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W. B. Bland

Der sowjetisch-finnische Krieg (1939-40)

 

Einführung

Nachdem die sowjetischen Grenzregionen im westlichen Teil von Weißrussland und der

Westukraine sicherer gemacht worden waren und nachdem sie in den baltischen Staaten

Estland, Lettland und Litauen defensive Stützpunkte erworben hatten, wandten die sow-

jetischen Marxisten-Leninisten ihre Aufmerksamkeit der Verwundbarkeit ihrer Grenze mit

Finnland zu.

Finnland, das 600 Jahre lang eine schwedische Provinz gewesen war, wurde im Jahre

1808 dem russischen Zaren als Großherzogtum vermacht. Nach der Russischen Revolution

vom November 1917 erklärte Finnland am 6. Dezember 1917 seine Unabhängigkeit und

wurde am 2. Januar 1918 von Sowjetrussland anerkannt.

Nach der Niederschlagung der Finnischen Revolution von 1918 durch eine 'weiße' Armee

unter der Führung von Baron Carl Mannerheim mit Hilfe deutscher Truppen, unterstützte

die neue rechtsgerichtete finnische Regierung aktiv die Interventionsarmeen, die die junge

sowjetische Republik angriffen:

"Während des Russischen Bürgerkriegs unterstützte die neue finnische Regier-

ung aktiv die westlichen Länder in ihrem Bemühen, das bolschewistische Regime

zu liquidieren. Es kam sogar vor, dass sie antibolschewistische Operationen von

ihrem Territorium aus duldete."

(A. Read & D. Fisher: 'Die tödliche Umarmung: Hitler, Stalin und der Nazi-Sowjet-

Pakt, 1939-1941', London 1951', S. 372ff).

Die Feindseligkeit der finnischen Regierung gegenüber der Sowjetunion hatte sich seit

Mannerheim der Londoner 'Times' 1919 mitteilte, dass Finnlands historische Mission da-

rin bestehe, den Bolschewismus aus Leningrad zu vertreiben, nicht wesentlich geändert:

"Ich bemühte mich ganz bewusst und wissentlich darum, die Grundlagen unserer

künftigen Beziehungen zu Russland durch militärische Aktionen zu legen, die

zum Ziel die Befreiung der ehemaligen Hauptstadt Russlands sowie eines Terri-

toriums hatten, das groß genug sein würde, um die Existenz einer stabilen russi-

schen Regierung mit einer gesunden Einstellung zu ermöglichen, um so die Ge-

fahr des Bolschewismus von unseren Grenzen zu beseitigen."

(C. Mannerheim in: 'Times', 7. Oktober 1919, S. 9).

Im Oktober 1939 bezeichnete der Sonderkorrespondent der 'Daily Mail' in Helsinki, Ralph

Hewins, Mannerheim immer noch als

" ... den ungekrönten König von Finnland."

('Daily Mail', 17. Oktober 1939, S. 2).

Im Jahre 1918 hatte die 'Times' auf die Bedrohung Sowjetrusslands durch die strategische

Lage Finnlands aufmerksam gemacht:

"Wenn wir uns die Karte ansehen, werden wir feststellen, dass der beste Zugang

nach Petrograd vom baltischen Meer aus besteht und dass der kürzeste und ein-

fachste Weg durch Finnland verläuft, dessen Grenzen sich nur 30 Meilen von der

russischen Hauptstadt entfernt befinden. Finnland ist der Schlüssel nach Petro-

grad und Petrograd ist der Schlüssel nach Moskau."

('Times', 17. April 1919, S. 14).

Am 14. Oktober unterzeichnete die sowjetische Regierung mit Finnland den Vertrag von

Tartu. Aufgrund ihrer Schwäche musste sie Bedingungen hinnehmen, die ihre Sicherheits-

lage nur noch verschlechterten:

"Der Vertrag von Tartu war vom sowjetischen Standpunkt aus gesehen höchst un-

befriedigend; aber die Sowjets waren nicht in der Lage, die finnischen Forderungen

abzuweisen. Zwei seiner wichtigsten Bestimmungen waren die Legalisierung der

finnischen Inbesitznahme der Stadt und des Gebiets von Petsamo mit den wert-

vollen Nickelvorkommen ... sowie die Verlegung der russisch-finnischen Grenze

weiter südlich zur karelischen Landenge, womit sie auf 18 Meilen an Petrograd

heranrückte."

(A. Read & D. Fisher: Ebenda, S. 374).

Auf dem 6. Kongress der Kommunistischen Internationale im Jahre 1928 wies der finni-

sche Delegierte Jrjo Sirola auf die Gefahr hin, dass Finnland von der einen oder anderen

Großmacht als Basis für einen Angriff gegen die Sowjetunion genutzt werden könnte:

"Genossen,

das kleine Finnland spielt bei den Kriegsvorbereitungen der Imperialisten gegen

die Sowjetunion eine wichtige Rolle. Seine Grenze ist nur 40 Kilometer von Lenin-

grad entfernt. ...

Dass sich Finnland an England orientiert, ist allgemein bekannt. Beträchtliche

Summen britischen Kapitals sind in Finnland angelegt worden. England hat sich

unmittelbar am Umbau der finnischen Armee und seiner Marine beteiligt. ...

Ununterbrochen wird in den finnischen Zeitungen böswillig gehetzt (gegen die

Sowjetunion - Verf.)."

(J. F. Sirola: Rede zur Diskussion über die Kriegsgefahr, 6. Kongress der Kommu-

nistischen Internationale, in: 'Internationale Pressemitteilungen', Band 8, Nr. 61,

11. September 1928, S. 1081).

Ein ähnlich bedrohliches Bild zeichnete der sowjetische Marxist-Leninist Andrej Schda-

now auf dem 8. Sowjetkongress vom 29. November 1936:

"Wenn in einigen dieser kleineren Länder - z.B. in Finnland - die Gefühle der

Feindschaft gegenüber der UdSSR von größeren und Abenteuern zuneigenden

Ländern angefacht und Vorbereitungen getroffen werden, um ihr Territorium

für aggressive Handlungen faschistischer Mächte verfügbar zu machen, dann

sind es auf lange Sicht diese kleinen Länder, die allein das Nachsehen haben

werden."

(A. Shdanow: Rede auf dem 8. Sowjetkongress, in: J. Degras, Hrsg.: 'Sowjeti-

sche Dokumente zur Außenpolitik', Band 3, London 1953, S. 226).

Fred Singleton weist in seiner 'Kleinen Geschichte Finnlands' darauf hin, dass

"Die sowjetischen Führer die Befürchtungen aller russischen Führer seit der

Zeit Peter des Großen geteilt haben, dass nämlich eine feindlich gesinnte

Macht Finnland als Stützpunkt für einen Angriff auf Leningrad benutzen könn-

te. Im 18. Jahrhundert war Schweden der mögliche Feind. In den 30iger Jahren

des 20. Jahrhunderts ging die Bedrohung von Deutschland aus."

(F. Singleton: 'Kleine Geschichte Finnlands', Cambridge 1989, S. 128).

1939, als die Sowjetunion zu einer Großmacht geworden war und als durch den deutsch-

sowjetischen Nichtangriffspakt die Bedrohung durch einen deutschen Angriff zeitweilig ge-

bannt schien, ging die sowjetische Regierung daran, die gefährliche Lage für ihre Sicherheit,

die sich aus dem Vertrag von Tartu ergeben hatte, zu bereinigen.


Die sowjetisch-finnischen Verhandlungen, 1939


Am 8. Oktober 1939 wurde in Helsinki bekanntgegeben, dass die finnische Regierung

die Einladung der Sowjetregierung, einen Sonderbeauftragten nach Moskau zu schicken,

angenommen hatte, um dort

"Fragen politischer und wirtschaftlicher Natur"

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 3, Bristol 1939, S. 3773).

zu diskutieren.

Die Regierung ernannte Juho Paasikivi, den damaligen finnischen Vertreter in Schwe-

den, zu ihrem Sonderbeauftragten.

Am 9. Oktober 1939, bevor Poasihivi nach Moskau abreiste, übergab ihm Präsident

Kyositi Kallio die Anweisungen für die Verhandlungen, die von Außenminister Eljas Erkko

entworfen worden waren:

"Falls die Sowjetunion Vorschläge macht, was die Einrichtung von sowjetischen

Militärbasen auf dem finnischen Festland oder auf den Aaland Inseln angeht,

so sollten diese Vorschläge zurückgewiesen und jede Diskussion darüber ab-

gelehnt werden. Das gleich gilt für Vorschläge, die Frage von Grenzkorrekturen

auf der karelischen Landenge betreffend. ... .

Falls die Sowjetunion den Vorschlag nach Abschluss eines Vertrages zum ge-

genseitigen Beistand macht ..., dann sollte darauf hingewiesen werden, dass

ein solcher Vertrag mit Finnlands Neutralitätspolitik nicht vereinbar ist."

('Die Entwicklung der finnisch-sowjetischen Beziehungen im Jahre 1939', Helsinki

1940, S. 47, 49).

Dazu Leonard Lundin:

"Auf der finnischen Seite schien es wenig Flexibilität zu geben. ...

Die nach Moskau geschickten Unterhändler genossen fast keinerlei Manövrier-

freiheit. Sie waren an strikte Anweisungen gebunden, darüber, was sie sagen

durften oder was sie nicht sagen durften."

(C. L. Lundin: 'Finnland im Zweiten Weltkrieg', Bloomington, USA, 1957, S. 53, 55).

Am 11. Oktober, kurz bevor Paasikivi in Moskau ankam, schickte US-Präsident Franklyn

D. Roosevelt dem sowjetischen Präsidenten Michail Kalinin ein persönliches Schreiben, in

dem er die Hoffnung zum Ausdruck bringt, dass

" ... die Sowjetunion Finnland gegenüber keine Forderungen erhebt, die der Auf-

rechterhaltung und Entwicklung freundschaftlicher und friedlicher Beziehungen

zwischen den beiden Ländern und der Unabhängigkeit eines jedes einzelnen ent-

gegenstehen."

(F. D. Roosevelt: Brief an M. I. Kalinin, zitiert nach: 'Die Entwicklung der finnisch-

sowjetischen Beziehungen im Jahre 1939', ebenda, S. 97).

Kalinin antwortete am 12. Oktober:

"Ich meine, ich sollte Sie daran erinnern, Herr Präsident, dass die Unabhängig-

keit der Finnischen Republik als Staat am 31. Dezember 1917 durch die sowje-

tische Regierung umgehend vorgenommen wurde und dass die Souveränität Finn-

lands durch den Friedensvertrag zwischen der RSFSR und Finnland, der am 14.

Oktober 1920 unterzeichnet wurde, garantiert wird. Die obenerwähnten Maßnah-

men seitens der sowjetischen Regierung bildeten die Grundlage für die Beziehun-

gen zwischen der Sowjetunion und Finnland. In Übereinstimmung mit diesen

grundlegenden Prinzipien werden die gegenwärtigen Verhandlungen zwischen

der sowjetischen Regierung und der finnischen Regierung geführt. Ungeachtet

der einseitigen Sichtweise jener, denen offensichtlich nicht der Frieden in Euro-

pa am Herzen liegt, besteht das einzige Ziel dieser Verhandlungen darin, enge

Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Finnland herzustellen und die freund-

schaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern zu vertiefen, um die

Sicherheit der Sowjetunion und Finnlands zu gewährleisten."

(M. I. Kalinin: Brief an F. D. Roosevelt, in: 'Die Entwicklung der finnisch-sowjeti-

schen Beziehungen im Jahre 1939', ebenda).

Die erste Verhandlungsrunde:

Paasikivi kommt am 12. Oktober 1939 in Moskau an, wo die Verhandlungen im Bei-

sein von Stalin und Molotow beginnen. Stalin nimmt an allen drei Verhandlungsrunden teil.

"Die Wichtigkeit, die sie (die sowjetischen Führer - Verf.) den Verhandlungen

beimaßen, ist aus der Tatsache ersichtlich, dass Stalin an allen drei Runden

teilnahm."

(C. L. Lundin: Ebenda, S. 52).

Die wichtigsten sowjetischen Ziele in den Verhandlungen kamen in dem Paasikivi

von Stalin und Molotow am 14. Oktober überreichten Memorandum zum Ausdruck:

"Der Sowjetunion kommt es bei den Verhandlungen hauptsächlich auf die

Regelung von zwei Fragen an:

a) die Garantie der Sicherheit Leningrads;

b) die Erlangung der Gewissheit, dass Finnland mit der Sowjetunion stabile

und freundschaftliche Beziehungen beibehalten wird.

Um diese Anliegen zu verwirklichen, ist es notwendig, dass

1.es möglich sein wird, die Öffnung des Golfes von Finnland durch Artillerie-

feuer von beiden Küsten des Golfes von Finnland zu blockieren, um zu ver-

hindern, dass Kriegs- und Transportschiffe des Feindes in den Golf von Finn-

land eindringen können;

2.es ermöglicht wird, dem Feind den Zugang zu solchen Inseln im Golf von Finn-

land zu verwehren, die westlich und nordwestlich vom Eingang nach Leningrad

gelegen sind;

3.die finnische Grenze in der karelischen Landenge, die zur Zeit 32 km von

Leningrad entfernt verläuft, d.h. sich in der Reichweite von Langstrecken-Ar-

tillerieffeuer befindet, etwas weiter nach Norden und Nordwesten verrückt wird."

('Die Entwicklung der finnisch-sowjetischen Beziehungen im Jahre 1939', ebd., S. 49f).

Um sich zu vergewissern, dass Finnland 'stabile, freundschaftliche Beziehungen' mit

der Sowjetunion aufrechterhalten würde, schlugen die sowjetischen Vertreter vor, einen

sowjetisch-finnischen Vertrag zum Gegenseitigen Beistand abzuschließen. Ihren Anwei-

sungen entsprechend, lehnte die finnische Delegation sofort diesen Vorschlag ab:

"Die finnischen Vertreter gaben zu Verstehen, dass sie strikt gegen den Ab-

schluss eines Vertrages für Gegenseitige Hilfe seien."

(V. Tanner: 'Der Winterkrieg: Finnland gegen Russland, 1939-1940', Stanford,

USA, 1957, S. 25).

Daraufhin zogen die sowjetischen Vertreter diesen Vorschlag zurück.

