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Die »Große Reinigung« in Magnitogorsk

Aus John Scotts Erinnerungen, 1937 (aus John Scott: ‚Jenseits des Ural, S. 103, 216-221, 234-237)

 

... Bis 1935 war die Tätigkeit der GPU in Magnitogorsk fast ausschließlich auf diese stille, unbemerkte Kontrolle be­schränkt. Nur wenige Verhaftungen fanden statt. Aber in den Aktenstücken sammelte sich ein Material an, das später, in der großen Reinigungsaktion, die Magnitogorsk im Jahre 1937 mit furchtbarer Wucht traf, verwendet wurde.

Über 50000 Arbeiter in Magnitogorsk standen unter unmit­telbarer Überwachung durch die GPU. Davon waren ungefähr 18000 ehemalige Kulaken, reiche Bauern wie Schabkow und zwischen 20000 und 35000 kriminelle Elemente - Diebe, Pro­stituierte, Defraudanten, die gewöhnlich unter Bewachung grö­bere Arbeit verrichteten. Sie stellten die notwendigen Kräfte für Ausschachtungsarbeiten, um Zement zu mischen, Schlacke zu schippen oder andere schwere Arbeiten auszuführen. Diese Leute, »Itekovici « genannt (ITK: Ispravitel'naja Trudovaja Kolona - Besserungs-Arbeitslager), wurden meistens von den üb­rigen Bewohnern getrennt gehalten. Sie gingen unter Aufsicht bewaffneter Wächter zur Arbeit, aßen in besonderen Speiselo­kalen und erhielten fast keine Bezahlung, sondern nur freie Unterkunft und Verpflegung. Die meisten verbüßten Strafen von ein bis fünf Jahren. Häufig wurde ihnen bei guter Führung die Hälfte der Strafe erlassen ...

Solche Absetzungen geschahen oft in unglaublich verantwor­tungsloser Weise. Hier sei ein Abschnitt aus der Zeitung >Der Magnitogorsker Arbeiter< vom 21. Dezember 1937 wiedergege­ben, klein gedruckt auf der vierten Seite des Blattes zu finden:

 

Das Parteikomitee von Magnitogorsk tagte am 16. und 17. De­zember. Der Parteisekretär von Tscheljabinsk, Genosse Ogurt­sow, und der Leiter der NKWD-Abteilung für den Distrikt Tscheljabinsk, Genosse Tschistow, waren anwesend.

Die Versammlung beschloß, den Sekretär Berman zu verab­schieden und ihm die Mitgliedschaft im Komitee sowie im Büro des Stadtkomitees abzuerkennen, weil er im Kampf gegen die Feinde des Volkes nicht genügend Tatkraft an den Tag legte.

Die Versammlung beschloß weiter, folgende Personen ihrer Funktionen zu entheben: Larin, Gaineman, Kaligortsew, Golt­sew und Jefanow.

Das Büro des Stadtkomitees beschloß, Larin auch seiner Funktion als Sekretär der Stalin-Parteiabteilung zu entheben und ihn aus der Partei auszuschließen wegen Zusammenarbeit mit den Feinden des Volkes.

Die Versammlung beschloß, den Genossen K. M. Iwanow damit zu beauftragen, bis auf weiteres als Sekretär des Stadtko­mitees zu fungieren.

 

Auf diese Weise wurde innerhalb von zwei Tagen die ganze Parteileitung in Magnitogorsk ausgewechselt. In der Hauptsa­che wurde das von dem Distriktschef des NKWD und dem Parteisekretär des Distrikts in einer geschlossenen Sitzung durchgeführt. Die meisten der Abgesetzten wurden später ver­haftet.

... [Schädlingsarbeit kam] jedoch unbestreitbar an anderen

Stellen in Magnitogorsk vor. Ein Beispiel: Zwei Gasbehälter aus Deutschland, von denen der größere 100000 Kubikmeter um­faßte, wurden von deutschen Spezialisten aufgestellt. Die Ge­samtkosten beliefen sich auf 2'/2 Millionen Goldrubel. Die Be­hälter waren 1934 fertig, standen aber 1940 noch immer unbe­nutzt da.

