda, S. 64).

 

"Nach der Theorie des Gelehrten N. J. Marr entstand die Sprache wie folgt: Eine Zeichensprache ('manuelle Sprache') sei zuerst dagewesen; die gesprochene Sprache sei erst viel später entstanden."

(Arnold S. Chikobava: 'Über bestimmte Probleme der sowjetischen Sprachwissen-

schaft, Mai 1950, in: Elisabeth Kresky, Hrsg.: Ebenda, S. 12).

 

In dem Bemühen, seiner Theorie einen 'marxistischen' Anstrich und einen 'klassenkämpferischen' Anschein zu geben (z.B. habe ein 'Klassenkampf' zwischen Gemeinwesen ohne und mit einer gesprochenen Sprache stattgefunden), stellt er die Behauptung auf, dass die

Gemeinwesen

 

"mit Zeichensprache ... erst im Verlauf eines Kampfes mit Kollektiven mit ... einer gesprochenen Sprache zur gesprochenen Sprache übergingen."

(Nikolai J. Marr: 'Sprache und Denken', in: Lawrence L. Thomas: Ebenda, SS. 102f).

 

Dies sei ein Kampf gewesen

 

" ... zwischen Gemeinwesen mit und solchen ohne gesprochene Sprache, der so lange im Gang war, bis die ersten triumphierten. .."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies: Ebenda, S. 215).

 

Dazu Stalin:

 

"Genosse Belkin ... scheint anzunehmen, ... dass die menschliche Gesellschaft einmal keine gesprochene Sprache besaß, dass die 'Hand'sprache in dieser Zeit die Rolle der gesprochenen Sprache spielte, die erst später auftrat. Aber ... die gesprochene Sprache oder die Sprache der Worte ist von jeher die einzige Sprache der menschlichen Gesellschaft gewesen, die in der Lage war, als geeignetes Instrument des Verkehrs zwischen Menschen zu dienen. Die Geschichte kennt nicht eine einzige menschliche Gemeinschaft, und sei es die allerrückständigste, die nicht ihre eigene gesprochene Sprache besaß. Die Völkerkunde kennt nicht einen einzigen zurückgebliebenen Stamm, der nicht seine eigene Sprache gehabt hätte. Die Bedeutung der so genannten Zeichensprache ist angesichts ihrer extremen Armut und Begrenztheit verschwindend gering. ... Genau genommen ist dies gar keine Sprache, ... sondern ein Hilfsmittel mit äußerst begrenzten Möglichkeiten, auf das der Mensch hin und wieder zurückgreift, um das eine oder andere in seiner Rede zu betonen."

(Josef W. Stalin: Brief an den Genossen D. Belkin & S. Furer, Juli 1950, in: Josef

W. Stalin, 1950, 2, ebenda, SS. 242f).

 

Die Sprache als 'Klassenphänomen'

 

Marr zufolge gab es nie eine Sprache, die nicht an Klassen gebunden gewesen wäre. Die Sprache sei seit ihrer Entstehung eine 'Klassensprache' gewesen und es sei die Sprache der Klasse gewesen, die die Produktionsinstrumente kontrolliert habe (Nikolai J. Marr: 'Beitrag zur Bakuer Diskussion über Japhetologie und Marxismus', 1932, in: Elisabeth Kresky, Hrsg., ebenda, S. 12).

 

"Es gibt keine ... nationale Sprache."

(Nikolai J. Marr: 'Von den Schwierigkeiten, ein theoretischer Linguist zu werden', 1929, in: Lawrence L. Thomas: Ebenda, S. 95).

 

Die Vorstellung

 

"vom Klassencharakter der Sprache zieht sich deshalb durch die gesamte Theorie (des Marrismus - Verf.)."

(Lawrence L. Thomas: Ebenda, S. 111).

 

Marr geht absurderweise sogar so weit zu sagen, dass die Sprachen ein und derselben Klasse verschiedener Nationen stärker miteinander verwandt seien als die 'Sprachen' verschiedener Klassen derselben Nation!

 

"Die Sprachen ein und derselben Klasse verschiedener Länder weisen bei identischer sozialer Struktur größere Ähnlichkeit auf als die Sprachen verschie dener Klassen ... ein und derselben Nation."

(Nikolai J. Marr: 'Von den Schwierigkeiten, ein theoretischer Linguist zu werden', 1929, in: 'Elisabeth Kreskiy, Hrsg.: Ebenda, S. 12).

 

Der Marxismus behauptet jedoch, dass

 

" ... die gemeinsame Sprache zu den Wesensmerkmalen einer Nation gehört."

(Josef W. Stalin: 'Marxismus und nationale Frage', Januar 1913, in: 'Werke',

Band 2, Moskau 1953, S. 304).

 

"Überall und in allen Stadien der Entwicklung war die Sprache als Mittel des Verkehrs zwischen den Menschen einer Gesellschaft die gemeinsame und ein heitliche Sprache dieser Gesellschaft, die ihren Mitgliedern gleichermaßen diente, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung. Ich spreche hier nicht von ... den Imperien. ... Diese Reiche konnten keine einheitliche Sprache für das gesamte Imperium haben. Es waren Verbindungen von Stämmen und Nationalitäten, von denen jede ihre eigene Sprache besaß. ... Die Geschichte lehrt uns, dass die Sprachen dieser Stämme und Nationalitäten keine Klassensprachen waren, sondern Sprachen, die dem Stamm oder der Nationalität gemeinsam zukamen. Mit dem Auftreten des Kapitalismus, ... entwickelten sich die Nationalitäten zu Nationen und die Sprache der Nationalitäten entwickelten sich zu Nationalsprachen. Die Geschichte zeigt, dass Nationalsprachen keine Klassensprachen sind, sondern gemeinsame Sprachen, die alle Mitglieder jeder Nation gemein haben und die die einheitliche Sprache jener Nation ausmachen."

(Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, SS. 203ff).

 

Natürlich - räumt Stalin ein -

 

" ... entwickelten sich 'Klassen'-Dialekte, entwickelten sich umgangssprachliche Sonderformen oder Oberschicht-'Sprachen'.

Können diese Dialekte und Jargons aber als Sprachen bezeichnet werden? Sicher lich nicht. Sie können es deshalb nicht, weil erstens diese Dialekte oder Jargons kein eigenes grammatisches System und keinen eigenen Grundwortschatz besitzen. Sie leihen sich diese von der Nationalsprache aus. Sie können es zweitens deshalb nicht, weil diese Dialekte und Jargons auf eine enge Sphäre begrenzt ... und als Mittel des menschlichen Verkehrs in einer bestimmten Gesellschaft gänzlich ungeeignet sind."

(Josef W. Stalin, 1950, 1, SS. 205f).

Stalin stellt klar, dass es falsch ist,

 

" ... Sprache mit Kultur zu verwechseln. ... Kultur und Sprache sind zwei ganz verschiedene Dinge. Die Kultur kann bürgerlich oder sozialistisch sein, aber die Sprache als Mittel des Umgangs ist immer die Sprache des ganzen Volkes.

