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Der Kampf gegen den Revisionismus in der UdSSR nach dem Kriege

 

Zwei Reden Andrej Shdanows gegen den Revisionismus

(Aus: A. Shdanow, 'Über Kunst und Wissenschaft', Dietz Verlag Berlin 1951)

1. Rede: Referat über die Zeitschriften 'Swesda' und 'Leningrad', 1946 
(gekürztes und zusammengefasstes Stenogramm) 
2. Rede: Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: 'Geschichte der westeuropäischen Philosophie', 
Rede auf der Philosophentagung in Moskau, Juni 1947 

 

 

1. Rede

 

Referat über die Zeitschriften 'Swesda' und 'Leningrad', 1946 (gekürztes und zusammengefasstes Stenogramm)

 

 

Genossen!

 

Aus dem Beschluss des Zentralkomitees (der KPdSU, B - Verf.) geht klar hervor, dass der gröbste Fehler der Zeitschrift 'Swesda' ('Der Stern' - Verf.) darin besteht, dass sie ihre Spalten dem literarischen 'Schaffen' Soschtschenkos und Achmatowas zur Verfügung stellte. Ich glaube, dass ich hier das 'Werk' Soschtschenkos, 'Abenteuer eines Affen' nicht zu zitieren brauche. Offenbar haben Sie es alle gelesen und kennen es besser als ich. Der Sinn dieses 'Werkes' von Soschtschenko besteht darin, dass er die Sowjetmenschen als Nichtsnutze und Missgeburten, als dumme und primitive Leute schildert. Soschtschenko ist völlig uninteressiert an der Arbeit der Sowjetmenschen, an ihren Anstrengungen und ihrem Heroismus, an ihren hohen gesellschaftlichen und moralischen Qualitäten. Dieses Thema fehlt bei ihm stets. Da Soschtschenko ein spießbürgerlicher und trivialer Mensch ist, wählt er zu seinen ständigen Themen die niedrigsten und kleinlichsten Seiten des Lebens. Sein Wühlen in den Nichtigkeiten des Lebens ist nicht zufällig. Es ist allen oberflächlichen, kleinbürgerlichen Schriftstellern, zu denen auch Soschtschenko gehört, eigentümlich. Darüber hat Gorki seinerzeit oft gesprochen. Sie erinnern sich, wie Gorki im Jahre 1934 auf dem Kongress der Sowjetschriftsteller jene, mit Verlaub zu sagen, 'Literaten' brandmarkte, die nichts weiter sehen als den Ruß in der Küche und im Bad.

 

Die 'Abenteuer eines Affen' bewegen sich im Rahmen der üblichen Schreibereien Soschtschenkos. Dieses 'Werk' geriet nur deshalb ns Blickfeld der Kritik, weil es all das Negative, das im literarischen Schaffen Soschtschenkos enthalten ist, am schärfsten zum Ausdruck bringt. Bekanntlich schrieb Soschtschenko, seit er aus der Evakuierung nach Leningrad zurückkehrte, eine Reihe von Sachen, die seine Unfähigkeit charakterisieren, im Leben der Sowjetmenschen eine einzige positive Erscheinung, einen einzigen positiven Typ zu finden. Ebenso wie in den 'Abenteuern eines Affen' verhöhnt Soschtschenko gewohnheitsmäßig die sowjetische Lebensweise, die sowjetischen Zustände, die Sowjetmenschen, wobei er diesen Hohn unter der Maske geistloser Zerstreuung und nichtswürdiger Humoristik verbirgt.

 

Wenn Sie die Erzählung 'Abenteuer eines Affen' aufmerksam lesen und darüber nachdenken, dann werden Sie sehen, dass Soschtschenko dem Affen die Rolle des höchsten Richters über unsere gesellschaftlichen Zustände zuteilt und ihn in der Art eines Moralpredigers für das Sowjetvolk auftreten lässt. Der Affe stellt gewissermaßen das Vernunftprinzip dar, dessen Sache es ist, Werturteile über das Verhalten der Menschen zu fällen. Die absichtlich entstellte, karikierte und geschmacklose Darstellung des Lebens der Sowjetmenschen brauchte Soschtschenko, um dem Affen den widerlichen, giftigen, sowjetfeindlichen Ausspruch in den Mund zu legen, im Zoo ließe es sich besser leben als in der Freiheit und im Käfig leichter atmen als unter Sowjetmenschen.

 

Kann man moralisch und politisch noch tiefer sinken? Wie können die Leningrader in ihren Zeitschriften derartige Niederträchtigkeiten und Gemeinheiten dulden?

 

Wenn 'Werke' solcher Art den Sowjetlesern der Zeitschrift 'Swesda' vorgesetzt werden, wie gering muss dann die Wachsamkeit der Leningrader sein, die die Zeitschrift 'Swesda' leiten, dass darin Werke erscheinen konnten, die mit dem Gift einer tierischen Feindseligkeit gegenüber der Sowjetordnung verseucht sind. Nur der Abschaum der Literatur konnte derartige 'Werke' schaffen, und nur blinde und unpolitische Menschen konnten sie verbreiten.

 

Man sagt, dass die Erzählung Soschtschenkos die Runde durch die Leningrader Vortragssäle gemacht habe. Wie schwach muss die Leitung der ideologischen Arbeit in Leningrad geworden sein, dass derartige Dinge passieren konnten?

 

Soschtschenko mit seiner widerlichen Moral gelang es, in die Spalten der großen Leningrader Zeitschrift einzudringen und sich dort mit allem Komfort einzurichten. Und dabei ist die Zeitschrift 'Swesda' doch ein Organ, das unsere Jugend erziehen soll. Aber kann dieser Aufgabe eine Zeitschrift gerecht werden, die einem so oberflächlichen und unsowjetischen Schriftsteller wie Soschtschenko Aufnahme gewährt?! Oder ist vielleicht die Redaktion der 'Swesda' die Physiognomie Soschtschenkos nicht bekannt?!

 

Und dabei ist es doch gar nicht so lange her - es war Anfang 1944 -, dass die empörende Novelle Soschtschenkos 'Vor Sonnenaufgang', die während des erbitterten Freiheitskrieges des Sowjetvolkes gegen die deutschen Eindringlinge geschrieben wurde, in der Zeitschrift 'Bolschewik' einer scharfen Kritik unterzogen wurde. In dieser Novelle enthüllte Soschtschenko seine fade, niederträchtige Seele, er tat es mit Behagen und Genuss, in der Absicht, allen zu zeigen: 'Seht, was ich für ein Gauner bin!'

 

Es ist schwer, in unserer Literatur etwas Scheußlicheres zu finden als jene 'Moral', die Soschtschenko in seiner Novelle 'Vor Sonnenaufgang' predigt und in der er die Menschen und sich selbst als garstige, lüsternde Tiere schildert, die weder Scham noch Gewissen besitzen. Und diese Moral setzte er den Sowjetlesern zu einer Zeit vor, als unser Volk in einem unerhört schweren Krieg sein Blut vergoss, als das Leben des Sowjetstaates an einem Haar hing, als das Sowjetvolk für den Sieg über die Deutschen ungezählte Opfer brachte. Aber Soschtschenko, der sich in Alma Ata, im tiefsten Hinterland, vergraben hatte, half dem Sowjetvolk in dieser Zeit in keiner Weise in seinem schweren Kampf gegen die deutschen Eindringlinge. Mit vollem Recht wurde Soschtschenko im 'Bolschewik' als ein der Sowjetliteratur fremder Produzent von Schmähschriften und Hohlkopf öffentlich gebrandmarkt. Damals pfiff er auf die öffentliche Meinung. Und siehe da, es sind noch keine zwei Jahre vergangen, die Tinte, mit der die Rezension im 'Bolschewik' geschrieben wurde, ist noch nicht getrocknet, und schon zieht der gleiche Soschtschenko triumphierend in Leningrad ein und beginnt, sich ungeniert in den Spalten der Leningrader Zeitschriften zu ergehen.

 

Nicht nur die 'Swesda', sondern auch die Zeitschrift 'Leningrad' druckt ihn gern. Gern und bereitwillig werden ihm die Theatersäle zur Verfügung gestellt. Damit nicht genug: Ihm wird die Möglichkeit gegeben, einen leitenden Posten in der Leningrader Abteilung des Schriftstellerverbandes zu bekleiden und eine aktive Rolle in Fragen der Literatur in Leningrad zu spielen. Mit welcher Begründung gestatten Sie Soschtschenko, in den Gärten und Parks der Leningrader Literatur herumzuspazieren? Warum hat das Parteiaktiv Leningrads und seine Schriftstellerorganisation diese schändlichen Dinge zugelassen?!

 

Die durch und durch faule gesellschaftspolitische und literarische Physiognomie (d. i. das äußere Erscheinungsbild - Verf.) Soschtschenkos hat sich nicht erst in letzter Zeit herausgebildet. Seine heutigen 'Werke' sind durchaus nicht zufällig entstanden. Sie sind nur eine Fortsetzung des gesamten literarischen 'Erbes' Soschtschenkos, das in die 20iger Jahre zurückreicht.

 

Wer war er früher? Er war einer der Organisatoren der literarischen Gruppe, die sich 'Serapionsbrüder' nannte. Welches war die gesellschaftlich-politische Physiognomie Soschtschenkos zur Zeit der Bildung der 'Serapionsbrüder'? Gestatten Sie mir auf die Zeitschrift 'Literaturnye Sapiski' (Literarische Notizen) Nr. 3/1922 zurückzugreifen, in der die Begründer dieser Gruppe ihr Glaubensbekenntnis ablegten. Unter einer Anzahl ähnlicher Offenbarungen ist dort auch das 'Glaubenssymbol' Soschtschenkos in dem Artikel 'Über mich und sonst noch einiges' abgedruckt. Soschtschenko, der sich vor niemanden und vor nichts geniert, entblößt sich coram publico (vor aller Welt) spricht seine politischen und literarischen 'Ansichten' ganz offen aus. Hören Sie, was er damals sagte:

 

"Überhaupt ist es reichlich schwierig, Schriftsteller zu sein. Nehmen wir bloß die Ideologie ... Heute verlangt man vom Schriftsteller Ideologie ... Und die macht mir wirklich Unannehmlichkeiten ... Sagen Sie doch selbst, was für eine bestimmte 'Ideologie' kann ich haben, wenn mich keine Partei völlig anzieht? Vom Standpunkt der Parteileute bin ich ein prinzipienloser Mensch. Meinetwegen. Ich kann von mir selbst nur sagen: Ich bin kein Kommunist, kein Sozialrevolutionär, kein Monarchist, sondern einfach ein Russe und noch dazu ein politisch unmoralischer ... Mein Ehrenwort - ich weiß bis heute nicht, nun nehmen wir zum Beispiel Gutschkow ... In welcher Partei ist er? Der Teufel weiß, in welcher Partei er ist. Ich weiß: Er ist kein Bolschewik, ob er jedoch zu den Sozialrevolutionären oder zu den Kadetten (das waren 'Liberale' - Verf.) gehört - ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen ..."

 

Was sagen Sie, Genossen, zu einer solchen 'Ideologie'? 25 Jahre sind vergangen, seit Soschtschenko dieses sein 'Bekenntnis' abgelegt hat. Hat er sich seitdem geändert? Davon ist nichts zu merken. In 25 Jahren hat er weder etwas gelernt noch sich in irgendeiner Weise geändert, sondern ist im Gegenteil mit zynischer Offenheit ein Propagandist der Ideenlosigkeit und Oberflächlichkeit, ein prinzipien- und gewissenloser und literarischer Gauner geblieben. Das bedeutet, dass die Sowjetzustände Soschtschenko genau wie damals auch heute nicht gefallen. Genauso wie damals steht er auch jetzt der Sowjetliteratur fremd und feindselig gegenüber. Wenn Soschtschenko trotz allem in Leningrad fast zu einer Koryphäe der Literatur geworden ist, wenn er auf den Leningrader Parnass (Musenberg - V.) erhoben wird, dann bleibt einem nur noch übrig, darüber erschüttert zu sein, welchen Grad die Prinzipienlosigkeit, Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit und Gleichgültigkeit der Menschen erreichen konnte, die Soschtschenko den Weg geebnet haben und sein Lob singen!

 

Gestatten Sie, noch ein Beispiel zur Illustration der Physiognomie der so geannten 'Serapionsbrüder' anzuführen. In denselben 'Literaturnye sapiski' Nr. 3/1922 versucht ein anderes Mitglied der Gruppe, Lew Lunz, ebenfalls eine ideologische Begründung für die der Sowjetliteratur schädliche und fremde Richtung zu geben, die die Gruppe 'Serapionsbrüder' vertrat:

 

"Wir haben uns in den Tagen der Revolution, in den Tagen der politischen Hochspannung zusammengefunden. 'Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!', sagte man uns damals von allen Seiten. 'Für wen seid ihr Serapionsbrüder, für die Kommunisten oder gegen sie, für die Revolution oder gegen sie?' Für wen wir Serapionsbrüder sind? Wir sind für den Eremiten Serapion ... Qualvoll und viel zu lange wurde die russische Literatur von der öffentlichen Meinung dirigiert ... Wir wollen keinen Utilitarismus. Wir schreiben nicht für die Propaganda. Die Kunst ist real wie das Leben selbst, und so wie das Leben ist sie ohne Ziel und ohne Sinn, sie existiert, weil sie existieren muss."

 

Das ist die Rolle, die die 'Serapionsbrüder' der Kunst zuweisen. Sie nehmen ihr den Ideengehalt, die gesellschaftliche Bedeutung, sie verkünden die Ideenlosigkeit der Kunst, die Kunst um der Kunst willen, die Kunst ohne Ziel und ohne Sinn. Das bedeutet gleichzeitig die Propagierung fauler politischer Indifferenz, das Spießbürgertum und die Hohlheit.

 

Welcher Schluss ist daraus zu ziehen?

 

Wenn Soschtschenko die Sowjetzustände nicht gefallen, was soll man da machen? Sich ihm anpassen? Aber nicht wir müssen unsere Lebensweise und unser System wegen Soschtschenko umgestalten. Soll er sich umstellen, und wenn er das nicht will, dann mag er aus der Sowjetliteratur verschwinden. In ihr ist kein Platz für dekadente, nichtige, ideenlose und oberflächliche Werke. (Stürmischer Beifall).

 

Davon ist das ZK bei der Annahme des Beschlusses über die Zeitschriften 'Swesda' und 'Leningrad' ausgegangen.

 

Ich komme nun zu der Frage des literarischen 'Schaffens' von Anna Achmatowa. Ihre Schriften erschienen in letzter Zeit in den Leningrader Zeitschriften in 'erweiterter Auflage'. Das ist ebenso erstaunlich wie widernatürlich, wie wenn jemand Anstalten machen würde, die Schriften von Mereshkowski, Wjatscheslaw Iwanow, Michail Kusmin, Andrej Bely, Sinaida Gipius, Fedor Sologrub, Sinowjewa-Annibal usw. herauszugeben, d. h. die Schriften all jener, die unsere fortschrittliche Öffentlichkeit und Literatur immer als Vertreter des reaktionären Obskurantismus und des Renegatentums in Politik und Kunst betrachtet hat.

 

Gorki hat seinerzeit gesagt, das Jahrzehnt von 1907 bis 1917 verdiene, das schändlichste und unfähigste Jahrzehnt in der Geschichte der russischen Intelligenz genannt zu werden. In diesem Jahrzehnt, nach der Revolution von 1905, wandte sich ein beträchtlicher Teil der Intelligenz von der Revolution ab, glitt in den Sumpf der reaktionären Mystik und der Pornografie hinein, machte die Ideenlosigkeit zu seinem Banner und verbarg sein Renegatentum unter der 'schönen' Phrase:

 

'Auch ich verbrannte alles, was ich verehrte, und ich verneige mich vor dem, was ich verbrannte.'

 

Gerade in diesem Jahrzehnt erschienen solche Renegatenschriften wie 'Das bleiche Pferd' von Ropschin, die Werke von Winnitschenko und anderen, die aus dem Lager der Revolution in das Lager der Reaktion desertiert waren und sich nun beeilten, die hohen Ideale zu schänden, für die der beste, fortschrittlichste Teil der russischen Gesellschaft kämpfte. Symbolisten, Imaginisten, Dekadente aller Schattierungen, die sich vom Volk losgesagt hatten, die These von der 'Kunst um der Kunst willen' verkündeten, die Ideenlosigkeit in der Literatur propagierten und ihre eigene geistige und moralische Verkommenheit hinter einer schönen Form ohne Inhalt verbargen, wurden an die Oberfläche gespült. Sie alle vereinte die tierische Angst vor der proletarischen Revolution. Es genügt, daran zu erinnern, dass einer der größten 'Ideologen' dieser reaktionären literarischen Strömungen Mereshkowski war, der die bevorstehende Revolution das 'Heranfluten des Pöbels' nannte und der Oktoberrevolution mit vertierter Wut entgegensah.

 

Anna Achmatowa ist eine Vertreterin dieses ideenlosen reaktionären literarischen Sumpfes. Sie gehört zur literarischen Gruppe der so genannten 'Akmeisten', die seinerzeit aus den :Reihen der Symbolisten hervorging, und ist der Bannerträger einer hohlen, ideenlosen aristokratischen Salonpoesie, die der Sowjetliteratur absolut fremd ist. Die Akmeisten selbst stellten eine extrem individualistische Richtung in der Kunst dar. Sie propagierten die 'L'art pour l'art'-Theorie, die Theorie der 'Kunst um der Kunst willen', doch vom Volk, von seinen Nöten und seinen Interessen, vom gesellschaftlichen Leben wollten sie nichts wissen.

 

Ihrem sozialen Ursprung nach war dies eine aristokratisch-bürgerliche Strömung in der Literatur zu einer Zeit, da die Tage der Aristokratie und der Bourgeoisie schon gezählt waren und die Poeten und Ideologen der herrschenden Klasse danach trachteten, sich aus der unangenehmen Wirklichkeit in die himmlischen Höhen und in den Nebel der religiösen Mystik, in ihre armseligen persönlichen Erlebnisse und in die Schilderung ihrer kleinen Seele flüchteten.

 

Die Akmeisten waren ebenso wie die Symbolisten, die Dekadenten und andere Vertreter der sich zersetzenden aristokratisch-bürgerlichen Ideologie Verkünder der Entartung, des Pessimismus und des Glaubens an ein Jenseits.

 

Die Thematik Anna Achmatowas ist durch und durch individualistisch. Das Register ihrer Poesie ist bis zur Armseligkeit beschränkt. Es ist die Poesie der wildgewordenen Salondame, die sich zwischen Boudoir (Damenzimmer - V.) und Betstuhl bewegt. Ihre Grundlagen sind erotische Motive, die mit Motiven der Trauer, der Schwermut, des Todes, der Mystik und der Verlorenheit verbunden sind. Das Gefühl der Verlorenheit - das verständliche Gefühl für das gesellschaftliche Bewusstsein einer aussterbenden Gruppe - die düsteren Töne der Hoffnungslosigkeit Sterbender, mystische Erlebnisse, gepaart mit Erotik - das ist die geistige Welt Anna Achmatowas, ein Stück aus den Trümmern der unwiederbringlich und für alle Ewigkeit versunkenen Welt der alten aristokratischen Kultur, der 'guten alten Zeit unter Katharina'. Sie ist halb Nonne, halb Dirne oder richtiger: Dirne und Nonne, bei der sich Unzucht und Gebet miteinander verflechten:

 

"Aber vor dir, englischer Garten,

verneige ich mich,

verneige mich vorm wundertätigen Ikon

und unserer heißen Nächte Sohn ..."