Nachdem die deutsche Firma das Geld erhalten hatte und die Montagearbeiten fast vollendet waren, kam jemand auf den Einfall, zu fragen, ob die große Kälte in Magnitogorsk wohl Schwierigkeiten bei der Anwendung der Behälter verursachen würde. Die Frage wurde an den für die Arbeiten verantwortli­chen deutschen Ingenieur gestellt. Er antwortete offen, daß die Behälter bis zu fünfzehn Grad Kälte sicher funktionieren wür­den. Aber fast in jedem Winter sinkt die Temperatur in Magni­togorsk bis unter vierzig Grad. Bei solcher Temperatur verdichtet sich der Wasserdampf im Gas an den Innenseiten der dün­nen Stahlwände, und es bildet sich eine Eisschicht, die den Be­hälter zusammenstürzen läßt ...

Das Untersuchungsergebnis des NKWD in dieser Angele­genheit wurde nicht veröffentlicht. Nicht einmal diese Organi­sation mit all ihrer Erfahrung und ihren Talenten konnte ver­mutlich die Verantwortlichen feststellen. Die deutsche Firma hatte die Bestellung entgegengenommen, ihr Geld erhalten und die Arbeit nach den Bestimmungen des Kontrakts ausgeführt. Die meisten Sowjetorganisationen, die damit zu tun hatten, wie zum Beispiel »Maschinoimport«, existierten nicht mehr oder waren in andere Kommissariate übergeführt worden, und es war unmöglich, die Personen ausfindig zu machen oder jetzt noch zu bestrafen, die den Kontrakt unterzeichnet hatten ...

Viele Personen, die in Magnitogorsk verhaftet und aus politi­schen Gründen verurteilt wurden, waren in Wirklichkeit Diebe, Betrüger und Schurken und würden in allen anderen Ländern als solche behandelt werden. Das politische Etikett sollte ledig­lich Propaganda- und Erziehungszwecken dienen.

Der Chef derjenigen Bauorganisation, die Einfamilienhäuser zu bauen hatte, war mit seinem Gehalt von 1000 Rubel im Monat und seiner Zweizimmerwohnung nicht zufrieden. Er baute daher ein Haus für sich selbst. Die Arbeit ging während des ganzen Jahres 1930 vor sich. Als er einzog, möblierte er fünf große Zimmer mit Seidentapeten und schaffte sich ein Klavier und viele andere Luxusgegenstände an. Er begann auch, im Auto herumzufahren, obwohl bekannt war, dass seine Organisation über kein Auto verfügte. Zu jener Zeit erfüllte die Organisation nur etwa sechzig Prozent des berechneten Arbeits­quantums. Als er in Zeitungen und Versammlungen gefragt wurde, wie es käme, daß der Plan nicht genau eingehalten werde, erklärte er die Verzögerungen mit Mangel an Baumaterial und geeigneten Arbeitern sowie mit Transportschwierigkeiten.

Das NKWD untersuchte die Sache und stellte fest, daß der Direktor systematisch Staatsgelder veruntreut hatte, daß er sein eigenes Haus mit Holz gebaut hatte, das nach dem Plan für andere Gebäude verwendet werden sollte, und daß er Baumate­rial an die staatliche Landwirtschaftsorganisation und andere Stellen verkauft und den Erlös in die eigene Tasche gesteckt hatte. Einige seiner Untergebenen bekamen regelmäßig pro Monat bestimmte Summen, damit sie schweigen sollten. Es fand eine öffentliche Untersuchung statt, die einige Tage die gesamte Ortspresse beschäftigte. Die wichtigsten Äußerungen wurden sogar im Radio bekanntgegeben. Der Angeklagte wur­de aber nicht wegen Diebstahls, Bestechung oder Unterschla­gung belangt, sondern wegen - Sabotage ...