Um die Punkte 1. und 2. zu verwirklichen, schlug die sowjetische Regierung vor, dass

Finnland der Sowjetunion den Hafen von Hanko und das benachbarte Territorium zur

Pacht überlassen und ihr gestatten solle, dort eine sowjetische Garnison zum Schutz

ihres Marinestützpunkts unterzubringen.

Der gesamte Umfang des Territoriums, das für diese Zwecke verlangt wurde und um

Punkt 3 zu verwirklichen, belief sich auf 2.761 Quadratkilometer, wofür die Sowjetunion

als Gegenleistung Finnland ein Gebiet von 5.529 Quadratkilometer zu überlassen bereit

war - mehr als das Doppelte des Territoriums.

Stalin erklärte Paasikivi, dass das Motiv für den sowjetischen Vorschlag rein defensiver

Natur sei:

"Wir können beide nichts dafür, dass die geografischen Gegebenheiten nun

einmal so sind wie sie sind. Wir müssen in der Lage sein, den Zugang zum Golf

von Finnland zu blockieren. ...

Wenn sich erst einmal eine feindliche Flotte im Golf befindet, kann er nicht mehr

verteidigt werden.

Sie fragen, welche Mächte uns angreifen könnten. England oder Deutschland. Wir

haben jetzt gute Beziehungen zu Deutschland, aber alles in dieser Welt kann sich

ändern.

Judenich griff über den Golf von Finnland an ('weißer' General während des Bürger-

krieges nach der Revolution - Übers.) und später taten es ihm die Briten gleich.

Dies kann sich wiederholen. Wenn Sie Vorbehalte haben, uns Stützpunkte auf

dem Festland einzuräumen, könnten wir um den Hals von Hanko einen Kanal graben. ...

Wir ersuchen Sie, die Entfernung von Leningrad bis zu der Linie (zur Grenze - Üb.)

auf 70 km zu verlängern. Das ist eine Minimalforderung und Sie dürfen nicht glau-

ben, dass wir von dieser Forderung schrittweise abrücken werden. Wir können Le-

ningrad nicht versetzen; also muss die Linie versetzt werden. ... Wir verlangen 2.700

Quadratkilometer und bieten als Gegenleistung mehr als 5.500 an."

(V. Tanner: Ebenda, S. 27f).

Der Kern der sowjetischen Forderung wurde von Lundin treffend zusammengefasst:

"Die sowjetischen Führer waren entschlossen, in erster Linie zwei Dinge zu tun:

Sie wollten, dass die Grenze auf der Karelischen Landenge um eine gewisse Ent-

fernung von ihrem nächsten Punkt zu Leningrad zurückverlegt werden sollte. ...

Sie hatten auch die Absicht, an der finnischen Küste an der Mündung zum Golf

einen Marinestützpunkt einzurichten, gegenüber den neu erworbenen Basen in

Estland, so dass jedes feindliche Schiff, das den Golf von Finnland herauffuhr,

sich einem Kreuzfeuer aussetzen musste."

(C. Lundin: Ebenda, S. 51f).

Am 14. Oktober bot Paasikivi an,

"sich über diejenigen Inseln zu verständigen, die in der unmittelbaren Nähe zur

sowjetischen Küste lagen."

(Ebenda, S. 26).

Jedoch war

"dieses Angebot eine solche Nichtigkeit, dass es sich nicht lohnte, darüber zu

verhandeln."

(Ebenda).

Die zweite Verhandlungsrunde:

Am 19. Oktober kehrte Paasikivi nach Moskau zurück, dieses Mal in Begleitung von

Vaino Tanner, der kurz darauf Außenminister werden sollte. Die Verhandlungen wurden

am 23. Oktober wieder aufgenommen.

Am 23. Oktober überreichten Paasikivi und Tanner Stalin und Molotow ihre Antwort:

"Was den Hafen von Hanko und das angrenzende Gebiet sowie die Bucht von

Lappohja betrifft, ist die finnische Regierung gehalten, auf Finnlands staatlicher

Integrität zu bestehen."

('Die Entwicklung der finnisch-sowjetischen Beziehungen ...', ebenda, S. 53).

Am 26. Oktober schrieb Tanner an den schwedischen Premierminister Per Hansson und

fragte ihn:

"Gibt es irgendeine Möglichkeit, dass Schweden ... sich in diese Angelegenheit

einschaltet, indem es Finnland wirkungsvollen militärischen Beistand leistet?"

(V. Tanner: Ebenda, S. 47).

... worauf Hansson am 27. Oktober antwortete:

"Sie können nicht von einer solchen Möglichkeit ausgehen."

(Ebenda, S. 48).

Paasikivi und Tanner kehrten am 26. Oktober nach Helsinki zurück.

Die dritte Verhandlungsrunde:

Am 31. Oktober hielt Molotow eine wichtige Rede vor dem Obersten Sowjet der UdSSR,

in der er sagte:

"Unsere Vorschläge für die Verhandlungen mit Finnland sind bescheiden und

sie beschränken sich auf das Minimum, jenseits dessen es unmöglich wird, die

Sicherheit der Sowjetunion zu gewährleisten."

('Die Entwicklung der finnisch-sowjetischen Beziehungen ...', ebenda, S. 57).

Paasikivi und Tanner kehrten am 2. November ein letztes Mal nach Moskau zurück,

um an der dritten Verhandlungsrunde teilzunehmen.

Am 1. November, während sich die beiden auf dem Wege dorthin befanden, hielt der

finnische Außenminister Eljas Erkko in Helsinki eine Rede und sagte:

"Finnland kann keinem Übereinkommen zustimmen, das seine Unabhängig-

keit sowie seine Möglichkeiten zur Selbstverteidigung beeinträchtigt. .. Es sind

die Großmächte, die Kriege anzetteln."

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 3, Bristol 1939, S. 3.782).

Am 3. November kritisierte die 'Prawda' Erkkos Rede als

"nichts anderes als einen Aufruf zum Krieg gegen die Sowjetunion."

(Ebenda).

Am 3. November, während der dritten Runde der sowjetisch-finnischen Gespräche,

überreichte die finnische Delegation Molotow die Antwort ihrer Regierung:

"Die Regierung Finnlands sieht sich gehalten, ihre Haltung, die sie von Anfang

an bezüglich der Frage der Verpachtung des Hafens von Hanko und des um-

liegenden Gebietes an die Regierung der Sowjetunion sowie der Zurverfügung-

stellung der Bucht von Lappohja als Ankerplatz für die Marinestreitkräfte der

UdSSR eingenommen hat, zu unterstreichen."

('Die Entwicklung der finnisch-sowjetischen Beziehungen ...', ebenda, S. 62).

Jedoch war Paasikivi für die Suche nach einem Kompromiss mit der sowjetischen Re-

gierung, indem er ihr einen Stützpunkt weiter im Westen anbot.

"Paasikivi war dann bereit vorzuschlagen, dass der Sowjetunion ein Stützpunkt

im Westen angeboten werden sollte, wobei er in diesem Zusammenhang an die

Abtretung von Jussaro dachte."

(V. Tanner, ebenda, S. 44).

Nach einer Unterbrechung wegen des Jahrestags der Russischen Revolution von 1917

wurden die Verhandlungen am 8. November wieder aufgenommen. An diesem Tag erhielt

die Delegation weitere Anweisungen aus Helsinki:

"Hanko steht nicht zur Debatte. ... Das gleich gilt im Hinblick auf den Alternativ-

vorschlag der Sowjetunion bezüglich der Inseln in der Nähe von Hanko. Die Er-

wähnung von Jussaro ist in jedem Fall zu unterlassen."

(Ebenda, S. 73).

An dieser Stelle machte Stalin ein wichtiges Zugeständnis: Er schlug vor, dass, wenn

die Finnen darauf bestünden, dass Hanko nicht Gegenstand der Verhandlungen sein

dürfe, dass dann eventuell einige andere kleinere Inseln in der Nähe verpachtet werden

könnten:

"Als wir erneut darauf hinwiesen, dass Hanko nicht zur Diskussion stünde, mach-

ten Stalin zu unserer großen Überraschung einen Alternativvorschlag - die Insel-

gruppe im Osten von Hanko."

(Ebenda, S. 67).

"Gegen Ende der Verhandlungen fragte Stalin, ob die Finnen bereit wären, drei

kleinere, in der Nähe gelegene Inseln abzutreten."

(C. L. Lundin: Ebenda, S. 53).

"Als er den Finger auf die Stelle der Karte von Südfinnland legte, fragte er: 'Brau-

chen Sie diese Inseln?'

Kleine, rote Kreise waren um die drei kleinen Inseln ..., die unmittelbar östlich

der Hanko-Halbinsel lagen, gezogen worden. Er war bereit, sich mit diesen zu-

friedenzugeben, falls es tatsächlich für Finnland nicht in Frage käme, sich von

Hanko zu trennen."

(N. Jakobson: 'Die Diplomatie des Winterkrieges. Eine Darstellung des russisch-

finnischen Krieges, 1939-1940', Cambridge, USA, 1961, S. 136).

Am 4. November telegrafierte die Delegation Stalins Vorschlag nach Helsinki:

"Wir fragten die Regierung, ob ... wir der Sowjetunion Jussaro im Westen an-

bieten könnten."

(V. Tanner: Ebenda, S. 68).

Die finnische Regierung fasste dieses Zugeständnis als ein Zeichen für die Aufweich-

ung der sowjetischen Verhandlungsposition auf:

"Erkko triumphierte. ... Stalin gab nach. Jetzt war es an der Zeit, unnachgiebig

zu bleiben."

(N. Jakobson: Ebenda, S. 137).

Obwohl selbst Mannerheim dafür war, Jussaro abzutreten, ..

"Mannerheim ... ließ durchblicken, dass er, wenn es sein müsse, dafür sei, den

Russen Jussaro anzubieten."

(C. L. Lundin: Ebenda, S. 54).

...telegrafierte die finnische Regierung am 8. November ihre letzten Anweisungen an ihre

Delegation, in denen es hieß:

"Hanko steht nicht zur Diskussion. ...Die gleiche Haltung wird gegenüber dem

Alternativvorschlag der Sowjetunion bezüglich der Inseln in der Nachbarschaft

von Hanko eingenommen. Die Erwähnung von Jussaro ist definitiv zu unterlassen."

(V. Tanner: Ebenda, S. 73).

So übergaben die finnischen Unterhändler am 9. November Molotow eine Note, in der

es hieß:

"Die finnische Regierung sieht keine Möglichkeit, den Vorschlag anzunehmen."

('Die Entwicklung der finnisch-sowjetischen Beziehungen ...', ebenda, S. 66).

"Unsere Kontrahenten stellten weiterhin ihre Forderungen, die Landenge betreffend.

Dennoch konnten wir hier keine Zugeständnisse unterbreiten, weil wir kein Recht

hatten, dies zu tun."

(V. Tanner: Ebenda, S. 76).

Dementsprechend

"konnten die finnischen Unterhändler auf dem nächsten und letzten Treffen mit

Stalin und Molotow auf Anfragen über ... die karelische Landenge nur noch mit

negativen Antworten reagieren."

(C. L. Lundin: Ebenda, S. 55).

In dem finnischen Bulletin hieß es dazu:

"Die Verhandlungen gerieten am 13. November in eine Sachgasse."

('Die Entwicklung der finnisch-sowjetischen Beziehungen ...', ebenda, S. 19).

Dazu Lundin:

"Letzten Endes war es Helsinki, das die Verantwortung für den Abbruch der Ver-

handlungen übernahm."

(C. L. Lundin: Ebenda, S. 55).

"Es war Tanner, der darauf hinwies, dass sie darüber übereinstimmten, dass sie

nicht übereinstimmten."

(N. Jakobson: Ebenda, S. 137).

Die finnische Delegation verließ Moskau das letzte Mal am 13. November.

Obwohl die Verhandlungen gescheitert waren, waren sie nach den eigenen Aussagen

Tanners in einer freundschaftlichen Atmossphäre geführt worden:

"Die sowjetischen Vertreter drängten nicht. ... Die Behandlung der finnischen Dele-

gation war nicht unfreundlich."

(C. L. Lundin: Ebenda, S. 52).

"Die Verabschiedung war beiderseits freundlich. Stalin sagte sogar: ' ... viel Glück!'

und Molotow: 'Bis wir uns wieder treffen!' "

(V. Tanner: Ebenda, S. 76).

Es zeigte sich, dass die Vorschläge der sowjetischen Regierung weder für Finnland eine

Bedrohung seiner Unabhängigkeit darstellten, noch auf territorialem Expansionsstreben be-

ruhten, sondern einzig den Zweck verfolgten, die Verteidigungsfähigkeit der Sowjetunion zu

erhöhen.

Die Ablehnung der sowjetischen Vorschläge durch die finnische Regierung und ihre kate-

gorische Zurückweisung des von Moskau vorgeschlagenen Kompromisses zeigten, dass

sie von einer oder mehreren fremden Mächten darin bestärkt wurde, sich an eine Grenze zu

klammern, die für die Sicherheit der Sowjetunion eine ernste Bedrohung darstellte.

Der finnische politische Kommentator Martti Turola gab zu:

"Es kann einfach nicht übersehen werden, dass Finnland vor dem Krieg eine gefähr-

lich aggressive Außenpolitik der Drohungen verfolgte."

(N. Turtola: 'Schuldig oder unschuldig? Herangehensweisen an den Zwischenkrieg

in Forschung und Memoiren', in: 'Jahrbuch der finnischen Außenpolitik, 1990', Hel-

sinki 1990, S. 45).

...und der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentropp schrieb im Dezember 1939,

dass der deutsche Geheimdienst davon überzeugt war, dass die Unnachgiebigkeit der finni-

schen Regierung bei ihren Verhandlungen mit der Sowjetunion auf die Rückenstärkung durch

eine Großmacht, nämlich Großbritannien, zurückzuführen war:

"Nach den Informationen, die wir haben, war England verantwortlich für das Schei-

tern der finnisch-russischen Verhandlungen im November."

(J. Sonntag & J. S. Beddle, Hrsg., 'Nazi-sowjetische Beziehungen', Washington

1948, S. 130).


Vorspiel zum Krieg, 1939


Der damaligen finnischen Regierung und der Beschwerde, die sie vor den Völkerbund

brachte, zufolge, habe die Sowjetunion am 30. November Finnland plötzlich und unprovo-

ziert überfallen.

