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Die »Sozialistische Stadt« von Magnitogorsk

Aus John Scotts Erinnerungen, 1936/37 (aus John Scott: ‚Jenseits des Ural, S. 249-259)

 

... Die Sozialistische Stadt, die später in Kirowdistrikt umge­tauft wurde, weil sie den Leuten keineswegs als Muster einer sozialistischen Stadt vorgeführt werden konnte, bestand aus etwa fünfzig großen Mietshäusern mit drei, vier oder auch fünf Etagen und je fünfundsiebzig bis zweihundert Zimmern. Die Häuser waren aus Ziegeln und Stein gebaut und in verschie­denen Farben angestrichen, so daß sie sich im Winter außer­ordentlich hübsch gegen den weißen Schnee abhoben. Sie stan­den in langen Reihen, gleich Militärbaracken, und waren alle nach demselben Muster gebaut - wie auf die Kante gestellte Streichholzschachteln. Das Blechdach war rot oder blau, und alle Häuser hatten Balkons. Die Straßen dazwischen waren breit und hatten Bürgersteige, an denen entlang Bäume ge­pflanzt waren. Mitten in der Stadt waren zwei offene Plätze mit Springbrunnen, Bänken, Spielplätzen für die Kinder, Blumen­beeten hinter einem grau gestrichenen Eisengitter und Anpflan­zungen, die in zehn Jahren einmal Schatten spendende Bäume werden sollten ...

Besonders im Sommer war der Kirowdistrikt sehr anspre­chend. Die Springbrunnen plätscherten, und unzählige kleine Kinder plantschten im Wasser und spielten überall in Badeho­sen, so daß die Sonne und der Wind an ihre braungebrannten Körper herankommen konnten. Auf den Wegen drängten sich Arbeiter jeden Alters, um frische Luft zu schnappen. Auf den Bänken saßen Männer und Frauen, junge und alte, und lasen und unterhielten sich. Gesänge, Orchester, Radio und Gram­mophone erfüllten die Luft mit Musik. Ich erinnere mich be­sonders eines Singklubs, des Klubs der ukrainischen Hausfrau­en, der unter lebhaftem Beifall der Umherstehenden an den Abenden auf den Plätzen zu singen pflegte. Oft stimmten einer oder auch mehrere der Zuhörer mit ein. Arbeiter hatten zuwei­len Gitarren oder Balalaikas mit auf der Straße, und man konnte sich einbilden, in einer italienischen Stadt zu sein. Man sah nicht viel von der so oft behaupteten russischen Gewohnheit, sich an großen Mengen Wodka zu betrinken, einem Trank, der einen starken Mann mit einem Schlag besinnungslos machen kann, als ob er eins mit dem Hammer auf den Kopf bekommen hätte. Betrunkene wurden sofort von der Miliz fortgeführt; sie durf­ten sich nicht herumtreiben oder auf der Straße liegen.

Während wir so umherspazierten, bemühte ich mich, alles zu erzählen, was ich vom Kirowdistrikt als Wohnquartier wußte. Ein großer Fehler war, daß er so übervölkert war. 1937 hatte eine Person nicht mehr als 3,34 Kubikmeter Raum. Vier oder fünf Menschen lebten in ein und demselben Zimmer. Die Rus­sen waren indes daran gewöhnt, eng zusammen zu leben, und man klagte weit weniger hierüber, als das in irgendeinem ande­ren Land der Fall gewesen wäre.

... Die Zuteilung der Wohnungen war eine sehr komplizierte Prozedur. Alle Bauten gehörten dem Betrieb und nicht den Behörden. Die Betriebsleitung überließ jeder Fabrik und Abtei­lung eine gewisse Anzahl Wohnungen und Räume. Die Miete war je nach der Lohnhöhe gestaffelt und betrug im allgemeinen zwischen zwei und zehn Rubel pro Monat und Quadratmeter. Wir bezahlten ungefähr achtzig Rubel im Monat. Alle Häuser im Kirowdistrikt hatten elektrisches licht, Zentralheizung und fließendes Wasser. Das Essen wurde in der Regel auf Koksofen gekocht, wenn auch elektrische Herde immer mehr in Anwen­dung kamen, da ein Kilowatt nicht mehr als zwölf Kopeken kostete.

