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W. B. Bland

 

Der Fall Rjutin, 1930-37

 

 

Bericht der marxistisch-leninistischen Forschungsabteilung, Bericht Nr. 10,

26, Cambridge Road, Ilford/UK

 

 

Die Rjutin-Plattform, 1930

 

Im August 1930 verbreiteten Oppositionskreise

 

" ... eine 200-Seiten-umfassende Abhandlung, welche die Position der gegen

Stalin gerichteten rechten Opposition wiedergab und die in Parteikreisen als

'Rjutin-Plattform' bekannt wurde."

(Robert C. Tucker, 'Stalin an der Macht. Die Revolution von oben, 1928-41',

London 1990, S. 211).

 

Obwohl das Dokument den Namen von Martemjan Rjutin* trägt, der zu jener Zeit

 

" ... Sekretär des Kreiskomitees Rote Presse der Moskauer Partei und Mit-

glied der Redaktion von 'Krasnaja Swesda' (Roter Stern) und Kandidat des Zen-

tralkomitees war", ...

(Dimitri Wolkogonow, 'Stalin. Triumph und Tragödie', London 1991, S. 205).

 

... gaben Angeklagte während des Moskauer Hochverratsprozesses 1938 zu, dass dies

nur gemacht wurde, um die eigentliche Urheberschaft der Führung der Opposition zu

verbergen:

 

"Rykow: Die Plattform wurde nach Rjutin benannt, weil sie von Anhängern der

Rechten veröffentlicht wurde, der Rjutin-Gruppe, von Uglanows* Moskauer Or-

ganisation.

Im Verlaufe der Untersuchungen, die im Zusammenhang mit dieser Plattform

durchgeführt wurden, übernahm diese Gruppe die gesammte Verantwortung

dafür. Dies war vorher so vereinbart worden, so dass wir nicht für die Plattform

verantwortlich gemacht werden konnten. Uns gelang dies dank der Tatsache,

dass Jagoda* an der Spitze der OGPU stand."

(Bericht der Gerichtsverhandlung im Fall des antisowjetischen 'Blocks der Rech-

ten und Trotzkisten', Moskau 1938, hiernach zitiert als: 'Bericht 1938', S. 163).

 

"Bucharin: Sie wurde aus Gründen der Geheimhaltung 'Rjutin-Plattform' genannt,

... um das rechte Zentrum zu verbergen sowie seine Führerschaft. ...

 

... Die Rjutin-Plattform, ... die Plattform der rechten konterrevolutionären Organi-

sation, war vielleicht sogar schon die gemeinsame Plattform der anderen Gruppen,

einschließlich der von Kamenjew*, Sinowjew* und der trotzkistischen Gruppierun-

gen."

('Bericht 1938', ebenda, S. 388f).

 

In der Rjutin-Plattform hieß es:

 

"Der rechte Flügel hat auf ökonomischem Gebiet Recht gehabt und Trotzki in

seiner Kritik an dem System in der Partei."

(Martemjan Rjutin: Die Rjutin-Plattform, in: Anton Ciliga, 'Das russische Rätsel"',

London 1940, S. 279).

 

Sie

 

" ... forderte die sofortige Wiederaufnahme (in die Partei - Verf.) all jener, die aus-

geschlossen worden waren, einschließlich Trotzki."

(Martemjan Rjutin: Die Rjutin-Plattform, in: Robert Conquest, 'Der große Terror. Eine

Neubewertung', London 1990, hiernach zitiert als 'Robert Conquest, 1990', S. 24).

 

und sie bezeichnete Stalin als

 

" ... den bösen Geist der Revolution, der, getrieben von einem persönlichen Verlan-

gen nach Macht und Rache, die Revolution an den Rand des Ruins brachte."

(Martemjan Rjutin. Die Rjutin-Plattform, in: Boris I. Nikolajewski, 'Macht und sowjeti-

sche Elite. Der Brief eines alten Bolschewisten und andere Aufsätze', New York

1965, S. 11).

Im Dezember 1930

 

" ... schloss das Präsidium der Zentralen Kontrollkommission der Allunions-Kommu-

nistischen Partei (Bolschewiki) ... Rjutin aus der Partei wegen 'Doppelzüngigkeit' und

'Diskreditierung der Parteiführung' aus."

(Arkady Vaksberg, 'Der Ankläger und sein Opfer. Wyschinski und die Moskauer

Schauprozesse der 30iger Jahre', London 1990, S. 56).

 

Die erste Verhaftung Rjutins, 1931

 

Im Januar 1931

 

" ...wurde ... Rjutin verhaftet" ..

('Robert Conquest, 1990', ebenda, S. 24).