Die bekannt gewordenen Tatsachen stützen jedoch nicht dieses Geschichte:

Am 6. Oktober 1939, an dem Tag, an dem Molotows Einladung in Helsinki eintraf,

"wurde der Hauptteil der regulären Armee angewiesen, ohne zu zögern im Voraus

festgelegte Stellungen in den Grenzregionen zu beziehen."

(M. Jakobson: Ebenda, S. 109).

Am 10. Oktober 1939, als Paasikivi sich noch auf seinem Weg nach Moskau befand, um

die Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung zu beginnen,

"ordnete das Innenministerium eine freiwillige Evakuierung der Städte an und Luft-

schutzübungen wurden in Helsinki abgehalten. Am 11. Oktober, an dem Tag, als

die finnische Delegation in der sowjetischen Hauptstadt ankam, beschloss die Re-

gierung, Reserveeinheiten zu 'Wiederholungskursen' einzuberufen, was auf eine

getarnte Mobilisierung hinauslief."

(Ebenda).

Am 14. Oktober, während der ersten der drei Verhandlungsrunden der sowjetisch-finni-

schen Gespräche wurde eine

"große Anzahl von Reservisten zu den Fahnen gerufen und am 14. Oktober wurde

berichtet, dass die Mobilisierung fast abgeschlossen sei. In Helsinki wurde die

Verdunklung angeordnet und ARP-Maßnahmen (Luftschutzübungen - Übers.) wur-

den in allen größeren Städten durchgeführt. Eine freiwillige Evakuierung von Zivi-

listen fand in Helsinki, Wupuri, Tampere, Turku und aus Gebieten statt, die an

der russisch-finnischen Grenze lagen. Präsident Kallio unterzeichnete am 15. Ok-

tober eine ganze Serie von Erlassen, ... einschließlich einen über die Einführung

der Wehrpflicht für Bürger zwischen 18 und 60 Jahren."

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 3, ebenda, S. 3.773).

Am 26. November überreichte der sowjetische Außenminister Molotow dem finnischen

Botschafter Baron Aarno Yrjo-Koskinen eine Note, in der es unmissverständlich hieß:

"Unsere auf der karelischen Landenge, in der Nähe des Dorfes Mainila stationier-

ten Truppen waren heute, am 26. November, um 3.45 Uhr, Ziel unerwarteten Artille-

riebeschusses von finnischem Territorium. Es wurden insgesamt sieben Kanonen-

schüsse abgefeuert, wodurch drei einfache Soldaten sowie ein Unteroffizier getötet

wurden. ... Die sowjetischen Truppen ... haben das Feuer nicht erwidert.

Die sowjetische Regierung sieht sich veranlasst zu erklären, dass die Konzentration

finnischer Truppen in der Nähe von Leningrad nicht nur eine Bedrohung für Lenin-,

grad, sondern tatsächlich einen unfreundlichen Akt gegenüber der UdSSR darstellt,

welcher bereits in einer Aggression gegenüber sowjetischen Truppen seinen Aus-

druck gefunden und Opfer gefordert hat. ...

Die Regierung der UdSSR hat nicht die Absicht, die Bedeutung dieser scheußli-

chen Tat über Gebühr herauszustellen, ...wünscht jedoch, dass Handlungen die-

ser scheußlichen Art in Zukunft nicht mehr begangen werden."

('Die Entwicklung der finnisch-sowjetischen Beziehungen ...', ebenda, S. 70f).

Deshalb schlug die sowjetische Regierung vor,

"dass die finnische Regierung unverzüglich ihre Truppen auf der karelischen Land-

enge 20-25 km von der Grenze abrücken sollte, um so jede Möglichkeit der Wie-

holung von provokatorischen Handlungen dieser Art auszuschließen."

(Ebenda, S. 71).

Am 27. November antwortete die finnische Regierung damit, dass sie bestritt, dass ihre

Truppen für den Zwischenfall, der Gegenstand der Beschwerde war, verantwortlich gewesen

seien und schlug vor, dass Gespräche über den beiderseitigen Abzug sowohl der finnischen

als auch der sowjetischen Truppen von der Grenze stattfinden sollten und dass eine gemein-

same Untersuchung des Vorfalls vorgenommen werden sollte:

"Es ist meine Pflicht, Ihren Protest zurückzuweisen und festzustellen, dass Finn-

land keinen feindseligen Akt gegenüber der Sowjetunion, wie Sie behaupten, be-

gangen hat.

Obwohl es keine konkreten Gründe gibt, die Truppen von der Grenzlinie, wie Sie

vorschlagen, zurückzuziehen, ist meine Regierung desungeachtet bereit, in Ge-

spräche einzutreten, mit dem Ziel, einen beiderseitigen Truppenrückzug auf eine

gewisse Distanz von der Grenze vorzunehmen. ...

Meine Regierung macht den Vorschlag, dass die Grenzbeauftragten der beiden

Länder auf der karelischen Landenge angewiesen werden sollten, eine gemeinsame

Untersuchung der Angelegenheit durchzuführen."

(Ebenda: S. 72f).

Am 28. November übergab Molotow dem finnischen Botschafter eine weitere Note, in der

es hieß, dass die Sowjetunion in Anbetracht des Verhaltens der finnischen Regierung den

Nichtangriffspakt zwischen den beiden Ländern aus dem Jahre 1932 für null und nichtig be-

trachte:

"Durch die Konzentration einer großen Anzahl von Truppen in der unmittelbaren

Nähe von Leningrad, wodurch dieses lebenswichtige Zentrum der UdSSR einer

direkten Bedrohung ausgesetzt wird, hat die finnische Regierung der UdSSR ge-

genüber einen mit dem Nichtangriffsvertrag zwischen den beiden Staaten nicht

zu vereinbarenden feindlichen Akt begangen. Die Weigerung der finnischen Re-

gierung, nach dem kriminellen Artilleriefeuer auf die sowjetischen Truppen ihre

Truppen auf eine Distanz von 20-25 km zurückzuziehen, zeigt, dass die finni-

sche Regierung nicht die Absicht hat, ihre feindselige Haltung gegenüber der

UdSSR aufzugeben. ... Daraus folgt, dass sich die Regierung der UdSSR ver-

pflichtet fühlt zu erklären, dass sie sich ab heute nicht mehr an die Verpflich-

tungen aus dem zwischen der UdSSR und Finnland abgeschlossenen Nichtan-

griffsvertrag gebunden fühlt."

(Ebenda, S. 74).

Am Tag darauf übergab Molotow Yrjo-Koskinen eine weitere Note, in der er sich da-

rüber beschwert, dass die finnischen Angriffe auf die sowjetischen Truppen anhielten

und dass demzufolge die diplomatischen Beziehungen mit Finnland abgebrochen wer-

den würden:

"Es ist bekannt, dass die Angriffe der finnischen Truppen auf sowjetische

Truppen anhalten - nicht nur auf der karelischen Landenge, sondern auch an

anderen Stellen der Grenze zwischen der UdSSR und Finnland. Die Regierung

der UdSSR kann eine solche Situation nicht länger hinnehmen. In Folge der

entstandenen Situation ... sieht sich die Regierung der UdSSR gezwungen,

ihre politischen und Handelsvertreter aus Finnland abzuziehen."

(Ebenda, S. 75).

Die oben angeführte Version der Ereignisse - dass die finnischen Streitkräfte die Grenz-

zwischenfälle provoziert haben - wurde später, im Februar 1945, vom britischen Premier-

minister Winston Churchill bestätigt:

"Der finnische Krieg begann folgendermaßen: ...Einige russische Grenzposten

wurden von den Finnen beschossen und getötet. ... Die Einheit der Grenzwachen

beschwerte sich bei den Truppen der Roten Armee. ... Moskau wurde um Anwei-

sungen ersucht. Diese enthielten den Befehl, das Feuer zu erwidern."

(W. S. Churchill: 'Der Zweite Weltkrieg', Band 6, 'Triumpf und Tragödie', London

1954, S. 317f).

Mehr als 25 Jahre nach Stalins Tod sind sich die meisten sowjetischen Quellen darüber

einig, dass der Krieg von den finnischen Streitkräften ausgelöst wurde: Die 'Große Sowje-

tische Enzyklopädie' aus dem Jahre 1980 beispielsweise stellt fest:

"Die finnischen Militaristen beschritten am 26. November den Weg der militäri-

schen Grenzprovokationen. ...

Am 29. November unternahmen die finnischen Truppen erneut provokatorische

Akte an der Grenze. Als Reaktion darauf begannen die Streitkräfte des Leningra-

der Militärdistrikts ... am Morgen des 30. November eine Offensive."

('Große Sowjetische Enzyklopädie', Band 24, New York 1980, S. 352).

Marschall Kirill Meretskow* bestätigt, dass es die Finnen waren, von denen die Feind-

seligkeiten ausgingen:

"Die verantwortungslosen Führer des bürgerlichen Finnland verstrickten ihr Volk

in ein gefährliches politisches Vabanguespiel. ... Die finnischen Führer fühlten

sich durch die Versprechen der imperialistischen Mächte, sie mit Truppen und

Ausrüstung zu unterstützen, ermutigt. ...

Die Moskauer Vorschläge wurden abgelehnt und unsere Grenzwachen bekamen

Antworten in Form von Schüssen. ...

Am 26. November (1939 - Verf.) erhielt ich eine eilige Mitteilung, dass die Finnen

das Feuer auf sowjetische Grenzwachen in der Nähe des Dorfes Mainila eröffnet

und vier Männer getötet und neun verwundet hätten. ... Es kamen Anweisungen,

einen Gegenschlag vorzubereiten. Mir wurde eine Woche Zeit dafür gegeben, tat-

sächlich aber waren es nur vier Tage, weil finnische Einheiten an verschiedenen

Stellen die Grenze überschritten und Saboteure hinter unsere Linien geschickt

hatten. ... Um 8 Uhr am 30. November begannen reguläre Einheiten der Roten

Armee mit Operationen, um die antisowjetischen Aktionen zurückzuschlagen

und der sowjetisch-finnische Krieg hatte damit begonnen."

(K. A. Meretskow: 'Dem Volk dienen', Moskau 1971, SS. 102f, 108f).

...und Marschall Nikolai Woronow kann bestätigen:

"Am 30. November brachen die Kämpfe aus, die von Weißen Finnen provoziert

worden waren."

(N. W. Woronow: 'An der karelischen Landenge', in: S. Bialer (VA): 'Stalin und

seine Generäle', Epping 1984, S. 132).

Als dann der Krieg erneut zwischen Finnland (dann als Verbündeter von Nazideutsch-

land) und der Sowjetunion 1941 ausbrach - ein Krieg, der offiziell und bezeichnenderwei-

se in Finnland als 'Fortsetzungskrieg' bezeichnet wurde - war es den meisten Beobach-

tern klar, dass finnische Behauptungen, die Sowjetunion habe den Konflikt vom Zaun ge-

brochen, falsch waren. ..


Die Moralität des Krieges von 1939-40


Marxisten-Leninisten behaupten, dass einige Kriege gerecht, während andere unge-

recht sind:

"Die Bolschewiki waren der Auffassung, dass es zwei Arten von Kriegen gibt:

a) Gerechte Kriege - Kriege, die keine Eroberungskriege sind, sondern Befrei-

ungskriege, die geführt werden, um Menschen vor Angriffen aus dem Ausland

und vor Versuchen zu beschützen, sie zu versklaven oder um Menschen von

kapitalistischer Sklaverei zu befreien oder um Kolonien und abhängige Länder

vom Joch des Imperialismus zu befreien; und

b) ungerechte Kriege, Eroberungskriege, die geführt werden, um andere Länder

und Nationen zu erobern."

('Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion', Moskau 1939, S. 167f).

Die Frage, welche Seite den ersten Schuss abgegeben hat, ist für Marxisten-Leninis-

ten, was die Bestimmung des Charakters eines Krieges angeht, ohne Bedeutung:

"Die Frage, welche Gruppe den ersten militärischen Schlag abgegeben hat,

ist im Hinblick auf die Festlegung der Taktik der Sozialisten belanglos."

(W. I. Lenin: Konferenz der Sektionen der RSDLP im Ausland, in: 'Gesammel-

te Werke', Band 5, London 1933, S. 132).

Die Frage, ob ein Krieg gerecht oder ungerecht ist, ist, so behaupten Marxisten-Leninis-

ten, durch die Auswirkungen des Krieges auf die geschichtliche Entwicklung der Gesell-

schaft hin zum Sozialismus objektiv zu entscheiden. Wenn er dieser Entwicklung förder-

lich ist, dann handelt es sich um einen gerechten Krieg; wenn er diese Entwicklung auf-

hält, dann handelt es sich um einen ungerechten Krieg:

"Wir Marxisten unterscheiden uns sowohl von Pazifisten als auch von Anarchis-

ten dadurch, dass wir die Notwendigkeit anerkennen, jeden einzelnen Krieg für

sich genommen vom Standpunkt des marxschen dialektischen Materialismus his-

torisch zu analysieren. Es gab in der Geschichte Kriege, die trotz all ihrer Schre-

cken, Grausamkeiten, ihres Elends und ihres Leids, das zwangsläufig mit jedem

Krieg verbunden ist, einen fortschrittlichen Charakter besaßen, in dem Sinne, dass

sie der Fortentwicklung der Menschheit gedient haben."

(W. I. Lenin: 'Sozialismus und Krieg', in: 'Gesammelte Werke', Band 18, London, oh-

ne Jahresangabe, S. 219).

Der Krieg, der zum Beispiel von einem sozialistischen Staat, in dem das arbeitende Volk

die politische Macht besitzt, gegen einen kapitalistischen Staat geführt wird, ist ein gerechter

Krieg, unabhängig davon, wer den ersten Schuss abgefeuert hat:

"Die Sowjetunion ist das wahre Heimatland des Proletariats. ...Dies verpflichtet das

internationale Proletariat, ...das Land der proletarischen Diktatur mit allen Mitteln

zu verteidigen. ...Im Fall ... eines Krieges gegen sie muss das internationale Prole-

tariat sich entschlossen und kühn ... mit der Sowjetunion verbünden."

(Programm der Kommunistischen Internationle, in: J. Degras, Hrsg.: Dokumente der

Kommunistischen Internationale, 1919-1943', Band 2, London 1971, S. 512f).