(A. Achmatowa, 'Anno Domini')

 

Das ist Anna Achmatowa mt ihrem kleinen, engen persönlichen Leben, mit ihren nichtigen Erlebnissen und ihrer religiös-mystischen Erotik.

 

Die Poesie der Achmatowa ist dem Volk vollkommen fremd. Es ist die Poesie der oberen Zehntausend des alten aristokratischen Russlands, der zum Untergang Verurteilten, denen nur die Sehnsucht nach den 'guten alten Zeiten' geblieben ist. Die Gutsbesitzerhöfe aus den Zeiten der Katharina mit ihren jahrhundertealten Lindenalleen, ihren Springbrunnen, Statuen, Steinbögen, ihren Orangerien, Liebeslauben und verfallenen Wappen an den Toren, das aristokratische Petersburg, Zarskoje Selo, der Bahnhof von Pawlowsk und ähnliche Reliquien der höfischen Kultur - all das gehört unwiderruflich der Vergangenheit an. Den Trümmern dieser fernen, dem Volk fremden Kultur, die sich wie durch ein Wunder bis in unsere heutige Zeit erhalten haben, blieb nichts weiter übrig, als sich in sich selbst zurückzuziehen und ein Schattendasein zu führen.

 

'Alles ist geraubt, verraten und verkauft',

 

schreibt Anna Achmatowa.

 

Über die sozial-politischen und literarischen Ideale der Akmeisten schrieb einer der bekanntesten Vertreter dieses Grüpchens, Ossip Mandelschtam, kurz vor der Revolution:

 

"Die Liebe zum Organismus und zur Organisation haben die Akmeisten mit dem physiologisch-genialen Mittelalter gemeinsam ... Das Mittelalter bestimmte den spezifischen Wert des Menschen auf seine Art. Es empfand ihn und erkannte ihm jeden zu, völlig unabhängig von seinen Verdiensten ... Ja, Europa ist durch das Labyrinth einer durchsichtig feinen Kultur hindurch gegangen, der das abstrakte Sein, die durch nichts beschönigte persönliche Existenz als Heldentat galt. Daher die aristokratische Intimität, die alle Menschen verbindet und die dem Geist der 'Gleichheit und Brüderlichkeit' der großen Revolution so fremd ist ... Das Mittelalter ist uns deshalb so teuer, weil es in hohem Grade das Gefühl für Distanz und Abgrenzung besaß ... Die glückliche Mischung aus Vernunft, Mystik und Weltgefühl als eines lebendigen Gleichgewichts verbindet uns eng mit dieser Epoche und lässt uns Kraft schöpfen aus den Werken, die auf romanischem Boden um das Jahr 1200 entstanden."

 

In diesen Aussprüchen Mandelschtams sind die Hoffnungen und Ideale der Akmeisten dargelegt.

 

'Zurück ins Mittelalter!' das ist das gesellschaftliche Ideal dieser aristokratischen Salongruppe. 'Zurück zum Affen!' ruft Soschtschenko mit ihnen. Überflüssig zu betonen, dass der Stammbaum der Akmeisten und der 'Serapionsbrüder' auf die gleichen Ahnherrn zurückführt. Der gemeinsame Stammvater der Serapionsbrüder und der Akmeisten ist E. Th. A. Hoffmann, einer der Begründer der Dekadenz und des Mystizismus der aristokratischen Salons.

 

Warum mussten plötzlich Anna Achmatowas Gedichte popularisiert werden? Was hat sie für Beziehungen zu uns, zu den Sowjetmenschen? Warum musste allen diesen dekadenten und uns zutiefst fremden literarischen Richtungen eine literarische Tribüne zur Verfügung gestellt werden?

 

Aus der Geschichte der russischen Literatur wissen wir, dass die reaktionären literarischen Strömungen, zu denen auch die Symbolisten und die Akmeisten gehören, mehr als einmal den Versuch gemacht haben, gegen die hohen revolutionär-demokratischen Traditionen der russischen Literatur, gegen ihre führenden Vertreter zu Feld zu ziehen, dass sie mehr als einmal versucht haben, die Literatur ihrer hohen gesellschaftlichen und ideologischen Bedeutung zu entkleiden und sie in den Sumpf der Ideenlosigkeit und Oberflächlichkeit hineinzuziehen. Alle diese 'Mode'strömungen sind der Vergangenheit anheim gefallen und zusammen mit jenen Klassen in die Vergangenheit versunken, deren Ideologie sie widerspiegelten. Was ist von all diesen Symbolisten, Akmeisten, 'Gelben Blusen', 'Karo Buben', den 'Unbekümmerten' in unsere heimatlichen, russischen, in unserer Sowjetliteratur übrig geblieben? Absolut nichts, obwohl sie ihren Feldzug gegen die Vertreter der russischen revolutonär-demokratischen Literatur, Belinskij, Dobroljubow, Tschernyschewski, Herzen und Saltykow-Schtschedrin, mit viel Lärm und Anmaßung geplant hatten und mit dem gleichen Effekt gescheitert sind.

 

Die Akmeisten verkündeten:

 

'Wir wollen keinerlei Veränderungen des Daseins und lassen uns auf keine Kritik an ihm ein.'

 

Warum waren sie gegen jede Art der Veränderung des Daseins? Nun, weil das alte aristokratische, bürgerliche Dasein ihnen gefiel, während das revolutionäre Volk sich anschickte, dieses Dasein in Frage zu stellen. Im Oktober 1917 wurden die herrschenden Klassen mitsamt ihren Ideologen und Lobsängern auf den Kehrichthaufen der Geschichte geworfen.

 

Und nun tauchen plötzlich nach der sozialistsischen Revolution einige seltene Museumsstücke aus der Welt der Schatten wieder auf und wollen unsere Jugend lehren, wie man leben müsse. Vor Anna Achmatowa werden die Tore der Leningrader Zeitschrift weit geöffnet, und man gestattet ihr großzügig, das Bewusstsein der Jugend mit dem unheilvollen Geist ihrer Dichtkunst zu vergiften.

 

In einer der Nummern der Zeitschrift 'Leningrad' wurde so etwas wie eine Zusammenstellung der Werke Anna Achmatowas aus der Zeit von 1909 bis 1944 veröffentlicht. Da gibt es neben anderem Plunder ein Gedicht, das in der Evakuierung während des Großen Vaterländischen Krieges geschrieben wurde. In diesem Gedicht schreibt sie über ihre Einsamkeit, die sie mit einem schwarzen Kater teilen musste. Der Kater sieht sie an wie das Auge des Jahrhunderts. Das Thema ist nicht neu. Über den schwarzen Kater hat Anna Achmatowa schon im Jahre 1909 geschrieben. Die der Sowjetliteratur fremde Stimmung der Einsamkeit und Ausweglosigkeit ist mit dem ganzen historischen Weg des 'Schaffens' Anna Achmatowas verbunden.

 

Was hat diese Dichtung mit den Interessen unseres Volkes und Staates gemein? Absolut nichts. Anna Achmatowas Werk ist eine Angelegenheit der fernen Vergangenheit, es ist der heutigen sowjetischen Wirklichkeit fremd und kann in unseren Zeitschriften nicht geduldet werden. Unsere Literatur ist kein Privatunternehmen, das darauf bedacht ist, die verschiedenen Geschmacksrichtungen des literarischen Marktes zu befriedigen. Wir sind durchaus nicht verpflichtet, den Geschmäckern und Sitten, die mit der Moral und den Eigenschaften der Sowjetmenschen nichts zu tun haben, in unserer Literatur einen Platz einzuräumen. Was können Anna Achmatowas Schriften unsere Jugend lehren? Nichts, außer Schädlichem. Diese Schriften können nur Mutlosigkeit, seelische Depression und Pessimismus verbreiten sowie die Tendenz fördern, den dringenden Problemen des gesellschaftlichen Lebens auszuweichen und sich vom breiten Weg des gesellschaftlichen Lebens und der Aktivität in die enge Welt der persönlichen Erlebnisse zurückzuziehen. Wie kann man die Erziehung unserer Jugend in ihre Hände legen?! Aber nicht nur, dass Anna Achmatowa mit großer Bereitwilligkeit in den Zeitschriften 'Swesda' und 'Leningrad' gedruckt wurde, es erschienen sogar besondere Sammelbände von ihr. Das ist ein grober politischer Fehler.

 

Angesichts all dessen ist es kein Zufall, dass in den Leningrader Zeitschriften Werke anderer Schriftsteller zu erscheinen beginnen, die ebenfalls auf die Position der Ideenlosigkeit und Dekadenz abgleiten. Ich habe Werke von :Schriftstellern wie Sadofjew und Komissarowa im Auge. In einigen ihrer Gedichte beginnen Sadofjew und Komissarowa in die Melodie Anna Achmatowas einzustimmen. Sie fangen an, die Stimmung der Mutlosigkeit, der Schwermut und Einsamkeit, die der Seele von Anna Achmatowa so teuer sind, zu kultivieren.

 

Ganz zu schweigen davon, dass solche Stimmungen oder die Verbreitung solcher Stimmungen nur negativen Einfluss auf unsere Jugend haben, dass sie ihr Bewusstsein mit dem faulen Geist der Ideenlosigkeit, der politischen Indifferenz und der Mutlosigkeit vergiften.

 

Aber was wäre geschehen, wenn wir unsere Jugend im Geiste der Mutlosigkeit und des Unglaubens an unsere Sache erzogen hätten? Wir hätten im Großen Vaterländischen Krieg nicht gesiegt. Gerade deshalb, weil der Sowjetstaat und unsere Partei unsere Jugend mit Hilfe der Sowjetliteratur zur Kühnheit, zum Vertrauen in die eigene Kraft erzogen haben, gerade deshalb konnten wie die gewaltigen Schwierigkeiten überwinden und den Sieg über die Deutschen und die Japaner erringen.

 

Was folgt aus alledem?

 

Daraus folgt, dass die Zeitschrift 'Swesda' dadurch, dass sie neben guten, ideenreichen, mutigen Werken ideenlose, oberfläche, reaktionäre Werke abdruckte, zu einer Zeitschrift ohne Linie wurde, zu einer Zeitschrift, die den :Feinden half, unsere Jugend zu zersetzen. Aber die Stärke unserer Zeitschriften bestand stets in ihrer mutigen, revolutionären Ausrichtung und nicht im Eklektizismus (Aneinanderreihung von Dingen, die sich ausschließen - V.), der Ideenlosigkeit und der politischen Gleichgültigkeit. Die Propagierung der Ideenlosigkeit erhielt in der 'Swesda' Gleichberechtigung. Aber das ist noch nicht alles. Es stellte sich heraus, dass Soschtschenko in der Leningrader Schriftstellerorganisation eine solche Macht erlangt hatte, dass er diejenigen, die anderer Meinung waren, anschrie, dass er den Kritikern drohte, in einem seiner nächsten Werke gegen sie zu schreiben. Er wurde zu einer Art literarischen Diktators. Er war von einer Gruppe Verehrer umgeben, die ihm zu seinem Ruhm verhalfen.

 

Man fragt sich, mit welcher Begründung? Warum haben Sie diesen widernatürlichen und reaktionären Zustand geduldet?

 

Es ist kein Zufall, dass man sich in den literarischen Zeitschriften Leningrads für die moderne minderwertige bürgerliche Literatur des Westens zu begeistern begann. Einige unserer Schriftsteller begannen, sich nicht als Lehrer, sondern als Schüler der bürgerlich-philisterhaften (d. i. spießigen - V.) Literaten zu betrachten zu betrachten. Sie begannen, zur Kriecherei und Katzbuckelei vor der spießbürgerlichen ausländischen Literatur herabzusinken. Steht uns, den Sowjetpatrioten, den Erbauern der Sowjetordnung, die jedwede bürgerliche Ordnung hundertmal übertrifft und besser ist als sie, eine solche Kriecherei an? Steht diese Kriecherei vor der beschränkten philisterhaft-bürgerlichen Literatur des Westens unserer fortschrittlichen Sowjetliteratur an, der revolutionärsten der Welt?

 

Ein großer Mangel in der Arbeit unserer Schriftsteller besteht auch in ihrem Abschweifen von der modernen Sowjetthematik, in der einseitigen Begeisterung für historische Themen auf der einen Seite und in den Versuchen, sich mit rein unterhaltenden, geistlosen Sujets (Themen - V.) zu beschäftigen auf der anderen. Einige Schriftsteller rechtfertigen ihre Zurückhaltung gegenüber den großen sowjetischen Themen damit, dass sie sagen, die Zeit sei gekommen, in der man dem Volk eine seichte Unterhaltungsliteratur geben müsse, in der es keinen Ideengehalt zu geben brauche. Das zeugt von einer völlig falschen Vorstellung von unserem Volk, seinen Bedürfnissen und Interessen. Unser Volk wartet darauf, dass die Sowjetschriftsteller die gewaltigen Erfahrungen, die das Volk im Großen Vaterländischen Krieg gesammelt hat, erläutern und zusammenfassen, dass sie den Heroismus schildern und allgemeingültig darstellen, mit dem das Volk jetzt, nach der Vertreibung der Feinde, am Wiederaufbau der Volkswirtschaft unseres Landes arbeitet.

 

Noch ein paar Worte zu der Zeitschrift 'Leningrad'. Hier ist die Position Soschtschenkos und auch Anna Atmatowas noch 'gefestigter' als in der 'Swesda'. Soschtschenko und Anna Achmatowa wurden zu aktiven literarischen Kräften in beiden Zeitschriften. Die Zeitschrift 'Leningrad' trägt somit die Verantwortung dafür, dass sie solchen Hohlköpfen wie Soschtschenko und einer solchen Salonpoetin wie Anna Achmatowa ihre Seiten zur Verfügung gestellt hat.

 

Aber in der Zeitschrift 'Leningrad' gibt es noch andere Fehler.

 

Da gibt es zum Beispiel eine Parodie (Verspottung - V.) auf 'Eugen Onegin' (von A. Puschkin, dem großen russischen Nationaldichter - V.), die ein gewisser Chasin geschrieben hat. Das Ding nennt sich 'Die Heimkehr Onegins'. Man sagt, dass dieses Stück nicht selten auf der Leningrader Kleinkunstbühne aufgeführt wird. Es ist unbegreiflich, warum die Leningrader es dulden, dass Leningrads Ehre öffentlich angegriffen wird, wie das Chasin tut. Oder liegt etwa der Sinn dieser so genannten 'Parodie' nicht in einer Verspottung der Abenteuer, die Onegin besteht, der in das heutige Leningrad geraten ist? Der Sinn dieser von Chasin verfassten Schmähschrift besteht darin, dass er versucht, unser heutiges Leningrad mit dem Petersburg der Puschkinschen Epoche zu vergleichen und zu beweisen, dass unser Zeitalter schlechter ist als das Onegins. Aber vielleicht sehen Sie sich einmal einige Strophen diese 'Parodie' näher an. Nichts gefällt dem Autor in unserem heutigen Leningrad. Er überschüttet die Sowjetmenschen und Leningrad mit Gehässigkeiten und Verleumdungen. Was war das Zeitalter Onegins? Nun, das goldene Zeitalter nach Ansicht Chasins. Das ist es jetzt nicht mehr. Denn es gibt Wohnungsämter, Karten und Passierscheine. Die Mädchen, diese überirdischen, ätherischen Wesen, die damals Onegin in Verzücken versetzten, regulieren jetzt den Stadtverkehr, reparieren Leningrader Häuser usw. usf. Gestatten Sie, dass ich wenigstens eine Stelle aus dieser 'Parodie' zitiere:

 

"In die Straßenbahn setzt sich unser Eugen,

der arme, liebe Mensch!

Solche Verkehrsmittel kannte

sein unaufgeklärtes Zeitalter nicht.

Das Schicksal behütete ihn,

ihm wurde nur ein Bein gequetscht,

und nur einmal sagte man ihm

mit einem Stoß in den Magen: 'Idiot!'

In Erinnerung an mittelalterlichen Brauch

beschloss er, den Streit durch ein Duell zu beenden.

Er griff in die Tasche ..., aber jemand

hatte ihm längst seine Handschuhe gestohlen.

Da er sie nicht besaß,

schwieg Onegin und beruhigte sich."

 

So also war Leningrad damals, und so ist es jetzt geworden: schlecht, unkultiviert und grob, und in dieser unansehnlichen Gestalt stand es vor dem armen, lieben Onegin. So also hat der Banause Chasin Leningrad und die Leningrader dargestellt.

 

Eine üble, verderbte, zersetzende Absicht steckt in dieser verleumderischen Parodie!

 

Wie konnte die Redaktion der Zeitschrift 'Leningrad' diese bösartige Verleumdung Leningrads und seiner wunderbaren Menschen nur übersehen?! Wie kann man Chasin und seinesgleichen in die Leningrader Zeitschrift lassen?!

 

Nehmen Sie ein anderes Werk: die Parodie auf die Parodie von Nekrassow. Sie ist so abgefasst, dass sie eine direkte Beleidigung des großen Dichters Nekrassow darstellt, der am gesellschaftlichen Leben seiner Zeit regen Anteil nahm - eine Beleidigung, über die jeder aufgeklärte Mensch heute empört sein müsste. Die Zeitschrift 'Leningrad' aber druckt diese schmutzige Brühe bereitwillig ab.

 

Was finden wir noch in der Zeitschrift 'Leningrad'?

 

Eine platte, fade, ausländische Anekdote, die offenbar einem Band abgedroschener Anekdoten vom Ende des vorigen Jahrhunderts entnommen ist. Fehlt es in der Zeitschrift 'Leningrad' etwa an Material, um ihre Seiten zu füllen? Gibt es etwa nichts, worüber man in der Zeitschrift 'Leningrad' schreiben könnte? Wenn Sie zum Beispiel solch ein Thema wie den Wiederaufbau Leningrads nehmen: In der Stadt geht eine großartige Arbeit vor sich, die Stadt heilt die Wunden, die ihr die Blockade geschlagen hat, die Leningrader sind erfüllt von der Begeisterung und vom Schwung des Nachkriegswiederaufbaus. Schreibt die Zeitschrift 'Leningrad' etwas darüber? Werden es die Leningrader jemals erleben, dass sich ihre Heldentaten der Arbeit in dieser Zeitschrift widerspiegeln?

 

Nehmen Sie ein anderes Thema: die Sowjetfrau. Kann man denn unter den sowjetischen Leserinnen und Lesern die für Anna Achmatowa charakteristischen schändlichen Ansichten über die Rolle und die Berufung der Frau kultivieren, die keine wirklich wahrheitsgetreue Vorstellung von der modernen Sowjetfrau überhaupt und von den Leningrader Mächen und Heldinnen im Besonderen vermitteln, auf deren Schultern die ungeheure Bürde der Kriegsjahre lastete, und die jetzt selbstlos an der Lösung der mühevollen Aufgaben des Wiederaufbaus der Wirtschaft arbeiten?

 

Wie man sieht, ist in der Leningrader Abteilung des Schriftstellerverbandes die Lage der Dinge so, dass gegenwärtig offenbar für zwei literarisch-künstlerische Zeitschriften nicht genügend gute Werke vorhanden sind. Und deshalb hat das Zentralkomitee der Partei beschlossen, das Erscheinen der Zeitschrift 'Leningrad' einzustellen, um die besten literarischen Kräfte in der Zeitschrift 'Swesda' zu konzentrieren. Das heißt natürlich nicht, dass Leningrad nicht unter entsprechenden Voraussetzungen eine zweite oder sogar eine dritte Zeitschrift haben wird. Diese Frage wird durch die Anzahl der guten, hochqualifizierten Werke entschieden. Wenn sie in genügender Zahl vorhanden sein werden und der Raum in einer Zeitschrift für sie nicht ausreicht, dann kann man eine zweite oder eine dritte Zeitschrift herausgeben, sofern unsere Leningrader Schriftsteller eine in ideologischer und künstlerischer Beziehung wertvolle Produktion herausbringen.