Deshalb.. war und bleibt a) die Sprache als Mittel des Verkehrs immer die einheitliche Sprache einer Gesellschaft, die allen Mitgliedern zusammen gehört; widerspricht b) das Bestehen von Dialekten und Jargons nicht der Tatsache, dass es eine gemeinsame Sprache für das Ganze eines bestimmten Volkes gibt, sondern bestätigt dies, da es sich bei ihnen um Ableger handelt, die dieser untergeordnet sind; ist c) die 'Klassenformel' von Sprache irrig und unmarxistisch."

(Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, SS. 213, 215).

 

Die 'Stadientheorie'

 

Marrs Theorie der 'Glottogonie' oder der Sprachentstehung behauptet, dass sich sprachliche Veränderungen in Stadien vollziehen, d.h. in Form

 

" ... einer Serie von aufeinander folgenden Stadien."

(' Oxford English Dictionary', Band 16, Oxford 1989, S. 439).

 

Das bedeutet, wie der Marr-Anhänger und Sprachwissenschaftler Garma Sanschejew sich ausdrückt, dass sich Sprachentwicklung nicht nur allmählich und quantitativ vollzieht, sondern auch durch revolutionäre, qualitative Sprünge:

 

"Die Anhänger des Gelehrten Marr sind der Ansicht, ... dass sich Sprache nicht nur evolutionär entwickelt, d.h. in quantitativen Veränderungen bei bestimmten Aspekten und Teilaspekten von Sprache, sondern auch revolutionär, durch Sprün ge und Mutationen, d.h. durch den Übergang dieser Sprache von einem qualitativen Zustand in einen anderen, wodurch der evolutionäre Weg der Entwicklung aufhört."

(Garma D. Sanschejew: 'Entweder vorwärts oder rückwärts', Mai 1950, in: Elisabeth Kresky, Hrsg., ebenda, S. 37).

 

"Marrs Auffassung der Sprachentwicklung geht von Veränderungen aus, die sich durch plötzliche 'dialektische' Sprünge von einem Stadium zu einem anderen vollziehen."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies: Ebenda, S. 217).

 

Stalin weist jedoch darauf hin, dass die Stadientheorie den Tatsachen und marxistisch-leninistischen Prinzipien widerspricht:

 

"Sprachen entwickelten sich nicht durch die Zerstörung bestehender Sprachen und die Schaffung neuer, sondern durch die Ausweitung und Perfektionierung der grundlegenden Elemente bestehender Sprachen. Und der Übergang der Sprache von einer Qualität zu einer anderen nahm nicht die Form einer Explosion an, der abrupten Zerstörung der alten und der Schaffung der neuen, sondern der all mählichen und lang anhaltenden Ansammlung von Elementen ... der neuen sprachlichen Struktur und des allmählichen Aussterbens der Elemente der alten.

 

Der Marxismus erkennt keine plötzlichen Explosionen bei der Entwicklung von Sprachen an."

(Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, S. 222).

 

Stalin gesteht zwar ein, dass es zahlreiche Beispiele von sprachlichem Wandel durch 'Kreuzungen' oder 'Hybridisierungen' gibt, besteht aber darauf, dass solche Veränderungen allmählicher und quantitativer Natur sind:

 

"Linguistische Kreuzungen können nicht als Folge eines einzigen entscheidenden Schlages angesehen werden, der innerhalb weniger Jahre seine Wirkung entfaltet. Linguistische Kreuzungen stellen einen langwierigen Prozess dar, der Hunderte von Jahren andauert. Deshalb kann hier von Explosionen keine Rede sein.

Darüber hinaus wäre es falsch anzunehmen, dass die Kreuzung von, sagen wir, zwei Sprachen zu einer neuen, dritten, führt. ... Tatsächlich ist es so, dass eine Sprache gewöhnlich aus der Verbindung als Siegerin hervorgeht, ihre grammatische Struktur und ihren Grundwortschatz behält und sich in Übereinstimmung mit den ihr innewohnenden Gesetzen weiterentwickelt, während die andere Sprache allmählich ihre Eigenart verliert und nach und nach ausstirbt."

(Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, SS. 224f).

 

Deshalb widersprechen die linguistischen Theorien, die als Marrismus bezeichnet werden, in vielerlei wichtiger Hinsicht marxistischen Prinzipien.

 

Die Unterstützung des Marrismus durch revisionistische Politiker

 

Hieraus ergibt sich natürlich die Frage: Wie konnte es geschehen, dass solche offensichtlich unwissenschaftlichen und anti-marxistischen Theorien wie die von Marr fünfundzwanzig Jahre lang die Sprachwissenschaft in der Sowjetunion beherrschen konnten?

 

Die Antwort darauf ist die, dass diese Theorien die Unterstützung einflussreicher Persönlichkeiten in der sowjetischen kommunistischen Partei hatten - von Leuten, die wir als 'Revisionisten' bezeichnen, d.h. Leute, die sich als 'Marxisten' ausgaben, jedoch den Marxismus auf eine Art und Weise entstellten, dass von seinem revolutionären Kern nichts mehr übrig blieb, um so das sozialistische Gesellschaftssystem zu sabotieren.

 

Natürlich untergräbt die offizielle Unterstützung einer unwissenschaftlichen Theorie auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft das sozialistische System nicht direkt wie andere unwissenschaftliche Theorien auf Gebieten wie der Ökonomie oder der Politik dies vermögen; dennoch tragen sie dazu bei, dass das sozialistische System indirekt untergraben wird.

 

Dies geschieht dadurch, dass Intellektuelle - und nicht nur solche, die auf das betreffende Gebiet spezialisiert sind - der kommunistischen Partei entfremdet werden, weil es den Anschein hat, dass sie einer unwissenschaftlichen Irrationalität ihre Unterstützung gibt.

 

Dies geschieht dadurch, dass darauf hingearbeitet wird, aufrichtige Marxisten, die darum bemüht sind, den anti-marxistischen Charakter der betreffenden Theorien zu entlarven oder ehrliche Wissenschaftler, die versuchen, ihre unwissenschaftliches Wesen aufzudecken, aus einflussreichen Positionen zu entfernen.

 

Die Rolle von Michail Pokrowski

 

Eine wichtige Rolle für die Sicherstellung der Vorherrschaft des Marrismus in der sowjetischen Sprachwissenschaft spielte der revisionistische Historiker Michail Pokrowski (1868-1932). Pokrowski war Stellvertretender Volkskommissar für Erziehung in der RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik - Übers.) von 1918 bis 1932, Direktor des Instituts der Roten Professoren (1921-32), Direktor des Staatlichen Zentralarchivs, (1922-32) und Direktor der Gesellschaft Marxistischer Historiker (1925-32).

 

Pokrowski

 

" ... blieb bis zu seinem Tode 1932 der Chef der sowjetischen Geschichtsschreibung."

