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Besuch in einem Heim für verwahrloste Jugendliche

Hans Siemsen 1930 (Quelle: Hans Siemsen, Russland ja und nein. Berlin 1931, S. 44-51)

 

... Den Ausländern, die sich für Besprisornihäuser interessie­ren, zeigt man in Moskau am liebsten eine Musteranstalt. Es ist die Besprisorni-Anstalt der GPU, der geheimen politischen Polizei. Die GPU ist wohl versorgt und wohlhabend, besser versorgt noch als die Rote Armee. Auch ihre Besprisorni-An­stalt ist wohl versorgt, ja reich versorgt. Es ist eine Muster­anstalt.

Ich will von einer anderen Anstalt erzählen. Es ist keine An­stalt, es ist ein Heim für Besprisorni, ein wirkliches Heim. Nicht reich, nicht wohl versorgt, sondern bitter arm. Eine ehe­malige »Töchterschule« in einer kleinen Seitenstraße Mos­kaus.

Ich weiß ein bißchen Bescheid in den Problemen der Fürsor­geerziehung, weiß, wie wichtig unter Inderin die Wohn- und Raumfrage ist. Ich würde vor diesem mittelgroßen Hause sa­gen: »Hier sollte man höchstens dreißig Kinder unterbringen. Aber da wir Wohnungsnot haben, werden wir versuchen, sech­zig unterzubringen.«

In diesem mittelgroßen Haus in Moskau wohnen, schlafen, leben, werden unterrichtet und spielen hundert jungen im Alter von zehn bis achtzehn Jahren. Tagsüber kommen noch hundert »Halbverwahrloste« hinzu, jungen und Mädel, die nachts über zu Hause sind bei Eltern oder Verwandten. Außer diesen zwei­hundert Kindern aber wohnen in diesem Hause, das ausrei­chenden Platz vielleicht für eine Schar von sechzig Jungens hätte, noch vierzig fremde Familien, die nichts mit der Anstalt, dein Heim, der Schule zu tun haben ...

Nicht alle Besprisorni-Anstalten in Rußland sind »frei«, man wendet auch Zwang an. Die Meinungen darüber sind eben ver­schieden. Diese Anstalt ist eine »freie« Anstalt. Die Jungen könnten jeden Tag fortlaufen, wenn sie wollten, aber seit drei Jahren ist keiner mehr fortgelaufen.

Der Tag fängt um halb acht an. Um acht Uhr Frühstück. Dann gehen die Jungens in die Werkstatt, die fünf Minuten weit entfernt liegt, und arbeiten bis ein Uhr. Möbeltischlerei und Schlosserei. Von ein bis zwei Uhr Mittagessen und Mittagpau­se. Von zwei bis vier Uhr Schulunterricht. Um fünf Uhr Tee, von fünf bis zehn Uhr »Klub« , dazwischen um sieben Uhr das Abendessen.

Vormittags, während die hundert Jungens, die im Hause wohnen, in der Werkstatt sind, kommen die hundert »halbver­wahrlosten« Mädel und Jungens, die zu Hause, in der Stadt, schlafen, und haben Unterricht. Gemeinsames Mittagessen. Dann, wenn die hundert Hausbewohner Unterricht haben, ge­hen die auswärtigen Hundert in die Werkstatt. Der »Klub« ab fünf Uhr ist wieder gemeinsam, auch das Abendessen. Um acht Uhr gehen die Auswärtigen nach Hause, um zehn Uhr die an­dern schlafen. Wer ausgehen will, muß es anmelden und soll um zehn Uhr wieder zu Hause sein.

»Und wenn er nicht um zehn Uhr zu Hause ist?«

»Das geht uns Erzieher und Lehrer nichts an. Das ist Sache der Kinderkommune. Die Kinder selber halten Gericht und erteilen Verweise.«

»Bestrafen sie auch?«

»Ja, auch das. Wenn zum Beispiel jemand wiederholt erst nachts nach Hause kommt, so kann er von Ämtern und Ehren­ämtern ausgeschlossen werden oder auch vom »Klub», Treibt einer es ganz schlimm, stört Arbeit, Unterricht und das ganze Zusammenleben, so kann die Kinderkommune ihn ganz aus der Anstalt ausschließen. Das ist aber bisher nur einmal passiert. Nach einigen Wochen kam der junge wieder, bat, wieder aufge­nommen zu werden, und ist jetzt einer unserer beliebtesten und angesehensten Jungen in der Kommune.« ...

»Wenn sie nun so kommen, von der Straße, ist es da nicht sehr schwer, sie an ein geregeltes Leben zu gewöhnen?« »Vieles ist schwer. Zuerst verstehen sie zum Beispiel nicht, in einem Bett zu schlafen. Sie kennen es nicht, haben Furcht davor. Sie schlafen lieber unter dem Bett, auf dem Fensterbrett, im Flur, auf der Treppe, wie sie es gewohnt sind. Aber da ihnen niemand etwas sagt, gewöhnen sie sich. Eines Tages liegen sie im Bett, wie die andern. Dann freuen wir uns alle, denn Glas ist der Anfang. Aber wir sagen natürlich nichts.«

»Aber, wie bringt man sie zur Arbeit?«

»Man bringt sie nicht. Zur Arbeit kann man ja niemanden zwingen. Sie kommen von selber, wenn man nur lange genug wartet. Es wird ihnen auf die Dauer zu langweilig ohne Arbeit. ... Die Kinder helfen auch ein bißchen nach. Sie sind sehr dafür, daß nicht sie allein, sondern alle arbeiten! Ein ‚Neuer' sagte patzig: »Na, ich werde mir das hier mal ansehen! Mal sehen, wie's mir hier gefällt!» Da antwortete ihm einer der Kleinsten: »Du kannst ja wieder weggehen! Du sollst hier nicht sehen, du sollst arbeiten! Willst uns wohl hier das Essen weg­fressen?« Ein paar Tage später fing der Junge an zu arbeiten.«

»Und wenn nun einer nicht anfingt, was machen Sie dann?«

»Ich weiß nicht, was wir machen wurden. Es ist Sache der Kommune. Wenn es gar nicht geht, werden sie ihn wohl aus­schließen. Aber bisher ist es noch nicht passiert, - bis auf den einen Fall. Wir Erzieher, wir sagen gar nichts. Früher haben wir was gesagt. Aber das hatte immer einen schlechten Erfolg. Man muß nur Geduld haben, das ist das Beste.« ...

»Dürfen die Jungens rauchen?«

»Ja, das kann man nicht ganz verbieten. Sie werden sonst krank. Sie sind es zu sehr gewöhnt. Es ist ihre Hauptnahrung, bevor sie zu uns kommen. In den Schlaf- und Schulzinnern ist es natürlich verboten, auch in der Werkstatt. In einem besonde­ren Zimmer und in den Gängen ist es erlaubt. Wer »Pionier» werden will, muß es ganz lassen. Sie rauchen nicht viel, es ist zu teuer, aber sie tun es gerne.« ...