Einige sowjetische Autoren stimmen mit offiziellen finnischen Quellen darin überein, dass

sowjetische Streitkräfte den finnisch-sowjetischen Krieg anfingen. So vertritt Nikita Chruscht-

schow in seinen Erinnerungen zum Beispiel folgende Auffassung:

"Wenn sie (die finnische Regierung - Verf.) unserem Ultimatum nicht nachgeben

würde, würden wir militärische Schritte unternehmen. ...Das war Stalins Idee. ...

Wir hatten unsere Salve abgefeuert und die Finnen antworteten mit eigenem Artille-

riefeuer. De facto hatte der Krieg begonnen. ..."

(N. S. Chruschtschow: 'Chruschtschow erinnert sich', Band 1, London 1971, S. 152).

Als Chruschtschow dies schrieb, besaß er doch noch so viel oberflächliches marxistisch-

leninistisches Verständnis um anzuerkennen, dass diese Frage für die Beurteilung des Cha-

rakters des Krieges unwichtig war und dass dieser sowjetischerseits aus rein defensiven

Gründen geführt wurde und deshalb ein gerechter Krieg war:

"Wir mussten die Sicherheit Leningrads garantieren, das sich in der Reichweite

der finnischen Artillerie an der Grenze befand und das leicht von finnischem Ge-

biet aus beschossen werden konnte. Darüberhinaus verfolgte die finnische Re-

gierung gegenüber der Sowjetunion eine feindselige Politik. Sie flirtete offen mit

Hitlerdeutschland. Der finnische Oberkommandierende, Karl Mannerheim, war

ehemaliger zaristischer General und geschworener Feind der Sowjetunion. Vaino

Tanner war ein alter Sozialdemokrat, blieb aber bis an das Ende seiner Tage

ein unversöhnlicher Feind unserer marxistisch-leninistischen Ideologie. Demzu-

folge stellte Finnland eine echte Bedrohung für uns dar und deshalb war es für

den sowjetischen Staat vernünftig und tatsächlich sogar von entscheidender

Wichtigkeit, Schritte zu unternehmen, um Leningrad zu schützen. ...

Unser einziges Ziel bestand darin, im Norden unsere Sicherheit zu gewährleis-

ten. ...Unser einziges Anliegen war die Sicherheit - Leningrad war in Gefahr."

(N. S. Chruschtschow: Ebenda, S. 150ff).

Tatsächlich akzeptieren viele westliche Juristen des internationalen Rechts die Auf-

fassung, dass ein Staat sich auf legitime Weise in die Angelegenheiten eines anderen

einmischen darf, wenn dies zu seinem Überleben notwendig ist.

Thomas Lawrance schreibt in seinen 'Prinzipien des Internationalen Rechts':

"Interventionen ... sind formell Verletzungen des Rechts auf Unabhänigigkeit.

... Es können jedoch bestimmte Umstände gegeben sein, dass das interna-

tionale Recht sie entschuldigt oder gar billigt. ...

Die Pflicht zum Selbsterhalt ist sogar unantastbarer als die Pflicht, die Unab-

hängigkeit des anderen zu respektieren. Wenn die beiden kollidieren, dann han-

delt ein Staat naturgemäß auf der Basis der ersten."

(T. J. Lawrance: 'Die Prinzipien des Intenationalen Rechts', Boston 1915, S. 127).

... und Joseph Starke stimmt dem in seiner 'Einführung in das Internationale Recht' zu,

wenn er schreibt:

"Die folgenden sind, schlicht gesagt, die wichtigsten Ausnahmefälle, in denen

angenommen wird, dass ein Staat nach internationalem Recht ein berechtigtes

Interventionsrecht besitzt:

Selbstverteidigung, falls eine Intervention notwendig ist, um der Gefahr eines

bevorstehenden bewaffneten Angriffs zu begegnen. ..."

(J. G. Starke: 'Einführung in das Internationale Recht', London 1989, S. 105).

Viele prominente Leute aus dem Westen, die keine Völkerrechtler waren, vertraten eben-

falls die Meinung, dass der sowjetische Krieg gegen Finnland ein gerechter Krieg war. Der

Schriftsteller George Bernard Shaw schrieb im Dezember 1940 in der 'Daily Mail', als der

sowjetisch-finnische Krieg noch im Gange war:

"Finnland ist von einer sehr dummen Regierung in die Irre geführt worden. Es hätte

der sowjetischen Forderung nach einer territorialen Korrektur nachkommen sollen.

Es hätte ein vernünftiger Nachbar sein sollen. Finnland hätte sich wahrscheinlich

nicht dem russischen Angebot verweigert, wenn es auf sich alleine gestellt gewe-

sen wäre. ...

Keine Macht könnte eine Grenze tolerieren, von der aus eine Stadt wie Leningrad

bombardiert werden kann, wenn sie weiß, dass die Macht auf der anderen Seite

der Grenze ... in der Hand einer dummen Regierung liegt, die im Interesse von

anderen und größeren Mächten handelt und ihre Sicherheit bedroht.

Nach Auffassung Russlands kann Finnland keinen legitimen Einwand gegen den

Austausch von Territorien haben, so wie er von Russland vorgeschlagen wurde,

es sei denn, es ist bereit, sich von Amerika oder den Westmächten benutzen

zu lassen."

(G. B. Shaw, in: 'Daily Mail', 2. Dezember 1939, S. 6).

Sogar Winston Churchill, der zu jener Zeit die sowjetische 'Aggression' gegen Finnland

energisch verurteilte, änderte seine Meinung nach 1941:

"In den Tagen des russisch-finnischen Krieges sympathisierte ich mit Finnland,

aber ich änderte meine Meinung, als es in den Krieg gegen die Sowjets eintrat.

Russland benötigte die Sicherheit für Leningrad und der umliegenden Gebiete.

Die Position der Sowjetunion als ständige Seemacht und Luftstreitmacht im

baltischen Raum muss gewährleistet bleiben."

(W. S. Churchill: 'Der Zweite Weltkrieg. Triumph und Tragödie', Band 6, London

1954, S. 318).


Der Völkerbund wird tätig, 1939


Am 2. Dezember, einen Tag nachdem der sowjetisch-finnische Krieg auf breiter Front

ausgebrochen war, übergab Eino Holsti, der finnische Botschafter beim Völkerbund, Jo-

seph Avenol, Generalsekretär des Völkerbundes, ein Schreiben, in dem es hieß, dass

" ... die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ... unerwartet am Morgen

des 30. November 1939 angegriffen hat."

('Die Entwicklung der finnisch-sowjetischen Beziehungen ...', ebenda, S. 77).

..und er verlangte, dass der Rat sowie die Versammlung des Völkerbundes zusammen-

traten, um die

" ...nötigen Maßnahmen für eine Beendigung der Aggression zu treffen."

(Ebenda).

Der Völkerbund hatte keinerlei wirksame Maßnahmen gegen die zahllosen Aggressions-

handlungen Deutschlands, Italiens und Japans getroffen. Aber nun, da sich der Vorwurf

gegen die sozialistische Sowjetunion richtete, wurde der Bund sofort aktiv.

Sein Generalsekretär reagierte dadurch, dass er eine Dringlichkeitssitzung sowohl des

Rates als auch der Versammlung einberief (der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am

1. September 1939 durch den deutschen Überfall auf Polen war kein Anlass gewesen,

solche Sitzungen einzuberufen).

Die Initiative wurden von denjenigen nicht am Krieg beteiligten Ländern ergriffen, die

Finnland unterstützten:

"Man ist der Meinung, dass der Schritt (der Ausschluss der UdSSR aus dem

Völkerbund - Verf.) am besten durch nichtbeteiligte neutrale Länder erfolgen

solle. Das darin enthaltene moralische Urteil wäre am wirksamsten, wenn die

am Krieg beteiligten Länder sich darauf beschränkten, unbeteiligte Staaten zu

unterstützen."

('Times', 9. Dezember 1939, S. 9).

Eine Sonderkommission wurde einberufen, um den sowjetisch-finnischen Konflikt zu

untersuchen. Seine Mitglieder waren: Großbritannien, Kanada, Ägypten, Indien, Norwe-

gen, Polen, Portugal, Siam, Schweden, Uruguay und Venezuela.

Was die Abstimmung über den Ausschluss der Sowjetunion aus dem Völkerbund be-

trifft, so stimmten die Sowjetunion und Finnland als Beteiligte nicht mit ab. Peru und

der Iran waren abwesend, während China, Griechenland und Jugoslawien sich der Stim-

me enthielten. Sieben Staaten - die Hälfte der im Rat vertretenen Länder - stimmten für

den Ausschluss der Sowjetunion.

Dazu Vernon Bartlett in der britischen Zeitung 'News Chronicle':

"Die Mitglieder des Bundes sind nicht einmütig für einen Ausschluss Russlands."

('News Chronicle', 15. Dezember 1939, S. 2).

Die 'New York Times' umschreibt, wie unter diesen Umständen der Ausschluss der

Sowjetunion aus dem Völkerbund bewerkstelligt wurde:

"Bei dieser geteilten Meinung, schien die Aufgabe, ein einmütiges Votum oder

etwas in der Art zu erzielen, äußerst schwierig zu sein. Dem scharfsinnigen und

energischen Vorsitzenden Carl J. Hambro ...gelang dies jedoch auf vorzügliche

Weise. ... Sobald der letzte Redner sich gesetzt hatte, verkündete er:

'Die Versammlung hat sämtliche Erklärungen, die gemacht worden sind, zur

Kenntnis genommen. Ich halte es deshalb nicht für notwendig, in eine nament-

liche Abstimmung einzutreten. Falls es keine gegenteiligen Beobachtungen in

dieser Beziehung gibt, stimmt die Versammlung in der üblichen Weise ab.'

Er fügte, ohne Luft geholt zu haben, sofort hinzu:

'Da es keine Beobachtungen gegenteiliger Art gibt, möchte ich alle Vertreter,

die für den Bericht sind, bitten, sitzenzubleiben.'

Es hätte Mut erfordert, in diesem Moment aufzustehen und sich dadurch zu

Russland zu bekennen. Niemand rührte sich.'

('New York Times', 15. Dezember 1939, S. 15).

Am 14. Dezember 1939 verabschiedete die Versammlung des Völkerbunds eine Reso-

lution, in der sie

" ... die von der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ergriffene Maß-

nahme feierlich verurteilt."

('Die Entwicklung der finnisch-sowjetischen Beziehungen ...', ebenda, S. 110).

...und am gleichen Tag noch verabschiedete der Rat des Völkerbunds eine Resolution,

in der es hieß, dass er

"1. sich der Verurteilung durch die Versammlung gegen die Maßnahme der

Union der Sozialistischen Sowjetrepublik gegen den finnischen Staat anschließt

und ...

2. der Meinung ist, dass sich die Union der Sozialistischen Sowjetrepublik durch

diese Maßnahme außerhalb des Völkerbunds gestellt hat."

(Ebenda, S. 111).


Die Finnische Demokratische Republik, 1939-40

 

Am 1. Dezember 1939 wurde in Terijoki auf dem von der Roten Armee besetzten finni-

schen Territorium die Provisorische Volksregierung der Finnischen Demokratischen Re-

publik errichtet - mit dem finnischen Kommunisten Otto Kuusinen als Miniterpräsidenten

und Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten.

In einer Proklamation an das finnische Volk erklärte die Volksregierung, dass sie sich

lediglich als provisorische Regierung betrachte:

"Die Volksregierung in ihrer jetzigen Zusammensetzung betrachtet sich als pro-

visorische Regierung. Sofort nach ihrer Ankunft in Helsinki, der Hauptstadt des

Landes, wird sie umgebildet und ihre Zusammensetzung erweitert durch die Hin-

einnahme von Vertretern der verschiedenen Parteien und Gruppierungen, die sich

an der Volksfront der Arbeitenden beteiligen. Die endgültige Zusammensetzung

der Volksregierung, ihre Befugnisse und Maßnahmen, ist durch eine Versamm-

lung, die auf der Grundlage des allgemeinen, unmittelbaren und geheimen Wahl-

rechts gewählt wird, zu bestätigen."

(W. P. & Z. K. Coates: 'Russland, Finnland und das Baltikum', London 1940, S.114).

Als ihre Hauptaufgabe sah sie die Vertreibung der finnischen 'Weißen Garden' (= faschis-

tischen Terrororganisationen - Übers.), den Abschluss eines Friedensvertrages und die

Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zur Sowjetunion an:

"Die Volksregierung Finnlands betrachtet es als ihre Hauptaufgabe, die Regierung

der finnischen Weißgardisten zu stürzen, ihre bewaffneten Streitkräfte zu vertrei-

ben, einen Frieden zu schließen und die Unabhängigkeit und Sicherheit Finnlands

durch die Herstellung dauerhafter freundschaftlicher Beziehungen mit der Sowjet-

union zu gewährleisten."

(W. P. & Z. K. Coates: Ebenda, S. 114f).

Zum Schluss fasste die Proklamation das Programm der Volksregierung, welches im

weitesten Sinne fortschrittlich, jedoch nicht sozialistisch war, wie folgt zusammen:

"Die Schaffung einer finnischen Volksarmee.

Die Errichtung der staatlichen Kontrolle über die großen Privatbanken und großen

Industrieunternehmen sowie die Durchführung von Maßnahmen, um mittleren und

kleineren Unternehmen zu helfen.

Die Durchführung von Maßnahmen zur vollständigen Beseitigung der Arbeitslosigkeit.

Die Verringerung der täglichen Arbeitszeit auf acht Stunden, bei Gewährung eines

zweiwöchigen Sommerurlaubs.

Die Verringerung der Mieten für Arbeiter und Angestellte.

Die Einziehung der Ländereien der Grundbesitzer, ohne die Ländereien und das

Eigentum der Bauern anzutasten sowie die Übertragung des beschlagnahmten

Landes an Bauern, die kein Land oder nur kleine Parzellen besitzen.

Die Befreiung der Bauern von Steuern.

Staatliche Subventionen für die Unterstützung der Höfe der armen Bauern, in

erster Linie durch Vergabe an sie von zusätzlichem Land, Weiden und - soweit

möglich - Wälder für ihre häuslichen Zwecke aus dem von großen Landbesitzern

beschlagnahmten Boden.

Die Demokratisierung von staatlichen Organisationen, der Verwaltung und Gerichte.

Die Erhöhung der staatlichen Beihilfen für kulturelle Zwecke sowie die Reorgani-

sierung der Schulen, um den Schulbesuch für die Kinder von Arbeitern und anderen

armen Menschen zu ermöglichen; die Förderung des öffentlichen Erziehungswe-

sens, der Wissenschaften, der Literatur und der Künste im fortschrittlichen Sinne."