(Marin Pundeff, Hrsg.: 'Geschichte in der UdSSR. Ausgewählte Texte', San Francisco 1967, S. 64).

 

Er war auch noch

 

"Vorsitzender des Präsidiums der Kommunistischen Akademie."

(George M. Enteen: 'M. Pokrowski und die Akademie der sowjetische Geschichtswissenschaft', in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas, Band 22, Nr. 12, 1974, S. 58).

 

Also

 

" ... unter der Schirmherrschaft des 'marxistischen' Historikers Pokrowski, der später in Verruf geriet, ...gelang es Marr, sich die Unterstützung der Kommunistischen Akademie für die Bestimmung der Inhalte und der Methoden der neuen Philologie der proletarischen Ära zu sichern."

('Die philologische Kontroverse zwischen Stalin und Marr in der UdSSR', in: 'World Today', Band 6, Nr. 8, August 1950, S. 358).

 

Besonders durch die Gönnerschaft von Leuten wie Pokrowski konnte der Anspruch des Marrismus,

 

" ... ganz besonders marxistisch und darüber hinaus die einzig mögliche marxisti sche Sprachtheorie zu sein, verwirklicht werden, was zur offiziellen Anerkennung dieser Theorie in den zwanziger Jahren und zum faktischen ideologischen Monopol in Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft in der Sowjetunion führte."

(Ebenda, S. 355).

 

Es war Stalin, der den politischen Kampf gegen das revisionistische 'Imperium', das Pokrowski aufgebaut hatte, eröffnete. 1930 schrieb Stalin einen Brief an die Redaktion der Zeitschrift 'Proletarische Revolution', die sich hauptsächlich mit Parteigeschichte befasste, und protestierte gegen die Veröffentlichung eines

 

" ... gegen die Partei gerichteten, halbtrotzkistischen Artikels",..

(Josef W. Stalin: 'Einige Fragen, die Geschichte des Bolschewismus betreffend', hiernach zitiert als 'Josef W. Stalin, 1930', in: 'Werke', Band 13, Moskau 1955, S. 86).

 

..dem zu entnehmen war, dass Lenin in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg

 

" ... keinen unversöhnlichen Kampf gegen den Opportunismus geführt hat."

(Josef W. Stalin, 1930, ebenda, S. 86).

 

Anfang 1931

 

" ... folgte auf die Kritik an Pokrowski eine direkte Infragestellung seiner Autorität. Kaganowitsch, einer der Sekretäre des Zentralkomitees der Partei, verlangte einen Bericht von Pokrowski über die Lage an der historischen Front."

(John Barber: 'Sowjetische Historiker in der Krise, 1928-32', London 1981, S. 124).

 

Kurz darauf

 

" ... wurde Pokrowski auf einer Versammlung des Präsidiums der Kommunistischen Akademie vom 15. Januar (1931 - Verf.) mit einer Stellungnahme von drei ihrer Mitglieder konfrontiert, die eine gründliche Untersuchung der Zustände am Geschichtsinstitut verlangten."

(John Barber: Ebenda, S. 124).

 

Die Sitzung der Parteigruppe in der Gesellschaft der Historiker

 

" ... endete mit der Annahme einer Resolution, in der die Leitung der Gesellschaft scharf kritisiert wurde, die es an 'bolschewistischer Wachsamkeit' habe fehlen las sen und sich eines 'korrupten Liberalismus schuldig gemacht habe. Sie habe außerdem 'trotzkistischen Unterwanderern' eine Tribüne ... geliefert."

(Ebenda, S. 133).

 

Nach Pokrowskis Tod im Jahre 1932

 

" ... wurde sein historiografisches (mit Geschichtsschreibung befasstes - Übers.) Imperium zügig aufgelöst. Das Institut Roter Professoren, ... die Kommunistische Akademie und die Gesellschaft Marxistischer Historiker wurden alle nach und nach aufgelöst und die Aufgaben der Anleitung und Kontrolle im Bereich Geschichte wurden dem Institut für Geschichte bei der Akademie der Wissenschaften der UdSSR übertragen."

(M. Pundeff, Hrsg., ebenda, S. 97).

 

"Die Kommunistische Akademie wurde 1936 geschlossen."

(George M. Enteen: 'Der sowjetische Gelehrten-Bürokrat M. N. Pokrowski und die Gesellschaft Marxistischer Historiker', University Park, USA, 1978, S. 191).

 

Am 16. Mai 1934 verurteilte ein gemeinsames Dekret des Zentralkomitees der Allunions-Kommunistischen Partei und des Rats der Volkskommissare,

 

" ... ohne ausdrücklich Pokrowski beim Namen zu nennen, die 'abstrakten soziologischen Syteme' seiner Schule. ... Das Dekret sah auch die Einsetzung einer ganzen Reihe von Arbeitsgruppen vor, die die Aufgabe erhielten, neue Lehrbücher zu schreiben und die Werke aus der Ära Pokrowski durch neue zu ersetzen."

(M. Pundeff, Hrsg., ebenda, S. 98).

 

In dem Dekret hieß es gleich zu Beginn, dass

 

" ... der Geschichtsunterricht an den Schulen der UdSSR nicht zufrieden stellend organisiert ist. Lehrbücher und Unterricht besitzen einen abstrakten und schemati schen Charakter."

(Gemeinsames Dekret des Rats der Volkskommissare und des ZK der Allunions-Kommunistischen Partei zum Geschichtsunterricht an den Schulen', 16. Mai 1934, in: M. Pundeff, Hrsg., ebenda, S. 98).

 

Die anderen beiden Dekrete wurden am 8. und 9. August 1934

 

"von Stalin, Kirow und Schdanow unterzeichnet. Hierbei handelte es sich um besondere Ausführungsbestimmungen zum Dekret vom 16. Mai. ... Obschon die Dekrete Pokrowski nicht erwähnten, war doch eindeutig, dass die Partei sich für seine Degradierung stark machte."

(George M. Enteen: Ebenda, S. 190).

 

Die Dekrete

 

" ... wurden in der 'Prawda' ... am 27. Januar 1936 in einem Artikel, in dem Pokrows- verurteilt wurde - die erste öffentliche Kritik an ihm - veröffentlicht."

(George M. Enteen: Ebenda).

 

Der Begleitartikel setzte sich mit Pokrowskis Charakterisierung des vorrevolutionären Russlands als monopolkapitalistisches oder 'imperialistisches' Land auseinander:

 

"Russland war nicht nur ein kapitalistisches Land, sondern ein Land des Monopolkapitals, ein imperialistisches Land."

(George M. Enteen, Tatjana Gorn & Cheryl Keen: 'Sowjetische Historiker und die Erforschung des russischen Imperialismus', University Park, USA, 1979, S. 25).

 

Dagegen besteht die marxistisch-leninistische Auffassung darin, dass

 

" ... die wichtigsten Zweige der russischen Industrie in der Hand ausländischer Kapitalisten lagen. ... All diese Umstände ketteten den Zarismus an den britischen und französischen Imperialismus und machten Russland zu einem tributpflichtigen Staat, zu einer Halbkolonie."

('Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Bolschewiki: Kurzer Lehrgang', Moskau 1939, S. 162).

 

Der Artikel kritisierte, dass die neuen Lehrbuchentwürfe genauso unbefriedigend wie ihre Vorgänger seien und verurteilte zum ersten Mal Pokrowski namentlich:

 

"Die Autoren der erwähnten Lehrbücher bestehen weiter auf historischen Umschreibungen und Auslegungen, die schon zum wiederholten Male von der Partei kritisiert wurden und die ganz offensichtlich unbegründet sind und auf den bekannten Fehlern von Pokrowski basieren. ... Der Rat der Volkskommissare und das Zentralkomitee der Partei betonen, dass diese schädlichen Tendenzen und Versuche, Geschichte als Wissenschaft abzuschaffen, in erster Linie auf die ... so genannte 'historische Schule' Pokrowskis zurückgehen."

(Rat der Volkskommissare und ZK der KPdSU: Erklärung vom 27. Januar 1936, in: John Barber: Ebenda, SS. 139f).

 

Mit dieser Erklärung setzte eine Kampagne der Kritik ein, die

 

" ... in der Resolution des Zentralkomitees vom November 1938 gipfelte, in der Pokrowskis Richtung wegen ihrer 'antimarxistischen Entstellungen' und 'Vereinfachungen' verurteilt wurde." (John Barber: Ebenda, S. 140).

 

In den Jahren 1939-40 veröffentlichte das Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften

 

" ... zwei Bände mit Aufsätzen, in denen seine (Pokrowskis - Verf.) Ansichten und Schriften kritisiert wurden."

(M. Pundeff, Hrsg., ebenda, S. 140).

 

Der erste Band mit dem Titel 'Gegen die historischen Auffassungen von M. Pokrowski' wurde 1939 veröffentlicht; der zweite, 'Gegen die antimarxistischen Vorstellungen von M. Pokrowski', im Jahre 1940. Der einleitende Aufsatz der Historikerin Anna Pankratowa (1897-1957) verurteilte Pokrowskis Schule der Geschichtsschreibung als eine

 

" ... Plattform für die Wühlarbeit von Volksfeinden, die durch die Organe des NKWD enttarnt wurden, von trotzkistisch-bucharinschen Mietlingen des Faschismus, von Saboteuren, Spionen und Terroristen, die sich geschickt mit Hilfe der schädlichen und antileninistischen historischen Ansichten von M. Pokrowski tarnten."

(Anna N. Pankratowa, zitiert in: M. Pundell, Hrsg., ebenda, S. 140).

 

Der Historiker Nikolai Rubinshtein schreibt in seinem Buch 'Russische Geschichtsschreibung':

 

"Die so genannte historische Schule von Pokrowski ... entwickelte die irrigen antimarxistischen Positionen des historischen Konzepts von Pokrowski; einige taten dies unbewusst, ohne diese Positionen einer marxistisch-leninistischen Kritik zu unterziehen, während andere hinter der Autorität des Meisters ihre antisowjetischen ideologischen Aktivitäten verbargen."

(Nikolai Rubinshtein: 'Pokrowski', 1941, in: 'Russkaja istoriografia' – Russische Geschichtsschreibung - Moskau 1941, zitiert nach : M. Pundeff, Hrsg., ebenda, S. 141).

 

Das 'Araktschejew-Regime'

 

Die Entlarvung von Marrs ehemaligem Schutzherrn Pokrowski machte jedoch nicht mit der Vorherrschaft des Marrismus in der sowjetischen Sprachwissenschaft Schluss.

 

Nach Marrs Tod wurde die Leitung des Instituts für Sprache und Denken auf den führenden Marr-Schüler Iwan Meschtschaninow (1883-1957) übertragen und die Anhänger von Marr gingen dann dazu über,

 

" ... das ideologische Monopol in ein absolutes administratives Monopol zu verwandeln. Die Anhänger von Marr, die sich im Institut für Sprache und Denken etabliert hatten, bauten ihre ideologische Vorherrschaft in der sowjetischen Sprachwissenschaft systematisch aus."

('Die philologische Kontroverse zwischen Stalin und Marr in der UdSSR', in: 'World Today', Band 6, Nr. 8, August 1950, SS. 355, 358).

 

Unter Meschtschaninow wurde die revisionistische Linie, dass Kritik am Marrismus 'antikommunistisch' und 'konterrevolutionär' sei, weiterentwickelt.

 

Im Mai 1950 konnte der Sprachwissenschaftler Fedot Filin und Anhänger des Marrismus sogar sagen:

 

"Der Gelehrte N. J. Marr arbeitete die neue Lehre über die Sprache aus, die er dazu bestimmte, sich eindeutig von der alten, bürgerlichen Linguistik zu unterscheiden."

(Fedot Filin: 'Gegen den Stillstand, für die Fortentwicklung der sowjetischen Linguistik', Mai 1950, in: Elisabeth Kresky, Hrsg., ebenda, S. 38).

 

Aber nur wenige Tage später nannte Stalin das Regime, das in der sowjetischen Sprachwissenschaft durch die Jünger Marrs entstanden war, ein 'Araktschejew-Regime':

 

"Das 'Araktschejew-Regime' wurde von den Jüngern N. J. Marrs aufgebaut."

(Josef W. Stalin, 1950, 2, ebenda, S. 239).

 

Der Begriff leitet sich ab von dem Namen des zaristischen Offiziers Aleksej Araktschejew (1768-1834) und bedeutet soviel wie

 

" ... eine Politik der extremen Reaktion, des Polizeidespotismus und des brutalen Militarismus." ('Große Sowjetenzyklopädie', Band 2, 1973, S. 229).

 

Stalin im Juni 1950:

 

"In den sprachwissenschaftlichen Institutionen hat sowohl im Zentrum als auch in den Republiken ein Regime vorgeherrscht, welches sowohl der Wissenschaft als auch dem Wissenschaftler gegenüber feindlich eingestellt ist. Die kleinste Kritik an dem Zustand der sowjetischen Linguistik, auch nur der schüchternste Versuch, die so genannte 'neue Lehre' in der Sprachwissenschaft zu kritisieren, wurde von den führenden linguistischen Kreisen verfolgt und unterdrückt. Wertvolle Mitarbeiter und Forscher auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft wurden

aus ihren Stellungen entfernt und herabgestuft, weil sie dem Erbe von N. J. Marr kritisch gegenüberstanden oder weil sie auch nur die geringste Missbilligung seiner Lehren zum Ausdruck brachten. Sprachwissenschaftler wurden führende Positionen nicht aufgrund ihrer Verdienste, sondern wegen ihrer bedingungslose Befürwortung der Theorien von N. J. Marr zuerkannt. Es wird allgemein anerkannt, dass sich keine Wissenschaft ohne einen Kampf der Meinungen, ohne die Freiheit der Kritik entwickeln und entfalten kann. Aber diese allgemein anerkannte Regel wurde auf die gröbste Weise missachtet und verhöhnt. Es entstand eine enge Gemeinschaft von unfehlbaren Führern, die, nachdem sie sich vor jeder auch nur möglichen Kritik abgeschottet hatte, sich zum eigenen Gesetz erklärte und tat, was ihr in den Kram passte.