In einigen Abteilungen, darunter bei den Hochöfen, traten nach Beginn der großen Reinigung langandauernde Produk­tionsverminderungen ein. Im Herbst 1936 hatte sich die durchschnittliche tägliche Eisenproduktion auf 1200 bis 1300 Tonnen per Ofen belaufen. Gegen Ende 1937 betrug sie etwa 1 100 Ton­nen per Ofen, und bis Januar 1940 war sie, soweit das aus fragmentarischen Berichten zu ersehen ist, unter 1000 Tonnen gesunken.

Während der Reinigung zitterten ständig die Knie der Hun­derttausende von Bürokraten. Beamte und Vorgesetzte, die sonst etwa um zehn Uhr morgens am Arbeitsplatz erschienen und um halb vier Uhr schon wieder gingen, die für alle Klagen, Schwierigkeiten und Mißstände nur immer ein Achselzucken übrig gehabt hatten, waren nun vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit an ihren Plätzen. Sie waren ängstlich, wenn in dem Unternehmen etwas mißlang, und freuten sich über jeden Erfolg. Sie gaben sich ernstlich Mühe, daß die vorge­sehenen Mengen erzeugt wurden und daß der Betrieb rentabel arbeitete; sie achteten auch auf das Wohlbefinden der dort Täti­gen - etwas, was sie vorher nicht im geringsten interessiert hatte.

Auf der anderen Seite übten die ständig vorkommenden nächtlichen Verhaftungen, die Angst und Unruhe und der Terror, der von einer Organisation verübt wurde, die tun konnte, was sie wollte, und die ihrerseits nicht verklagt werden konnte, auf einen großen Teil der Bevölkerung ihre Wirkung aus. Die Leute lasen mit höhnischem Lächeln oder auch stöhnend Stalins Parole: »Das Leben ist angenehmer geworden, das Leben ist freudevoller geworden.« ..

Viele Menschen reagierten, indem sie jede Verantwortung wie die Pest scheuten ...

Andere wurden ungeheuer erbittert und wütend. Es wird er­zählt, daß eines Tages mehrere hundert Frauen zum NKWD-­Haus in Swerdlowsk mit Kleider- und Eßpaketen für ihre ver­hafteten Männer kamen. Nachdem sie draußen mehrere Stun­den gewartet hatten, daß sich ein Funktionär zeigen solle, wur­de ihnen kurzerhand gesagt, heute würden keine Pakete entge­gengenommen. Viele dieser enttäuschten Frauen hatten kleine Kinder auf dem Arm; andere hatten das Risiko auf sich genom­men, den Arbeitsplatz zu verlieren, weil sie weggegangen wa­ren, um ihrem Mann etwas Zucker und Kleider zu bringen. Nun verloren sie die Ruhe. Eine Frau fing an zu schimpfen. Eine andere Frau wurde gegen ein Fenster gestoßen. Innerhalb fünf Minuten waren alle Fensterscheiben in der untersten Etage des Hauses eingeschlagen. Die Behörden konnten keine Anstif­terin herausfinden, um diese zu verhaften. Sie konnten aber auch nicht fünfhundert Frauen ins Gefängnis stecken, zumal das Gefängnis schon überfüllt war.

Ereignisse dieser Art, mehr oder weniger gefährlichen Cha­rakters, traten in allen Teilen der Sowjetunion ein, und Berichte darüber kamen vermutlich in der einen oder anderen Form auch Stalin und anderen Regierungsmitgliedern zu Ohren. Es waren Warnungssignale, daß die Reinigung, wenn sie zu weit getrie­ben wurde, schicksalsschwere Folgen haben konnte, besonders wenn es zum Krieg kommen sollte. Das war ein schwerwiegen­der Faktor und Ende 1938 und Anfang 1939 wurden neue Richtlinien für die Innenpolitik aufgestellt .. .