 

..und beschuldigt,

 

" ... eine konterrevolutionäre Gruppe organisiert und antisowjetische Propaganda

betrieben zu haben", ..

(Arkady Vaksberg, ebenda, S. 57).

 

..aber

 

"... aufgrund einer Resolution der OPGU-Leitung (OPGU = Objedinjonnoje gossu-

darstwennoje politischeskoje uprawlenije - Vereinigte Staatliche Politische Verwal-

tung - sowjetischer Sicherheitsdienst, damals unter der revisionistisch-konterrevo-

lutionären Führung von Genrich G. Jagoda, der im März 1938 wegen Hochverrats

zum Tode verurteilt wurde - Übers.)vom 17. Januar 1931 wurde Rjutin wegen Man-

gels an Beweisen für die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe' wieder freigesprochen."

(Ebenda, S. 56f).

 

..und

 

" ... sogar mit einer Verwarnung wieder in die Partei aufgenommen."

(Robert Conquest, 'Stalin - Zerstörer der Nationen', London 1991, hiernach zitiert als

'Robert Conquest, 1991', S. 161).

 

Das Rjutin-Manifest, 1932

 

Im Juni 1932

 

" ... schrieben Rjutin und eine Gruppe von unteren Parteimitgliedern einen 'Appell an

alle Mitglieder der Allunions-kommunistischen Partei (Bolschewiki)' im Namen einer

'Allunions-Konferenz der Union von Marxisten-Leninisten'."

('Robert Conquest, 1990', ebenda, S. 24).

 

Dieses 14-seitige Dokument, das unter dem Namen

 

" ... Rjutins 'Manifest' "..

(Arkady Vaksberg, ebenda, S. 332).

 

bekannt wurde, behauptete, dass

 

" ... Gesetzlosigkeit, Willkürherrschaft und Gewalt, ständige Drohungen über dem

Haupt eines jeden Arbeiters und Bauern schweben. ... Wissenschaft, Literatur und

Kunst sind auf das Niveau niedriger Mägde und Stützen für Stalins Führung redu-

ziert und der Kampf gegen den Opportunismus ist erniedrigt, karikiert und als Waf-

fe der Verleumdung und des Terrors gegen unabhängig denkende Parteimitglieder

benutzt worden. Die in den Statuten niedergelegten Rechte der Partei wurden von

einem winzigen Haufen von prinzipienlosen Intriganten unter Beschlag genommen."

(Martemjan Rjutin, in: Arkady Vaksberg, S. 56).

 

In ihr wird behauptet, dass

 

" ... es für proletarische Revolutionäre schmachvoll und schändlich ist, Stalins Joch,

die Willkürherrschaft und die Verhöhnung der Partei und der arbeitenden Massen

noch länger zu erdulden. ...

Stalin und seine Clique zerstören die Sache des Kommunismus und Stalins Führ-

ung muss so schnell wie möglich ein Ende bereitet werden."

(Martemjan Rjutin, in: Arkady Vaksberg, S. 58).

 

Das Rjutin-Manifest war also

 

" ... im Wesentlichen eine Erklärung, die zum Sturz Stalins und seiner Clique auf-

rief."

(Arkadiy Vaksberg, ebenda, S. 332).

 

In ihr hieß es, dass

 

" ... Stalin und seine Clique ihre Positionen nicht freiwillig aufgeben werden und

können, so dass sie mit Gewalt entfernt werden müssen ... so schnell wie mög-

lich."

(Martemjan Rjutin: Das Rjutin-Manifest, in: 'Robert Conquest, 1990', ebenda, S.

24).

 

Nur natürlich, dass

 

" ... Stalin den Appell als Aufruf zu seiner Ermordung verstand" ..

('Robert Conquest, 1990', ebenda).

 

..und die Angeklagten im Moskauer Hochverratsprozess gaben zu, dass das Rjutin-Mani-

fest den Übergang der Oppostion hin zur Taktik der gewaltsamen Konterrevolution und des

Terrorismus markierte. Nach Alexej Rykow* erkannte das Rjutin-Manifest

 

" ... Methoden der Gewalt zwecks Änderung der Führung der Partei und des Lan-

des, Terrorismus und Aufstände an", ..

(Alexej Rykow, Aussage vor dem Moskauer Hochverratsprozess von 1938, in:

'Bericht 1938', ebenda, S. 163).

 

..und auch Nikolai Bucharin* bezeugte, dass das Rjutin-Manifest,

 

" ... den Übergang zur Taktik des gewaltsamen Umsturzes verzeichnete" ..

(Nikolai Bucharin, ebenda, S. 390).

 

..und dass sein Kernpunkt

 

" ... eine 'Palastrevolte', der Terrorismus war."