Auch die Möbel in den Wohnungen gehörten ursprünglich der Fabrikleitung. Für die Benutzung der Möbel hatten die Bewohner der Häuser pro Jahr fünf Prozent des geschätzten Wertes der Möbel zu bezahlen. Wenn sie jedoch abgenutzt wa­ren oder verschwanden, so ersetzten die Mieter die Möbel meist selbst, so daß die Arbeiter mit der Zeit Besitzer eigener Möbel wurden. Die Möbel waren einfach und durchweg aus Holz.

Im Anfang waren alle Wohnungen mit Badewannen verse­hen, die aber allmählich verschwanden oder für andere Zwecke, zum Beispiel für die Aufbewahrung der Kohlenvorräte, benutzt wurden. Die meisten Mieter badeten in den zahlreich vorhande­nen kommunalen Badehäusern ...

Es gab eine Anzahl Kinderkrippen, die Kinder von ein paar Wochen bis zu drei Jahren aufnahmen, sowohl am Tage wie in der Nacht, je nachdem, wie das für die Mutter am besten war; manchmal konnte ein Kind auch Tag und Nacht beziehungs­weise ganze vierundzwanzig Stunden dort bleiben. Die Krippen standen unter der Aufsicht der städtischen Behörden und beka­men einen großen Zuschuß sowohl von der Stadt wie von der Fabrik. Die Eltern zahlten pro Kind und Monat zwischen fünf­zehn und fünfzig Rubel. Die Gebäude waren in der Regel hell und sauber, und die Behandlung der Kinder war gut. Aber es gab zwei bedauerliche Umstände, die ein bedenkliches Hinder­nis bildeten, daß die Krippen eine wirkliche Wohltat waren.

Erstens gab es nicht genug Krippen. Um jeder Mutter, die das wünschte, das Kind abzunehmen, hätte man eine viel größere räumliche Ausdehnung benötigt sowie mindestens zehnmal so viel Personal und Einrichtungsgegenstände ...

Zum anderen gab es in den überfüllten Krippen ständig Epi­demien der üblichen Kinderkrankheiten, wie Masern, Diphtherie oder Scharlach. Diese griffen mit unglaublicher Schnelligkeit um sich und forderten unter den Kleinen eine bedeutende An­zahl Opfer.

Wenn die Kinder drei oder vier Jahre alt waren, kamen sie in den Kindergarten oder die Spielschule ...

Mit sieben Jahren kamen die Kinder in die Schule, und nun rechnete man damit, daß die Eltern sich außerhalb der Schulzeit selbst mit den Kindern beschäftigen würden. In einzelnen Fäl­len, wo die Eltern als nicht kompetent angesehen wurden, wur­den die Kinder in »Kinderheime« aufgenommen. 1935 und 1936 stieg die Zahl der Schulen von 34 auf 45. Die neueren Schulen waren gutgelegene, ausgezeichnet eingerichtete Gebäude aus ar­miertem Beton mit vortrefflichen Beleuchtungsanlagen. Man baute indes nicht nur neue Schulen, man erweiterte auch die alten, so daß schließlich in sämtlichen Klassen etwa dreißigtau­send Kinder auf einmal sein konnten, während man früher schichtweise, manchmal in drei Schichten am Tag, unterrichten mußte.

