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Sozialistischer Wettbewerb der Stahlschmelzer im Herbst 1936

Ein Bericht des Schmelzers M. N. Mazaj aus der Fabrik Il'ic in Mariupol'

 

... Es kam der 14. Oktober - ein denkwürdiger Tag in meinem Leben.

An diesem Tag ging unsere Brigade 20 Minuten vor dem Si­gnal zur Schicht. Wir hielten eine kurze Zusammenkunft ab und entschieden, daß alle Bedingungen gegeben seien, uni eine bis dahin ungekannte Produktivität zu erreichen. Die Prüfung des Ofens dauerte nicht lange - alles war in Ordnung. Die Schmelze durfte nicht länger als zwei Stunden im Ofen bleiben.

Um neun Uhr morgens ließen wir die Schmelze der vorigen Schicht heraus. Noch einmal besprach sich die ganze Brigade. An der Zusammenkunft nahm Borovlev teil. Wir beschlos­sen, in eben dieser Schicht noch eine Schmelze zu kochen. Mei­ne Helfer Parchomenko und Samojlov und die Mokrickaja, die während des Kochens die Schmelze regelmäßig abzudecken hatte (krysecnica), arbeiteten mit großer Begeisterung. Jeder Befehl wurde augenblicklich ausgeführt. Wir erreichten eine fast ideale Koordination und Disziplin.

Wir kochten die Schmelze sechs Stunden und 50 Minuten, die Abnahme ergab 13,4 Tonnen Stahl von einem Quadratmeter Heizfläche des Ofens.

Mein Wunschtraum ging somit in Erfüllung: Wir erzeugten Tag für Tag einen höheren Ausstoß. Bis zum 20. Oktober er­reichten wir einen mittleren Ausstoß von 9,7 Tonnen. Die neue Methode bewährte sich voll und ganz. Es wurde klar, daß das Aggregat noch Reserven hatte, die wir auch noch ausnützen wollten.

Erfolge beflügeln. Ich faßte Mut und stellte mir die Aufgabe, als Norm bei meiner Arbeit zwölf Tonnen Stahl pro Quadrat­meter Heizfläche zu erzielen. Mit diesem Aufruf wandte ich mich über das Zentralorgan unserer Partei - die Zeitung >Prav­da< - an alle Stahlschmelzer der Sowjetunion. In dem Brief, der im Oktober 1936 in der >Pravda< abgedruckt wurde, sprach ich über die grundlegenden technischen Maßnahmen, die wir durchgeführt hatten. Der Brief endete mit folgenden Worten: »Ich, der Schmelzer Mazaj, und meine Genossen rufen alle Schmelzer des Sowjetlandes dazu auf, mit uns für die Dauer von zwei Dekaden um die größte Abnahme von Stahl pro Quadrat­meter in Wettbewerb zu treten. Die Frist des Wettbewerbs läuft vom 25. Oktober bis zum 15. November. Wer liefert mehr Stahl? Wer erreicht in dieser Zeit die höchste Abnahme von Stahl pro Quadratmeter Heizfläche des Ofens? Wessen Lohn wird höher sein?

Genossen Stahlschmelzer, tretet mit uns in den sozialistischen Wettbewerb ein. Für zusätzliche tausend Tonnen Stahl für das Land. Als Schiedsrichter hei dein Wettbewerb schlagen wir die Zeitung >Pravda< vor. Mit Ungeduld erwarten wir, liebe Genos­sen Schmelzer, eure telefonische Antwort unter der Adresse: >Mariupol', Fabrik II'ic. An den Schmelzer Mazaj und seine Genossen<. Mit Freude nehmen wir die Herausforderung der tüchtigsten Stahlschmelzer an. Wir verpflichten uns, die Ehre unserer Fabrik, den hohen Rang des sowjetischen Schmelzers nach Kräften zu fördern und in diesem Wettbewerb zu siegen. M. Mazaj«

 

... Auf meinen Brief ... erhielt ich viele Antworten.

Als erster nahm der Schmelzer des Ofens Nr. 1 der ersten Martin-Zeche unserer Fabrik, der Kommunist Bugaev, meine Herausforderung an. In seiner Antwort schrieb er: »Den hohen Rang des sowjetischen Stahlschmelzers will ich als Kommunist in diesem Wettbewerb bestätigen.« ...