(Ebenda: S. 115).

Am Tage nach ihrer Bildung, am 2. Dezember, unterzeichnete die sowjetische Regierung

mit der Regierung der Finnischen Demokratischen Republik einen Vertrag. Die wichtigsten

Bestimmungen dieses Vertrages, die sich eng an die Vorschläge der sowjetischen Regie-

rung während der sowjetisch-finnischen Verhandlungen anlehnen, werden von Vaino Tanner

in seinem Buch 'Der Winterkrieg' so zusammengefasst:

"Der erste Artikel:

Bezieht sich auf die Übernahme von Teilen des Gebietes von Sowjetkarelien mit

einer Ausdehnung von bis zu 70.000 Quadratkilometern in das Territorium der

Finnischen Demokratischen Republik. ... Dafür erklärt Finnland seine Bereitschaft,

an der Grenze der Karelischen Landenge, von Leningrad aus in Richtung Norden,

bestimmte Korrekturen vorzunehmen, wodurch ein Gebiet von 3.970 Quadratkilo-

metern abgetreten wird; Finnland erhält durch die Sowjetunion einen Betrag von

120 Millionen Mark als Entschädigung für den Wert seiner Eisenbahnlinie, die

sich auf der Karelischen Landenge befindet und der Sowjetunion übertragen wird.

Der zweite Artikel:

Finnland erklärt seine Bereitschaft,

(a) für die Dauer von dreißig Jahren die Hanko-Halbinsel sowie die umliegenden

Gewässer ... und eine Reihe von Inseln im Süden und Osten ...zugunsten der

Einrichtung eines Militär- und Marinestützpunkts abzutreten, um in der Lage zu

sein, den Golf von Finnland gegen einen Angriff zu verteidigen, was eine Garan-

tie für die Sicherheit sowohl von Finnland als auch der Sowjetunion bietet.

In dieser Zeit erhält die Sowjetunion das Recht, ... dort auf eigene Kosten eine

genau festgelegte Anzahl von Land- und Luftstreitkräften zu unterhalten.

(b) der Sowjetunion die folgenden Inseln im Golf von Finnland zu verkaufen:

Suursari, Seiskari, Lavansaari, Tytarsaari und Groß- und Kleinkoivisto; daneben

diejenigen Teile der Rybachi- und Keskisaari-Halbinsel am Ufer des Arktischen

Ozeans, die zu Finnland gehören; alles zu einem vereinbarten Preis von 300.000

Mark.

Der dritte Artikel:

Die Sowjetunion und die Finnische Demokratische Republik verpflichten sich

für den Fall, dass irgendeine europäische Macht die Sowjetunion über finni-

sches Territorium angreift oder anzugreifen droht, der anderen Seite jede Art

von Hilfe, einschließlich militärische Unterstützung, zu gewähren.

Der vierte Artikel:

Die Parteien verpflichten sich, sich jeder Beteiligung an Bündnissen, die gegen

die andere Partei des Vertrages gerichtet sind, zu enthalten.

Der fünfte Artikel:

Die Parteien sind übereingekommen, zu einem frühen Zeitpunkt ein Handels-

abkommen abzuschließen und den jährlichen Warenaustausch zwischen den

beiden Ländern weit über den Wert von ...800 Millionen Mark anzuheben.

Der sechste Artikel:

Die Sowjetunion verpflichtet sich, die Finnische Volksarmee zu günstigen Kon-

ditionen mit Waffen und anderer militärischer Ausrüstung zu versorgen.

Der siebente Artikel:

Der Vertrag hat eine Laufzeit von ... 25 Jahren."

(Vertrag zwischen der Finnischen Demokratischen Republik und der Sowjet-

union, in: V. Tanner: Ebenda, S. 102f).

Westliche Quellen porträtieren die Finnische Demokratische Republik als eine bloße

Marionettenregierung, die über keinerlei Unterstützung im Volk verfügte. Wie wir jedoch

gesehen haben, erlebte Finnland bereits eine sozialistische Revolution, die nur mit massi-

ver ausländischer Unterstützung niedergeschlagen werden konnte. Aber die Sympathien

für den Sozialismus und für die Sowjetunion, besonders unter den arbeitenden Menschen,

waren sogar noch nach dem sowjetisch-finnischen Krieg von 1939-40 vorhanden:

"Am 22. Mai (1940 - Verf.) hob ein formelles Treffen ... die 'Friedens- und Freund-

schaftsgesellschaft Finnland-Sowjetunion' - auch SNS genannt - ... aus der Taufe.

Sie kam einem echten Bedürfnis in der Bevölkerung nach; ihre Treffen in Helsin-

ki und den Provinzen waren sehr gut besucht und in nur fünf Monaten hatte SNS

schon ungefähr 35.000 zahlende Mitglieder in 115 Zweigstellen - und dies trotz

jeder nur erdenklicher Störmanöver vonseiten der Behörden. ...Die SKP (Kommu-

nistische Partei Finnlands - Verf.) wies zu Recht darauf hin, dass dies Ausdruck

einer in Finnland weitverbreiteten Befürwortung freundschaftlicher Beziehungen

zur Sowjetunion sei.

Am 23. Dezember entschied ein Gericht, dass die SNS eine illegale Organisation sei."

(U. F. Upton: 'Die kommunistischen Parteien Skandinaviens und Finnlands', Lon-

don 1973, SS. 225f, 229f).

Als jedoch die bestehende finnische Regierung sich um einen Friedensschluss bemühte,

waren die Marxisten-Leninisten, die keinen Wunsch verspürten, Finnland zu erobern, son-

dern nur ihre eigenen Grenzen sicherer machen wollten, sofort bereit, Frieden zu schließen,

mit der Folge, dass sich die Finnisch Demokratische Republik selbst auflöste.



Der Krieg, 1939-40


Im April 1939 wurde der Chef des Sowjetischen Generalstabs, Boris Schaposchnikow,

"damit beauftragt, Pläne für den Fall eines militärischen Zusammenstoßes mit

Finnland auszuarbeiten."

(I. Spring: 'Stalin und der Winterkrieg', in: 'Jahrbuch der finnischen Außenpolitik,

1990', Helsinki 1990, S. 39).

Schaposchnikow kam zu dem Ergebnis, dass die Herbeiführung der militärischen Nieder-

lage Finnlands

"bei weitem keine leichte Aufgabe sei, die mindestens einige Monate heftiger Ge-

fechte bedeuten würde, selbst wenn man von der Annahme ausginge, dass die

imperialistischen Mächte nicht direkt in den Konflikt eingreifen würden."

(K. A. Meretzkow: Ebenda, S. 105).

Im Juni 1939 wies der Oberste Militärrat mit dem Volkskommissar für Verteidigung, Kli-

ment Woroschilow an der Spitze, Schaposchnikows Ansichten und Pläne als zu pessimis-

tisch zurück. Woroschilow fand Unterstützung bei Lew Mechlis, dem Vorsitzenden des Po-

litischen Direktoriums der Roten Armee:

"Auch wenn Mechlis als Vorsitzender des Politischen Direktoriums der Roten Ar-

mee eindeutig die Meinung vertrat, dass der Krieg ein Spaziergang werden würde,

sollten seine Ansichten nicht als bloßer Reflex der Ansichten Stalins im November

1939 angesehen werden."

(D. Spring: Ebenda, S. 40).

Kyrill Meretzkow, der damalige Kommandeur des Leningrader Militärdistrikts, wurde da-

raufhin angewiesen, neue Pläne für einen möglichen Krieg mit Finnland auszuarbeiten, wo-

bei er sich nur auf die Ressourcen des Leningrader Militärdistrikts hätte stützen können:

"Ein paar Wochen für eine derartige Operation solchen Ausmaßes sind nicht aus-

reichend."

(K. A. Meretzkow, in: D. Spring: Ebenda, S. 39).

Woronow stimmte mit Schaposchnikow und Meretzkow überein, dass eine Operation

gegen Finnland sich schwieriger gestalten würde als dies Woroschilow und Mechlis an-

nahmen:

"Stalin war bekannt, dass es Meinungsverschiedenheiten über die Schwierigkei-

ten der Operation innerhalb des Militärrats gab. Schaposchnikow, Meretzkow und

Woronow hatten alle gewarnt, dass die Schlacht ernst genommen werden müsse."

(D. Spring: Ebenda, S. 40).

Als die Ereignisse bewiesen, dass Woroschilow die militärische Stärke der Finnen unter-

schätzt hatte, machte Stalin (Chruschtschow zufolge) 'berechtigterweise' Woroschilow da-

für verantwortlich:

"Stalin war wütend auf das Militär und auf Woroschilow - zu Recht meiner Ansicht

nach. ...Woroschilow hatte die Hauptverantwortung dafür, wie der finnische Krieg

sich entwickelte, zu tragen."

(N. S. Chruschtschow: Ebenda, S. 154).

Dies hatte zur Folge, dass Stalin

"die gesamte Führung der Armee auswechseln ließ."

(E. Engle & L. Paananen: 'Der Winterkrieg: Der russisch-finnische Konflikt, 1939-

40', London 1973, S. 121).

An der finnischen Front wurde dann Marschall Semjon Timoschenko, bis dahin Komman-

deur für den Nord-Kaukasus, Charkow und den Militärdistrikt von Kiew,

"das Kommando über unsere Truppen auf der Karelischen Landenge übergeben,

womit Meretzkow abgelöst war."

(N. S. Chruschtschow: Ebenda).

"General Timoschenko wurde die Verantwortung für die 'Südfront', wie sie genannt

wurde, übergeben."

(E. O'Ballance: 'Die Rote Armee', London 1964, S. 150).

Meretzkow wurde degradiert und erhielt nur noch die Siebte Armee. Später - am 8. Mai

1940 - wurde auch Woroschilow als Volkskommissar für Verteidigung abberufen und er-

hielt den neugeschaffenen Posten eines Vorsitzenden des staatlichen Verteidigungsrats

sowie den eines stellvertretenden Ministerpräsidenten. Timoschenko erhielt das Amt des

Verteidigungsministers:

"Woroschilow wurde seines Amtes als Volkskommissar für Verteidigung enthoben."

(N. S. Chruschtschow: Ebenda, S. 154).

Die Probleme, die die Rote Armee in ihrem Krieg mit Finnland hatte, waren erstens auf

die Tatsache zurückzuführen, dass die sowjetischen Truppen eine äußerst starke Linie

von Befestigungen, die über der Karelischen Landenge in Form der so genannten 'Manner-

heim-Linie' angelegt worden waren, zu durchbrechen hatte.

"Im Unterschied zur Maginot-Linie stellen die Mannerheim-Befestigungen nicht

nur einen Riegel von großen Festungen dar, deren Verlust in jedem einzelnen

Fall für ihre Verteidiger enorme Krafteinbußen bedeuten würden; es handelt sich

bei ihnen vielmehr um eine ganze Serie von Graben- und Maschinengewehrstell-

ungen, welche sich hinter einer Welle von panzerbrechenden Barrieren, die aus

Granit hergestellt sind, befinden. Nur ein kleiner Teil besteht aus Zementbun-

kern und Schießunterständen. Die wellenförmigen Verteidigungslinien erstrecken

sich über eine Distanz von zwanzig Meilen von Summa bis zurück nach Viipuri."

('Daily Express', 21. Februar 1940, S. 6).

"Diese Befestigungen bestanden aus einer vorgeschobenen Zone entlang der

sowjetischen Grenze, welche eine Ausdehnung von drei bis acht Meilen besaß

und Bunker und Blockhäuser aufwies, die mit Maschinengewehren, panzerbre-

chenden Waffen und Feldartillerie bestückt und von Panzerfallen, Stacheldraht

und Landminen umgeben waren. Eine zweite Zone - die Hauptzone - erstreckte

sich in einem weiten Bogen von ihrem westlichen Ausgangspunkt aus: der Koi-

visto-Festung. ...

Diese Zone verlief am östlichen ... Abschnitt (etwa zwei Meilen) schmaler und

sehr viel breiter (sechs oder sieben Meilen) im Zentrum sowie zum Golf hin. Sie

bestand hauptsächlich aus zementeisernen Befestigungen, die mit schwerer Ar-

tillerie bestückt waren, wobei jedes Fort in der Lage war, sich selbständig zu

verteidigen. Die größeren Forts hatten eine Größe von 30 mal 50 Fuß und Wände,

die fünf Fuß dick, häufig mit Schutzplatten versehen und bis zu 25 Fuß tief in

den Boden eingelassen waren. Alle waren durch Fallen, Minen und Gräben abge-

sichert.

Die wichtige Eisenbahnverbindung von Viipuri mit ihren fünf Spuren wurde durch

eine besonders befestigte Zone, die dritte Zone, die einen Umfang von etwa 25

Meilen besaß, geschützt. Weiter gen Westen gab es noch zwei weitere befestig-

te Zonen - Helsinki und Turku."

(W. P. & Z. K. Coates: 'Die sowjetisch-finnische Schlacht. Militär und Politik,

1939-1940', London 1940, S. 17f).

"Die zweite Linie der befestigten Mannerheimzone wird hier (in Helsinki - Verf.)

als noch stärker und günstiger für Verteidigungszwecke angelegt beschrieben

als der entsprechende Teil der ersten."

('Times', 29. Februar 1940, S. 8).

Viele westliche Militärexperten behaupteten, dass die Mannerheim-Linie 'fast unüber-

windbar' sei:

"Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die Rote Armee nie in der Lage sein wird,

die Mannerheim-Linie auf der Karelischen Landenge zu durchbrechen."

('Times', 19. Dezember 1939, S. 8).

"Als alter Kämpfer in Finnland kann ich sagen, dass es für die Russen fast un-

möglich sein wird, die Mannerheim-Befestungen durch einen frontalen Angriff

zu durchbrechen."

('Daily Telegraph', 27. Januar 1940, S. 1).

"Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Russen in der Lage sein soll-

ten, sich einiger der vorgeschobenen Positionen der Mannerheim-Linie zu be-

mächtigen, stünden sie immer noch vor der Aufgabe, eine fast undurchdringli-

che Kette von Barrieren zu überrennen, bevor sie durch wären."

('Times', 13. Februar 1940, S. 6).