Dies ... konnte geschehen, ... weil das Araktschejew-Regime, das sich im Bereich der Sprachwissenschaft gebildet hatte, die Verantwortungslosigkeit kultivierte und zu solchen willkürlichen Maßnahmen ermutigte."

(Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, SS. 226f).

 

Unter dem Meschtschaninow-Regime bestand die Tendenz,

 

" ... seine (Marrs - Verf.) Ansichten zu bewahren, einschließlich der offensichtlich irrtümlichen." ('Große Sowjetenzyklopädie', Band 18, New York 1978, S. 181).

 

Dies hatte zur Folge, dass selbst solche Aspekte des Marrismus, die sein Gründer schon zurückgezogen hatte, wieder belebt wurden. Zum Beispiel hatte Marr 1926

 

" ... die Vorstellung propagiert, dass es vier Elemente gibt, die angeblich die Basis für den Wortbestand aller Sprachen bilden. Zu dieser Zeit nahm er endgültig Abschied von der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft." (Ebenda).

 

"Alle Sprachen seien, so hieß es jetzt, aus einsilbigen Wortverbindungen entstanden: aus 'Sal', 'Ber', 'Yon' und 'Ros'." (Katherine H. Phillips: Ebenda, SS. 82f).

 

1931 hatte Marr diese Hypothese aufgegeben. Sein Schüler Iwan Meschtschaninow bezeichnete die 'Element-Theorie' im Oktober 1946 als eine Theorie, die

 

" ... wir schon vor fünfzehn Jahren aufgegeben hatten."

(Iwan Meschtschaninow, in: Jeffrey Ellis & Robert W. Davies: Ebenda, S. 224).

 

Im Juni 1950 jedoch beschwerte sich der Sprachwissenschaftler Arnold Tschikobaja über die 'Rehabilitierung' der 'Element-Theorie':

 

"Die Element-Analyse manövrierte schon einmal die sprachwissenschaftliche Theorie des Akademiemitglieds N. J. Marr in eine Sackgasse. Jetzt, da die Element-Analyse wieder in ihre Rechte eingesetzt ist, befindet sich die gesamte sprachwissenschaftliche Forschung in einer Sackgasse."

(Arnold S. Tschikobaja: 'Über bestimmte Probleme der sowjetischen Sprachwissenschaft', Mai 1950, in: Elisabeth Kresky, Hrsg.: Ebenda, S. 10).

 

"Marr hatte gegen Ende seines Lebens eine Vorlesungsreihe, die er in Baku gegeben hatte, zurückgezogen, in der seine falsche 'Vier-Element-Theorie' gelehrt wurde - 1950 jedoch stellte sich durch Meschtschaninow (während der 1950iger Debatte - Verf.) heraus, dass dieses Material immer noch von Stu denten benutzt wurde."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies, ebenda, S. 220).

 

Natürlich erzeugte der Marrismus

 

" ... unter sowjetischen Sprachwissenschaftlern eine heftige Kritik an der neuen Sprachtheorie." ('Große Sowjetenzyklopädie', Band 18, New York 1978, S. 181).

 

Unter den Sprachwissenschaftlern, die den Marrismus als unwissenschaftlich zurückwiesen, befanden sich Arnold Tschikobaja, Grigori Kapantsjan, Michail Peterson, Jewgenij Poliwanow und Wiktor Winogradow:

 

"Gelehrte wie Winogradow, Peterson und Tschikobaja ignorierten oder verhöhnten die Neue Sprachwissenschaft."

('Die philologische Kontroverse zwischen Stalin und Marr in der UdSSR', in: 'World Today', Band 6, Nr. 8, August 1950, S. 359).

 

" ..., wobei J. Poliwanow zu den konsequentesten Kritikern gehörte." ('Große Sowjetenzyklopädie', ebenda).

 

Schon

 

" ... 1926 brachte Poliwanow seine Opposition gegen die Marr-Thesen zum Ausdruck."

(Francoise Cadet u.a., ebenda, S. 36).

 

Er behauptete, dass - entgegen der offiziellen Propaganda - der Marrismus anti-marxistisch und die Gegnerschaft zum Marrismus mit dem Marxismus vereinbar sei:

 

"Poliwanow unternahm den Versuch, eine 'marxistische Sprachwissenschaft' gegen Marr aufzubauen." (Jeffrey Ellis & Robert W. Davies: Ebenda, S. 217).

 

Zu dieser Zeit arbeitete Poliwanow in Moskau, dem Zentrum der Marr-Opposition:

 

"Marr hatte seine Hochburg in Leningrad und die Opposition gegen ihn war in Moskau am stärksten, besonders an der Moskauer Universität." (Ebenda, S. 222).

 

Von dieser Zeit an, besonders aber nach Marrs Tod im Jahre 1934, wurde

 

" ... Anti-Marr-Äußerungen rigoros begegnet." (Katherine H. Phillips: Ebenda, S. 87).

 

Der Marrismus wurde zu einem

 

" ... Glaubensbekenntnis." (Ebenda).

 

Es abzulehnen, lief auf 'Ketzerei' hinaus. Poliwanow jedoch

 

"blieb ein gefährlicher Gegner für all jene, die versuchten, die Neue Sprachtheorie offiziell verbindlich zu machen und sie als einzige marxistische Theorie der Sprache hinzustellen. Deshalb bekämpfte man ihn bis zu seinem Tode."

(Aleksej A. Leontjew u.a.: 'Das Leben und Wirken von J. Poliwanow', in: J. Poliwanow, ebenda, S. 24).

 

Im Dezember 1928 verleumdete das Marr-Establishment Poliwanow öffentlich als einen

 

" ... Schwarzhunderter (also als einen Faschisten)." (Francoise Cadet u.a., ebenda, S. 35).

 

Im Februar 1929, als Marr sich im Ausland befand, verfasste Poliwanow einen Bericht, der mit 'Probleme der marxistischen Sprachwissenschaft und die japhetische Theorie' überschrieben war und in dem der Marrismus als unwissenschaftlich bezeichnet wurde. Darin schrieb er:

 

"Der Hauptfehler der japhetischen Theorie (und besonders der des Materials, das einer Überprüfung unterzogen werden muss) ... besteht in der Verwendung von konkretem Material, das den Tatsachen widerspricht. Jede Wissenschaft, die den Anspruch hat, eine realistische und insbesondere eine marxistische Ideologie zu schaffen, muss aus Faktenmaterial hervorgehen und darf nicht darauf hinauslaufen, dass einige allgemeine Annahmen aufgestellt werden, die mit konkreten Tatsachen nichts zu tun haben. Die Richtung für die Schaffung der marxistischen Sprachwissenschaft darf nicht von der japhetischen Theorie bestimmt werden; mit Hilfe der marxistischen Methodenlehre und auf der Grundlage marxistischer Prämissen muss ... unangreifbares und unwiderlegbares Faktenmaterial erklärt werden. ... Die aufgestellte Theorie

muss zunächst damit beginnen, mit bekanntem Material zu arbeiten und erst nach der gründlichen Überprüfung ihrer Methoden sollte sie tiefer in das Unbekann te eindringen."

