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V. Chernousov, Letter to TsK VKP (b) on removal of Ezhov, December 10, 1938/W. Tschernossow, Brief an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Bolschewiki, über die Entfernung Jeschows, 10. Dezember 1938

 

Originalquelle:

RTsKhIDNI, fond 17, opis 120, delo 298, II. 90-91, beglaubigte, maschinenschriftliche Kopie.

 

Aus:

Lewis Siegelbaum und Andrej Sokolow, 'Stalinism as a Way of Life, a narrative in documents', New Haven: Yale University Press, 2000

 

 

Translation into German/Übersetzung ins Deutsche

 

Tschernossow schreibt nach der Absetzung Jeschows als Chef des NKWD Folgendes an das ZK der KPdSU, B:

 

 

Werte Genossen!

 

Als einfacher Bürger der UdSSR kann ich nicht umhin, etwas zur Entfernung Jeschows aus der Führung des NKWD zu sagen - ein Ereignis von nicht geringer Bedeutung.

 

Obwohl er das Amt erhielt, um Verräter zu entlarven und das Land von feindlichen Elementen zu säubern, richtete er selbst so viel Schaden an wie alle diese Verräter zusammengenommen.

 

Zusammen mit Elementen, die der sowjetischen Ordnung feindlich gegenüberstanden, wurden Hunderttausende absolut unschuldiger, ehrlicher Menschen, von denen einige der Sowjetmacht ergeben waren, verhaftet und verbannt. Ja mehr noch: Es gibt heute praktisch keine einzige Familie im Land, aus der sich niemand im Gefängnis befindet. Das führte zu einer Situation, wo das ganze Land gegen die Sowjetmacht gestimmt ist. Es sind im Laufe der Zeit unvorstellbare Grausamkeiten verübt worden. Leute sind unter schwersten Folterungen gezwungen worden, 'Verbrechen' zu gestehen, die sie nie begangen hatten. Eine Frau wird verhaftet, nur weil ihr Mann sich im Gefängnis befindet. Kinder sind ihrem Schicksal überlassen worden. Keiner der Verwandten der ins Lager Geschickten hat Informationen über sie.

 

Das führt dazu, dass es einen krassen Widerspruch gibt zwischen dem, was in der Verfassung gesagt wird, und dem brutalen, willkürlichen Verhalten, das im Land vorherrscht.

 

Nicht nur dass wir extrem niedrige Löhne haben oder dass es an Grundnahrungsmitteln fehlt - hinzu kommt, dass niemand sicher sein kann, morgen nicht im Gefängnis zu landen. Fällt es, nach dem was passiert ist, schwer sich vorzustellen, was für eine Einstellung bei den Massen vorherrscht? Und diese Einstellung wurde von Jeschow erzeugt. Vor zwei oder drei Jahren war das noch anders.

 

Bei all den zehn- und hunderttausenden Menschen übersah Jeschow die wirklichen Spione und Saboteure. Die Feuer und Explosionen in den Fabriken sind nicht weniger geworden, und zweifellos werden sie von Saboteuren angezettelt. Es ist naiv anzunehmen, dass das Land völlig von ihnen gesäubert worden ist. Aber Jeschow hat seine Agenten darauf spezialisiert, unschuldige Menschen aus ihren Betten zu holen und dabei vergessen, wie man echte Saboteure fängt. Im Gegenteil: Sie werden sogar ungehindert ins Land gelassen. Der Fall des Piloten Lindbergh ist da sehr bezeichnend. Als Runciman einen Bericht von Prag nach London schickte, wusste Hitler, was drinstand. So arbeitet die Gestapo. Aber wenn ein waschechter Spion und Feind von uns vorhat, sich in unser Land einzuschleichen, dann sitzen wir nur da und drehen Däumchen und wissen dann nicht, was er hineinbringt.

 

Wir möchten wirklich für die Zukunft hoffen, dass mit der Entfernung Jeschows aus dem NKWD sich auch die Arbeit der Organisation verändert. Wir möchten hoffen, dass Jeschows Fehler ausgemerzt und berichtigt werden, dass das NKWD anfängt, richtig die feindlichen Elemente der Sowjetmacht zu bekämpfen und dass ehrliche Arbeiter die Garantie haben werden, normale und ruhige Arbeitsbedingungen zu haben.

 

W. Tschernossow

Odessa

10. Dezember 1938