Die zehnjährige »Mittelschule« entspricht vielleicht ungefähr der deutschen Realschule mit Grundschule und Gymnasium ... Die Schüler, die sich mit einem Eifer und Fleiß ihren Studien widmeten, der sich vorteilhaft von der Situation in den meisten anderen Ländern unterschied, lernten sehr viel und verließen die Schule nach zehn Jahren mit Kenntnissen, die eine gute Grundlage für eine weitere Ausbildung, speziell auch auf rein wissenschaftlichem Gebiet, bildeten. Bis zum Jahre 1940 wurde kein Schulgeld erhoben. Von da ah wurden hundert Rubel pro Termin oder zweihundert Rubel im Jahr von der siebten Schul­klasse an verlangt.

Die Organisation und Disziplin in den Schulen hatte gerade­zu preußischen Charakter. Die Kinder hatten herzlich wenig mitzubestimmen, was gelesen und gelernt werden sollte. Die vielen Experimente der ersten Jahre nach der Revolution wur­den fast sämtlich verworfen. Das geschah deshalb, weil die So­wjetunion Ingenieure, Chemiker, Buchhalter und Lehrer brauchte und diese Berufe eine systematische gründliche Schu­lung auf ganz bestimmten Gebieten erforderten ...

Für Kinder, die nicht die ganze Mittelschule absolvierten, sondern lieber schnell einen Beruf finden wollten, gab es zwei Hauptfachschulen ... [Sie] nahmen Schüler auf, die mindestens dreizehn Jahre alt waren und sechs Klassen der Mittelschule hinter sich hatten ... Mit vollendetem fünfzehntem Lebensjahr hatten die Schüler oder Schülerinnen die Hälfte des sechsstün­digen Arbeitstages in einer Fabrikabteilung bei praktischer Ar­beit zuzubringen, während die andere Hälfte den theoretischen Studien gewidmet war. Mit achtzehn Jahren waren die Jungen und Mädchen den Erwachsenen gleichgestellt. Die eine dieser Schulen war der Schulbehörde unterstellt, die andere der Perso­nalabteilung der Industrieanlage. Die Schüler bekamen zwi­schen 30 und 80 Rubel im Monat. Beide Schulen hatten Werk­stätten, Schweiß-, Schmiede- und Gießereianlagen und Hobel­bänke.

Unter den Schülern dieser beiden Institutionen befanden sich viele, die den nationalen Minderheiten in Rußland angehörten: Tataren, Kirgisen und so weiter ...

Wenn ein Schüler die zehnjährige Mittelschule durchgemacht oder eigene Studien betrieben hatte, so daß er ein Examen able­gen konnte, durfte er - mit siebzehn oder achtzehn Jahren -um Aufnahme in eine höhere Ausbildungsanstalt ansuchen. Magni­togorsk selbst hatte eine höhere Ingenieurschule mit Abteilun­gen für das Baufach, den Erzbergbau und werkstattechnische Arbeiten, eine medizinische Hochschule, ein Pädagogium, spe­zielle Anstalten für Krankenschwestern, Milizleute und andere, sowie eine Fliegerschule und verschiedene militärische Kurse, die von der Osoawiachim (Vereinigung für chemische Verteidi­gung und Flugwesen) organisiert wurden ...

Viele der Studenten in Magnitogorsk waren erwachsene Män­ner und Frauen, die am Tage Schichtarbeit in der Fabrik ver­richteten. Von der ersten Stunde an, als Magnitogorsk angelegt wurde, organisierten die Gewerkschaften einen Unterricht für solche Erwachsene, die weder lesen noch schreiben konnten. 1937 waren mehr als zehntausend Erwachsene an diesem Un­terricht beteiligt. In der Presse wurde aber darüber geklagt, daß diese zehntausend nur etwa die Hälfte der Analphabeten in Magnitogorsk seien. Der Unterricht wurde meist von Studen­ten der dortigen Hochschulen erteilt. Diese hatten die schwieri­ge Aufgabe, Männern und Frauen, die über vierzig Jahre alt waren, Lesen und Schreiben und zuweilen auch Rechnen beizu­bringen.

Um den Fabriken die notwendigen qualifizierten Arbeits­kräfte zuzuführen, wurden während der ganzen dreißiger Jahre besondere Fachschulen errichtet ...