...und Mannerheim selbst erklärte vor seinen Soldaten am 17. Februar 1940:

"Ihr könnt sicher sein: Der Feind wird niemals in der Lage sein, unsere Linien

zu durchbrechen."

('Oberserver', 13. Februar 1940, S. 9).

Zweitens wurde der Krieg unter extrem schwierigen Bedingungen, was Klima und Ge-

lände anging, geführt:

"Momentan werden die Operationen im äußersten Norden in der Nähe von Pet-

samo größtenteils in der Dunkelheit durchgeführt, während im Zentrum, gegen-

über der Spitze des Bottnischen Golfes das Tageslicht mittags nur eine wenige

Stunden in Form eines Dämmerlichts heraustritt."

('Times', 22. Dezember 1939, S. 7).

"Die Straßen waren so rutschig, dass unser Wagen dreimal ins Schleudern geriet

und im Graben landete, wodurch wir uns reichlich verspäteten, was uns jedoch ei-

ne kleine Vorstellung davon lieferte, womit die motorisierten russischen Einheiten

zu kämpfen hatten."

('Sunday Times', 4. Februar 1940, S. 11).

"Schneestürme, die über die Karelische Landenge und den Ladoga-See hinweg-

fegten, sind erneut den Finnen in ihrem erbitterten und mühsamen Kampf, ihre

Positionen an der Mannerheim-Linie zu behaupten, zu Hilfe gekommen. ... Rei-

ten und Skifahren sind kaum möglich und fast jede Art von Transport ist zum

Erliegen gekommen."

('Times', 23. Februar 1940, S. 8).

Fast bis zum allerletzten Kriegstag versuchten westliche Presseberichte aus Finnland

den Eindruck zu vermitteln, dass die Rote Armee dabei war, mit Schimpf und Schande be-

siegt zu werden. Winston Churchill, der damalige britische Marineminister, erklärte in einer

Radiosendung am 20. Januar 1940:

"Finnland ... zeigt, wozu freie Männer imstande sind. ...Sie haben vor der ganzen

Welt das militärische Unvermögen der Roten Armee und der Luftwaffe bloßge-

stellt. ...Jeder kann sehen, wie der Kommunismus die Seele einer Nation korrumpiert."

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 3: Ebenda, S. 3.808)

Außer politische Vorurteile spielte bei der Herstellung eines unzutreffenden Bildes von

dem militärischen Engagement der Roten Armee in Finnland noch eine Rolle, dass die

Korrespondenten im Allgemeinen von den Kämpfen ferngehalten wurden und so zwangs-

läufig auf amtliche, aber weitgehend geschönte finnische Verlautbarungen angewiesen

waren.

George Steer, der Sonderberichterstatter des 'Daily Telegraph' in Finnland, berichtete

am 17. Februar aus Helsinki:

"Wenn die Woche zuende ist, wird die Offensive auf der Landenge schon vier-

zehn Tage lang angedauert haben. ... In der ganzen Zeit bin weder ich noch ir-

gendein anderer Journalist an der Front gewesen."

('Daily Telegraph', 17. Februar 1940, S. 6).

...und Virginia Cowles kabelte am 10. März eine ähnliche Geschichte nach Hause:

"Keinem Auslandskorrespondenten hier in Finnland ist es erlaubt, irgendeinen

Frontabschnitt während einer Schlacht zu besuchen. Sämtliche Korresponden-

ten sind schon seit über einem Monat von der Landenge verbannt worden. Sie

sind in ihrer Berichterstattung auf die amtlichen Verlautbarungen, die in Helsinki

jeden Abend herauskommen, angewiesen."

('Sunday Times', 10. März 1940, S. 11).

Als dann die finnische Regierung Anfang März 1940 um einen Friedensschluss nach-

suchte, kam dies für einen großen Teil der Weltmeinung überraschend, wie G. Ward

Price in der 'Daily Mail' vom 14. März 1940 schrieb:

"Die öffentliche Meinung in diesem Lande ist durch den plötzlichen Zusammen-

bruch des großartigen finnischen Widerstands geschockt worden. Bis fast zum

Schluss wurde uns gesagt, dass die Finnen bis zum Frühling durchhalten würden.

Aber seit einiger Zeit ist die Militärzensur in Finnland sehr viel schärfer geworden

als noch am Anfang und diese optimistischen Erwartungen gründeten sich auf ein

mangelndes Wissen von den Vorgängen an der Front."

('Daily Mail', 14. März 1940).

Einige Militärschriftsteller jedoch lieferten ein objektiveres Bild von den Operationen der

Roten Armee in Finnland. Zum Beispiel meint Major Arthur Hooper in seiner Analyse des

Krieges:

"Diese Attacken (an der finnischen 'Gürtellinie' - Verf.) verfolgten das Ziel, so viele

finnische Reserven wie nur möglich zu binden und zu beschäftigen und auch den

Feind davon in Unkenntnis zu halten, welche Stoßrichtung die Hauptoffensive neh-

men würde. ...

Zwei Sofortmaßnahmen waren zu ergreifen, um diesen Plan Wirklichkeit werden

zu lassen: Die erste bestand darin, den vorderen Abschnitt der Mannerheim-Linie

einzunehmen, um die Gefahr durch Artillerie- und Luftschläge gegen den sowjet-

tischen Stützpunkt in Leningrad abzuwenden und um Raum für die Konzentration

von Kräften für den Großangriff zu gewinnen. Die zweite bestand darin, Petsamo

einzunehmen, den einzigen Hafen, den die Finnen im arktischen Norden besaßen,

um die Möglichkeit eines Eingreifens durch eine Seemacht zu verhindern. ...

Am 6. Dezember war diese Zone von der Roten Armee eingenommen worden und

zwei Tage später hatte diese Armee Verbindung mit der zweiten Zone, der Haupt-

verteidigungsanlage der Mannerheim-Linie. ...

Meretzkows Plan bestand darin, diese Vorstöße zu unternehmen, so zu tun, als

wolle er Finnland in zwei Hälften teilen, eine Bedrohung, die so real erscheinen soll-

te, dass die Finnen all ihre Reserven aufbieten würden, um sie lange genug im Nor-

den zu beschäftigen, um dann Ende Januar die Hauptoffensive an der Mannerheim-

Linie zur Entfaltung zu bringen. ...

Das Finnische Oberkommando entsandte umgehend Reserven aus dem Süden,

um dieser Bedrohung zu begegnen. ...

Die heftige Sechs-Tage-Schlacht, die dann stattfand, bestärkte das Finnische

Oberkommando in seinem Eindruck, dass das Rote Oberkommando einer Aus-

einandersetzung an der Mannerheim-Linie aus dem Weg gehen wollte. ...Manner-

heim schickte einige Reserven, um diesem Schachzug der Roten zu begegnen

und die Kämpfe zogen sich im Februar viele Tage hin, ...sogar während der Groß-

offensive der Roten Armee auf der Karelischen Landenge. Die beiden Divisionen,

die aus den finnischen Reserven hinaufgeschickt wurden, wurden später dringend

benötigt."

(A. S. Hooper: 'Der Sowjetisch-Finnische Krieg', London 1940, SS. 9, 12f, 14, 18).

Anfang Februar begann die Rote Armee schließlich ihre Hauptoffensive gegen die Manner-

heim-Linie:

"Am 2. Februar 1940, nach heftigem Artilleriefeuer, das aus der Luft unterstützt

wurde, wurde das ganze Gewicht des Infanterieangriffs am zentralen rechten

finnischen Abschnitt der Mannerheim-Linie zum Einsatz gebracht. ...

Panzer und Truppen marschierten unter einem dichten Rauchvorhang heran.

Die Infanterie brachte bewaffnete Schlitten zum Einsatz, die neun Fuß lang

und sechs Fuß breit waren und mit Maschinengewehren ausgerüstet waren und

diese wurden mit Panzern über den Schnee geschoben. 130 schwere Bomber

und eine ganze Reihe von Jagdflugzeugen beteiligten sich an der Operation. ...

Diese Attacken dauerten tagelang an, scheinbar völlig reibungslos, bis die finni-

sche Linie anfing Risse zu bekommen, nachzugeben und durchlöchert wurde.

Die roten Streitkräfte gaben den Finnen keine Atempause. Der Druck war er-

barmungslos. Am 19. Februar befand sich die Rote Armee in einer Entfernung

von vier Meilen von Vyborg und ihr linker Flügel hatte schon die Bucht von Vy-

borg erreicht, wodurch die mächtige Küstenfestung von Toivisto abgeschnitten

wurde."

(A. S. Hooper: Ebenda, S. 18, 20).

Ein schrecklicher Schneesturm über der Karelischen Landenge, der vom 22. bis zum

27. Februar andauerte, brachte die sowjetische Offensive für ein paar Tage zum Stillstand;

am letzten Tag wurde sie jedoch wieder aufgenommen. Am 1. März war Viipuri von drei

Seiten her umzingelt und

"am 7. März erreichte der zur Linken operierende Teil der Roten Verbände so-

gar Kotka, von wo aus eine Eisenbahnlinie nach Norden führt, die sich an die

Hauptverbindung Helsinki-Vyborg anschließt. Dadurch entstand die Gefahr, dass

die finnische Armee im Süden von ihrer Basis abgeschnitten wurde."

(A. S. Hooper: Ebenda, S. 22).

In ihrem Bemühen, im sowjetisch-finnischen Krieg Finnland zu Hilfe zu kommen, machte

die westliche Propaganda große Anstrengungen, um die sowjetischen Kriegsziele verzerrt

wiederzugeben und unterstellte, dass die Eroberung von ganz Skandinavien beabsichtigt sei:

"Stalin ist jetzt schon zu weit gegangen, um sich wieder zurückziehen zu können;

und es kann kein Zweifel bestehen, dass sein Blick bereits über das schöne Finn-

land hinweggeschweift ist und einen norwegischen Hafen am Atlantik entdeckt hat.

Was für ein Gewinn wäre für ihn Narvik!"

('Strategicus', in: 'Spectator', Nr. 5.824 vom 9. Februar 1940, S. 171).

"Wenn Finnland fällt, werden die Russen gen Westen marschieren und Schweden

wird an die Stelle von Finnland treten."

('Yorkshire Post', 20. Februar 1940, S. 1).

Der damalige finnische Außenminister Vaino Tanner erklärte:

"Trotz aller finnischer Bemühungen werden die russischen Massen wohl Tornea

an der schwedischen Grenze erreichen und es wäre falsch anzunehmen, dass

sie hier Halt machen werden."

('Daily Telegraph', 19. Februar 1940, S. 7).

Dagegen gab der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow vor der Sechsten

Sitzung des Obersten Sowjet der UdSSR am 29. März zu verstehen:

"Unsere Regierung ist der Auffassung, dass die Sowjetunion mit Schweden und

Norwegen keinen Disput hat und dass die sowjetisch-schwedischen und sowje-

tisch-norwegischen Beziehungen sich auf der Grundlage der Freundschaft ent-

wickeln sollten. Was Gerüchte betrifft, dass die Sowjetunion Häfen an der West-

küste Skandinaviens fordere und Narvik etc. beanspruche, so werden diese zu

antisowjetischen Zwecken ausgestreut und sind so abwegig, dass sie keiner

Widerlegung bedürfen."

(W. Molotow: 'Sowjetische Friedenspolitik', London 1941, S. 63f).


Ausländische Hilfe für Finnland, 1939-40


Der sowjetische militärische Sieg über Finnland wurde trotz massiver Militärhilfe an

Finnland seitens der kapitalistischen Welt erreicht.

Am 5. Januar wurde in London bekannt gegeben,

"dass Ausrüstungsgegenstände und Kleidung, die urprünglich für das Britische

Expeditionskorps vorgesehen waren, nach Finnland geschickt werden."

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 3: Ebenda, S. 3.868).

...und noch im gleichen Monat:

"wurden Exportlizenzen für die Lieferung von 30 Blenheim-Bombenflugzeugen

an Finnland ... durch die Britische Regierung bewilligt."

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 3: Ebenda, S. 3.844).

Tatsächlich wurden vonseiten der Westmächte große Mengen von Waffen an Finnland

geliefert. Einzelheiten über britische und französische Militärhilfe an Finnland wurden am

22. Februar 1940 veröffentlicht:

"150 panzerbrechende Geschütze;

10.000 panzerbrechende Minen;

50.000 Handgranaten;

25 Haubitzen;

100 Maschinengewehre;

große Mengen an Munition;

24 Flaggeschütze;

30 Feldkanonen;

4 Panzer;

12 6-Zoll-Gewehre;

10 Mörser sowie

Ausrüstung, Bekleidung, Gasmasken und Zelte."

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 3, ebenda, S. 3.934).

Im Britischen Unterhaus erklärte Premierminister Neville Chamberlain am 19. März 1940:

"Kein Ersuchen seitens der finnischen Regierung blieb von uns unbeantwortet."

(Parlamentsdebatten, 5. Reihe, Band 358, ebenda, S. 1.835).

Auch er präsentiere eine Liste von Material, das Finnland versprochen und geliefert

wurde:

Waffen zugesagt geliefert

Flugzeuge 152 101

Geschütze aller Art 223 114

Granaten 297.200 185.000

Vickers-Kanonen 100 100

Seeminen 500 400

Handgranaten 50.000 50.000

Bomben für Flugzeuge 20.700 15.700

Signalausrüstung 1.300 800

Panzerbrechende Gewehre 200 200

Gasmasken 60.000 60.000

Feldmäntel 100.000 100.000

Kampfanzüge 100.000 100.000

Panzerbrechende Minen 20.000 10.000

Sanitätswagen 48 48

Chamberlain weiter:

"Die Liste enthält auch verschiedene andere Posten wie Sanitätsstationen, Zelte,

Ausrüstung, Sandsäcke, Stahlhelme ..usw. sowie große Mengen an Munition für

Kleinwaffen und ich kann hinzufügen, dass Vereinbarungen getroffen wurden für

die Herstellung von sehr großen Mengen an Munition und Munitionskisten."

(Parlamentsdebatten, 5. Reihe, Band 358, ebenda, S. 1.836f).

Obwohl es nach dem Auslands-Rekrutierungs-Gesetz von 1870 für einen britischen

Staatsbürger verboten war, in den Streitkräften eines fremden Landes zu dienen, wurde

am 14. Februar 1940 im Unterhaus verkündet, dass

"britischen Staatsbürgern eine generelle Erlaubnis erteilt worden ist, sich für

die finnischen Streitkräfte rekrutieren zu lassen."