(Ebenda, S. 390).

 

Die zweite Verhaftung Rjutins, 1932

 

Auf einer gemeinsamen Sitzung des Zentralkomitees und der Zentralen Kontrollkommis-

sion der KPdSU im September/Oktober 1932 wurde die Rjutin-Gruppe (einschließlich Ugla-

now)

 

" ... aus der Partei ausgeschlossen" ..

(Robert C. Tucker, ebenda, S. 211).

" ... als Entartete, die zu Feinden des Kommunismus und der Sowjetregierung ge-

worden sind, als Verräter an der Partei und der Arbeiterklasse, die unter der Flag-

ge eines falschen 'Marxismus-Leninismus' versucht haben, eine bürgerlich-kulaki-

sche Organisation für die Restauration des Kapitalismus und besonders des Kula-

kentums in der UdSSR aufzubauen."

(Resolution der Gemeinsamen Sitzung des ZK und der ZKK der KPdSU, Septem-

ber/Oktober 1932, in: 'Robert Conquest, 1990', ebenda, S. 26).

 

Die Mitglieder der Rjutin-Gruppe wurden daraufhin verhaftet und angeklagt wegen

 

" ... des Versuchs, eine 'konterrevolutionäre bürgerlich-kulakische Organisation',

dessen Zweck es war, den Kapitalismus in der UdSSR zu restaurieren, zu bilden."

(Michail Heller & Alexander Nekrich, 'Utopia an der Macht. Die Geschichte der Sow-

jetunion von 1917 bis zur Gegenwart', London 1986, S. 246).

 

Alle Angeklagten im Zusammenhang mit dem Fall Rjutin wurden für schuldig befunden

und

 

" ... zu Haftstrafen verurteilt."

(Adam B. Ulam, 'Stalin. Der Mann und seine Zeit', London 1989, S. 349).

 

Rjutin selbst

 

" ... kam mit einer zehnjährigen Haftstrafe davon."

(Robert C. Tucker, ebenda, S. 212).

 

"Rjutin bekam zehn Jahre."

(Dimitri Wolkogonow, ebenda, S. 206).

 

Rjutins dritter Prozess, 1937

 

Im Januar 1937, angesichts neuer Beweise, wurde Rjutin, der noch seine Haftstrafe

ableistete, erneut angeklagt, diesmal vor dem Militärtribunal des Obersten Sowjet, unter

dem schwereren Vorwurf des Landesverrats (Arkady Vaksberg, ebenda, S. 333).

 

Rjutin weigerte sich, sich zu seiner Verteidigung zu äußern:

 

"Den Prozessberichten zufolge 'erklärte der Angeklagte, dass er nicht den

Wunsch habe, auf die Fragen zu antworten oder zu sagen, ob er sich schul-

dig bekenne oder nicht und weigerte sich auch sonst, Aussagen zu den Vor-

würfen, die gegen ihn vorgebracht wurden, zu machen. Der Angeklagte er-

hielt das letzte Wort, sagte aber nichts."

(Arkady Vaksberg, ebenda, S. 333).

 

Er wurde für schuldig befunden und dieses Mal zum Tode verurteilt und

 

" ... hingerichtet."

(Robert C. Tucker, ebenda, S. 212).

 

 

Bibliografie

 

 

Ciliga, Anton: 'Das russische Rätsel', London 1940

Conquest, Robert: 'Stalin. Zerstörer der Nationen', London 1991

Ders.: 'Der große Terror. Eine Neueinschätzung', London 1991

Heller, Michail & Nekrich, Alexander: 'Utopie an der Macht. Die Geschichte der

Sowjetunion von 1917 bis zur Gegenwart', London 1986

Nikolajewski, Boris I.: 'Macht und sowjetische Elite: Der Brief eines alten Bolsche-

wisten und andere Aufsätze', New York 1965

Tucker, Robert C.: 'Stalin an der Macht. Die Revolution von oben, 1928-41', New York

1990

Ulam, Adam B.: 'Stalin. Der Mann und seine Zeit', London 1989

Vaksberg, Arkady: 'Der Ankläger und sein Opfer. Wyschinski und die Moskauer Schau-

prozesse', London 1990

Wolkogonow, Dimitri: 'Stalin. Triumph und Tragödie', London 1991

 

Report of Court Proceedings in the Case of the Anti-Soviet Trotskyite Centre,

Moscow 1937 (Prozessbericht zum Fall des antisowjetischen trotzkistischen

Zentrums)

Report of Court Proceedings in the Case of the Anti-Soviet Bloc of Rights and

Trotskyites, Moscow 1938 (Prozessbericht zum Fall des antisowjetischen

Blocks der Rechten und Trotzkisten)

 

 

Biografische Anmerkungen

 

 

Bucharin, Nikolai I., revisionistischer sowjetischer Journalist und Politiker, 1888-1938;

Redakteur der 'Prawda' 1918-29; Redakteur des 'Bolschewisten' 1924-29; Mit-

glied des Politbüros der KPdSU(B) 1924-29; Präsident der Kommunistischen

Internationale 1926-29; aus der Partei ausgeschlossen 1929; 1934 wieder auf-

genommen; Redakteur der 'Iswestija' 1934-37; 1937 verhaftet, angeklagt und

wegen Hochverrats 1938 für schuldig befunden; 1938 hingerichtet.