(Jewgenij D. Poliwanow: 'Das Problem marxistischer Sprachwissenschaft und die japhetische Theorie', Februar 1929, in: 'Ausgewählte Werke. Aufsätze über allgemeine Sprachwissenschaft', Den Haag 1974, S. 169).

 

Später, im Jahre 1929, wurde Poliwanow

 

" ... aus seinen Positionen entfernt ... und ging dann nach Samarkand."

(Aleksej A. Leontjew u.a., ebenda, S. 27).

 

Dort war er weiterhin an der Universität tätig, aber es gelang den Marristen,

 

" ... die Veröffentlichung seiner Manuskripte zu hintertreiben." (Ebenda).

 

Er

 

" ... schrieb sehr viel, brachte es aber zu keinen Veröffentlichungen." (Ebenda, S. 29).

 

Jedoch gelang es ihm Anfang 1931

 

" ... eine Sammlung einfach geschriebener Artikel zum Thema 'Für eine marxistische Sprachwissenschaft' " .. (Ebenda, S. 26).

 

herauszubringen.

 

Das Erscheinen dieses Buches, durch das

 

" ... die Neue Theorie der Sprachwissenschaft (der Marrismus - Übers.) vernichtend widerlegt wurde, brachte Poliwanows Gegner auf die Barrikaden. Schweres Geschütz wurde jetzt in Stellung gebracht." (Ebenda).

 

Die 'Große Sowjetenzyklopädie' brachte im September 1931 den Zorn der Marristen darüber so zum Ausdruck:

 

"Man kann direkte feindselige Attacken wahrnehmen, die aus der bürgerlichen Wissenschaft kommen und sich aus der imperialistischen Politik des Kapitalismus ergeben."

('Große Sowjetenzyklopädie', September 1931, in: Aleksej A. Leontjew u.a., ebenda, S. 26).

 

Ende 1934

 

" ... wurde J. D. Poliwanow nach Frunse versetzt, wo er am Kirgisischen Institut für Kulturellen Aufbau ... sowie am Pädagogischen Institut arbeitete."

(Aleksej A. Leontjew, ebenda, S. 29).

 

Das 'schwere Geschütz', von dem oben die Rede war, bezog sich auf die sowjetische Sicherheitspolizei, die sich zwischen Juli 1934 und Dezember 1938 in den Händen einer revisionistischen Bande befand, die von G. Jagoda (1891-1938) und Nikolai Jeschow (1895 -1939) angeführt wurde. Unter diesen Umständen wurde

 

" ... J. D. Poliwanow im März 1937 verhaftet." (Ebenda, S. 30).

 

Im Januar 1938 'starb' er

 

" ... im Gefängnis von Smolensk." (Heinrich B. Schulz, Paul K. Urban & Andrew I. Lebed, Hrsg.: 'Wer war wer in der UdSSR. Ein biografisches Wörterbuch', Metuchen, USA, 1972, S. 454).

 

Die Diskussion im Jahre 1948

 

Der Tod Poliwanows beendete jedoch nicht die Diskussionen in der Sprachwissenschaft. Eine sehr bedeutsame Debatte fand 1948 statt, nachdem revisionistische Elemente in der KPdSU in der Lage gewesen waren, sich die Unterstützung des Zentralkomitees (und der der Akademie der Wissenschaften) für die biologischen Theorien von Trofim Lyssenko (1898 bis 1976) zu sichern. Diese Entwicklungen stärkten zeitweilig die Positionen der Marristen auf dem Gebiet der Sprachwissenschaften:

 

"Die Marristen waren der Meinung, dass sie auf der Sitzung der Akademie der Agrarwissenschaften (31. Juli bis 5. August 1948) mächtige Unterstützung gefunden hatten, die durch die berühmte Rede von T. D. Lyssenko geprägt war, in der eine radikale Gegenüberstellung zwischen der 'bürgerlichen Wissenschaft' und der 'proletarischen' getroffen wurde - ein Bericht, der die Unterstützung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei erhalten hatte."

(Réné L'Hermitte: 'Wissenschaft und ideologische Entartung. Marr, der Marrismus, die Marristen: Eine Seite in der Geschichte der sowjetischen Sprachwissenschaft' Paris 1987, S. 59).

 

"Die Diskussion und Resolutionen der Sondersitzung der Lenin-Akademie der Agrarwissenschaften stärkte jene, denen es um die Vorherrschaft des Marrismus ging."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies: Ebenda, S. 227).

 

"Besonders unheilvoll gestaltete sich die Diskussion auf einer sprachwissenschaftlichen Konferenz, die im November 1948 abgehalten wurde. Das Akademiemitglied Mschtschaninow hielt das Hauptreferat. ... Sowjetische Sprachwissenschaftler deuteten an, dass Marr der Mitschurin (sowjetischer Biologe - Übers.) auf dem Gebiet der Linguistik sei und Meschtschaninow sein Lyssenko. Die Zustimmung zu Mars Lehre und 'Parteitreue' auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft waren gleichbedeutend."

('Die philologische Kontroverse zwischen Stalin und Marr in der UdSSR', in: 'World Today', Band 6, Nr. 8, August 1950, S. 359).

 

"Dass die Organisatoren bezweckten, die Parallelität mit den biologischen Diskus sionen herzustellen, geht schon aus dem Titel von Meschtschaninows Bericht her vor: 'Zur Situation in der Sprachwissenschaft' - eine exakte Parallele zu Lyssenkos Referat, das den Titel 'Zur Situation in der biologischen Wissenschaft' trug." (Jeffrey Ellis & Robert W. Davies, ebenda, S. 228).

 

Die Diskussion im Jahre 1949

 

Im Januar 1949 wurden Konferenzen

 

" ... in allen sprachwissenschaftlichen Instituten der Sowjetunion, in allen Akademien der Wissenschaften der Unionsrepubliken und in allen höheren erziehungswissenschaftlichen Einrichtungen unseres Landes aus Anlass des 85ten Geburtstags von N. J. Marr und seines 15. Todestags abgehalten."

('Aktuelle Übersicht über die Sowjetpresse', Band 2, Nr. 18, S. 13).

 

Die Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift 'Probleme der Philosophie' kommentierten diese Veranstaltungen damit, dass sie zugaben,

 

" ... dass sie die im Allgemeinen unbefriedigende Situation auf dem Gebiet der Sprachwissenschaften aufgezeigt hatten."