 

Das also sind die großen Fehler und Mängel, die im Beschluss des ZK der KPdSU, B in Bezug auf die Arbeit der Zeitschriften 'Swesda' und 'Leningrad' aufgedeckt und festgestellt wurden.

 

Worin liegt die Wurzel dieser Fehler und Mängel?

 

Die Wurzel liegt darin, dass die Redakteure der genannten Zeitschriften, die in unserer Sowjetliteratur Tätigen, aber auch die Verantwortlichen an unserer ideologischen Front in Leningrad einige prinzipielle Thesen des Leninismus zur Literatur vergessen haben. Viele unserer Schriftsteller und viele von denen, die als verantwortliche Redakteure arbeiten oder wichtige Posten im Schriftstellerverband bekleiden, glauben, dass die Politik eine Angelegenheit der Regierung, eine Angelegenheit des ZK sei. Was die Schriftsteller betreffe, so sei es nicht ihre Sache, sich mit Politik zu beschäftigen. Schreibe jemand gewandt, künstlerisch und schön, dann müsse man ihn oder sie drucken, ohne Rücksicht darauf, dass es in den Beiträgen faule Stellen gibt, die unsere Jugend desorientieren und vergiften. Wir fordern, dass unsere Genossen, und zwar sowohl die führenden Verantwortlichen der Literatur als auch die Schreibenden selbst, sich von dem leiten lassen, ohne das die Sowjetordnung nicht leben kann, das heißt von der Politik, um unsere Jugend nicht im Geist der Gleichgültigkeit und Ideenlosigkeit, sondern im Geist der Kühnheit und des revolutionären Lebens zu erziehen.

 

Bekanntlich hat der Leninismus die besten Traditionen der russischen revolutionären Demokraten des 19. Jahrhunderts in sich aufgenommen, und die Sowjetliteratur entstand, entwickelte sich und erblühte auf der Grundlage des kritisch verarbeiteten kulturellen Erbes der Vergangenheit. Auf dem Gebiete der Literatur hat unsere Partei durch den Mund Lenins und Stalins wiederholt die ungeheure Bedeutung der großen russischen revolutionär-demokratischen Schriftsteller und Kritiker - Belinski, Dobroljubow, Tschernyschewski, Saltykow-Schtschedrin und Plechanow - anerkannt. Angefangen bei Belinski, haben die besten Vertreter der revolutionär-demokratischen russischen Intelligenz die so genannte 'reine Kunst', die 'Kunst um der Kunst willen', nicht anerkannt, sondern waren Verkünder der Kunst für das Volk, einer an hohen Idealen reichen Kunst, und unterstrichen die gesellschaftliche Bedeutung der Kunst. Die Kunst kann vom Schicksal des Volkes nicht losgelöst werden. Erinnern Sie sich an Belinskis berühmten 'Brief an Gogol', in dem der große Kritiker mit aller ihm eigenen Leidenschaftlichkeit Gogol wegen seines Versuches geißelte, die Sache des Volkes zu verraten und auf die Seite des Zaren überzugehen. Diesen Brief bezeichnete Lenin als eines der besten Werke der nicht zensierten demokratischen Presse, das seine ungeheure literarische Bedeutung bis auf den heutigen Tag bewahrt hat.

 

Erinnern Sie sich an die literarisch-publizistischen Aufsätze Dobroljubows, in denen so kraftvoll die gesellschaftliche Bedeutung der Literatur aufgezeigt wurde. Unsere ganze russische revolutionär-demokratische Publizistik ist erfüllt von tödlichem Hass gegen das zaristische Regime und durchdrungen von dem edlen Streben, für die grundlegenden Interessen des Volkes, für seine Aufklärung, seine Kultur und seine Befreiung von den Fesseln des zaristischen Regimes zu kämpfen, als streitbare Kunst, die den Kampf für die höchsten Ideale des Volkes führt. So stellten sich die großen Vertreter der russischen Literatur die Literatur und die Kunst vor.

 

Tschernyschewski, der von allen utopischen Sozialisten dem wissenschaftlichen Sozialismus am nächsten kam und dessen Werk, wie Lenin sagte, 'den Geist des Klassenkampfes ausströmte', lehrte, dass die Aufgabe der Kunst neben der Erkenntnis des Lebens auch noch darin besteht, die Menschen zu lehren, gesellschaftliche Erscheinungen richtig zu beurteilen. Sein engster Freund und Mitstreiter Dobroljubow zeigte, dass

 

'das Leben nicht nach literarischen Normen verläuft, sondern dass sich die Literatur den Entwicklungsrichtungen des Lebens anpasst.'.

 

Er propagierte mit allem Nachdruck die Prinzipien des Realismus und der Volkstümlichkeit in der Literatur, da er der Meinung war, dass das Fundament der Kunst die Wirklichkeit, dass sie der Ursprung des Schaffens ist und dass der Kunst eine aktive Rolle im gesellschaftlichen Leben zukommt, da sie das gesellschaftliche Bewusstsein formt. Nach der Auffassung Dobroljubows soll die Literatur der Gesellschaft dienen, die akutesten Fragen ihrer Zeit beantworten und auf dem Niveau der Ideen ihrer Epoche stehen.

 

Die marxistische Literaturkritik, die Fortsetzerin der großen Traditionen Belinskis, Tschernyschewskis und Dobroljubows, war stets eine Anhängerin der realistischen, gesellschaftlich bestimmten Kunst. Plechanow hat viel dazu beigetragen, die idealistische, wissenschaftsfeindliche Vorstellung von Literatur und Kunst zu entlarven und die Grundthesen unserer großen russischen revolutionären Demokraten zu verteidigen, die uns gelehrt haben, in der Literatur ein mächtiges Mittel des Dienstes am Volke zu sehen.

 

W. I. Lenin hat als erster das Verhältnis des fortschrittlichen gesellschaftlichen Denkens zu Literatur und Kunst mit äußerster Klarheit umrissen. Ich erinnere Sie an den bekannten Aufsatz Lenins 'Parteiorganisation und Parteiliteratur', den er Ende 1905 geschrieben hat, und in dem er mit der ihm eigenen Kraft bewies, dass die Literatur nicht unparteiisch sein kann, sondern ein wichtiger Bestandteil des allgemeinen proletarischen Kampfes sein muss. In diesem Aufsatz hat Lenin die Grundlagen gelegt, auf denen die Entwicklung unserer Sowjetliteratur basiert. Lenin schrieb:

 

"Die Literatur muss Parteiliteratur werden. Im Gegensatz zu den bürgerlichen Sitten, im Gegensatz zur bürgerlichen Privatunternehmer- und Krämerpresse, im Gegensatz zum bürgerlichen literarischen Strebertum und Individualismus, zum 'Edelanarchismus' und zur Profitjägerei - muss das sozialistische Proletariat das Prinzip der P a r t e i l i t e r a t u r aufstellen, dieses Prinzip entwickeln und in möglichst voller und einheitlicher Form verwirklichen. Worin besteht das Prinzip der Parteiliteratur? Nicht nur darin, dass für das sozialistische Proletariat die literarische Tätigkeit überhaupt keine Profitquelle für Einzelpersonen oder Gruppen sein darf; sie darf überhaupt keine von der allgemeinen Sache des Proletariats unabhängige individuelle Angelegenheit sein. Weg mit den parteilosen Literaten! Weg mit den literarischen Übermenschen! Die literarische Tätigkeit muss zu einem B e s t a n d t e i l der allgemeinen proletarischen Sache ... werden ..." (W. I. Lenin, 'Parteiorganisation und Parteiliteratur', in: sämtliche Werke, Bd. VIII, Wien/Berlin 1931, S. 522f).

 

Und weiter heißt es in diesem Aufsatz:

 

"Man kann nicht zugleich in der Gesellschaft leben und frei von ihr sein. Die Freiheit des bürgerlichen Schriftstellers, Künstlers, Schauspielers ist nur die maskierte (oder sich heuchlerisch maskierende) Abhängigkeit vom Geldsack, von der Bestechung, von der Bezahlung." (Ebd., S. 526).

 

Der Leninismus geht davon aus, dass unsere Literatur nicht apolitisch, nicht 'Kunst um der Kunst willen' sein darf, sondern dass sie eine wichtige führende Rolle im gesellschaftlichen Leben zu spielen hat. Davon geht das Leninsche Prinzip von der Parteilichkeit der Literatur aus, was ein äußerst wichtiger Beitrag W. I. Lenins zur Literaturwissenschaft ist.

 

Folglich besteht die beste Tradition der Sowjetliteratur darin, dass sie die besten Traditionen der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts fortsetzt - jene Traditionen, die von unseren großen revolutionären Demokraten Belinski, Dobroljubow, Tschernyschewski und Saltykow-Schtschedrin geschaffen, von Plechanow fortgesetzt und von Lenin und Stalin ausgearbeitet und begründet worden sind.

 

Nekrassow nannte seine Poesie 'die Muse der Rache und des Grams', und Tschernyschewski und Dobroljubow betrachteten die Literatur als einen heiligen Dienst am Volke. Die besten Vertreter der demokratischen Intelligenz Russlands sind unter dem zaristischen Regime für ihre hochsinnigen Ideen unter dem zaristischen Regime zugrundegegangn, zur Zwangsarbeit und in die Verbannung geschickt worden. Wir kann man nur diese ruhmvollen Traditionen vergessen? Wie kann man sich über sie hinwegsetzen? Wie kann man zulassen, dass Leute vom Schlage Anna Achmatowa und eines Soschtschenko die reaktionäre Losung 'l'art pour l'art' einschmuggeln, dass sie, unter der Maske der Ideenlosigkeit, dem Sowjetvolk fremde Ideen aufzwingen?! ...

 

Der Leninismus erkennt unserer Literatur eine ungeheure, die Gesellschaft umgestaltende Bedeutung zu. Wenn unsere Sowjetliteratur eine Einschränkung dieser ihrer gewaltigen erzieherischen Rolle zuließe, so würde das einer Rückentwicklung, die Rückkehr zur 'Steinzeit' bedeuten.

 

Genosse Stalin hat unsere Schriftsteller 'Ingenieure der menschlichen Seele' genannt. Diese Definition hat einen tiefen Sinn. Sie bezeugt die ungeheure Verantwortung der Sowjetschriftsteller für die Erziehung der Menschen, für die Erziehung der Sowjetjugend und dafür, dass Ausschuss in die Sowjetliteratur keinen Eingang finden darf.

 

Einigen Leuten erscheint es sonderbar, dass das ZK solche strengen Maßnahmen in der literarischen Frage ergriffen hat. Daran ist man bei uns nicht gewöhnt. Man ist der Meinung, wenn in der Produktion Ausschuss erzeugt wird oder das Produktionsprogramm für Massenbedarfsartikel oder der Holzbeschaffungsplan nicht erfüllt werden, so sei es ganz natürlich, einen Verweis dafür zu erteilen (zustimmende Heiterkeit im Saal), aber wenn Ausschuss bei der Erziehung der menschenlichen Seele gemacht wird, so könnte man das durchaus dulden. Aber ist denn das nicht ein schlimmeres Vergehen als die Nichterfüllung des Produktionsprogramms oder die Sabotage an den Produktionsaufgaben? Das ZK verfolgt mit seinem Beschluss das Ziel, die ideologische Front mit allen anderen Abschnitten unserer Arbeit in eine Linie zu bringen.

 

In der letzten Zeit sind an der ideologischen Front große Rückstände und Unzulänglichkeiten zu Tage getreten. Es genügt an das Zurückbleiben unserer Filmkunst zu erinnern, an die Überschwemmung des dramatischen Repertoires unserer Theater mit minderwertigen Stücken, ganz zu schweigen von den Vorgängen in den Zeitschriften 'Swesda' und 'Leningrad'. Das ZK war gezwungen einzuschreiten und die Angelegenheit entschlossen in Ordnung zu bringen. Es hatte kein Recht gegen Leute Milde walten zu lassen, die ihre Pflicht gegenüber dem Volk, gegenüber der Erziehung der Jugend vergessen. Wenn wir die Aufmerksamkeit unseres Aktivs auf die Fragen der ideologischen Arbeit lenken, hier Ordnung schaffen und klare Direktiven für die Arbeit geben wollen, dann müssen wir die Fehler und Mängel der ideologischen Arbeit, so wie es sich für Sowjetmenschen, für Bolschewiki gehört, scharf kritisieren. Nur dann werden wir imstande sein, die Sache in Ordnung zu bringen.

 

Manche Schriftsteller stellen folgende Überlegung an: Da in der Kriegszeit wenige Bücher erschienen sind und das Volk nach Literatur ausgehungert ist, verschlingt der Leser jede beliebige Ware, auch wenn sie Fäulniskeime enthält. Das stimmt jedoch ganz und gar nicht, und wir können nicht jedes beliebige literarische Erzeugnis hinnehmen, das uns von gleichgültigen Schriftstellern, Redakteuren und Herausgebern untergeschoben wird. Das Sowjetvolk erwartet von den Sowjetschriftstellern eine richtige ideologische Ausrüstung, die geistige Anregung, die ihm helfen soll, die Pläne des großen Aufbaus, die Pläne der Wiederherstellung und Weiterentwicklung der Volkswirtschaft unseres Landes zu erfüllen. Das Sowjetvolk stellt hohe Ansprüche an die Schriftsteller. Es verlangt die Befriedigung seiner kulturellen und ideellen Bedürfnisse. Während des Krieges konnten wir unter dem Zwang der Verhältnisse diese dringenden Bedürfnisse nicht befriedigen. Das Volk will den Sinn der sich abspielenden Ereignisse erklärt haben. Sein ideelles und kulturelles Niveau ist gewachsen. Es ist oft mit der Qualität der bei uns erscheinenden literarischen und künstlerischen Erzeugnisse nicht zufrieden. Das haben einige Schriftsteller, einige Arbeiter an der ideologischen Front nicht verstanden und wollen es nicht verstehen.

 

Das Niveau der Ansprüche und des Geschmacks unseres Volkes ist außerordentlich gestiegen, und wer sich auf dieses Niveau nicht begeben will oder sich nicht begeben kann, wird zurückgelassen werden. Die Literatur ist nicht nur dazu berufen, sich auf dem Niveau der Ansprüche des Volkes zu halten, sondern sie ist darüber hinaus verpflichtet, den Geschmack des Volkes zu entwickeln, seine Ansprüche zu steigern und es mit neuen Ideen, die das Volk vorwärts bringen, zu bereichern. Wer mit dem Volk nicht Schritt halten und seine gesteigerten Ansprüche nicht befriedigen kann, wer nicht auf der Höhe der Aufgaben steht, die die Entwicklung der Sowjetliteratur uns stellt, wird unweigerlich zum alten Eisen geworfen.

 

Dem Mangel an Ideen bei den führenden Mitarbeitern der Zeitschriften 'Swesda' und 'Leningrad' entspringt ein zweiter großer Fehler. Er besteht darin, dass einige unserer führenden Mitarbeiter in ihrem Verhältnis zu den Schriftstellern nicht die Interessen der politischen Erziehung der Sowjetmenschen und die politische Ausrichtung der Schriftsteller in den Vordergrund stellten, sondern die Interessen der persönlichen Freundschaft. Man sagt, dass viele in ideeller Hinsicht schädliche und in künstlerischer Hinsicht schwache Werke in Druck gegeben werden, weil man den einen oder anderen Schriftsteller nicht verletzen möchte. Nach dem Standpunkt solcher Mitarbeiter ist es besser, die Interessen des Volkes und des Staates preiszugeben, als irgend jemanden zu verletzen. Das ist eine völlig unrichtige und politisch falsche Einstellung. Das ist genau dasselbe, wie wenn man eine Million gegen einen Groschen tauschen würde.

 

Das Zentralkomitee der Partei weist in seinem Beschluss auf den außerordentlichen Schaden hin, den die Ersetzung der prinzipiellen Beziehungen zur Literatur durch freundschaftliche Beziehungen verursacht. Die prinzipienlosen freundschaftlichen Beziehungen unter einigen unserer Schriftsteller spielten eine äußerst negative Rolle, führten zur Senkung des ideologischen Niveaus vieler literarischer Werke und erleichterten Leuten, die der Sowjetliteratur fremd gegenüberstanden, den Zugang zur Literatur. Das Fehlen der Kritik seitens der Führer an der ideologischen Front in Leningrad, seitens der führenden Mitarbeiter in den Leningrader Zeitschriften, die Ersetzung prinzipieller Beziehungen durch freundschaftliche Beziehungen auf Kosten der Interessen des Volkes haben ungeheuren Schaden angerichtet.

 

Genosse Stalin lehrt uns, dass wir, wenn wir unsere Kader erhalten, sie unterweisen und erziehen wollen, keine Angst davor haben dürfen, jemanden zu verletzen, dass wir keine Angst vor einer prinzipiellen, kühnen, offenen und objektiven Kritik haben dürfen. Ohne Kritik kann jede Organisation, auch die literarische, mit Fäulniskeimen infiziert werden. Ohne Kritik kann man jede beliebige Krankheit ins Innere hineintreiben, und dadurch wird es erschwert, mit ihr fertig zu werden. Nur eine kühne und offene Kritik hilft unseren Menschen, sich zu vervollkommnen, lässt sie vorwärtsschreiten und Mängel in ihrer Arbeit überwinden. Dort, wo es keine Kritik gibt, nisten sich Muffigkeit und Stagnation ein, dort gibt es keine Vorwärtsbewegung.

 

Genosse Stalin hat wiederholt darauf hingewiesen, dass eine unerlässliche und äußerst wichtige Voraussetzung für unsere Entwicklung darin besteht, dass jeder Sowjetmensch das Ergebnis seiner Arbeit täglich prüft, dass er sich furchtlos kontrolliert, seine Arbeit analysiert, seine Fehler und Mängel mutig kritisiert, darüber nachdenkt, wie er bei seiner Arbeit bessere Ergebnisse erzielen kann, und dass er unablässig an seiner eigenen Vervollkommnung arbeitet. Das gilt in gleichem Maße für die Schriftsteller wie für jeden anderen Arbeiter. Wer die Kritik seiner Arbeit fürchtet, ist ein verachtungswürdiger Feigling, der die Achtung des Volkes nicht verdient. (Stürmischer Beifall).

 

Das unkritische Verhalten zur eigenen Arbeit, die Ersetzung prinzipieller Beziehungen zu den Schriftstellern durch freundschaftliche ist auch im Vorstand des sowjetischen Schriftstellerverbandes weit verbreitet. Der Vorstand des Verbandes und insbesondere sein Vorsitzender Genosse Tichonow, sind Schuld an den Missständen, die in den Zeitschriften 'Swesda' und 'Leningrad' aufgedeckt worden sind. Durch ihre Schuld wurde nicht nur nicht durch dem Eindringen der schädlichen Einflüsse Soschtschenkos, Anna Achmatowa und anderer nichtsowjetischer Schriftsteller in die Sowjetliteratur kein Widerstand entgegengesetzt, sondern sogar beim Eindringen von der Sowjetliteratur feindlichen Tendenzen und Sitten ein Auge zugedrückt.

 

Bei den Mängeln der Leningrader Zeitschriften spielte auch jenes System der Verantwortungslosigkeit eine Rolle, das sich in der Leitung der Redaktionen herausgebildet hatte, in denen unbekannt war, wer die Gesamtverantwortung für die Zeitschrift trägt und wer für die einzelnen Abteilungen verantwortlich ist, und in denen nicht die elementarste Ordnung herrschen konnte. Dieser Mangel muss beseitigt werden. Deshalb hat das Zentralkomitee in seinem Beschluss einen Chefredakteur für die Zeitschrift 'Swesda' ernannt, der die Verantwortung für die Richtung der Zeitschrift und für die hohe ideologische und künstlerische Qualität der in der Zeitschrift erscheinenden Werke trägt.

