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Ein Hüttenwerk wird im Rekordtempo wieder in Betrieb genommen

Der spätere Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breshnev, erinnert sich, 1946/47 (In ders., Auf dem Wege Lenins. Reden und Aufsätze. Bd. 7, Berlin 1980, S. 67 – 129)

 

Das Gras war bereits durch Schrott und Schotter hindurchge­wachsen, aus der Ferne das Geheul streunender Hunde, rings­um nichts als Trümmer, an den Asten verkohlter Bäume hingen schwarze Krähennester. Derartiges hatte ich nach dem Bürger­krieg gesehen. Schrecklich war die Totenstille der Fabriken, nun lagen sie gänzlich in Schutt und Asche.

Es war der heiße Sommer 1946. In jenem Jahr schickte mich die Partei nach Zaporoztal’ ...

Und diesen ganzen endlosen, heißen, bedrückenden Tag über, an dem ich mich mit der Sachlage vertraut machte, über­legte ich: Womit hier beginnen? Der Eindruck war, man muß schon sagen, ziemlich trostlos. Die Faschisten hatten in der Stadt sämtliche 70 Betriebe gesprengt. Als im Werk »Zaporoz­stal'« mit dem Wiederaufbau der Blechstraße begonnen wurde, entdeckten wir an allen Pfeilern der mittleren Reihe den mit roter Farbe aufgemalten Buchstaben »F« (Feuer). Rote Pfeile wiesen auf die Stelle, wo Sprengstoff anzubringen war.

Zudem lag die ganze Stadt in Trümmern. Die Staatliche Korn­mission hatte berechnet: In Zaporoz’e waren mehr als 1000 große Wohnblocks, 24 Krankenhäuser, 74 Schulen, 2 Hochschulen, 5 Lichtspielhäuser, 239 Läden zerstört worden. Die Stadt war ohne Wasser, ohne Heizung, ohne Strom. Immenser Schaden war auch der Landwirtschaft rings um Zaporoz’e zu­gefügt worden.

In dieses Gebiet entsandte mich das Zentralkomitee der Partei zu einem schwierigen Zeitpunkt. Etwa einen Monat vor mei­nem Eintreffen, am 27. Juli 1946, war in der >Pravda< der Korre­spondentenbericht »Weshalb sich der Wiederaufbau von >Zapo­rozstal'< verzögert« veröffentlicht worden. Die folgende Ant­wort wurde gegeben: »Mangelnde Organisation ist die Haupt­ursache. Es existiert kein Plan für die Organisierung und Me­chanisierung der Arbeiten. Es gibt praktisch auch keinen Zeit­plan. Die Erfüllung des Planes wird nicht mengenmäßig, son­dern in Rubel abgerechnet. Auf diesem Boden blüht die Schön­färberei...«

Die Arbeit wurde an vielen Stellen begonnen, aber nirgends zu Ende geführt. Die Disziplin war schlecht. Zusammenarbeit und Zusammenwirken gab es überhaupt nicht. Mit anderen Worten, es fehlte all das, was aus vielen Menschen ein einträch­tiges Kollektiv macht. Mein erstes Anliegen war es, eine Atmo­sphäre der Exaktheit, hoher parteilicher Anforderungen zu schaffen. Heute wird niemand ein Bauvorhaben ohne einen Zeitplan in Angriff nehmen. Damals jedoch suchten einige Lei­ter allen Ernstes nachzuweisen, daß das unter unseren Bedin­gungen überhaupt nicht möglich sei. Es handele sich nicht um einen »normalen« Bau: Wir schaffen Trümmer fort, bergen Rohre, Träger, Gleise, unbeschädigte Einzelteile von Maschi­nen. Das lasse sich nicht normieren.

Und diese Ansicht hatte sich in der Praxis eingebürgert: Ge­arbeitet wurde ohne Normen, die Arbeitsproduktivität über den Daumen gepeilt. Mit anderen Worten: Der Plan wurde den Engpässen angepaßt, danach das Tempo festgelegt und be­stimmt, was in einer Schicht oder einem Monat geschafft wer­den kann, nicht aber danach, was vollbracht werden muß, was unbedingt notwendig ist.