('Probleme der Philosophie', Nr. 3, 1949, hiernach zitiert als 'Philosophie 1949', in: 'Aktuelle Übersicht über die Sowjetpresse', Band 2, Nr. 18, S. 21).

 

Hiermit meinten sie, dass

 

" ... die Konferenz (leider - Übers.) nicht die kreativen Entwicklungen von N. J. Marrs theoretischem Erbe seitens seiner Schüler und Nachfolger in den 15 Jahren nach dem Tod des materialistischen Linguisten aufgezeigt hatte." ('Philosophie 1949', ebenda).

 

Hiermit meinten sie auch, dass einige Sprachwissenschaftler, besonders jene, die Gegner des Marrismus waren, die Konferenz boykottiert hatten:

 

"Es ist absolut unzulässig, dass Sprachwissenschaftler, die Forschungen auf dem Gebiet der großen russischen Sprache betreiben, sich nicht an der Arbeit der Konferenz beteiligt haben. Es wäre besonders wichtig gewesen, dass sie teilgenommen hätten, weil besonders in diesem Bereich ein Kampf gegen die anti-Marr-Traditionen von äußerster Dringlichkeit ist." (Ebenda).

 

Die Herausgeber riefen dazu auf,

 

" ... die verdeckten und offenen Angriffe gegen Marr einzustellen und die sowjetische, materialistische Marr-Linguistik auf ein höheres Niveau zu heben." (Ebenda).

 

Später, im Jahre 1949,

 

" ... wurde die ganze Problematik vom Präsidium der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, dem wichtigsten wissenschaftlichen Gremium in der Sowjetunion, diskutiert und am 21. Juni 1949 verabschiedete es eine lange, 3000-Seiten-starke Resolution über 'Die gegenwärtige Lage in der sowjetischen Sprachwissenschaft und Maßnahmen zur Verbesserung der sprachwissenschaftlichen Arbeit in der Akademie der Wissenschaften der UdSSR'. Darin werden

Winogradow, Tschikobawa und andere attackiert und das Werk von Meschtschaninow angepriesen." (Jeffrey Ellis & Robert W. Davies, ebenda, S. 231).

 

Die Resolution

 

" ... rühmte die Verdienste des Marrismus und verurteilte alle abweichenden Tendenzen."

(Katherine H. Phillips: Ebenda, S. 90).

 

Opposition gegen den Marrismus wurde

 

" ... als die Aktivität einer Strömung verurteilt, die der materialistischen Sprachwissenschaft feindlich gegenüberstehe und einen idealistisch-reaktionären Einfluss, der von ausländischen bürgerlichen Linguisten ausgehe, darstelle. Darunter befänden sich Winogradow, Tschikabawa und Peterson." (Réné L'Hermite, ebenda, S. 66).

 

Ende 1949

 

" ... wurde die Kampagne für den Marrismus weiter fortgesetzt."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies, ebenda, S. 233).

 

Die Debatte von 1950

 

Im Frühjahr 1950 fühlten sich die Marxisten-Leninisten in den führenden Positionen der Kommunistischen Partei stark genug, Maßnahmen gegen den Revisionismus auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft einzuleiten.

 

Sie ergriffen die Initiative über die Zeitung der KPdSU, die 'Prawda', wobei sie sich das Eingeständnis der Herausgeber von 'Problemen der Philosophie' zunutze machten, dass

 

" ... im Allgemeinen die Lage auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft unbefriedigend sei."

('Philosophie, 1949', ebenda, S. 21).

 

Am 9. Mai 1950 gaben die Herausgeber der 'Prawda' bekannt, dass

 

" ... im Zusammenhang mit der unbefriedigenden Lage der sowjetischen Linguis tik die Herausgeber es für entscheidend wichtig ansehen, eine offene Diskussion in der 'Prawda' zu führen, bei der Kritik und Selbstkritik zugelassen werden sollen, um den Stillstand der Entwicklung der sowjetischen Sprachwissenschaft zu überwinden und der weiteren wissenschaftlichen Entwicklung auf diesem Gebiet eine richtige Orientierung zu geben."

(Anmerkung der Herausgeber, 'Prawda', 9. Mai 1950, in: 'Aktueller Überblick über die Sowjetpresse', Band 2, Nr. 18, S. 3).

 

Die Diskussion wurde durch den anti-marristischen Sprachwissenschaftler Arnold Tschikobawa eröffnet. Sie

 

" ... dauerte neun Wochen und umfasste Beiträge von 14 bedeutenden Philologen."

(Jeffrey Ellis & Robert W. Davies, ebenda, S. 234).

 

Stalin schaltete sich zweimal schriftlich ein - am 20. und 29. Juni 1950. Er stellte klar, dass er sich 'auf Wunsch einer Gruppe jüngerer Genossen' einschalte und dass er dies nicht als Fachmann in Sachen Sprachwissenschaft tue, sondern ganz einfach als Marxist:

"Ich bin kein linguistischer Experte und kann deshalb auch nicht dem Wunsch der Genossen ganz entsprechen. Was den Marxismus auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft angeht, wie auch auf dem anderer Sozialwissenschaften, so fällt dies in mein Aufgabengebiet."

(Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, S. 195).

 

Schon nach Ablauf der Hälfte der Debatte konnte Stalin feststellen, dass die Diskussion sich als fruchtbar erwiesen habe:

 

"Die Debatte ... hat sich als sehr nützlich erwiesen, in erster Linie, weil es jenes Araktschejew-Regime ans Tageslicht gezerrt und es in tausend Stücke zerschlagen hat. Sie ... hat auch die unglaubliche Konfusion der Ideen bei den Grundfragen der Sprachwissenschaft aufgezeigt, die in den führenden Kreisen in diesem Wissenschaftsbereich vorherrscht.

Sie zeigte, dass es in den Lehren von N. J. Marr eine ganze Reihe von Fehlern, Irrtümern, falsch gestellter Probleme und vager Vorstellungen gibt. Warum, so fragt man sich, haben die 'Jünger' von Marr erst jetzt damit begonnen, darüber zu sprechen, jetzt, nachdem die Diskussion eröffnet wurde? Warum haben sie all dies nicht schon vorher erkannt? Warum haben sie nicht rechtzeitig damit begonnen, darüber offen und ehrlich zu sprechen, so wie es sich für Wissenschaftler gehört?" (Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, SS. 227f).

 

Tatsächlich hatte die Offenheit der Diskussion die Gegner des Marrismus in die Lage versetzt, die Marr-Anhänger vernichtend zu schlagen:

 

"Den Anti-Marristen ... fiel es leicht aufzuzeigen, dass Marrs Lehre formlos, willkürlich, unbewiesen ist und im Widerspruch zu einigen wichtigen marxistischen Prinzipien steht."

('Die philologische Kontroverse zwischen Stalin und Marr in der UdSSR', in: 'World Today', Band 6, Nr. 8, August 1950, S. 360).