 

In den Zeitschriften dürfen wie bei jeder anderen Sache Unordnung und Anarchie nicht geduldet werden. Eine strenge Verantwortlichkeit für die Richtung der Zeitschrift und für den Inhalt der veröffentlichten Materialien ist notwendig.

 

Sie müssen die ruhmvollen Traditionen der Leningrader Literatur und der Leningrader ideologischen Front wieder aufrichten. Es ist bitter und kränkend, dass die Zeitschriften Leningrads, die immer die Quelle fortschrittlicher Ideen und einer fortschrittlichen Kultur waren, zu einem Zufluchtsort für Ideenlosigkeit und Oberflächlichkeit geworden sind. Die Ehre Leningrads als eines fortschrittlichen ideologischen und kulturellen Zentrums muss wiederhergestellt werden. Man muss daran denken, dass Leningrad die Wiege der bolschewistischen leninistischen Organisationen war. Hier haben Lenin und Stalin die Grundlagen der bolschewistischen Partei, die Grundlagen der bolschewistischen Weltanschaung und der bolschewistischen Kultur gelegt.

 

Die Leningrader Schriftsteller und das Leningrader Parteiaktiv müssen ihre Ehre daransetzen, diese ruhmvollen Traditionen wiederherzustellen und sie weiterzuentwickeln. Die Arbeiter an der ideologischen Front in Leningrad, und in erster Linie der Schriftsteller, besteht darin, Ideenlosigkeit und Oberflächlichkeit aus der Leningrader Literatur auszumerzen, das Banner der fortschrittlichen Sowjetliteratur hochzuhalten, keine Möglichkeit, sie ideologisch und künstlerisch zu entwickeln, ungenutzt zu lassen, sich nicht von der Thematik der Gegenwart zu entfernen, nicht hinter den Ansprüchen des Volkes zurückzubleiben, in jeder Beziehung eine kühne Kritik an den eigenen Mängeln zu entfalten, keine lobhudelnde Gruppen- und Freundschaftskritik, sondern eine echte, mutige und unabhängige, ideologisch starke bolschewistischen Kritik.

 

Genossen!

 

Es muss Ihnen jetzt klar sein, welche groben Verfehlungen das Leningrader Stadtkomitee der Partei begangen hat, insbesondere seine Abteilung für Propaganda und Agitation sowie der Sekretär für Propaganda, Genosse Schirokow, der an der Spitze der ideologischen Arbeit stand und der in erster Linie die Verantwortung für den Verfall der Zeitschriften zu tragen hat. Das Leningrader Parteikomitee beging einen groben politischen Fehler, als es Ende Juni den Beschluss über die neue Zusammensetzung der Redaktion der Zeitschrift 'Swesda' fasste, in die auch Soschtschenko aufgenommen wurde. Dass der Sektretär des Stadtkomitees der Partei, Genosse Kapustin, und der Sekretär für Propaganda im Stadtkomitee, Genosse Schirokow, einen solchen falschen Beschluss durchgeführt haben, lässt sich nur mit politischer Blindheit erklären. Ich wiederhole, dass all diese Fehler wo schnell wie möglich entschlossen korrigiert werden müssen, damit Leningrad seinen Platz im ideologischen Leben unserer Partei wieder einnehmen kann.

 

Wir alle lieben Leningrad, wir alle lieben unsere Leningrader Parteiorganisation als einen Vortrupp unserer Partei. Leningrad darf den verschiedenen literarischen Gaunern, die sich eingeschlichen haben und Leningrad für ihre Zwecke ausnutzen wollen, keinen Unterschlupf gewähren. Soschtschenko, Anna Achmatowa und ihresgleichen ist das sowjetische Leningrad nicht teuer. Sie wollen in Leningrad andere gesellschaftspolitische Zustände und eine andere Ideologie, das alte Petersburg, den Ehernen Reiter als Symbol dieses alten Petersburg - das ist es, was ihnen vorschwebt. Aber wir lieben das sowjetische Leningrad, das Leningrad als führendes Zentrum der Sowjetkultur. Die ruhmreichen Kohorte (Abteilungen - V.) der großen Revolutionäre und Demokraten, die aus Leningrad hervorgegangen sind - das sind unsere Stammväter. Die ruhmreichen Traditionen des heutigen Leningrads sind die Fortsetzung der Entwicklung dieser großen revolutionären demokratischen Traditionen, die wir um keinen Preis aufgeben. Das Leningrader Aktiv möge seine Fehler kühn, ohne rückwärts zu schauen, ohne Beschönigung, gründlich untersuchen, um die Angelegenheit so schnell wie möglich zu ordnen, um unsere ideologische Arbeit voranzubringen. Die Leningrader Bolschewiki müssen ihren Platz in den Reihen der Initiatoren und Führer bei der Bildung der Sowjetideologie, des sowjetischen gesellschaftichen Bewusstseins wieder einnehmen. (Stürmischer Beifall).

 

Wie konnte es geschehen, dass das Leningrader Stadtkomitee der Partei eine solche Lage an der ideologischen Front zuließ? Offenbar hat man sich von der laufenden praktischen Arbeit für den Wiederaufbau der Stadt, für den Aufstieg ihrer Industrie ablenken lassen und die Bedeutung der ideologisch-erzieherischen Arbeit vergessen, und dieses Vergesssen ist der Leningrader Organisation teuer zu stehen gekommen. Man darf die ideologische Arbeit nicht vergessen! Der geistige Reichtum unserer Menschen ist nicht minder wichtig als der materielle. Man darf nicht blind dahinleben, ohne sich auf dem Gebiet der materiellen wie auch der ideologischen Produktion um den morgigen Tag zu sorgen. Unsere Sowjetmenschen haben eine solche Reife erlangt, dass sie nicht jedes beliebige geistige Erzeugnis, das ihnen vorgesetzt wird, 'schlucken'. Die Kulturschaffenden und Künstler, die sich nicht umstellen und die gesteigerten Bedürfnisse des Volkes nicht zu befriedigen imstande sein werden, können sehr rasch das Vertrauen des Volkes verlieren.

 

Genossen!

 

Unsere Sowjetliteratur lebt und muss leben für die Interessen des Volkes, für die Interessen der Heimat. Das Volk betrachtet die Literatur als seine eigene Sache. Deshalb betrachtet das Volk jeden Ihrer Erfolge, jedes bedeutende Werk, als seinen eigenen Sieg. Deshalb kann jedes gelungene Werk mit einer gewonnenen Schlacht oder mit einem großen Sieg an der Wirtschaftsfront verglichen werden. Umgekehrt ist jeder Misserfolg in der Sowjetliteratur für unser Volk, für unsere Partei und unseren Staat tief verletzend und schmerzlich. Gerade das hat der Beschluss des Zentralkomitees im Auge, das sich um die Interessen des Volkes und seine Literatur kümmert und aufs höchste über die Lage bei den Leningrader Schriftstellern beunruhigt ist.

 

Wenn ideenlose Menschen die Leningrader Sektion der sowjetischen Kulturschaffenden ihrer Grundlage berauben, die ideologische Seite ihrer Arbeit untergraben und das Schaffen der Leningrader Schriftsteller seiner gesellschaftlich umgestaltenden Bedeutung berauben wollen, so hofft das Zentralkomitee, dass die Leningrader Schriftsteller die Kraft finden werden, alle Versuche, die literarische Sektion Leningrads und deren Zeitschriften in den Sumpf der Ideenlosigkeit, Prinzipienlosigkeit und politischen Gleichgültigkeit hineinzuziehen, abzuwehren. Sie stehen in der vordersten Linie der ideologischen Front. Sie haben gewaltige Aufgaben von internationaler Bedeutung, und das muss das Gefühl der Verantwortung jedes echten Sowjetschriftstellers vor seinem Volk, seinem Staat und seiner Partei und das Bewusstsein der Wichtigkeit der zu erfüllenden Aufgabe auf eine höhere Stufe heben.

 

Der bürgerlichen Welt gefallen weder unsere Erfolge im Inneren unseres Landes noch unsere Erfolge in der internationalen Arena. Durch den Zweiten Weltkrieg haben sich die Positionen des Sozialismus gefestigt. In vielen Ländern Europas wurde die Frage des Sozialismus auf die Tagesordnung gesetzt. Das missfällt den Imperialisten aller Spielarten. Sie fürchten den Sozialismus, sie fürchten unser sozialistisches Land, das ein Vorbild für die gesamte fortschrittliche Menschheit ist. Die Imperialisten, ihre ideologischen Helfershelfer, ihre Schriftsteller und Journalisten, ihre Politiker und Diplomaten bemühen sich, unser Land auf jede Weise zu verleumden, es in ein falsches Licht zu setzen und es in jeder Weise zu verhöhnen. Unter diesen Umständen besteht die Aufgabe der Sowjetliteratur nicht nur darin, gegen all diese auf unsere Sowjetkultur und den Sozialismus gerichteten niederträchtigen Verleumdungen und Beschuldigungen zum Gegenschlag auszuholen, sondern auch darin, die bürgerliche Kultur, die sich im Zustand des Siechtums und der Auflösung befindet, mutig anzuprangern und anzugreifen.

 

In welche schöne äußere Form die heutigen bürgerlichen westeuropäischen und amerikanischen Modeschriftsteller, Film- und Theaterregisseure ihre Werke auch hüllen mögen, sie können ihre bürgerliche Kultur doch nicht retten und stärken, weil ihre moralische Grundlage faul und verderbt ist, weil diese Kultur im Dienst des kapitalistischen Privateigentums, im Dienst der egoistischen, eigensüchtigen Interessen der bürgerlichen Oberschicht der Gesellschaft steht. Die ganze Meute der bürgerlichen Schriftsteller, Film- und Theaterregisseure bemüht sich, die Aufmerksamkeit der fortschrittlichen Schichten von den akuten Fragen des politischen und sozialen Kampfes abzulenken und sie in den Sumpf der ideenlosen, oberflächlichen Literatur und Kunst hineinzuziehen, die voll sind von Gangstern und Varietémädchen, von Lobpreisungen des Ehebruchs und der Abenteuer aller möglichen Hochstapler und Gauner.

 

Steht es uns, die Vertreter der fortschrittlichen Sowjetkultur, die Sowjetpatrioten an, als Verehrer oder als Schüler der bürgerlichen Kultur aufzutreten?! Selbstverständlich hat unsere Kultur, die eine Ordnung widerspiegelt, die einer jeden beliebigen bürgerlich-demokratischen Ordnung überlegen ist, und eine der bürgerlichen Kultur um vieles überlegene Kultur darstellt, ein Recht darauf, die anderen eine neue, allgemein menschliche Moral zu lehren.

 

Wo findet man ein solches Volk und ein solches Land wie bei uns? Wo findet man Menschen mit solchen großartigen Eigenschaften, wie sie unser Sowjetvolk im Großen Vaterländischen Krieg gezeigt hat und wie sie unser Volk täglich beim Übergang zur friedlichen Entwicklung und zum Wiederaufbau der Wirtschaft und Kultur in der Arbeit zeigt! Von Tag zu Tag macht unser Volk immer bessere Fortschritte. Wir sind heute nicht, was wir gestern waren, und wir werden morgen nicht sein, was wir heute sind. Wir sind bereits nicht mehr dieselben Russen, die wir vor 1917 waren, und auch Russland ist nicht mehr das alte Russland, und auch unser Charakter ist nicht mehr der gleiche. Wir haben uns verändert und sind gewachsen mit den gewaltigen Umgestaltungen, die das Antlitz unseres Landes von Grund auf verwandelt haben.

 

Diese neuen hohen Qualitäten der Sowjetmenschen aufzeigen, nicht nur zeigen, wie unser Volk heute ist, sondern auch einen Blick auf sein Morgen werfen, unseren Weg nach vorne in hellem Licht zu zeigen - das ist die Aufgabe jedes gewissenhaften Sowjetschriftstellers. Der Schriftsteller darf nicht hinter den Ereignissen hinterher hinken: Es ist seine Pflicht, in den vordersten Reihen unseres Volkes zu gehen und ihm den Weg seiner Entwicklung zu weisen. Unter Anwendung der Methode des sozialistischen Realismus muss der Schriftsteller unsere Wirklichkeit gewissenhaft und aufmerksam studieren, sich bemühen, in das Wesen unseres Entwicklungsprozesses tief einzudringen und so unser Volk erziehen und ideologisch wappnen. Wenn wir die besten Gefühle und Eigenschaften des Sowjetmenschen herausstellen und ihm zeigen, was der morgige Tag für ihn bereithält, so müssen wir unseren Menschen aber gleichzeitig auch zeigen, wie sie nicht sein sollen und müssen die Überreste des gestrigen Tages geißeln, die die Sowjetmenschen beim Vorwärtsschreiten aufhalten. Die Sowjetschriftsteller müssen dem Volk, dem Staat und der Partei helfen, unsere Jugend zu aufrechten, sich ihrer Kraft bewussten, keine Hindernisse fürchtenden Menschen zu erziehen.

 

Mögen sich die bürgerlichen Politiker und Literaten bemühen, die Wahrheit über die Erfolge des Sowjetsystems und der Sowjetkultur zu verbergen, mögen sie versuchen, einen eisernen Vorhang aufzurichten, der verhindern soll, dass die Wahrheit über die Sowjetunion ins Ausland dringt. Mögen sie alle Anstrengungen machen, um das wirkliche Wachstum und den Schwung der Sowjetkultur zu verkleinern - all diese Versuche sind zum Scheitern verurteilt. Wir kennen sehr gut die Kraft und die Überlegenheit unserer Kultur. Es genügt, an die Erfolge unserer Auslandsdelegationen, unsere Sportparaden usw. zu erinnern. Und ausgerechnet wir sollen vor allem Ausländischen den Rücken beugen oder eine passive Verteidigungsstellung beziehen!?

 

Wenn die Feudalordnung und danach die Bourgeosie in ihrer Blütezeit eine Kunst und eine Literatur schaffen konnten, die das Entstehen der neuen Ordnung unterstützten und ihr Aufblühen besangen, dann sind wir, die Vertreter einer neuen sozialistischen Ordnung, die die Verkörperung des Besten ist, was die Geschichte der menschlichen Zivilisation und Kultur hervorgebracht hat, umso eher in der Lage, die fortschrittlichste Literatur der ganzen Welt zu schaffen, die die besten Vorbilder künstlerischen Schaffens vergangener Zeiten weit hinter sich lassen wird.

 

Genossen!

 

Was verlangt und wünscht das Zentralkomitee? Das ZK der Partei wünscht, dass das Leningrader Aktiv und die Leningrader Schrifsteller begreifen, dass es an der Zeit ist, unsere ideologische Arbeit auf ein hohes Niveau zu bringen. Vor der jungen Generation der Sowjetunion steht die Aufgabe, die Kraft und die Macht des sozialistischen Sowjetsystems zu festigen, die Triebkräfte der Sowjetgesellschaft für ein neues, gewaltiges Aufblühen unseres Wohlstandes und unserer Kultur voll auszunutzen. Um diese großen Aufgaben erfüllen zu können, muss die Sowjetjugend zu aufrechten, standhaften Menschen erzogen werden, die keine Hindernisse fürchten, sondern diesen Hindernissen entgegentreten und imstande sind, sie zu überwinden. Unsere Menschen müssen gebildete, von großen Ideen erfüllte Menschen mit hohen kulturellen und moralischen Ansprüchen und Neigungen werden. Dieses Ziel macht es nötig, dass sich unsere Literatur und unsere Zeitschriften nicht von den Gegenwartsaufgaben entfernen, sondern der Partei und dem Volk helfen, unsere Jugend im Geiste einer grenzenlosen Ergebenheit für die Sowjetordnung, im Geiste des selbstlosen Dienstes für die Interessen des Sowjetvolkes zu erziehen.

 

Die Sowjetschriftsteller und alle unsere ideologischen Arbeiter stehen jetzt in der vordersten Feuerlinie, denn die Aufgaben an der ideologischen Front und vor allem in der Literatur werden unter den Bedingungen der friedlichen Entwicklung nicht geringer, sondern umgekehrt: sie wachsen!

 

Das Volk, der Staat und die Partei möchten nicht, dass sich die Literatur von der Gegenwart entfernt, sondern dass sie aktiv in alle Seiten des Sowjetlebens eingreift. Die Bolschewiki schätzen die Literatur sehr hoch. Sie sehen ganz deutich ihre geschichtliche Mission und die Rolle, die sie in der Festigung der moralischen und politischen Einheit des Volkes, im Zusammenschluss und in der Erziehung des Volkes zu spielen hat. Das ZK der Partei möchte, dass es bei uns geistige Kultur im Überfluss gibt, denn in diesem Kulturreichtum sieht es eine der Hauptaufgaben des Sozialismus.

 

Das ZK der Partei ist davon überzeugt, dass die Leningrader Sektion der Sowjetliteratur, die moralisch und politisch gesund ist, ihre Fehler rasch beseitigen und den ihr gebührenden Platz in der Sowjetliteratur wieder einnehmen wird.

 

Das ZK ist überzeugt davon, dass die Mängel in der Arbeit der Leningrader Schrifsteller überwunden werden und dass die ideologische Arbeit der Leningrader Parteiorganisation in kürzester Zeit das hohe Niveau erreichen wird, das die Interessen der Partei, des Volkes und des Staates erfordern. (Stürmischer Beifall. Alle erheben sich von den Plätzen.)

 

Aus: 'Bolschewik', 1946, Nr. 17/18 zurück

 

2. Rede

 

Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: 'Geschichte der westeuropäischen Philosophie', Rede auf der Philosophentagung in Moskau, Juni 1947

 

 

Genossen!

 

Die Diskussion über das Buch des Genossen Alexandrow blieb nicht auf den Rahmen des behandelten Themas beschränkt. Sie entfaltete sich in die Breite und in die Tiefe und warf gleichzeitig mehr allgemeine Fragen der Lage an der philosophischen Front auf. Diskussion verwandelte sich in eine Art Unionskonferenz zu Fragen des Standes der wissenschaftlich philosophischen Arbeit. Das ist allerdings ganz natürlich und gesetzmäßig. Die Schaffung eines Lehrbuches der Geschichte der Philosophie, des ersten marxistischen Lehrbuchs auf diesem Gebiet, ist eine Aufgabe von gewaltiger wissenschaftlicher und politischer Bedeutung. Nicht zufällig schenkte deshalb das Zentralkomitee dieser Frage solche Aufmerksamkeit, als es die gegenwärtige Diskussion organisierte.

 

Die Ausarbeitung eines guten Lehrbuchs der Geschichte der Philosophie bedeutet, unsere Intelligenz, unsere Kader, unsere Jugend mit einer mächtigen ideologischen Waffe auszurüsten, und heißt gleichzeitig, einen großen Schritt vorwärts auf dem Weg der Entwicklung der marxistisch-leninistischen Philophie zu tun. Dies macht die hohen Anforderungen, die hier an das Lehrbuch gestellt werden, verständlich. Die Erweiterung des Rahmens der Diskussion erwies sich deshalb als durchaus nützlich. Ihre Ergebnisse werden zweifellos groß sein, und das um so mehr, als hier nicht nur mit der Einschätzung des Lehrbuchs verbundene Fragen, sondern auch weiterreichende Probleme der philosophischen Arbeit berührt wurden.

 

Ich gestatte mir, auf beide Themen kurz einzugehen. Der Gedanke, die Diskussion zusammenfassen, liegt mir fern - das ist die Aufgabe des Verfassers des Buches -, ich trete hier in der Diskussion auf.