Die 20 Tage des Wettbewerbs wurden zu Tagen der revolu­tionären Erschütterung der Grundlagen der Martin-Produk­tion'. Schiedsrichter des Wettbewerbs wurde faktisch Sergo Ordzonikidze. Damals kannte ich ihn noch nicht persönlich, aber die Wärme seiner Sorge um uns fühlten wir jeden Tag. Sergo Ordionikidze schlug mir vor, ihm ständig nach Beendi­gung der Arbeit telefonisch die Ergebnisse der Schmelze mitzu­teilen. Ich erinnere mich noch an mein erstes Gespräch mit Sergo. In schäbiger Arbeitskleidung, aufgeregt und freudestrah­lend, kam ich sofort nach der Schmelze ins Kabinett des Direk­tors ...

»Genosse Mazaj, Sie werden gleich mit Moskau sprechen.« Der Direktor drückte mir den Telefonhörer in die Hand. Ich horchte. Es summte darin, ab und zu ertönte darin so etwas wie ein Pfeifen, und dann hörte ich eine Stimme: »Ist dort Genosse Mazaj? Komsomolze? Wie läuft bei Ihnen der Wettbewerb?«

Die Verständigung war schlecht, und ich begriff nicht sofort, daß Sergo Ordionikidze mit mir sprach. Nach einer Minute wurde die Verständigung besser, die Nebengeräusche hörten auf, und dieses Mal hörte ich es schon klar: »Hier spricht Ord­ionikidze. Sind Sie Mazaj? Komsomolze? Was macht die Ar­beit? Wie steht der Wettbewerb? Was macht Ihre Brigade? Wie hilft Ihnen die Direktion?«

Ich berichtete Sergo über unsere ersten Erfolge, teilte ihm die Zusammensetzung der Brigade mit, berichtete, daß man mich gut unterstützt. Mit der letzten Antwort war Ordionikidze nicht zufrieden.

»Sagen Sie mir über die Direktion alles, wie es wirklich ist. Sie genieren sich wahrscheinlich zu sprechen, weil der Direktor danebensitzt. Beachten Sie das nicht - sprechen Sie! Sagen Sie alles!«

Dann fragte er mich, wie ich lebe, ob ich nach der Arbeit ausruhe.

Jedesmal, wenn Ordionikidze mich anrief, ging ich zitternd ans Telefon. Niemals vergaß Sergo, nach meiner Gesundheit, meinem Befinden zu fragen ...

Einmal beendeten wir die Schmelze vor dem Morgen. Um fünf Uhr morgens ging ich nach Hause, aber nach einer Stunde oder anderthalb klopfte ein Fabrikbote hei mir: Sergo ließ mich ans Telefon rufen.

Seine ersten Worte waren: »Warum haben Sie nicht angeru­fen? Wir haben uns hier schon Sorgen gemacht.«

Ich war so verblüfft, daß ich nicht wußte, was ich ihm ant­worten sollte. Etwas undeutlich sagte ich ihm, daß wir ihn nicht belästigen wollten, in der Annahme, daß er schon schla­fe. Sergo antwortete mir lachend: »Es war umgekehrt. Ich er­wartete deinen Anruf, deshalb habe ich mich nicht schlafen gelegt.«

Nach der Mitteilung, daß ich auch diesmal mehr als zwölf Tonnen pro Quadratmeter Heizfläche erzielt hatte, gratulierte er mir noch einmal, aber dann fügte er hinzu: »Behalte deine Geheimnisse nur nicht für dich, gib deine Erfahrungen den anderen Schmelzern weiter, unterrichte alle Schmelzer, wie man

arbeiten muß. Wenn du den Wettbewerb beendet hast, fährst du nach Moskau.«

Am Vorabend des 19. Jahrestages des Oktober rechneten wir die Ergebnisse des Wettbewerbs in den Fabriken des Donhass für die ersten zehn Tage zusammen. 46 Schmelzer aus sieben Fabriken des Donbass übertrafen die neu festgesetzten techni­schen Normen für die Ausnützung der Ofen. Von diesen 46 waren mehr als die Hälfte Arbeiter der Fabrik Il'ic. Unsere Fabrik behielt die Initiative fest in der Hand.

Der Wettbewerb wurde fortgesetzt ...