(Parlamentsdebatten, 5. Reihe, Band 357, ebenda, S. 773).

Nach einem Schreiben von C. T. Garrett, das im 'New Statesman' veröffentlicht wurde, kamen

"6.000 schwedische Freiwillige ... zum ersten Mal eine Woche vor Ende des Krie-

ges zum Einsatz.

Zur Zeit der Friedensgespräche gab es nicht einmal ein Dutzend französische und

englische Freiwillige in Finnland. Ich konnte nur drei englische Freiwillige entde-

cken. Zwei hatten ihren Wohnsitz in Finnland und hatten finnische Frauen."

('New Statesman', Band 19, Nr. 475, Neue Serie, 30. März 1940, S. 430).

Im Februar 1940 war deutlich geworden, dass Freiwillige Finnland nicht vor der Niederla-

ge bewahren konnten. Dies hätte nur erreicht werden können, wenn reguläre Einheiten Finn-

land zu Hilfe gekommen wären. Am 5. Februar 1940 (wie Premierminister Neville Chamber-

lain vor dem Unterhaus am 19. März erklärte)

" ... waren jene Pläne (für ein anglo-französisches Expeditionskorps - Verf.) dis-

kutiert und auf einer Sitzung des Obersten Kriegsrats gebilligt worden. ... Die Stär-

ke der Truppe ... sollte etwa 100.000 Mann betragen. Sie sollte schwer bewaffnet

und gut ausgerüstet sein."

(Parlamentsdebatten, 5. Reihe, Band 358, S. 1.838f).

Am 28. Februar wurde bekannt gegeben, dass

"Präsident Roosevelts Cousin, Major Kermit Roosevelt, der unlängst in die briti-

sche Armee eingetreten ist, in Kürze seinen Offiziersdienst im Middlesex-Regiment

beenden wird, um das Kommando über die Britische Freiwilligenbrigade in Finnland

zu übernehmen."

('News Chronicle', 29. Februar 1940, S. 1).

Am 7. März 1940 erstattete General William Ironside Marschall Mannerheim Bericht über

die britischen Truppen, die sich darauf vorbereiteten, Finnland zu Hilfe zu eilen:

"Das erste Kontingent, eine anglo-französische Division, ... soll am 15. März Rich-

tung Narvik in Marsch gesetzt werden. ...

All dies sind Eliteeinheiten. ...

Das zweite Kontingent würde aus drei britischen Divisionen bestehen, mit einer Stär-

ke von je 14.000 Mann. ...

Die gesamte Kampfstärke belief sich somit auf 57.500 Mann."

(C. Mannerheim: Ebenda, S. 385f).

Jedoch waren sich die alliierten Regierungen darüber im Klaren, dass

"jede Expedition nur dann wirklich Finnland erreichen kann, wenn sie Norwe-

gen und Schweden passieren darf."

(Parlamentsdebatten, 5. Serie, Band 358, ebenda, S. 1.838).

Aber weder die norwegische noch die schwedische Regierung waren bereit, den Durch-

marsch ausländischer Truppen durch ihr Gebiet hinzunehmen. Aus diesem Grunde führte

Mannerheim in seinem letzten Tagesbefehl vom 14. März 1940 die Niederlage der finni-

schen Armee in erster Linie auf diese Weigerung zurück:

"Die wertvolle Hilfe, die uns von den Westmächten versprochen worden war,

konnte nicht zustande kommen, da unsere Nachbarn ... nicht bereit waren, dem

Durchmarsch der Truppen der Westmächte durch ihr Gebiet zuzustimmen."

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 3, ebenda, S. 3.973).

Die Tatsache, dass die Westmächte bereit gewesen waren, bis zum letzten Finnen

zu kämpfen, wurde in dem Leitartikel der 'Times' vom 5. März unterstrichen:

"Die ganze Stimmung in diesem Land verlangt, dass Finnland nicht fallen darf."

('Times', 5. März 1940, S. 9).

Der Jurist und Politiker Denis Pritt sagt mit Recht, dass der Schritt, Finnland trotz

der Tatsache, dass Großbritannien sich mit Deutschland im Krieg befand, Militärhilfe

zu leisten, Teil einer Strategie war, den Krieg gegen die Sowjetunion zu wenden:

"Es gibt ein klar bestimmtes Ziel, den Krieg gegen die Sowjetunion zu wenden."

(D. N. Pritt: 'Muss sich der Krieg ausweiten?', Harmondsworth 1940, S. 169).


Kriegsopfer, 1939-40


Die Opfer des sowjetisch-finnischen Krieges waren relativ groß.

In seinem letzten Tagesbefehl untertrieb Mannerheim die finnischen Verluste in ge-

wisser Weise ('15.000' Tote) und übertrieb die der Sowjetunion mächtig ('200.000' Tote):

"Mehr als 15.000 von Euch, die im Feld gestanden haben, werden nie wieder

nach Hause zurückkehren! ... Aber ...200.000 Eurer Feinde liegen jetzt auf

den Schneedünen und starren mit toten Augen in unseren Sternenhimmel."

('Times', 14. März 1940, S. 7).

Die offiziellen finnischen Zahlen waren Folgende:

Getötet: 19.576;

Verwundet: 45.357.

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 3, Bristol 1940, S. 4.089).

Die offiziellen sowjetischen Verluste:

Getötet: 48.745;

Verwundet: 158.863.

(W. M. Molotow: Rede vor der Sechsten Sitzung des Obersten Sowjet der

UdSSR, 29. März 1940, in: 'Sowjetische Friedenspolitik', London 1941, S. 57).


Die Friedensverhandlungen, 1940


Am 10. März wurde in Helsinki ein Kommuniqué herausgegeben, in dem es hieß,

dass zwischen der finnischen Ryti-Regierung und der Sowjetregierung durch Vermitt-

lung der schwedischen Regierung Kontakt aufgenommen worden und dass auf Ein-

ladung der sowjetischen Regierung eine finnische Delegation, bestehend aus Minis-

terpräsident Risto Ryti, Juho Paasikivi, General Karl Walden und Professor Vaino

Voionmaa, nach Moskau abgereist sei:

"Als es den Russen gelungen war, die Vororte von Vyborg einzunehmen und

das Eis der Bucht von Vyborg zu überqueren, um sich an ihren nordwestlichen

Ufern festzusetzen, verfügten die finnischen Truppen an vielen Stellen nur

noch über wenig Deckung und wurden fürchterlich abgestraft. Aus diesem

Grunde schickte das Finnische Oberkommando eine Botschaft nach der

anderen an M. L. Rytis Delegation in Moskau und drängte auf einen soforti-

gen Frieden um praktisch jeden Preis. Zu diesem Zeitpunkt begannen die

finnischen Verteidigungslinien nachzugeben. ...

Eine größere militärische Katastrophe konnte scheinbar nur noch durch einen

schnellen Friedensschluss vermieden werden. Die 'Geheim'-Diplomatie von Feld-

marschall Mannerheim machte sich äußerst gut bezahlbar, denn zu jener Zeit

wusste niemand in Finnland außer die Führer seines Generalstabs, wie aus-

sichtslos die Lage der Armee geworden war."

('Daily Telegraph', 20. März 1940, S. 7).

Mannerheim vermerkt in seinen Memoiren:

"Am 9. März fühlte ich mich verpflichtet, der Regierung kategorisch zu raten,

Frieden zu schließen. Am 11. März erhielt die Delegation in Moskau ausrei-

chende Vollmachten."

(C. Mannerheim: 'Die Memoiren von Marschall Mannerheim', London 1953, S. 387).

Im Unterschied zu den Gesprächen vor Ausbruch des Krieges,

"nahm Stalin an keiner der Verhandlungen teil."

(B. Engle & L. Paananen: Ebenda, S. 134).

Der Friedensvertrag, der den sowjetisch-finnischen Krieg von 1939-40 beendete, wurde

am 12. März unterzeichnet.

Die Friedensbedingungen, die die Sowjetregierung jetzt bereit war zu akzeptieren, waren

für sie ungünstiger als die vor dem Krieg angebotenen:

"Die Friedensbedingungen waren schließlich nicht übermäßig hart."

('Jahresrückblick der 'Times', 2. Januar 1941, S. VI)

"Das Ziel der UdSSR, das sie bei den Friedensverhandlungen anstrebte, bestand

darin, ihre Position im Golf von Leningrad abzusichern und es unmöglich zu ma-

chen, dass Finnland jemals als Sprungbrett (wie in den Jahren 1917-20) für einen

Angriff auf Leningrad benutzt werden könnte."

(W. P. & Z. K. Coates, ebenda, S. 133).

Der antisowjetische (finnische - Übers.) Außenminister Tanner bestätigte, dass

"keine politischen Forderungen ... präsentiert worden sind. Die Sowjetunion

mischt sich nicht in unsere inneren Angelegenheiten ein. Auf die Kuusinen-Regie-

rung ist verzichtet worden."

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 3, ebenda, S. 3.594).

Stephen King-Hall gibt in seinen 'Mitteilungen' zu:

"Wir haben den Russen nicht geglaubt, als sie erklärten, dass sie nur bestimmte

strategische Positionen zur Sicherung ihrer baltischen Flanke haben wollten; die

folgenden Ereignisse haben diese Erklärung jedoch bestätigt."

(S. King-Hall: 'King-Hall-Mitteilungen', Nr. 223, 17. Oktober 1940, S. 2f).

...und der Helsinki-Korrespondent des 'Daily Telegraph' schrieb:

"Finnland wird seine Unabhängigkeit behalten und es gibt in offiziellen Kreisen

keine Anzeichen dafür, dass Russland aufhören wird, sie zu respektieren."

('Daily Telegraph', 27. März 1940, S. 5).

Der Friedensvertrag sah tatsächlich Folgendes vor:

"Artikel 1:

Die Feindseligkeiten zwischen der UdSSR und Finnland werden ab sofort eingestellt.

Artikel 2:

Die staatliche Grenze zwischen der UdSSR und der Republik Finnland wird an

einer neuen Linie gezogen, was bedeutet, dass das Territorium der UdSSR in

Zukunft die gesamte Karelische Landenge mit der Stadt Vyborg und der Bucht

von Vyborg, einschließlich der Inseln, des westlichen und nördlichen Ufers des

Ladoga Sees mit den Städten Kexholm, Sortavala, Suojarvi, einer Anzahl von

Inseln im Golf von Finnland, dem Gebiet östlich von Merkjarvi mit der Stadt

Kuolajarvi, Teile der Inseln Rybachi und Sredni, so wie dies auf der angefügten

Karte vermerkt ist, einschließen wird.

Artikel 3:

Die beiden Vertragsschließenden Parteien verpflichten sich gemeinsam, sich

jeden Angriffs auf die Gegenseite zu enthalten und sich nicht ... an Koalitionen

zu beteiligen, die gegen eine der Vertragsschließenden Parteien gerichtet sind.

Artikel 4:

Die Republik Finnland erklärt ihr Einverständnis, der Sowjetunion für die Dauer

von 30 Jahren gegen eine jährliche Zahlung von 8 Millionen Finnischer Mark die

Halbinsel von Hanko und die sie umgebenden Gewässer ... sowie eine Anzahl

von in der Nähe gelegenen Inseln, in Übereinstimmung mit der beigefügten Karte,

für den Zweck der Einrichtung eines Marinestützpunkts zur Verteidigung des Ein-

gangs zum Golf von Finnland gegen jede Aggression zu verpachten. Zum Zwecke

der Verteidigung des Marinestützpunkts erhält die Sowjetunion die Erlaubnis, dort

auf eigene Kosten Land- und Luftstreitkräfte in ausreichender Stärke zu stationieren.

Artikel 5:

Die UdSSR verpflichtet sich, ihre Truppen aus der Region von Petsamo, die gemäß

dem Friedensvertrag von 1920 freiwillig durch den sowjetischen Staat an Finnland

abgetreten wurde, abzuziehen.

Finnland verpflichtet sich, in Übereinstimmung mit dem Friedensvertrag von 1920,

in den Gewässern an seiner Küste am Arktischen Ozean keine Kriegsschiffe und

andere Schiffe für militärische Zwecke zu stationieren. Ausgenommen sind Kriegs-

schiffe mit weniger als 100 Tonnen Wasserverdrängung, die Finnland uneinge-

schränkt unterhalten darf. Es hat auch das Recht, nicht mehr als 15 Marine- und

andere Kriegsschiffe mit einer Tonnage von jeweils nicht mehr als 400 Tonnen zu

unterhalten.

Artikel 6:

Wie im Vertrag von 1920 vorgesehen, haben die Sowjetunion und ihre Staatsbürger

das Recht des uneingeschränkten Zugangs über die Petsamo-Region nach Norwe-

gen und zurück. Die Sowjetunion erhält das Recht, in der Petsamo-Region ein Kon-

sulat zu unterhalten.

Frachtsendungen aus der Sowjetunion durch die Petsamo-Region nach Norwegen

wie ... solche von Norwegen nach der UdSSR werden nicht überprüft oder kontrol-

liert, ausgenommen sind solche Kontrollen, die notwendig sind für die Regelung

des Transitverkehrs. ...

Staatsbürger der Sowjetunion, die über die Petsamo-Region nach Norwegen ein-

reisen und von Norwegen in die UdSSR zurückfahren, besitzen das Recht der

ungehinderten Durchreise. ...

Zivilflugzeuge der Sowjetunion besitzen das Recht, zwischen der UdSSR und

Norwegen durch die Petsamo-Region einen regelmäßigen Flugverkehr einzurichten. ...

Artikel 7:

Die Regierung von Finnland gewährt der Sowjetunion das Recht, den Gütertrans-

port zwischen der UdSSR und Schweden über Finnland durchzuführen und um

diesen Durchgangsverkehr zu entwickeln, sind beide Länder der Auffassung,

dass es nötig sein wird, nach Möglichkeit im Laufe des Jahres 1940, auf dem

jeweiligen Territorium der Länder eine Eisenbahnlinie zu errichten, die die Städte

Kandalaksha und Kmijarvi verbinden würde.

Artikel 8:

Von dem Zeitpunkt an, da dieser Vertrag in Kraft tritt, werden die wirtschaftlichen

Beziehungen zwischen den Vertragsschließenden Parteien wieder aufgenommen

und ... die Vertragsschließenden Parteien werden in Verhandlungen zum Abschluss

eines Handelsvertrages eintreten."