 

Ich bitte von vorneherein um Entschuldigung, dass ich Zitate gebrauchen werde, obwohl Genosse Baskin uns nachdrücklich davor gewarnt hat, dies zu tun. Ihm als alten philosophischen Seebären fällt es natürlich leicht, die philosophischen Meere und Ozeane ohne Navigationsinstrumente, über den Daumen peilend, nach der Nase - wie die Seeleute sagen - zu durchfurchen. (Heiterkeit). Mir, einem philosophischen Schiffsjungen, der das erste Mal das im schweren Sturm schwankende Deck des philosophischen Schiffs betritt, sei es jedoch gestattet, Zitate als Orientierungspunkte zu benutzen, die es ermöglichen, den richtigen Kurs zu halten. (Heiterkeit, Beifall).

 

Ich gehe zu den Bemerkungen über das Lehrbuch über.

 

 

1. Die Mängel des Buches des Genossen Alexandrow

 

 

Ich denke, dass wir berechtigt sind, von einem Lehrbuch der Geschichte der Philosophie die Erfüllung folgender, meines Erachtens elementarer Bedingungen zu fordern:

 

Erstens:

 

In dem Lehrbuch muss der Gegenstand der Geschichte der Philosophie als Wissenschaft genau bestimmt werden.

 

Zweitens:

 

Das Lehrbuch muss wissenschaftlich, das heißt, auf dem Fundament der neuesten Errungenschaften des dialektischen und historischen Materialismus begründet sein.

 

Drittens:

 

Die Darstellung der Geschichte der Philosophie darf nicht scholastisch (nur Schulen darstellend - V.), sondern muss schöpferisch aktiv sein, muss unmittelbar mit den aktuellen Aufgaben verbunden sein, zu deren Klärung beitragen und die Perspektiven der Weiterentwicklung der Philosophie aufzeigen.

 

Viertens:

 

Das angeführte Tatsachenmaterial muss einwandfrei überprüft und zuverlässig sein und

 

fünftens

 

muss der Stil der Darstellung klar, präzis und überzeugend sein.

 

Meiner Auffassung nach wird das Lehrbuch den gestellten Anforderungen nicht gerecht.

 

Zunächst zum Gegenstand der Wissenschaft.

 

Genosse Kiwenko hat darauf hingewiesen, dass das Lehrbuch des Genossen Alexandrow keine klare Vorstellung von dem Gegenstand der Wissenschaft gibt und dass es trotz der im Lehrbuch gegebenen Vielzahl von Definitionen mit Teilbedeutung an einer erschöpfenden, verallgemeinernden Definition fehlt, da jede Teildefinition nur einzelne Seiten der Frage beleuchtet. Diese Bemerkung ist durchaus richtig. Der Gegenstand der Geschichte der Philosophie als einer Wissenschaft bleibt tatsächlich undefiniert. Die auf Seite 14 gegebene Definition ist unvollständig. Die Definition auf Seite 22, die - offenbar als die grundlegende Definition, durch Kursivdruck hervorgehoben - ist dem Wesen nach falsch. Auch wenn man dem Verfasser zustimmt, dass

 

'die Geschichte der Philosophie die Geschichte der fortschreitenden, aufsteigenden Entwicklung des Wissens des Menschen von der ihn umgebenden Welt'

 

ist, so heißt das, dass der Gegenstand der Geschichte der Philosophie mit dem Gegenstand der Geschichte der Wissenschaft überhaupt zusammenfällt. Die Philosophie selbst hat dann aber das Aussehen einer Wissenschaft der Wissenschaften - etwas, das der Marxismus schon seit langem verneint hat.

 

Falsch und ungenau ist auch die Behauptung des Verfassers, die Geschichte der Philosophie sei auch die Geschichte der Entstehung und Entwicklung vieler moderner Ideen, denn der Begriff 'modern' wird im gegebenen Fall mit dem Begriff 'wissenschaftlich' gleichgesetzt, was natürlich falsch ist. Bei der Definition des Gegenstands der Geschichte der Philosophie gilt es von den Definitionen der philosophischen Wissenschaft auszugehen, die von Marx, Engels, Lenin und Stalin gegeben wurden:

 

"Diese, die revolutionäre Seite der Hegelschen Philosophie wurde von Marx übernommen und entwickelt. Der dialektische Materialismus 'braucht keine über den anderen Wissenschaften stehende Philosophie mehr'. Was von der bisherigen Philosophie noch bestehenbleibt, ist die 'Lehre vom Denken und seinen Gesetzen - die formale Logik und die Dialektik'. Die Dialektik in der Marxschen ebenso wie in der Hegelschen Auffassung schließt jedoch in sich das ein, was man heute Erkenntnistheorie, Gnoseologie nennt, die ihren Gegenstand gleichfalls historisch betrachten muss, indem sie die Entstehung und Entwicklung der Erkenntnis, den Übergang von der Unkenntnis zur Erkenntnis erforscht und verallgemeinert."

(W. I. Lenin, 'Karl Marx/Friedrich Engels', Dietz Verlag Berlin 1951, S. 14/15).

 

Die wissenschaftliche Geschichte der Philosophie ist also die Geschichte des Aufkeimens, der Entstehung und Entwicklung der wissenschaftlichen, materialistischen Weltanschauung und ihrer Gesetze. Insofern der Materialismus im Kampf gegen die idealistischen Strömungen gewachsen ist und sich entwickelt hat, ist die Geschichte der Philosophie zugleich die Geschichte des Kampfes des Materialismus gegen den Idealismus.

 

Was die Wissenschaftlichkeit des Lehrbuchs vom Standpunkt der Auswertung der neuesten Errungenschaften des dialektischen und historischen Materialismus betrifft, so weist das Lehrbuch auch in dieser Beziehung sehr ernste Mängel auf.

 

Der Verfasser stellt die Geschichte der Philosophie und den Gang der Entwicklung der philosophischen Ideen und Systeme als eine gleichförmige fließende evolutionäre Entwicklung hin, die durch das Anwachsen quantitativer Veränderungen vor sich geht. Es entsteht der Eindruck, als sei der Marxismus aus der Entwicklung der vorangegangenen fortschrittlichen Lehren, in erster Linie aus der Lehre der französischen Materialisten, der englischen politischen Ökonomie und der idealistischen Schule Hegels als einfacher Nachfolger hervorgegangen.

 

Der Verfasser sagt auf Seite 475, dass die vor Marx und Engels geschaffenen philosophischen Theorien zwar mitunter auch große Entdeckungen enthalten hätten, jedoch nicht in allen Schlussfolgerungen bis zu Ende konsequent und wissenschaftlich gewesen wären.

Eine solche Definition unterscheidet den Marxismus von den vormarxschen philosophischen Systemen nur als eine bis zu Ende konsequente und in all ihren Schlussfolgerungen wissenschaftliche Lehre. Also unterscheidet sich der Marxismus von den vormarxschen philosophischen Lehren nur dadurch, dass diese Philosophen nicht bis zu Ende konsequent und wissenschaftlich waren, und dass die alten Philosophen nur 'irrten'.

 

Wie Sie sehen, ist hier nur von quantitativen Veränderungen die Rede. Das ist aber Metaphysik (undialektisch gesehen - V.). Die Entstehung des Marxismus war eine echte Entdeckung, eine Revolution in der Philosophie. Natürlich konnte diese Entdeckung, ebenso wie jede andere Entdeckung, wie jeglicher Sprung, jegliche Unterbrechung der stetigen Entwicklung, jeglischer Übergang in einen neuen Zustand, nicht ohne vorherige Anhäufung quantitativer Veränderungen erfolgen - im gegebenen der Ergebnisse der Entwicklung der Philosophie bis zu der von Marx und Engels gemachten Entdeckung. Der Verfasser versteht offensichtlich nicht, dass Marx und Engels eine neue Philosophie geschaffen haben, dass sie sich von allen vorhergegangenen, auch fortschrittlichen philosophischen Systemen qualitativ unterscheidet. Das Verhältnis der Marxschen zu allen vorhergegangenen Philosophien und die Umwälzung, die der Marxismus in der Philosophie vollzog, indem er sie in eine Wissenschaft verwandelt hat, ist bekannt. Um so verwunderlicher ist es, dass der Verfasser seine Aufmerksamkeit nicht darauf konzentriert, was im Marxismus gegenüber den vorangegangenen philosophischen Systemen neu und revolutionär war, sondern darauf, was ihn mit der Entwicklung der vormarxschen Philosophie verbindet. Jedoch haben Marx und Engels selbst gesagt, dass ihre Entdeckung das Ende der alten Philosophie bedeutet:

 

"Das Hegelsche System war die letzte, vollendetste Form der Philosophie, insofern diese als besondere, allen anderen Wissenschaften überlegene spezielle Wissenschaft vorgestellt wird. Mit ihm scheiterte die ganze Philosophie. Was aber blieb, war die dialektische Denkweise und die Auffassung der natürlichen, geschichtlichen und intellektuellen Welt als einer sich ohne Ende bewegenden, umbildenden, in stetem Prozess von Werden und Vergehen begriffenen. Nicht nur an die Philosophie, an a l l e Wissenschaften war jetzt die Forderung gestellt, die Bewegungsgesetze dieses steten Umbildungsprozesses auf ihrem besonderen Gebiet nachzuweisen. Und dies war das Erbteil, das die Hegelsche Philosophie ihren Nachfolgern hinterließ."

(Marx/Engels, Gesamtausgabe, Sonderausgabe: Friedrich Engels, 'Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaften. Dialektik der Natur', Moskau-Leningrad 1935, S. 399).

 

Der Verfasser versteht offenbar den konkreten historischen Prozess der Entwicklung der Philosophie nicht.

 

Einer der wesentlichen, wenn nicht der Hauptmangel des Buches ist das Außerachtlassen der Tatsache, dass sich im Verlauf der Geschichte nicht nur die Ansichten über diese oder jene philosophische Frage änderten, sondern dass der Kreis dieser Fragen selbst, ger G e g e n s t a n d der Philosophie selbst, sich in einer ständigen Veränderung befand, was der dialektischen Natur der menschlichen Erkenntnis vollauf entspricht und jedem echten Dialektiker klar sein müsste.

 

Auf Seite 24 seines Buches schreibt Genosse Alexandrow bei der Darstellung der Philosophie der alten Griechen:

 

"Die Philosophie als selbstständiges Wissensgebiet entstand in der antiken Sklavenhaltergesellschaft."

 

Und weiter:

 

"Die Philosophie, die im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung als besonderes Wissensgebiet entstanden ist, erfuhr eine weite Verbreitung."

 

Können wir jedoch von der Philosophie der alten Griechen als von einem besonderen, differenzierten Wissensgebiet sprechen? Keinesfalls. Die philosophischen Ansichten der Griechen waren so eng mit ihren naturwissenschaftlichen, politischen Ansichten verflochten, dass wir unsere, die später entstandene Teilung der Wissenschaften, ihre Klassifikation nicht auf die griechische Wissenschaft übertragen dürfen. Wir haben kein Recht dazu. Dem Wesen nach kannten die Griechen nur eine ungegliederte Wissenschaft, die auch ihre philosophischen Ansichten beinhaltete. Ob wir nun Demokrit, Epikur oder Aristoteles nehmen - sie alle bestätigen gleichermaßen den Gedanken Engels', dass

 

"die ältesten griechischen Philosophen gleichzeitig Naturforscher"

(F. Engels, 'Dialektik der Natur', Berlin 1951, S. 198)

 

waren.

 

Die Eigenart der Entwicklung der Philosophie besteht darin, dass sich mit der Entwicklung der wissenschaftichen Kenntnisse von der Natur und der Gesellschaft eine positive Wissenschaft nach der anderen verselbständigte. Folglich verkleinerte sich das Gebiet der Philosophie ununterbrochen zugunsten der Entwicklung der positiven Wissenschaften. (Nebenbei bemerkt, ist dieser Prozess bis heute noch nicht beendet). Und diese Befreiung der Naturwissenschaft und der Gesellschaftswissenschaft von der Vormundschaft der Philosophie stellte sowohl für die Natur- und Gesellschaftswissenschaft als auch für die Philosophie selbst einen Fortschritt dar.

 

Die Schöpfer philosophischer Systeme der Vergangenheit, die auf die Erkenntnis absoluter Wahrheiten letzter Instanz Anspruch erhoben, konnten die Entwicklung der Naturwissenschaften nicht fördern, weil sie sie in ihre Schemata einzwängten, da sie bestrebt waren, über der Wissenschaft zu stehen und der lebendigen menschlichen :Erkenntnis Schlussfolgerungen aufdrängten, die nicht vom realen Leben, sondern von den Bedürfnissen des Systems diktiert waren. Unter diesen Bedingungen verwandelte sich die Philosophie in ein Museum, in dem die mannigfaltigsten Tatsachen, Schlussfolgerungen, Hypothesen und einfache Fantasien auf einem Haufen lagen. Mochte die Philosophie auch der systematischen Sichtung der philosophischen Betrachtung dienen, als Instrument der praktischen Einwirkung auf die Welt, als Instrument der Erkenntnis der Welt war sie jedoch ungeeignet.

 

Das letzte System dieser Art war das System Hegels, der ein philosophisches Gebäude zu errichten trachtete, das sich alle übrigen Wissenschaften unterordnete, sie in das Prokrustesbett (Zwangsjacke - V.) seiner Kategorien einzwängte, und, in der Absicht, alle Widersprüche zu lösen, in einen ausweglosen Widerspruch mit der dialektischen Methode geriet, die er selbst erraten, aber nicht verstanden und deshalb falsch angewendet hat. Dazu Friedrich Engels:

 

"Sobald wir einmal eingesehen haben ..., dass die so gestellte Aufgabe der Philosophie weiter nichts heißt, als die Aufgabe, dass ein einzelner Philosoph das leisten soll, was nur die gesamte Menschheit in ihrer fortschreitenden Entwicklung leisten kann - sobald wir das einsehen - sobald wir das einsehen, ist es auch am Ende mit der ganzen Philosophie im bisherigen Sinne des Wortes. Man lässt die auf diesem Weg und für jeden einzelnen unerreichbare 'absolute Wahrheit' laufen und jagt dafür den erreichbaren relativen Wahrheiten nach auf dem Weg der positiven Wissenschaften und der Zusammenfassung ihrer Resultate vermittelst des dialektischen Denkens."

(Friedrich Engels, 'Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie', Berlin 1951, S. 11f).

 

Die Entdeckung von Marx und Engels stellt das Ende der alten Philosophie dar, das heißt das Ende jener Philosophie, die auf eine universelle Erklärung der Welt Anspruch erhob.

 

Die verschwommenen Formulierungen des Verfassers verwischen die gewaltige revolutionäre Bedeutung der genialen philosophischen Entdeckung von Marx und Engels, indem sie den Nachdruck darauf legen, was Marx mit den vorher gegangenen Philosophen verband, ohne aufzuzeigen, dass mit Marx eine vollkommen neue Periode der Geschichte der Philosophie, die das erste Mal eine Wissenschaft wurde, beginnt.

 

In engem Zusammenhang mit diesem Fehler wird in dem Lehrbuch der unmarxistischen Behandlung der Geschichte der Philosophie als einer allmählichen Ablösung einer philosophischen Schule durch eine andere das Wort geredet. Mit dem Auftreten des Marxismus als der wissenschaftlichen Weltanschauung des Proletariats endet die alte Periode der Geschichte der Philosophie, in der die Philosophie eine Beschäftigung von einzelnen, eine Angelegenheit abgekapselter, vom Leben, vom Volk losgelöster volksfremder philosophischer Schulen war, die aus einer geringen Zahl von Philosophen und ihren Schülern bestanden.

 

Der Marxismus ist keine derartige philosophische Schule. Er ist im Gegenteil die Überwindung der alten Philosophie, die eine Angelegenheit einiger Auserwählter, der Geistesaristokratie war und der Beginn einer vollkommen neuen Periode der Geschichte der Philosophie, in der diese zu einer wissenschaftlichen Waffe in den Händen der um ihre Befreiung vom Kapitalismus kämpfenden proletarischen Massen wurde.

 

Die marxistische Philosophie ist zum Unterschied von den vorher gegangenen philosophischen Systemen keine Wissenschaft über anderen Wissenschaften, sondern sie ein Instrument der wissenschaftlichen Erforschung, eine Methode, die alle Wissenschaften von der Natur und Gesellschaft durchdringt und sich mit den im Prozess der Entwicklung dieser Wissenschaften erzielten Ergebnissen bereichert. In diesem Sinne ist die marxistische Philosophie die vollständigste und entschiedenste Verneinung der gesamten vorhergegangenen philosophischen Systeme. Negieren, verneinen, bedeutet aber - wie Engels unterstrich - nicht einfach 'nein' sagen. Die Negation (Verneinung - V.) beinhaltet die Kontinuität, bedeutet die Aufnahme, die kritische Verarbeitung und die Vereinigung alles Fortschrittlichen und Progessiven, was in der Geschichte des menschlichen Denkens bereits erreicht wurde, in einer neuen höheren Synthese.

 

Da die marxistische dialektische Methode existiert, folgt daraus, dass die Geschichte der Philosophie die Geschichte der Vorbereitung dieser Methode beinhaltet und man zeigen muss, was ihre Entstehung bedingt hat.

 

Das Buch Alexandrows enthält nicht die Geschichte der Logik und der Dialektik und der Prozess der Entwicklung der logischen Kategorien als Widerspiegelung der menschlichen Praxis wird nicht dargestellt. Somit blieb der in der Einführung des Buches gebrachte Hinweis Lenins, dass man jede Kategorie der dialektischen Logik als Knotenpunkt in der Geschichte des menschlichen Denkens betrachten muss, in der Luft hängen.

 

Jeder Begründung entbehrt die Tatsache, dass die Geschichte der Philosophie in dem Lehrbuch nur bis zur Entstehung der marxistischen Philosophie beziehungsweise bis 1848 geführt wird. Ohne die Darstellung der Geschichte der Philosophie der letzten hundert Jahre kann das Lehrbuch natürlich nicht als Lehrbuch gelten. Warum der Verfasser mit dieser Periode so hartherzig verfahren ist, bleibt unklar und findet weder im Vorwort noch in der Einführung eine Erklärung.

 

Dass die Geschichte der Entwicklung der russischen Philosophie nicht in das Lehrbuch aufgenommen wurde, ist ebenfalls durch nichts begründet. Es erübrigt sich zu beweisen, dass diese Unterlassung prinzipiellen Charakter trägt. Von welchen Motiven auch immer sich der Verfasser leiten lassen mochte, als er die Geschichte der russischen Philosophie ausschloss, dass er sie verschwieg, bedeutet objektiv die Herabsetzung der Rolle der russischen Philosophie und teilt künstlich die Geschichte der Philosophie in eine Geschichte der westeuropäischen und eine Geschichte der russischen Philosophie, wobei der Verfasser keinerlei Versuch unternimmt, die Notwendigkeit einer solchen Teilung zu erklären. Das verewigt die bürgerliche Einteilung in 'westliche' und 'östliche' Kultur und sieht den Marxismus als regionale 'westliche' Strömung. Mehr noch: Auf Seite 6 der Einführung beweist der Verfasser leidenschaftlich die entgegengesetzte These, indem er eindringlich sagt:

 

" ... ohne die von den Klassikern der russischen Philosophie gegebene tiefgründige Kritik der philosophischen Systeme der Vergangenheit aufmerksam zu studieren und auszuwerten, kann man keine wissenschaftliche Vorstellung vom Verlauf der Entwicklung des philosophischen Denkens in den westeuropäischen Ländern schaffen."