 

Jagoda, Genrich G., revisionistischer sowjetischer Politiker, 1981-1936; UdSSR

Volkskommissar für Inneres, 1934-36, 1937 verhaftet und 1938 wegen Hoch-

verrats angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet, 1938.

 

Kamenew, Lew B., revisionistischer sowjetischer Politiker, 1883-1936; Vorsitzender

des Moskauer Sowjets; Mitglied des Politbüros der RKP/KPdSU(B) 1919-25;

Botschafter der UdSSR in Italien 1926-27; 1927 aus der Partei ausgeschlos-

sen; 1928 wieder aufgenommen; erneut aus der Partei ausgeschlossen 1932;

1935 verhaftet; 1935 wegen 'geistiger Mittäterschaft' an der Ermordung von

Sergej Kirow angeklagt, für schuldig befunden und zu einer Haftstrafe verurteilt;

1936 wegen tatsächlicher Mittäterschaft bei der Ermordung von Sergej Kirow

angeklagt und für schuldig befunden sowie wegen Hochverrats verurteilt und zum

Tode verurteilt, 1936.

 

Rykow, Alexej I., revisionistischer sowjetischer Politker, 1881-1938; Vorsitzender des

Obersten Volkswirtschaftsrates 1918-27; Mitglied im Politbüro der KPdSU(B),

1922-30; Ministerpräsident der UdSSR 1924-29; Volkskommissar der UdSSR

für das Post- und Fernmeldewesen 1931-36; 1937 aus der Partei ausgeschlos-

sen und verhaftet; wegen Hochverrats angeklagt und für schuldig befunden; zum

Tode verurteilt und 1938 hingerichtet.

 

Rjutin, Martemjan, revisionstischer sowjetischer Ökonom, 1898-1937; Kreissekretär

der Partei in Irkutsk 1920-26; Kreissekretär der Partei bei der Roten Presse in

Moskau und Redakteur von 'Krasnaja Swesda' (Roter Stern) 1926-30; 1930 aus

der Partei ausgeschlossen; von konterrevolutionärer Aktivitäten freigesprochen

und wieder in die Partei aufgenommen, 1931; im gleichen Jahr verhaftet; ver-

öffentlichte das 'Rjutin Manifest' für die Opposition 1932; erneut aus der Partei

ausgeschlossen 1932; verhaftet, angeklagt und wegen konterrevolutionärer Akti-

vitäten für schuldig befunden und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, 1932; er-

neut angeklagt und wegen Hochverrats für schuldig befunden und zum Tode ver-

urteilt und hingerichtet, 1937.

 

Sinowjew, Grigori J., revisionstischer sowjetischer Politiker, 1883-1936; Präsident

der Kommunistischen Internationale, 1919-1926; Mitglied des Politbüros der

RKP/KPdSU(B) 1919-26; 1927 aus der Partei ausgeschlossen, 1928 wieder

zugelassen; 1932 erneut ausgeschlossen; 1933 in die Partei aufgenommen;

1934 erneut ausgeschlossen; 1935 verhaftet; wegen 'geistiger Mittäterschaft'

an der Ermordung von Sergej Kirow angeklagt und für schuldig befunden; we-

gen tatsächlicher Mittäterschaft an der Ermordung von Kirow angeklagt und

für schuldig befunden sowie wegen Hochverrats für schuldig gefunden und zum

Tode verurteilt; 1938 hingerichtet.

Uglanow, Nikolai A., revisionistischer sowjetischer Politiker, 1886-1940; Sekretär des

Parteikomitees von Nischni Nowgorod, 1922-28; Volkskommissar der UdSSR

für Arbeit, 1928-30; aus der Partei wegen Mittäterschaft im Fall Rjutin ausge-

schlossen, 1934; wieder zugelassen 1934; 1936 erneut aus der Partei ausge-

schlossen, angeklagt und wegen konterrevolutionärer Aktivitäten für schuldig

befunden, zu einer Haftstrafe verurteilt, 1936; starb im Gefängnis 1940.