(Sowjetisch-finnischer Friedensvertrag von 1940, in: U. P. & Z. Coates: Ebenda, S. 168ff).

Am 29. März 1940 erklärte Molotow dem Obersten Sowjet der UdSSR:

"Der Sinn des Krieges ... in Finnland ... bestand in der Notwendigkeit, die Sicher-

heit der nordwestlichen Grenzen der Sowjetunion und ganz besonders die von Le-

ningrad zu garantieren. ...

Die Sowjetunion vernichtete die Finnische Armee und obwohl sie ganz Finnland

hätte besetzen können, tat sie dies nicht und forderte keinerlei Kriegsentschädi-

gung, was jede andere Macht getan hätte, sondern beschränkte ihre Forderungen

auf ein Minimum.

Wir verfolgten in dem Friedensvertrag kein anderes Ziel als die Gewährleistung der

Sicherheit von Leningrad, Murmansk sowie die der Murmansker Eisenbahnlinie."

(W. M. Molotow: Rede vor der Sechsten Sitzung des Obersten Sowjets der UdSSR,

in: 'Sowjetische Friedenspolitik', ebenda, SS. 52f, 62).


Die Friedensverhandlungen, 1944-1948


Als im Verlauf des Jahres 1944 die deutsche Armee gezwungen wurde, sich aus den be-

setzten Gebieten zurückzuziehen, wuchs auch der Druck auf Finnland, mit der Sowjetunion

Frieden zu schließen.

Am 17. März 1944 wurden der Finnischen Regierung die sowjetischen Bedingungen für

einen Waffenstillstand übergeben, die am gleichen Tag

"eine negative Anwort gab."

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 5, ebenda, S. 6.361).

Am 7. September 1944 erreichte eine finnische Delegation - bestehend aus Ministerpräsi-

dent Hackzell, Kriegsminister General Rudolf Walden, Generalstabschef Erik Heinrichs so-

wie Generalleutnant Oskar Enckell - Moskau, um in Waffenstillstandsverhandlungen einzu-

treten. Die Verhandlungen begannen am 14. September und wurden am 19. September ab -

geschlossen, als das Waffenstillstandsabkommen formell unterzeichnet wurde.

Seine wichtigsten Bestimmungen waren Folgende:

"1. Finnland zieht seine Truppen hinter die Linie von 1940 zurück;

2. Finnland entwaffnet ab dem 15. September sämtliche deutsche Land-, See- und

Luftstreitkräfte, die sich noch auf finnischem Boden befinden und übergibt sie dem

Alliierten Oberkommando als Kriegsgefangene ...; alle deutschen und ungarischen

Staatsbürger in Finnland werden interniert.

3. Finnland stellt dem Alliierten Oberkommando die Flugplätze an der Süd- und Süd-

westküste von Finnland als Stützpunkte für sowjetische Flugzeuge solange zur Ver-

fügung, wie Operationen aus der Luft gegen deutsche Streitkräfte noch durchgeführt

werden müssen;

4. Finnland demobilisiert seine Armee innerhalb von zweieinhalb Monaten nach Un-

terzeichnung des Waffenstillstandsabkommens;

5. Nachdem Finnland seine Beziehungen mit Deutschland abgebrochen hat, wird es

auch die mit den Satelliten Deutschlands abbrechen;

6. Die Wiederherstellung des sowjetisch-finnischen Friedensvertrages vom 12. März

1940, unter Berücksichtigung des gegenwärtigen Vertrages;

7. Finnland gibt an die Sowjetunion das Gebiet von Petsamo zurück, ... welches von

der UdSSR freiwillig an Finnland ... abgetreten wurde;

8. Die Sowjetunion verzichtet auf ihre Pachtrechte an der Halbinsel von Hanko. ...

Dafür ist Finnland bereit, der UdSSR auf Pachtbasis ein Territorium im Gebiet von

Porkala-Udd zwecks Errichtung eines sowjetischen Marine- und Luftstützpunkts

zur Verfügung zu stellen. ...;

9. Die Vereinbarung betreffs (der Entmilitarisierung - Verf.) der Aaland-Inseln, die

zwischen der UdSSR und Finnland am 11. Oktober 1940 erzielt wurde, zu erneuern;

10. Finnland übergibt sofort zwecks Rückführung in ihre Heimatländer alle Kriegsge-

fangenen und Staatsbürger an das Alliierte Oberkommando, die sich in ihrer Hand

befinden. ... Finnische Kriegsgefangene und Staatsbürger in alliierter Hand werden

an Finnland zurückgegeben;

11. Finnland zahlt an die UdSSR für die Verluste, die ihr durch militärische Opera-

tionen und die Besetzung sowjetischen Territoriums entstanden sind, Reparationen

in Höhe von 300 Millionen Dollar (75 Millionen Pfund Sterling), zahlbar über einen

Zeitraum von sechs Jahren in Form von Waren, ...;

12. Finnland arbeitet mit den Alliierten zusammen, um Kriegsverbrecher festzuneh-

men und sie vor Gericht zu stellen;

22. Finnland löst ab sofort alle faschistischen und profaschistischen Organisationen

politischer, militärischer oder halbmilitärischer Natur auf ... und wird in Zukunft sol-

che Organisationen nicht mehr dulden."

('Keesings Archive der Zeitgeschichte', Band 5, S. 6.720).

Die Friedensbedingungen wurden im Westen als 'gemäßigt' bezeichnet:

"Die russischen Friedensbedingungen wurden in London und Washington wegen

ihres moderaten Charakters sehr begrüßt."

(Ebenda, S. 6.360).

Am 4. März erklärte Finnland, dass es sich, sowjetischen Forderungen entsprechend,

mit Deutschland seit dem 15. September im Kriegzustand befände, nachdem

" ... die Deutschen durch den Angriff auf die finnische Garnison auf der Insel von

Suursari (Hogland) im Golf von Finnland"

(Ebenda, S. 7.263).

..die Feindseligkeiten eröffnet hatten.

Später, im September 1945, wurde ein Sondergericht für die Aburteilung von Kriegsver-

brechern eingerichtet und am 6. November wurden neun prominente finnische Politiker,

einschließlich Ryti und Tanner verhaftet.

Am 11. Oktober wurde bekannt gegeben, dass,

"als er von Finnlands ernster wirtschaftlicher Lage erfuhr, Marschall Stalin Finn-

land eine Verlängerung des Zeitraums für die Kriegsentschädigungen von sechs

auf acht Jahre eingeräumt habe."

(Ebenda, S. 6.844).

Im November 1945 bis zum Februar 1946 wurden acht finnische Politiker, einschließ-

lich Präsident Risto Ryti, die ehemaligen Ministerpräsidenten Johan Rangell und Edwin

Linkomies sowie der ehemalige Finanzminster Vaino Tanner angeklagt,

"entweder den Eintritt Finnlands in den Krieg von 1941 oder der Verhinderung

eines Friedensschlusses oder beides betrieben zu haben."

(Ebenda, S. 9.341).

Alle Angeklagten wurde für schuldig befunden und zu Haftstrafen verurteilt. Am 10. Fe-

bruar 1947 wurde der Friedensvertrag zwischen Finnland und den Alliierten in Paris un-

terzeichnet.

Am 27. Februar 1948 wurde offiziell bekannt gegeben,

"dass Marschall Stalin in einem Brief an Präsident Paasikivi den Abschluss

eines Vertrags zur Gegenseitigen Zusammenarbeit zwischen Finnland und der

UdSSR vorgeschlagen habe."

(Ebenda, Band 6, S. 9.158).

Der Vorschlag wurde von der finnischen Regierung am 8. März 1948 gebilligt und das

Abkommen am 6. April 1948 unterzeichnet.



Schlussfolgerungen


Die Tatsache, dass die Rote Armee mehrere Monate benötigt hatte, um die finnischen

Streitkräfte zu besiegen, wurde in verschiedenen (kapitalistischen - Übers.) Kreisen dazu

benutzt, die Schlagkraft der Roten Armee herunterzuspielen. Dazu Edgar O'Ballance:

"Der Eindruck, der in der Öffentlichkeit erzeugt wurde, war der einer ineffizienten,

sich durchwurschtelnden, primitiven Armee, der es nur mit Schwierigkeiten gelun-

gen war, einen schlecht bewaffneten Gegner in Schach zu halten - ein Gegner,

der nur ein Fünftel der eigenen Stärke ausmachte. ...Diese Meinung wurde weithin

und begierig aufgenommen, denn das war das, was viele Leute glauben wollten."

(E. O'Ballance: Ebenda, S. 152).

Tatsächlich bestätigt O'Ballance Folgendes:

"Das strategische Konzept ... war durchaus klug. ...

Konzentrierte Attacken liefen Tag und Nacht. Dies vier Wochen lang ... durchzu-

halten, war schon für sich genommen eine beachtliche Leistung. ...

Der Soldat der Roten Armee bewährte sich in dieser Schlacht hervorragend und

sein Mut, seine Ausdauer und Kraft angesichts todbringenden Feuers, bei knap-

pen Rationen und unter extremen klimatischen Bedingungen waren beachtlich.

Er besaß warme Kleidung (im Gegensatz zu dem, was häufig behauptet wird)."

(E. O'Ballance: Ebenda, S. 152ff).

In seiner ausführlichen Studie zum sowjetisch-finnischen Krieg geht Major Arthur Hoo-

per sogar noch weiter, wenn er sagt:

"General Meretzkows Konzept, das gut durchdacht und kühn ausgeführt wurde,

braucht den Vergleich mit denen großer Meister der Kriegskunst der Vergangen-

heit nicht zu scheuen."

(A. S. Hooper: 'Die sowjetisch-finnische Schlacht', London 1940, S. 24).

...und der Militärkorrespondent der 'Tribune' meint:

"Beim entscheidenden Angriff auf die Mannerheim-Linie gab es keine Hinweise

auf ernste militärische Schwächen. Das Artilleriefeuer sowie seine Unterstützung

waren offensichtlich sehr intensiv; es gab kein Nachlassen des ausgeübten

Drucks; ... es gibt nur wenige große Offensiven gegen Verteidigungsstellungen

im Großen Krieg (wohl gemeint: im Ersten Weltkrieg - Übers.), von denen dies

gesagt werden kann."

('Tribune', Nr. 168, 15. März 1940).

Nach dem sowjetischen Sieg schrieb der 'News Chronicle':

"Jene ausländischen Kommentatoren, die behauptet hatten, dass Stalin einen

fatalen Fehler beging, waren im Unrecht."

('News Chronicle', 14. März 1940, S. 2).

Von sowjetischen Militärwissenschaftlern wurde die sowjetische Kriegsführung gegen

Finnland als vorbildlich bezeichnet. Sergej Birjusow meint, dass Strategie und Taktik, wel-

che von der Roten Armee im Krieg gegen Finnland befolgt wurden, später im größeren

Maßstab während des Großen Vaterländischen Krieges von 1941-45 zur Anwendung kamen:

"Die Erstürmung der 'Mannerheim-Linie' wurde als Modell für eine gute operative

und taktische Kriegskunst angesehen. Den Soldaten wurde beigebracht, dass

man die langandauernde gegnerische Verteidigung durch eine allmähliche Ver-

stärkung der Kräfte und ein geduldiges Wegbrechen der Befestigungsanlagen

des Feindes schließlich überwinden kann."

(S. S. Birjusow: 'Die gut verstandene Lektion', in: S. Bialer, Hrsg., ebenda, S. 137).

Eine ganze Reihe von westlichen Korrespondenten zollen dem taktischen Vermögen

der Roten Armee ihre Anerkennung:

"Die Russen haben, wie berichtet wird, beim Einsatz ihrer Panzer beträchtli-

ches taktisches Geschick bewiesen."

('Daily Telegraph', 14. Februar 1940, S. 1).

... aber auch ihrem Einfallsreichtum und Erfindergeist:

"Die Russen hatten eigene intelligente Experimente gemacht und zum Beispiel

solche neuen Erfindungen wie gewaffnete Schlitten, dreistöckige Unterstände

und fingierte Feldlager eingeführt, um bombardierende Flugzeuge auf Flagge-

schütze zu lenken. ...Das meiste dieser Ausrüstung war erstklassiger Art - Pan-

zerabwehrgewehre, Maschinenpistolen, Maschinengewehre und ein neuartiger

Revolver, der nicht blockieren kann. Die Russen haben in der Tat einen bemer-

kenswerten Erfindergeist."

('Times', 18. März 1940, S. 7).

... sowie der Tapferkeit ihrer Soldaten:

"Dort (auf der Landenge - Verf.) haben die russischen Divisionen mit einer Tapfer-

keit gekämpft, die kaum je von russischen Soldaten in diesem Jahrhundert er-

reicht worden ist."

('Daily Telegraph', 6. März 1949, S. 1).

...was den 'Daily Herald' nicht davon abhalten konnte im Februar zu 'berichten', dass

"aus informierten Kreisen in Moskau zu vernehmen ist, dass Meretzkow und

sein ganzer Stab schon bald nachdem General Schtern an der finnischen Front

aus dem Fernen Osten aufgetaucht war, erschossen wurden."

('Daily Herald', 23. Februar 1940, S. 6).

Einen Monat nach Ende des Krieges und nachdem General Meretzkow mit dem Lenin-

orden ausgezeichnet worden war, berichtete die Presse:

"Die heute vergebenen Auszeichnungen legen nahe, dass der sowjetische Feldzug

von einem Stab unter Leitung von General Meretzkow geführt wurde.

General Schtern, von dem berichtet wurde, dass er in einer späteren Phase des

Feldzugs das Kommando über die sowjetischen Streitkräfte übernahm, wird nicht

erwähnt, was darauf hindeutet, dass er die sowjetischen Streitkräfte im Fernen Os-

ten nie verlassen hat."

('New Chronicle', 23. März 1940, S. 2).

Wir geben Read und Fisher das letzte Wort zum sowjetisch-finnischen Krieg von 1939-40:

"Was Stalin anging, so war der Winterkrieg in streng strategischem Sinne ein Erfolg.

Er war kurz; er dehnt sich nicht zu einem größeren Konflikt aus; ...und erreichte sei-

nen Zweck: Die nördlichen Zugänge zu Leningrad waren jetzt sicher und die UdSSR

kontrollierte den Zugang zum Golf von Finnland."

(A. Read & D. Fisher: Ebenda, S. 416).