 

Warum aber hat der Verfasser diese richtige These im Lehrbuch nicht umgesetzt? Eine solche These bleibt vollkommen unverständlich und hinterlässt zusammen mit der willkürlichen Beendigung der Darstellung der Geschichte der Philsophie mit dem Jahre 1848 einen beklemmenden Eindruck.

 

Die Genossen, die aufgetreten sind, wiesen mit Recht auch auf die Lücken in der Beleuchtung der Geschichte der Philosophie des Ostens hin. Auch aus diesem Grunde bedarf das Lehrbuch selbstverständlich einer ernsthaften Umarbeitung.

 

Einige Genossen wiesen darauf hin, dass die Einführung des Lehrbuchs, die offenbar das 'Kredo' (Glaubensbekenntnis - V.) des Verfassers darstellen soll, die Aufgaben und Methoden der Untersuchung des Gegenstands richtig bestimme, dass aber der Verfasser seine Versprechungen nciht erfüllt habe. Ich denke, diese Kritik reicht nicht aus, da auch die Einführung selbst unrichtig ist und keinerlei Kritik standhält. Ich sprach bereits über die unrichtige und ungenaue Bestimmung des Gegenstands der Geschichte der Philosophie. Doch das ist nicht alles. Die Einführung enthält auch andere theoretische Fehler. Die Genossen führten hier bereits aus, dass die Bezugnahme auf Tschernyschewski, Dobroljubow und Lomonossow bei der Darstellung der Grundlagen der marxistisch-leninistischen Geschichte der Philosophie an den Haaren herbeigezogen ist, denn diese stehen in keiner direkten Beziehung zur Sache. Es geht aber nicht nur darum. Die aus den Werken dieser großen russischen Gelehrten und Philosophen angeführten Zitate sind offensichtlich unglücklich gewählt, und die in ihnen enthaltenen theoretischen Leitsätze sind vom marxistischen Standpunkt aus falsch und - mehr noch - sogar schädlich. Dabei habe ich nicht die geringste Absicht, die Urheber dieser Zitate selbst irgendwie herabzusetzen, aber diese Zitate sind willkürlich gewählt und sie beziehen auf Anlässe, die mit denen, die der Verfasser im Auge hat, nichts zu tun haben. So beruft sich der Verfasser auf Tschernyschewski, um zu beweisen, dass die Begründer verschiedener, auch entgegengesetzter philosophischer Systeme, einander Toleranz entgegenbringen sollen.

 

Gestatten Sie mir, das Zitat von Tschernyschewki zu bringen:

 

"Die Fortsetzer der gelehrten Arbeit erheben sich gegen ihre Vorläufer, deren Werke den Ausgangspunkt für ihre eigenen Arbeiten bildeten. So blickte Aristoteles feindlich auf Platon, so erniedrigte Sokrates die Sophisten, deren Fortsetzer er war, über die Maßen. In der Neuzeit finden sich dafür ebenfalls viele Beispiele. Manchmal gibt es aber Ausnahmefälle, wo die Begründer eines neuen Systems klar den Zusammenhang ihrer Meinungen mit Gedanken ihrer Vorläufer verstehen und sich bescheiden als deren Schüler bezeichnen, wo sie die Unzulänglichkeit der Begriffe ihrer Vorläufer erkennen, gleichzeitig aber klar aufzeigen, wie sehr diese Begriffe die Entwicklung ihres eigenen Denkens gefördert haben. So war beispielsweise das Verhältnis Spinozas zu Descartes. Zu Ehren der Begründer der modernen Wissenschaft muss gesagt werden, dass sie Achtung und mit fast kindlicher Liebe auf ihre Vorgänger blicken, die Größe ihres Genies und den erhabenen Charakter ihrer Lehre, in der sie die Keime ihrer eigenen Auffassung aufzeigen, voll und ganz anerkennen."

(In Alexandrows Buch, S. 6f).

 

Da der Verfasser dieses Zitat ohne Vorbehalte bringt, ist es offenbar sein eigener Standpunkt. Wenn dem so ist, dann betritt der Verfasser wirklich den Weg der Absage vom Prinzip der Parteilichkeit in der Philosophie, die dem Marxismus-Leninismus eigen ist. Es ist bekannt, mit welcher Leidenschaft und Unversöhnlichkeit der Marxismus-Leninismus immer den schärfsten Kampf gegen alle Feinde des Materialismus geführt hat und führt. In diesem Krieg unterziehen die Marxisten-Leninisten ihre Gegner einer vernichtenden Kritik. Das Musterbeispiel des bolschewistischen Kampfes mit den Gegnern des Materialismus stellt Lenins Buch 'Materialismus und Empiriokritizismus' dar, in dem jedes Wort Lenins einem scharfen Schwert gleich den Gegner vernichtet. Lenin:

 

"Die Genialität von Marx und Engels liegt gerade darin", sagt Lenin, "dass sie im Laufe einer sehr langen Periode - fast ein halbes Jahrhundert - den Materialismus entwickelt, die eine philosophische Grundrichtung vorwärtsgetrieben, sich nicht bei der Wiederholung bereits gelöster erkenntnistheoretischer Fragen aufgehalten, sondern den Materialismus konsequent durchgeführt haben; dass sie gezeigt haben, wie man denselben Materialismus auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften durchführen muss, und schonungslos den Unsinn, das verworrene Geschwätz, die zahlreichen Versuche, eine 'neue' Linie in der Philosophie 'zu entdecken', eine 'neue' Richtung zu erfinden usw., wie Kehricht hinwegfegten."

(W. I. Lenin, 'Materialismus und Empiriokritizismus', Berlin 1949, S. 327).

 

"Man nehme schließlich", schreibt Lenin weiter, "die einzelnen philosophischen Bemerkungen von Marx im 'Kapital' und in anderen Werken - überall findet man ein unveränderliches Grundmotiv: Festhalten am Materialismus und verächtlichen Spott über jede Vertuschung, jede Konfusion, jede Abweichung zum Idealismus hin. Um diese beiden fundamentalen Gegensätze drehen sich sämtliche philosophischen Bemerkungen von Marx. Vom Standpunkt der Professorenphilosophie aus besteht deren Mangel eben in dieser 'Enge' und 'Einseitigkeit'."

(Ebenda, S. 328f).

 

Lenin selbst gibt seinen Gegnern bekanntlich keinen Pardon. In dem Versuch, die Widersprüche zwischen den philsophischen Richtungen zu verwischen und zu versöhnen, sah Lenin immer nur ein Manöver der reaktionären Professorenphilosophie.

 

Wie konnte nur Genosse Alexandrow nach alledem in seinem Lehrbuch als Verkünder eines zahnlosen Vegetarianertums gegenüber philosophischen Gegnern auftreten, was unbedingt ein Zugeständnis an den professoralen Schein-Objektivismus bedeutet, wo doch der Marxismus entstanden, gewachsen und gesiegt hat im unerbittlichen Kampf gegen alle Vertreter der idealistischen Richtung? (Beifall).

 

Genosse Alexandrow beschränkt sich nicht darauf. Der gesamte Inhalt des Lehrbuchs zeigt eine konsequente Durchführung seiner objektivistischen Konzeption. Nicht zufällig ist deshalb die Tatsache, dass Genosse Alexandrow, bevor er irgendeinen bürgerlichen Philosophen kritisiert, ihm seinen Tribut zollt, seine Verdienste 'würdigt' und ihn beweihräuchert. Nehmt beispielsweise die bereits erwähnte Lehre Fouriers von den vier Phasen in der Entwicklung der Menschheit:

 

"Eine große Errungenschaft der Sozialphilosophie Fouriers", sagt Genosse Alexandrow, "ist die Lehre von der Entwicklung der Menschheit. Die Gesellschaft macht nach Fourier in ihrer Entwicklung vier Phasen durch:

1. die aufsteigende Zerstörung; 2. die aufsteigende Harmonie; 3. die absteigende Harmonie; 4. die absteigende Zerstörung.

Im letzten Stadium durchlebt die Menschheit die Periode des Siechtums, worauf dann jedes Leben auf der Erde endet. Da die Entwicklung der Gesellschaft unabhängig vom Wollen der Menschen vor sich geht, tritt das höchste Stadium der Entwicklung ebenso unvermeidlich ein wie der Wechsel der Jahreszeiten. Aus dieser These leitete Fourier die unvermeidliche Ablösung der bürgerlichen Ordnung durch eine Gesellschaft ab, in der die freie und kollektive Arbeit herrschen wird. Wohl war Fouriers Theorie von der Entwicklung der Gesellschaft auf den Rahmen der vier Phasen beschränkt, doch für jene Epoche bedeutete sie einen großen Schritt vorwärts."

(S. 353f).

 

Hier fehlt jede Spur einer marxistischen Analyse. Womit verglichen stellt die Theorie Fouriers einen Schritt vorwärts dar? Wenn ihre Beschränktheit darin bestand, dass sie von vier Phasen in der Entwicklung der Menschheit sprach, wobei die vierte Phase die absteigende Zerstörung darstellt, nach der jegliches Leben auf der Erde aufhört, wie soll man dann der Vorwurf des Verfassers gegen Fourier auffassen, dass seine Theorie der Entwicklung der Gesellschaft auf vier Phasen beschränkt, während doch die fünfte Phase für die Menschheit nur das Leben im Jenseits sein konnte?

 

Genosse Alexandrow findet Gelgenheit, fast über alle alten Philosophen ein gutes Wort zu sagen. Je größer der bürgerliche Philosoph, um so mehr wird er beweihräuchert. All dies führt dazu, dass sich Genosse Alexandrow, ohne dies möglicherweise selbst zu merken, im Banne der bürgerlichen Philosophiehistoriker bleibt, deren Ausgangspunkt es ist, in jedem Philosophen vor allem einen Berufskollegen und erst dann einen Gegner zu sehen. Solche Konzeptionen würden, wenn sie bei uns aufkämen, unvermeidlich zum Objektivismus, zur Liebedienerei vor den bürgerlichen Philosophen und zur Übertreibung ihrer Verdienste führen, würden zum Verlust des kämpferischen Offensivgeistes unserer Philosophie führen. Das aber würde ein Abgehen vom Grundprinzip des Materialismus - seiner Tendenz, seiner Parteilichkeit bedeuten. Wie uns Lenin hingegen lehrt

 

"schließt der Materialismus sozusagen die Parteilichkeit in sich ein, da er verpflichtet, bei jeder Bewertung eines Ereignisses, direkt und offen auf den Standpunkt einer bestimmten Gesellschaftsgruppe zu treten."

(W. I. Lenin, 'Der ökonomische Inhalt des Narodnikitums und seine Kritik im Buch des Herrn Struve', Ausgewählte Werke, Bd. 11, Moskau 1938, S. 351).

 

Die philosophischen Auffassungen werden in dem Lehrbuch abstrakt, objektivistisch und neutral darlegt. Die philosophischen Schulen werden darin nacheinander oder nebeneinander, jedoch nicht im Kampf miteinander gesehen. Auch das ist ein Zugeständnis an die akademische, professorale 'Richtung'. In diesem Zusammenhang ist es offenbar nicht zufällig, dass dem Verfasser die Darlegung des Prinzips der Parteilichkeit in der Philosophie überhaupt nicht gelungen ist. Als Beispiel für diese Parteilichkeit führt der Verfasser die Hegelsche Philosophie an und illustriert den Kampf der feindlichen Philosophien durch den Kampf des reaktionären und progressiven Elements in Hegel selbst. Eine solche Beweisführung ist nicht nur objektivistischer Eklektizismus (=Aneinanderreihung - V.), sondern sie beschönigt auch offensichtlich Hegel, da so bewiesen werden soll, dass in seiner Philosophie ebensoviel Fortschrittliches wie Rückschrittliches ist.

 

Um diese Frage abzuschließen, füge ich noch hinzu, dass die vom Genossen Alexandrow empfohlene Methode der Einschätzung philosophischer Systeme - 'neben Verdienste gibt es auch Mängel' (vgl. Alexandrows Buch, S. 7) oder nach dem Motto 'von wichtiger Bedeutung ist auch folgende Theorie' - an äußerster Unbestimmtheit krankt, metaphysisch ist und die Sache nur verwirren kann. Man fragt sich, warum Genosse Alexandrow den wissenschaftlichen, akademischen Theorien der alten bürgerlichen Schulen Zugeständnisse machen und den grundlegenden Leitsatz des Materialismus vergessen musste, der den unversöhnlichen Kampf mit seinen Gegnern erfordert.

 

Noch eine Bemerkung:

 

Die kritische Anlayse der philosophischen Systeme muss auch zielstrebig sein. Längst zerschlagene und begrabene philosophische Auffassungen und Ideen darf keine große Beachtung geschenkt werden. Umgekehrt müssen mit besonderer Schärfe philosophische Systeme und Ideen in Grund und Boden kritisiert werden, die trotz ihres reaktionären Charakters im Umlauf sind und heute von den Fenden des Marxismus ausgenutzt werden. Dazu gehören insbesondere der Neukantianismus, die Theologie, alte und neue Auflagen des Agnostizismus, die Versuche, Gott in die moderne Naturwissenschaft einzuschmuggeln und alles übrige Gebräu, das die idealistischen Ladenhüter für das Bedürfnis des Marktes zurechtmachen und auffrischen soll. Das ist das Arsenal, das gegenwärtig von den philosophischen Lakaien des Imperialismus eingesetzt wird, um den verängstigten Herren unter die Arme zu greifen.

 

In der Einführung wird auch die Auffassung reaktionärer und progressiver Ideen und philosophischer Systeme falsch behandelt. Obwohl der Verfasser den Vorbehalt macht, dass die Frage, ob diese oder jene Idee oder dieses oder jenes philosophische System reaktionär oder progressiv ist, konkret historisch gelöst werden muss, lässt er die bekannte These des Marxismus, dass ein und dieselbe Idee unter verschiedenen konkreten historischen Bedingungen sowohl reaktionär als auch progressiv sein kann, völlig außer Acht. Indem der Verfasser diese Frage verwischt, öffnet er dem heimlichen Eindringen der idealistischen Konzeption von der Übergeschichtlichkeit der Ideen ein Schlupfloch.

 

Zwar bemerkt der Verfasser im Weiteren richtig, dass die Entwicklung des philosophischen Denkens in letzter Instanz durch die materiellen Lebensbedingungen der Gesellschaft bestimmt wird und dass sie nur eine relative Selbstständigkeit besitzt, verletzt selbst jedoch wiederholt diesen grundlegenden Leitsatz des wissenschaftichen Materialismus, indem er bei der Darlegung verschiedener philosophischer Systeme diese vollkommen von der konkreten historischen Lage und den sozialen, klassenmäßigen Wurzeln dieser oder jener Philsophie trennt. Dies passiert beispielsweise bei der Darlegung der philosophischen Auffassungen von Sokrates, Demokrit, Spinoza, Leibniz, Feuerbach und anderer, was natürlich nicht wissenschaftlich ist und Grund zur Annahme gibt, dass der Verfasser zum Standpunkt der Selbstständigkeit und Übergeschichtlichkeit in der Entwicklung der philosophischen Ideen abgleitet, was ein Kennzeichen der idealistischen Philosophie ist. Das Fehlen des organischen Zusammenhangs dieses oder jenes philosophischen Systems mit der konkreten historischen Lage findet sich sogar an Stellen, wo der Verfasser versucht, eine Analyse der entsprechenden Lage zu geben. Es ergibt aber ein rein mechanischer, textlicher, aber kein wesentlicher organischer Zusammenhang. Die Abschnitte und Kapitel, die die philosophischen Auffassungen der entsprechenden Epoche darlegen und die die der Darlegung der historischen Lage gewidmet sind, bewegen sich in gewissen platten Parallelen, während die Darlegung der historischen Fakten, der kausalen Zusammenhänge zwischen Basis und Überbau selbst in der Regel unwissenschaftlich, liederlich gegeben wird, kein Material für eine Analyse liefert, sondern eher eine schlechte Information darstellt. Dieser Art ist beispielsweise die Einführung zu Kapitel VI unter dem Titel 'Frankreich im 18. Jahrhundert', die den Gipfel der Ungereimtheit darstellt und die Quellen der Ideen der französischen Philosphie vom 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts nicht im Geringsten klarlegt. Infolgedessen verlieren die Ideen der französischen Philosophie ihren Zusammenhang mit der Epoche und beginnen als eine Art selbstständige Erscheinung zu sein. Gestatten Sie mir, an folgende Stellen des Lehrbuchs zu erinnern:

 

"Beginnend mit dem 16./17. Jahrhundert betritt nach England Frankreich allmählich den Weg der bürgerlichen Entwicklung und macht in einem Jahrhundert grundlegende Umwälzungen durch: in der Ökonomik, in der Politik und Ideologie. Das Land war wohl immer noch rückständig, doch es begann sich bereits aus seiner feudalen Erstarrung zu befreien. Ebenso wie viele andere europäische Staaten jener Zeit trat Frankreich in die Periode der ursprünglichen Akkumulation ein.

 

Auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens formierte sich schnell die neue, bürgerliche Gesellschaftsordnung, entstand eine neue Ideologie, eine neue Kultur. Zu dieser Zeit beginnen in Frankreich Städte wie Paris und Lyon, Marseille und Le Havre schnell zu wachsen, eine starke Seeflotte wird geschaffen. Eine internationale Handelskompanie nach der anderen wird begründet, bewaffnete Expeditionen werden organisiert, die eine Reihe von Kolonien erobern. Der Handel wächst rasch. 1784-88 erreicht der Außenhandelsumsatz 1.011,6 Millionen Livre und übersteigt damit den Handel von 1716-1720 um mehr als das Vierfache. Die Belebung des Handels wurde durch den Vertrag von Aachen, 1748, und das Pariser Traktat, 1763, gefördert. Besonders aufschlussreich ist der Buchhandel. So betrug beispielsweise 1774 der Umsatz des Buchhandels in Frankreich 45 Millionen Franc, während er in England nur 12 bis 13 Millionen Franc betrug. In den Händen Frankreichs befand sich rund die Häflte des europäischen Goldvorrats. Aber Frankreich blieb immer noch ein Agrarland. Die überwiegende Mehrzahl seiner Bevölkerung beschäftigte sich mit Landwirtschaft."

(S. 315f).

 

Das ist natürlich keine Analyse, sondern eine einfache Aufzählung einiger Tatsachen, die noch dazu nicht im wechselseitigen Zusammenhang, sondern nebeneinander darlegt werden. Diese Ausführungen über die 'Basis' ergaben selbstverständlich keinerlei Charakteristik der französischen Philosophie und konnten es gar nicht, denn ihre Entwicklung steht losgelöst von der historischen Lage des damaligen Frankreichs da.

 

Nehmen wir als ein weiteres Beispiel die Beschreibung der damaligen deutschen idealistischen Philosophie, wie sie in Alexandrows Buch gebracht wird:

 

"Im 18. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Deutschland ein rückständiges Land mit einer reaktionären politischen Ordnung. Es herrschten feudale Leibeigenschafts- und handwerkliche Zunftverhältnisse. Ende des 18. Jahrhunderts erreichte die städtische Bevölkerung nicht einmal 25 Prozent der Gesamtbevölkerung, im Handwerk waren nur 4 Prozent der Bevölkerung beschäftigt. Frondienst, Abgaben, Leibeigenschaftsrecht, Zunftprivilegien behinderten die Entwicklung der aufkeimenden kapitalistischen Verhältnisse. Überdies herrschte im Land eine außergewöhnliche politische Zersplitterung."