 

Stalin fasste seine Ansichten zur Sprachwissenschaft wie folgt zusammen:

 

"Ich denke, dass je eher sich unsere Sprachwissenschaften von N. J. Marrs Fehlern befreien, desto eher wird es möglich sein, dass sie sich aus der gegenwärtigen Krise befreien können. Die Liquidierung des Araktschejew-Regimes in der Sprachwissenschaft, die Zurückweisung der Fehler N. J. Marrs sowie die Einführung des Marxismus in die Linguistik - das ist meiner Meinung nach der Weg, durch den die sowjetische Sprachwissenschaft auf eine solide Grundlage gestellt werden könnte." (Josef W. Stalin, 1950, 1, ebenda, S. 230).

 

"Die Debatte schloss am 4. Juli 1950", .. (Katherine H. Phillips, ebenda, S. 90).

 

..als die 'Prawda' Stalins zweiten Diskussionsbeitrag veröffentlicht hatte, der die Überschrift trug: 'Über einige Probleme der Sprachwissenschaft'. Darin stellte er klar, dass trotz der fundamentalen Irrtümer des Marrismus, es auch positive Aspekte in Marrs Schriften gäbe, die nicht übersehen werden dürften:

 

"Selbstverständlich bestehen die Schriften N. J. Marrs nicht nur aus Fehlern; Marr hat einige gute und fachmännisch geschriebene Bücher verfasst, in denen er, ohne seine theoretischen Ansprüche zu erheben, gewissenhaft - und man muss sagen - sachkundig einzelne Sprachen untersucht. In diesen Arbeiten findet man nicht Weniges, das wertvoll und lehrreich genannt werden kann." (Josef W. Stalin, 2, ebenda, S. 238).

 

Schließlich gab er eine abschließende Zusammenfassung seiner Ansichten:

 

"Der Grund für die Stagnation in der sowjetischen Sprachwissenschaft ist ... das Araktschejew-Regime, das von den Jüngern N. J. Marrs eingerichtet wurde. In die Sprachwissenschaft wurde durch N. J. Marr und seine engsten Kollegen eine theoretische Verwirrung hineingetragen. Um die Stagnation zu beenden, muss sowohl das eine als auch das andere ausgeräumt werden. Die Beseitigung dieser Pestbeulen wird die sowjetische Linguistik wieder auf eine gesunde Grundlage stellen." (Josef W. Stalin, 1950, 2, ebenda, S. 239).

 

Am 4. Juli verfasste Iwan Meschtschaninow eine Selbstkritik an die 'Prawda':

 

"Die Mehrheit von uns sowjetischen Sprachwissenschaftler und besonders ich selbst, waren so fest davon überzeugt, dass die Sprache ein Phänomen des Überbaus sei, dass wir noch nicht einmal den Versuch unternahmen, über jene Definitionen des Überbaus und ihre Beziehungen zur Basis nachzudenken, die bei den marxistisch-leninistischen Klassikern vorgenommen werden. Von daher die Fehlerhaftigkeit vieler unserer theoretischen Thesen. Unsere Einschätzung, dass die Sprache zum Überbau zu rechnen ist, führte uns zwangsläufig zu der unrichtigen Annahme von ihrem Klassencharakter, zu ihrer Entwicklung durch 'Sprünge' und demzufolge zu der unzutreffenden Einschätzung ihrer Rolle bei der Hybridisierung (Vermischung - Übers.) von Sprachen als Grundlage für die Entstehung und Weiterentwicklung von Sprachen.

Diese und viele andere Irrtümer von Marr und seiner Schüler selbst, besonders meinerseits, führten zu der Stagnation in der sowjetischen Sprachwissenschaft. Die Versuche, die grammatische Struktur von Sprachen zu untersuchen, wurden ausnahmslos als formalistisch verurteilt und trafen auf den direkten Widerstand des linguistischen Regimes, das Genosse Stalin ganz richtig als das 'Arkatschejew-Regime' bezeichnete."

(Iwan I. Meschtschaninow: Brief an die Herausgeber der 'Prawda', 4. Juli 1950,

in: Elisabeth Kresky, Hrsg.: Ebenda, S. 92).

 

Die Degradierung der Marristen

 

Am Schluss der linguistischen Debatte im Juli 1950 wurde ein Dekret veröffentlicht, das vorsah, die

 

" ... drei Direktoren des Instituts für Sprache und Denken, das der Akademie (der Wissenschaften - Übers.) angeschlossen war, ihrer Funktionen zu 'entheben' ", ..

(Réné L'Hermite: Ebenda, S. 79).

 

..namentlich Iwan Meschtschaninow, Georgi Serdynschenko und Filot Filin.

 

Das Dekret sah außerdem vor,

 

" ... den Beschluss zurückzunehmen, der am 21. Juni 1949 ... durch das Präsidium der Akademie auf Initiative eben dieser drei Personen gefasst worden war; das Institut für Sprache und Denken als solches aufzulösen, das mit dem Institut der Russischen Sprache zusammengelegt wurde und damit eine neue akademische Einheit bildete, die Institut für Sprachwissenschaft genannt wurde." (Réné L'Hermite, ebenda, S. 79).

 

Wiktor Winogradow wurde Direktor dieses Instituts.

 

Es muss darauf hingewiesen werden, dass

 

" ... die ehemaligen Verfechter der Neuen Sprachtheorie (des Marrismus - Übers.) keinerlei Strafen erhielten, obwohl sie in der Hierarchie herabgestuft wurden. Es geschah nichts, was mit der Tragödie von J. D. Poliwanow in den dreißiger Jahren verglichen werden kann."

(Ebenda, S. 80).

 

Meschtschaninow

 

" ... durfte seinen akademischen Titel behalten und seine Tätigkeit fortsetzen - in relativer Isolation zwar, jedoch ohne offizielle Einmischung." (Katherine H. Phillips, Hrsg., ebenda, S. 94).

 

Nachsatz

 

Nach Stalins Tod 1953 und dem Triumph des offenen Revisionismus in der Sowjetunion unter Nikita Chruschtschow (1994-1971) und seinen Nachfolgern

 

" ... sahen die Marristen die Gelegenheit gekommen, Rache zu nehmen."

(Réné L'Hermite, ebenda, S.82).

 

"Sie konnten sich jetzt als Opfer der Intervention von 1950 ausgeben." (Ebenda, S. 81).

 

Das heißt, sie konnten sich als 'Opfer des Personenkults' ausgeben. Kurz, es kam zu einer teilweisen

 

" ... Rehabilitierung des Marrismus." (Ebenda, S. 84).

 

"Marristen, mit Filin an der Spitze, erlangten erneut mit offizieller Unterstützung führende Rollen in der sowjetischen Sprachwissenschaft, obwohl ihre Autorität nicht mehr unangefochten war, wie dies noch zwischen 1930 und 1950 der Fall gewesen war." (Ebenda).