 

Der in Alexandrows Buch angeführte Prozentsatz der städtischen Bevölkerung Deutschlands soll seiner Meinung nach die Rückständigkeit dieses Landes und den reaktionären Charakter seiner staatlichen und gesellschaftlich-politischen Ordnung illustrieren. Doch zur selben Zeit betrug die städtische Bevölkerung Frankreichs weniger als 10 Prozent, aber es war kein rückständiges Feudalland wie Deutschland, sondern das Zentrum der bürgerlich-revolutionären Bewegung in Europa. Folglich erklärt der Prozentsatz der städtischen Bevölkerung an sich noch gar nichts; mehr noch: Er selbst muss aus der konkreten historischen Lage erklärt werden. Das ist ebenfalls ein Beispiel für die missglückte Auswertung des historischen Materials zur Erklärung der Entstehung und Entwicklung dieser oder jener Form der Ideologie.

 

Weiter schreibt Alexandrow:

 

"Die hervorragendsten Ideologen der deutschen Bourgeoisie jener Zeit - Kant und darauf Fichte und Hegel - drückten in den von ihnen geschaffenen idealistischen philosophischen Systemen in einer durch die Beschränktheit der deutschen Wirtschaft bedingten abstrakten Form die Ideologie der deutschen Bourgeoisie jener Epoche aus."

 

Vergleichen wir die kalte, gleichgültige, objektivistische Darlegung der Tatsachen, aus denen man die Ursachen der Entstehung des deutschen Idealismus ohnehin nicht begreifen kann, mit einer marxistischen Analyse der damaligen Lage in Deutschland, die in einem lebendigen kämpferischen Stil dargelegt wird, der den Leser bewegt und überzeugt. So charakterisiert Engels die Lage in Deutschland:

 

"Das ganze Land war eine lebende Masse von Fäulnis und abstoßendem Verfall. Niemand fühlte sich wohl. Das Gewerbe, der Handel, die Industrie und die Landwirtschaft des Landes waren ganz unbedeutend; die Bauernschaft, die Gewerbetreibenden und Manufakturbesitzer fühlten den doppelten Druck einer blutsaugenden Regierung und schlechter Geschäfte; der Adel und die Füsten fanden, dass ihre Einkünfte, trotz der Auspressung ihrer Untertanen, nicht so gesteigert werden konnten, dass sie mit ihren wachsenden Ausgaben Schritt hielten; alles war verkehrt, und eine allgemeine Lähmung lag über dem ganzen Land. Keine Bildung, keine Mittel zur Einwirkung auf die Köpfe der Massen, keine freie Presse, kein Gemeingeist, nicht einmal ein ausgebreiteter Handel mit anderen Ländern - nichts als Gemeinheit und Selbstsucht - ein gemeiner, schleichender, elender Krämergeist durchdrang das ganze Volk. Alles war überlebt, bröckelte ab, ging rasch dem Ruin entgegen, und es gab nicht einmal die leiseste Hoffnung auf eine wohltätige Änderung, Die Nation hatte nicht einmal genügend Kraft, um die Leichname der toten Institutionen beiseite zu fegen."

(F. Engels, 'Deutsche Zustände', Berlin 1949, S. 14).

 

Vergleichen Sie diese Charakteristik von Engels, die so klar und scharf, so präzis und tief wissenschaftlich ist, mit der Charakterisierung, die Alexandrow gibt, und Sie können sehen, wie schlecht Genosse Alexandrow das ausnutzt, was in dem unerschöpflichen Reichtum, den uns die Begründer des Marxismus hinterlassen haben, bereits fertig vorliegt.

 

Somit misslang dem Verfasser die Lösung seiner Aufgabe, die Geschichte der Philosophie mit Hilfe der materialistischen Methode darzulegen. Dies nimmt dem Buch seinen wissenschaftlichen Charakter und verwandelt es in hohem Maße in eine Beschreibung der Biografien der Philosophen und ihrer philosophischen Systeme, die außerhalb der historischen Lage betrachtet werden. Verletzt wurde das Prinzip des historischen Materialismus, das uns lehrt:

 

" ...die Daseinsbedingungen der verschiedenen Gesellschaftsformationen müssen im Einzelnen untersucht werden, ehe man versucht, die politischen, privatrechtlichen, ästhetischen, philosophischen, religiösen etc. Anschauungsweisen, die ihnen entsprechen, aus ihnen abzuleiten."

(Brief Engels an Conrad Schmidt vom 5. August 1890).

 

Auch die Ziele des Studiums der Geschichte der Philosophie formuliert der Verfasser unklar und unzureichend. Nirgends unterstreicht der Verfasser, dass eine der Grundaufgaben der Philosophie und ihrer Geschichte darin besteht, die Philosophie als Wissenschaft weiter zu entwickeln, neue Gesetzmäßigkeiten abzuleiten, ihre Leitsätze an Hand der Praxis zu überprüfen, veraltete Leitsätze durch neue zu ersetzen. Der Verfasser geht hauptsächlich von der pädagogisch-erzieherischen Bedeutung der Geschichte der Philosophie aus, von der kulturell-aufklärerischen Aufgabe, wodurch er dem gesamten Studium der Geschichte der Philosophie einen passiv-beschaulichen, akademischen Charakter verleiht. Das entspricht natürlich nicht marxistisch-leninistischen Definition der philosophischen Wissenschaft, die sich wie jede andere Wissenschaft ununterbrochen entwickelt und vervollkommnen, sich mit neuen Leitsätzen bereichern und veraltete beiseite räumen muss.

 

Der Verfasser, der die Aufmerksamkeit auf die instruktiv bildungsmäßige Seite der Sache konzentriert, setzt damit der Entwicklung der Wissenschaft Grenzen, so als ob der Marxismus-Leninismus bereits seine Schranken erreicht hätte und die Aufgabe der Entwicklung unserer Lehre nicht mehr die Hauptaufgabe wäre. Eine solche Überlegung widerspricht dem Geist des Marxismus-Leninismus, da sie den Marxismus metaphysisch als eine abgeschlossene und vollendete Lehre darzustellen beginnt, was nur zu einem Versiegen des lebendigen und suchenden philosophischen Denkens führen kann.

 

Ganz schlecht steht es auch mit der Beleuchtung der Fragen der Naturwissenschaft, während die Geschichte der Philosophie - will man die Wissenschaftlichkeit nicht direkt schädigen - nicht ohne Zusammenhang mit den Erfolgen der Naturwissenschaften dargelegt werden kann. Das Lehrbuch des Genossen Alexandrow gibt infolgedessen nicht die Möglichkeit, die Bedingungen der Entstehung und Entwicklung des wissenschaftlichen Materialismus klarzumachen, der auf dem granitenen Fundament der Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft gewachsen ist.

 

Bei der Darlegung der Geschichte der Philosophie brachte es Genosse Alexandrow fertig, diese von der Geschichte der Naturwissenschaft zu trennen. Es ist charakteristisch, dass der Verfasser in der Einführung, die die Grundthesen des Buches bringt, die Wechselbeziehung von Philosophie und Naturwissenschaft mit keinem einzigen Wort erwähnt. Er verschweigt die Naturwissenschaft, selbst wo dies völlig unmöglich erscheint. So schreibt der Verfasser auf Seite 9:

 

"In seinen Werken, insbesondere in 'Materialismus und Empiriokritizismus', arbeitete Lenin diese marxistische Lehre von der Gesellschaft allseitig aus und trieb sie voran."

 

Genosse Alexandrow brachte es bei der Behandlung des Werkes 'Materialismus und Empiriokritizismus' fertig, die Probleme der Naturwissenschaft und ihre Verbindung mit der Philosophie zu verschweigen.

 

Es fällt sofort auf, wie dürftig, armselig und abstrakt die Charakteristik des Niveaus der Naturwissenschaft dieser oder jener Periode ist. Über die Naturwissenschaft der alten Griechen wird gesagt, dass in ihrer Zeit 'die Wissenschaften von der Natur aufkeimen'. (S. 26). Über die Epoche der Spätscholastik (12. bis 13. Jahrhundert) heißt es, dass damals 'viele Erfindungen und technische Verbesserungen aufkamen'. (S. 120).

 

Dort, wo der Verfasser versucht, solche verschwommenen Formulierungen aufzuschlüsseln, werden die Entdeckungen zusammenhanglos aufgezählt. Dabei werden in dem Buch so himmelschreiende Fehler begangen, dass sie eine erstaunliche Unkenntnis der Fragen der Naturwissenschaft zeigen. Welchen Wert besitzt beispielsweise die Beschreibung der Entwicklung der Wissenschaft in der Renaissance:

 

"Der Gelehrte Guericke konstruierte seine berühmte Luftpumpe und die Existenz des atmosphärischen Drucks, die an die Stelle der Vorstellung vom leeren Raum getreten war, wurde zum ersten Mal durch den Versuch mit Halbkugeln in Magdeburg auf praktischem Weg bewiesen. Die Menschen stritten Jahrhunderte darum, wo sich 'der Mittelpunkt der Welt' befindet und ob unser Planet als solcher angesehen werden kann. Doch da treten Kopernikus und darauf Galileo Galilei in die Wissenschaft ein. Letzterer beweist die Existenz von Sonnenflecken und die Veränderung ihrer Lage. Er sieht darin und in anderen Entdeckungen die Bestätigung der Lehre von Kopernikus vom heliozentrischen Aufbau unseres Sonnensystems. Das Barometer lehrte die Menschen das Wetter vorhersagen. Das Mikroskop trat an die Stelle des Systems von Mutmaßungen über das Leben der kleinen Organismus und spielte eine große Rolle in der Entwicklung der Biologie. Der Kompass half Kolumbus, den kugelförmigen Aufbau unseres Planeten auf praktischem Wege zu beweisen."

(S. 135).

 

Hier ist fast jeder Satz ein Absurdum. Wie konnte der atmosphärische Druck an die Stelle der Vorstellung vom leeren Raum treten? Negiert etwa die Existenz der Atmosphäre die Existenz des leeren Raums? Wie bestätigte die Bewegung der Sonnenflecken die Lehre Kopernikus?

 

Die Vorstellung, dass das Barometer das Wetter vorhersagt, gehört zu den unwissenschaftlichsten Vorstellungen. Bedauerlicherweise haben es die Menschen bis heute nicht gelernt, das Wetter richtig vorherzusagen, wie ihnen allen aus der Praxis unseres Wetterbüros wohl bekannt ist. (Heiterkeit).

 

Weiter. Kann etwa das Mikroskop ein System von Mutmaßungen ersetzen und schließlich, was ist 'der kugelförmige Aufbau unseres Planeten'? Bis heute hatte es den Anschein, dass kugelförmig nur die Form sein kann.

 

Perlen gleich den aufgezählten gibt es in Alexandrows Buch viele.

 

Doch der Verfasser begeht auch wesentlichere, prinzipielle Fehler. So ist er der Ansicht (S. 357), dass die dialektische Methode durch die Erfolge der Naturwissenschaft 'bereits in der zweiten Häflte des 18. Jahrhunderts' vorbereitet wurde. Das widerspricht zutiefst der bekannten These von Engels, dass die dialektische Methode durch die Entdeckung des Zellenaufbaus des Organismus, durch die Lehre von der Erhaltung und Umwandlung der Energie und durch die Lehre Darwins vorbereitet wurde. All diese Entdeckung fallen aber in das 19. Jahrhundert. Von seiner falschen Konzeption ausgehend, widmet der Verfasser der Aufzählung der im 18. Jahrhundert gemachten Entdeckungen einen gewissen Platz, spricht viel von Galvani, Laplace und Lyell, doch über die von Engels aufgezeigten drei großen Entdeckungen sagt er nur:

 

"So wurden beispielsweise noch zu Lebzeiten Feuerbachs die Lehre von der Zelle und die Lehre von der Verwandlung der Energie geschaffen, die Theorie Darwins von der Entstehung der Arten durch die natürliche Auslese kam auf."

(S. 427).

 

Das sind die Grundmängel des Buches. Ich sehe von Teil- und zweitrangigen Mängeln ab. Ich will auch nicht die in theoretischer und praktischer Hinsicht sehr wertvollen Bemerkungen wiederholen, die hier gemacht wurden.

 

Die Schlussfolgerung ist, dass das Lehrbuch schlecht ist, dass es grundlegend überarbeitet werden muss. Doch die Überarbeitung des Lehrbuchs bedeutet vor allem die Überwindung der unrichtigen und verworrenen Auffassungen, die unter unseren Philosophen, darunter auch führenden, offenbar im Gange sind. Damit gehe ich zur zweiten Frage über, zur Frage der Lage an unserer philosophischen Front.

 

 

2. Über die Lage an unserer philosophischen Front

 

 

Wenn das Buch des Genossen Alexandrow tatsächlich die Anerkennung der Mehrzahl unserer führenden Philosophen erhalten hat, wenn es zum Stalinpreis vorgeschlagen, als Lehrbuch empfohlen wurde und zahlreiche lobende Rezensionen auslöste, so bedeutet das, dass offensichtlich auch andere Philosophen die Fehler des Genossen Alexandrow teilen. Und das spricht von einem ernten Misstand an unserer philosophischen Front.

 

Der Umstand, dass das Buch keinerlei nennenswerte Proteste hervorgerufen hat, dass das Eingreifen des Zentralkomitees und des Genossen Stalin persönlich erfordertlich war, um die Mängel des Buches aufzudecken, bedeutet, dass es an der philosophischen Front keine entfaltete bolschewistische Kritik und Selbstkritik gibt. Das Fehlen schöpferischer Diskussionen, das Fehlen von Kritik und Selbstkritik musste sich auf den Zustand der wissenschaftlichen und philosophischen Arbeit verhängnisvoll auswirken. Bekanntlich ist die philosophische Produktion mengenmäßig völlig ungenügend und von schwacher Qualität. Monografien und Artikel der Philosophie sind eine seltene Erscheinung.

 

Hier wurde viel von der Notwendigkeit einer philosophischen Zeitschrift gesprochen. Es gibt gewisse Zweifel, ob es notwendig ist, eine solche Zeitschrift zu schaffen. Die traurige Erfahrung der Zeitschrift 'Unter dem Banner des Marxismus' ist noch in Erinnerung. Es scheint mir, dass die gegenwärtigen Möglichkeiten der Veröffentlichung origineller Monografien und Artikel ganz ungenügend ausgenutzt werden.

 

Genosse Swetlow sagte hier, dass der Leserkreis des 'Bolschewik' für theoretische Arbeiten speziellen Charakters nicht geeignet sei. Ich denke, dass diese Auffassung vollkommen falsch ist und auf einer offensichtlichen Unterschätzung des hohen Niveaus unserer Leser und ihrer Ansprüche beruht. Solche Meinungen entspringen daraus, so scheint es mir, dass man nicht begreift, dass unsere Philosophie durchaus nicht Eigentum eines kleines Häufleins von Berufsphilosophen, sondern unserer gesamten Sowjetintelligenz ist. Es war entschieden nichts Schlechtes an der Tradition der führenden russischen dicken Zeitschriften der Vorrevolutionszeit, neben literarischen, belletristischen Werken auch wissenschaftliche Arbeiten, darunter auch philosophische, abzudrucken. Jedenfalls hat unsere Zeitschrift 'Bolschewik' einen weitaus größeren Leserkreis als jede beliebige philosophische Zeitschrift, und wenn man die schöpferische Arbeit unserer Philosophen auf eine spezielle philosophische Zeitschrift beschränkt, so droht, wie mir scheint, die Gefahr, dass die Basis unserer philosophischen Arbeit eingeengt wird. Ich bitte, mich nicht als Gegner der Zeitschrift zu betrachten, aber es scheint mir, dass die Spärlichkeit philosophischer Arbeiten in unseren großen Zeitschriften - auch im 'Bolschewik' - dafür spricht, dass man vor allem mit der Überwindung dieses Mangels mit Hilfe unserer großen Zeitschriften und des 'Bolschewik' beginnen müsste, in denen auch jetzt (besonders in den größeren Zeitschriften) doch dann und wann Artikel philosophischen Charakters erscheinen, die von wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Interesse sind.

 

Auch die Thematik unserer führenden philosophischen Institution, des Philosophischen Instituts der Akademie der Wissenschaften, der Ordinariate usw. - muss angesprochen werden.

 

Das Philosophische Institute bietet meiner Ansicht nach ein ziemlich trübes Bild: Es vereinigt die Mitarbeiter in den Außengebieten nicht, ist mit ihnen nicht verbunden und ist deshalb in Wirklichkeit keine Institution von Unionscharakter. Die Provinzphilosophen sind sich selbst überlassen, doch sie repräsentieren, wie Sie sehen, eine große, aber bedauerlicherweise nicht ausgenutzte Kraft. Die Thematik der philosophischen Arbeiten, darunter auch der Arbeiten zur Erlangung wissenschaftlicher Grade, ist der Vergangenheit, ist dem ruhigen und weniger verantwortlichen historischen Thema zugewandt in der Art von, sagen wir, 'Die kopernikanische Ketzerei' in Vergangenheit und Gegenwart' (Belebung im Saal). Das führt zu einer gewissen Wiederbelebung der Scholastik. Von diesem Standpunkt aus erscheint der hier vor sich gegangene Streit über Hegel seltsam. Die Beteiligten an diesem Streit rennen offene Türen ein. Das Problem Hegel ist längst gelöst. Es gibt keinen Anlass, es neu aufzuwerfen. Über die bereits untersuchten und eingeschätzten Materialien hinaus wurden hier keine neuen vorgebracht. Der Streit selbst ist bedauerlicherweise scholastisch und ebenso unproduktiv wie seinerzeit die in gewissen Kreisen erfolgte Klärung der Rechtmäßigkeit des Kreuzzeichens mit zwei oder drei Fingern oder der Frage, ob Gott einen Stein schaffen kann, den er nicht zu heben vermag oder ob die Gottesmutter eine Jungfrau war. (Heiterkeit). Aktuelle Probleme der Gegenwart werden fast nicht bearbeitet. All dies zusammen genommen birgt große Gefahren in sich, bedeutend größere als es für Sie den Anschein haben mag. Die größte Gefahr besteht darin, dass sich ein Teil von Ihnen mit diesen Mängeln bereits abgefunden hat.

 

Man spürt in der philosophischen Arbeit keinen Kampfgeist, kein bolschewistischen Tempo. In diesem Lichte betrachtet, findet man in der Tatsache des Zurückbleibens an der gesamten übrigen philosophischen Front Parallelen zu einigen fehlerhaften Leitsätzen des Buches, die somit keinen einzelnen zufälligen Faktor, sondern eine ganze Erscheinung darstellen. Hier wird oft der Ausdruck 'philosophische Front' gebraucht. Aber wo ist denn eigentlich diese Front? Die philosophische Front gleicht keineswegs unserer Vorstellung von einer Front. Wenn von ihr die Rede ist, drängt sich sofort die Vorstellung von einem organisierten Trupp streitbarer, in Vollkommenheit mit der marxistischen Theorie ausgerüsteter Philosophen auf, die eine breit angelegte Offensive gegen die feindliche Ideologie im Ausland, gegen die Überreste der bürgerlichen Ideologie im Bewusstsein der Sowjetmenschen in unserem Lande durchführen, die die Schaffenden der sozialistischen Gesellschaft mit dem Bewusstsein der Gesetzmäßigkeit unseres Weges und der wissenschaftlich begründeten Zuversicht in den Endsieg unserer Sache wappnen.

 

Aber gleicht unsere philosophische Front wirklich einer Front? Sie erinnert eher an eine seichte Bucht oder an ein Biwak irgendwo fern vom Schlachtfeld. Das Schlachtfeld ist noch nicht erobert, Feindberührung gibt es kaum, Aufklärung wird nicht geführt, die Waffen rosten, die Soldaten kämpfen auf eigene Faust, während die Kommandeure entweder in vergangenen Siegen schwelgen oder darüber streiten, ob die Kräfte für einen Angriff reichen, ob man nicht Hilfe von außen anfordern soll oder über das Thema, wieweit das Bewusstsein hinter dem Sein zurückbleiben kann, ohne dass man allzu rückständig erscheint. (Heiterkeit).

 

Unsere Partei braucht dagegen ganz dringend einen Aufschwung der philosophischen Arbeit. Die raschen Veränderungen, die jeder Tag in unserem sozialistischen Sein bringt, werden von unseren Philosophen nicht verallgemeinert, werden nicht vom Standpunkt der marxistischen Dialektik aus beleuchtet. Dadurch werden die Bedingungen für die Weiterentwicklung unserer philosophischen Wissenschaft erschwert und die Lage gestaltet sich derart, dass sich die Entwicklung des philosophischen Denkens in bedeutendem Maße ohne Zutun unserer Berufsphilosophen vollzieht. Das ist vollkommen unzulässig.

 

Die Ursachen des Zurückbleibens an der philosophischen Front sind natürlich keineswegs mit irgendwelchen objektiven Bedingungen verknüpft. Die objektiven Bedingungen sind günstig wie nie zuvor. Das der wissenschaftlichen Analyse und Verallgemeinerung harrende Material ist unbegrenzt. Die Ursachen des Zürckbleibens an der philosophischen Front sind auf dem Gebiet des Subjektiven zu suchen. Diese Ursachen sind im Grunde genommen dieselben, wie sie das ZK in seiner Analyse des Zurückbleibens an anderen Abschnitten der ideologischen Front aufgedeckt hat.

 

Wie Sie sich erinnern, waren die bekannten Beschlüsse des ZK über ideologische Fragen gegen Ideenlosigkeit und unpolitische Themenstellungen in Literatur und Kunst, gegen die Loslösung von der Gegenwartsproblematik und gegen das Abschweifen in das Gebiet der Vergangenheit, gegen Katzbuckelei vor dem Ausländertum gerichtet und galten der kämpferischen bolschewistischen Parteilichkeit in Literatur und Kunst. Bekanntlich haben viele Gruppen von Schaffenden an unserer ideologischen Front bereits die entsprechenden Beschlüsse des ZK für sich selbst gezogen und auf diesem Wege bedeutende Erfolge erzielt.

 

Unsere Philosophen jedoch sind dabei zurückgeblieben. Offensichtlich merken sie nicht, dass es Prinzipienlosigkeit und Ideenlosigkeit in der philosophischen Arbeit gibt, dass die Gegenwartsthematik vernachlässigt wird, dass es Fälle von Kriecherei und Unterwürfigkeit unter die bürgerliche Philosophie gibt. Sie nehmen scheinbar an, dass der Umschwung an der ideologischen Front sie nichts angeht. Nunmehr ist aber für alle ersichtlich, dass dieser Umschwung notwendig ist.

 

Ein bedeutender Teil der Schuld dafür, dass die Philosophen nicht in den ersten Reihen der ideologischen Arbeit schreiten, fällt auf den Genossen Alexandrow zurück. Er besitzt leider nicht die Fähigkeit, die Mängel in der Arbeit konsequent und kritisch aufzudecken. Er überschätzt offensichtlich seine eigenen Kräfte, wenn er sich nicht auf die Erfahrung und das Wissen eines breiten Philosphenkollektivs stützen will. Mehr noch: Er stützt sich in seiner Arbeit allzusehr auf einen engen Kreis nächster Mitarbeiter und Verehrer seines 'Talents'. (Zurufe: 'Richtig!', Beifall). Die philosophische Tätigkeit wurde gewissermaßen in den Händen einer kleinen Gruppe von Philosophen monopolisiert, während der größere Teil der Philosophen, besonders aus der Provinz, nicht zur führenden Arbeit herangezogen wurde.

Damit wurde das richtige Verhältnis der Philosophen untereinander verletzt.

 

Jetzt ist für alle ersichtlich, dass die Bewältigung solcher Arbeiten wie eines Lehrbuchs der Geschichte der Philosophie die Kräfte eines einzelnen Menschen übersteigt, und dass Genosse Alexandrow von Beginn der Arbeit an einen breiten Kreis von Autoren hätte heranziehen müssen - Spezialisten für dialektischen und historischen Materialismus, Historiker, Naturwissenschaftler und Ökonomen.

Indem sich Genosse Alexandrow auf keinen breiten Kreis fähiger Menschen stützte, wählte er den falschen Weg der alleinigen Ausarbeitung des Lehrbuchs. Es ist notwendig, diesen Fehler zu korrigieren. Das philosphische Wissen ist natürlich bei uns Eigentum eines breiten Kollektivs sowjetischer Philosphen. Die Methode, bei der Ausarbeitung eines Lehrbuchs einen großen Kreis von Autoren heranzuziehen, wird gegenwärtig bei der Abfassung des Lehrbuches der Politischen Ökonomie umfassend angewandt, das in nächster Zeit fertig gestellt werden soll. Zu den Redaktionsarbeiten wurde dazu nicht nur ein breiter Kreis von Ökonomen, sondern auch von Historikern und Philosophen herangezogen. Eine solche Methode der schöpferischen Arbeit ist am zuverlässigsten. Ihr liegt auch ein anderer Gedanke zugrunde: die Koordinierung der Arbeit verschiedener Trupps ideologisch Tätiger, die derzeit untereinander ungenügend verbunden sind, zur Lösung großer Aufgaben, die allgemeinwissenschaftliche Bedeutung besitzen. Auf diese soll die Wechselwirkung zwischen den in verschiedenen Zweigen Tätigen organisiert werden, damit nicht der eine nach links und der andere nach rechts zieht, damit wir nicht mit einer Handfläche zuschlagen, sondern organisiert und fest zusammengeschlossen und folglich mit der größtmöglichsten Gewähr auf Erfolg.

 

Worin liegt nun die Wurzel der subjektiven Fehler einer Reihe führender Genossen der philosophischen Front? Warum warfen hier in der Diskussion die Vertreter der älteren Philosophengeneration einigen jungen mit Recht ihr frühzeitiges Altern, ihren ungenügenden kämpferischen Ton, ihren mangelnden Kampfgeist vor?

 

Auf diese Fragen kann es offensichtlich nur eine Antwort geben: das ungenügende Begreifen der Grundlagen des Marxismus-Leninismus und die noch vorhandenen Einflüsse der bürgerlichen Ideologie. Das zeigt sich auch darin, dass viele unserer Philosophen noch nicht begreifen, dass der Marxismus-Leninismus eine lebendige, schöpferische Lehre ist, die sich ununterbrochen entwickelt, die sich auf der Grundlage der Erfahrung des sozialistischen Aufbaus und der Erfolge der modernen Naturwissenschaft ununterbrochen bereichert. Eine derartige Unterschätzung dieser lebendigen revolutionären Seite unserer Lehre kann nur zu einer Herabsetzung der Philosphie und ihrer Rolle führen. Gerade im Mangel an Kampfgeist und kämpferischer Gesinnung muss man die Ursache der Furcht einiger Philosophen suchen, ihre Kräfte an neuen Problemen zu messen, an Gegenwartsfragen, an der Lösung von Aufgaben, die die Praxis den Philosophen täglich stellt und die zu beantworten die Philsophie verpflichtet ist. Es ist Zeit, die Theorie der Sowjetgesellschaft, die Theorie des Sowjetstaates, die Theorie der modernen Naturwissenschaft, die Ethik und Ästhetik kühner vorwärtszutreiben. Mit der unbolschewistischen Feigheit gilt es Schluss zu machen. Einen Stillstand in der Entwicklung der Theorie zuzulassen, bedeutet, unsere Philophie zu mumifizieren, sie ihres wertvollsten Zuges, ihrer Entwicklungsfähigkeit, zu berauben, bedeutet, sie in ein totes, trockenes Dogma zu verwandeln.

 

Die Frage der bolschewistischen Kritik und Selbstkritik ist für unsere Philosphen nicht nur eine praktische, sondern auch eine zutiefst theoretische Frage.

 

Ist der innere Gehalt des Entwicklungsprozesses, wie uns die Dialektik lehrt, der Kampf der Gegensätze, der Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen Absterbendem und Werdendem, zwischen Überlebtem und sich Entwickelndem, dann muss unsere Sowjetphilosophie aufzeigen, wie dieses Gesetz der Dialektik unter den Bedingungen der sozialistischen Gesellschaft wirkt und worin die Eigenart seiner Anwendung besteht.

 

Wir wissen, dass dieses Gesetz in einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft anders wirkt als in unserer Sowjetgesellschaft. Hier hat die wissenschaftliche Forschung ein gewaltiges Feld, und dieses Feld wird von keinem unserer Philosophen bearbeitet. Indessen hat jedoch unsere Partei seit langem jene besondere Form der Aufdeckung und Überwindung der Widersprüche der sozialistischen Gesellschaft - und diese Widersprüche gibt es, aber darüber wollen die Philosophen aus Feigheit nicht schreiben - gefunden und in den Dienst des Sozialismus gestellt: jene besondere Form des Kampfes zwischen Altem und Neuem, zwischen Überlebtem und Werdendem bei uns in der Sowjetgesellschaft, die Kritik und Selbstkritik genannt wird.

 

In unserer Sowjetgesellschaft, in der die antagonistischen Klassen liquidiert sind, vollzieht sich der Kampf zwischen Altem und Neuem und damit auch die Entwicklung von Niederem zu Höherem nicht in Form des Kampfes antagonischer Klassen und Zusammenbrüchen, wie das im Kapitalismus der Fall ist, sondern in Form der Kritik und Selbstkritik, die die wirkliche Triebkraft unserer Entwicklung, das mächtige Instrument in den Händen der Partei ist. Das ist unbedingt eine neue Form der Bewegung, ein neuer Typ der Entwicklung, eine neue dialektische Gesetzmäßigkeit.

 

Marx sagt, dass die früheren Philosophen die Welt nur interpretiert haben, während es nunmehr darauf ankommt, sie zu verändern. Wir haben die alte Welt verändert und eine neue aufgebaut, aber unsere Philosphen erklären diese neue Welt leider ungenügend, ja, sie nehmen auch an ihrer Veränderung ungenügenden Anteil. Wir hörten hier einige Versuche, die Ursachen dieses Zurückbleibens sozusasgen 'theoretisch' zu erklären. Wir wurde beispielsweise gesagt, dass die Philosophen zu lange in der kommentatorischen Periode verweilt hätten und infolgedessen nicht rechtzeitig zur Periode monografischer Forschungen übergegangen wären. Diese Erklärung sieht natürlich sehr schön aus, aber sie ist wenig überzeugend. Natürlich muss jetzt die schöpferische Arbeit der Philosphen an erster Stelle stehen, was jedoch nicht bedeutet, dass die kommentatorische, richtiger popularisierende Tätigkeit eingestellt werden soll. Auch dies braucht unser Volk.

 

Wir müssen uns beeilen, die verlorene Zeit aufzuholen. Die Aufgaben warten nicht. Der im Großen Vaterländischen Krieg errungene glänzende Sieg des Sozialismus, der gleichzeitig ein glänzender Sieg des Marxismus war, steckt den Imperialisten wie ein Knochen in der Kehle. Das Zentrum des Kampfes gegen den Marxismus hat sich nunmehr nach Amerika und England verlegt. Alle Kräfte des Obskurantismus und der Reaktion werden jetzt in den Dienst des Kampfes gegen den Marxismus gestellt. Die arg mitgenommene Rüstung des Obskuranten- und Pfaffentums wurde erneut hervorgezogen und in die Bewaffnung der bürgerlichen Philosophie, der Magd der Atom- und Dollardemokratie, aufgenommen. Der Vatikan und die Rassentheorie, der wilde Nationalismus und die altersschwache idealistische Philosophie, die käufliche gelbe Presse und die zersetzte bürgerliche Kunst. Doch die Kräfte reichen offensichtlich nicht aus. Unter dem Banner des 'ideologischen ' Kampfes gegen den Marxismus werden nun auch tiefer liegende Reserven geworben. Ich greife aufs Geratewohl ein Beispiel heraus. Wie dieser Tage die 'Iswestija' berichtete, wird in der von dem Existenzialisten Sartre herausgegebenen Zeitschrift 'Temps modernes' das Buch des Kriminalschriftstellers Jean Genet, 'Tagebuch eines Diebes' als neue Offenbarung angepriesen, das mit den Worten beginnt: 'Verrat, Diebstahl und Homosexualität - das sind meine Hauptthemen. Es besteht eine organische Verbindung zwischen meinem Hang zum Verrat, meiner Diebestätigkeit und meinen Liebensabenteuern'. Der Verfasser kennt offenbar seine Sache. Die Stücke von Jean Genet werden von den Pariser Bühnen in großer Aufmachung aufgeführt, und Jean Genet selbst lädt man eifrig nach Amerika ein. Das ist das 'letzte Wort' der bürgerlichen Philosophie.

 

Bereits aus der Erfahrung unseres Sieges über den Faschismus ist bekannt, in welche Sackgasse die idealistische Philosophie ganze Völker geführt hat. Jetzt zeigt sie sich in ihrer neuen widerlich schmutzigen Natur, die den ganzen Tiefstand, die Niedrigkeit und Gemeinheit der Bourgeoisie widerspiegelt. Zuhälter und kriminelle Verbrecher in der Philosophie - das ist wirklich die Grenze des Untergangs und der Zersetzung. Diese Kräfte sind noch lebendig, sind noch imstande, das Bewusstsein der Massen zu vergiften.

 

Die moderne bürgerliche Wissenschaft versorgt das Pfaffentum, den Fideismus mit einer neuen Argumentation, die unbedingt unbarmherzig entlarvt werden muss. Man nehme nur die Lehre des englischen Astronomen Eddington von den physikalischen Weltkonstanten, die geradewegs zur pythagoräischen Zahlenmystik führt und die aus mathematischen Formeln 'Fundamentalkonstanten' der Welt ableitet, wie die apokalyptische Zahl 666 usf. Ohne den dialektischen Gang der Erkenntnis und das Verhältnis von absoluter und relativer Wahrheit zu begreifen, gelangen viele Nachfolger Einsteins zur Annahme der Endlichkeit der Welt, zu ihrer Begrenztheit in Raum und Zeit, indem sie die Ergebnisse der Erforschung der Bewegungsgesetze des endlichen beschränkten Gebiets des Weltalls auf das gesamte unendliche Weltall übertragen. Der Astronom Milne hat sogar 'errechnet', dass die Welt vor 'zwei Milliarden Jahren erschaffen wurde'. Auf diese englischen Gelehrten lässt sich wohl das Wort ihres großen Landsmanns, des Philosophen Bacon anwenden, dass sie die Ohnmacht ihrer Wissenschaft in eine Verleumdung der Natur verwandeln.

 

In gleicher Weise werden die heutigen bürgerlichen Atomphysiker durch die Kantschen Winkelzüge zu der Schlussfolgerung geführt, das Elektron besitze einen 'freien Willen', werden sie zu den Versuchen geführt, die Materie nur als irgendeine Wellensumme und dergleichen darzustellen.

 

Hier liegt ein riesiges Betätigungsfeld für unsere Philosophen, die die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft analysieren und verallgemeinern müssen, eingedenk des Hinweises von Engels, dass der Materialismus

 

"mit jeder epochemachenden Entdeckung schon auf naturwissenschaftlichem Gebiet ... seine Form ändern muss."

(F. Engels, 'Ludwig Feuerbach ...', S. 23).

 

Wer, wenn nicht wir, das Land des siegreichen Marxismus und seine Philosophen, soll denn den Kampf gegen die zersetzte und widerliche bürgerliche Ideologie anführen, wer, wenn nicht wir, soll ihr die Vernichtungsschläge beibringen?

 

Aus der Asche des Krieges sind die Staaten der neuen Demokratie und die nationale Befreiungsbewegung der kolonialen Völker hervorgegangen. Der Sozialismus steht auf der Tagesordnung des Lebens der Völker. Wem, wenn nicht uns, dem Land des siegreichen Sozialismus und seinen Philosophen, obliegt es, unseren Freunden und Brüdern im Ausland ihren Kampf um die neue Gesellschaft mit dem Licht des wissenschaftlichen sozialistischen Bewusstseins erleuchten zu helfen, wem, wenn nicht uns, obliegt es, sie mit der ideologischen Waffe des Marxismus aufzuklären und zu rüsten?

 

In unserem Lands geht ein mächtiges Aufblühen der sozialistischen Wirtschaft und Kultur vor sich. Das unaufhaltsame Wachstum des sozialistischen Bewusstseins der Massen stellt an unsere ideologische Arbeit immer größere Anforderungen. Eine entfaltete Offensive gegen die Überreste des Kapitalismus im Bewusstsein der Menschen ist im Gang. Wem, wenn nicht unseren Philosophen, obliegt es, die Reihen der Schaffenden an der ideologischen Front anzuführen, die marxistische Erkenntnistheorie zur Verallgemeinerung der gewaltigen Erfahrungen des sozialistischen Aufbaus und zur Lösung der neuen Aufgaben des Sozialismus in vollem Umfang durchzusetzen?

 

Angesichts dieser großen Aufgaben könnte man fragen: Sind unsere Philosophen fähig, die neuen Aufgaben auf sich zu nehmen? Ist as Pulver in den philosophischen Pulverhörnern trocken? Hat die philosophische Kraft nicht nachgelassen? Sind unsere wissenschaftlichen philosophischen Kader fähig, die Mängel ihrer Entwicklung mit ihren eigenen inneren Kräften zu überwinden und ihre Arbeit auf neue Art umzugestalten? In dieser Frage kann es keine zwei Meinungen geben. Die philosophische Diskussion hat gezeigt, dass diese Kräfte nicht gering sind, dass diese Kräfte fähig sind, ihre Fehler aufzudecken, um sie zu überwinden. Es bedarf nur eines noch größeren Glaubens an die eigenen Kräfte, einer stärkeren Erprobung dieser Kräfte in aktiven Kämpfen, in der Stellung und Lösung brennender Probleme der Gegenwart. Es gilt mit dem unkämpferischen Tempo in der Arbeit Schluss zu machen, den alten Adam von sich abzuschütteln und so zu arbeiten zu beginnen, wie Marx, Engels, Lenin gearbeitet haben, wie Stalin arbeitet. (Beifall.)

 

Genossen!

 

Sie wissen, wie sich Engels seinerzeit über das Erscheinen eines marxistischen Buches in der Auflage von 2000 bis 3000 Exemplaren freute und dies als großes politisches Ereignis von gewaltiger Bedeutung bezeichnete. Aus dieser für unsere Maßstäbe unbedeutenden Tatsache zog Engels den Schluss, dass die marxistische Philosophie in der Arbeiterklasse tiefe Wurzeln geschlagen hat. Doch was soll man erst über das Eindringen der marxistischen Philosophie in die breiten Schichten unseres Volkes sagen, und was würden Marx und Engels sagen, wenn sie wüssten, dass philosophische Werke in Dutzenden von Millionen Exemplaren in unserem Volk verbreitet sind? Das ist ein wahrer Triumph des Marxismus, und das ist der lebendige Beweis dafür, dass die große Lehre von Marx, Engels, Lenin und Stalin bei uns zu einer Volkslehre geworden ist, und auf diesem Fundament, das in der Welt nicht seinesgleichen hat, muss unsere Philosophie aufblühen. Seid würdig unserer Epoche - der Epoche Lenins und Stalins, der Epoche unseres Volkes, des Siegesvolkes! (Stürmischer, lang andauernder Beifall.)

 

 

Aus:

 

'Woprossi Filosofii' (Philosophische Fragen), Jahrgang 1947, Heft 1 zurück