Derartige Verhaltensweisen galt es zu überwinden ...

Man mußte sich auch mit Fragen befassen, die zwar keine wirtschaftlichen oder Alltagsprobleme betrafen, dennoch eben­falls von Bedeutung waren, weil sie menschliche Schicksale be­rührten. Die Sicherheitsorgane waren damit befaßt, Verräter, die den Faschisten geholfen hatten, »Hilfspolizisten« sowie An­gehörige der »Straf«einheiten, die sich in alle Ritzen verkrochen hatten, aufzuspüren und zu entlarven. Sie sollten der Vergel­tung nicht entgehen. Diese Ermittlungen erforderten äußerste Sorgfalt und Umsicht, um nicht ehrliche Menschen durch Ver­dacht zu kränken. Hierbei hatte die Partei unbedingt mitzuwir­ken. Besonders mußte ich dafür sorgen, daß man nicht jeden, der gegen seinen Willen auf okkupiertes Territorium geraten war, des Verrats verdächtigte.

Andererseits muß bemerkt werden, daß in der Nachkriegszeit besondere Wachsamkeit nötig war. Es verging keine Woche ohne irgendwelche »besonderen Vorkommnisse«, es tauchten sogar noch bewaffnete Banden auf, nachts waren Schießereien zu hören ...

Im Februar 1947 mußte das Büro des Gebietskomitees einen besonderen Beschluß zur wirksameren Bekämpfung der Krimi­nalität fassen. Darin hieß es - wie ich mich entsinne -, daß wir verpflichtet sind, an dieser Front die Kommunisten und Kom­somolzen einzusetzen, die Organe zum Schutz der Ordnung zu verstärken, sie von labilen Menschen zu säubern: »Hat einer unmoralisch gehandelt, so löst ihn ab, auch wenn das eine Lüc­ke reißt. Dann werden wenigstens alle die Lücke sehen, die durch einen starken Genossen zu schließen ist. Oder geht ernst­haft, mit dem ganzen Kollektiv daran, den Betreffenden umzu­erziehen.«

Sehr wichtig war die Arbeit der Miliz. Allerlei Volk kam nach Zaporoz'e, die Stadt aber war dunkel, ohne Straßenbeleuch­tung, ohne Verkehrsmittel, und ich erinnere mich an die Zeit, da Raubüberfälle und Ausschreitungen von Rowdys die Ein­führung der dritten Schicht ernstlich störten. Die Autorität der Miliz mußte gehoben und gefestigt werden; ihre Uniformen aber (auch dieses Detail fällt mir ein) waren recht abgetragen. In einer Sitzung sagte ich: »Wir müssen vor allem die Milizionäre neu einkleiden. Damit man schon von weitem sieht - da kommt ein Ordnungs- und Gesetzeshüter.« ...

Die Tage eilten dahin, die Zeit wurde immer knapper, die Menschen arbeiteten Tag und Nacht, doch insgesamt hat sich mir diese Zeit als etwas Leuchtendes und Freudiges eingeprägt. In Zaporoz'e traf der erste Zug mit Erz aus Krivoj Rog ein - das war ein Triumph. Der Trocknungsprozeß des Hochofens be­gann - welch eine Freude. Es begann die Erprobung des Wind­gebläses des Wärmekraftwerks, über den Schrägaufzug krochen die ersten Kippkübel mit der Begichtung aufwärts - das waren wiederum Ereignisse, die für jeden Teilnehmer am Wiederauf­bau besondere Bedeutung hatten.

Aus Moskau kam eine staatliche Kommission, geleitet von dem bekannten Metallurgen - Ivan Pavlovic Bardin, Vizepräsi­dent der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, den ich noch von Dneprodzerzinsk her kannte. Dieser in seinen Formulierungen sonst zurückhaltende Mann schrieb in das Proto­koll über die Abnahme des ersten Bauabschnittes des Werkes »Zaporozstal'«: »Die Bau- und Montagearbeiter haben hier be­deutende Arbeiten ausgeführt, die weder im Umfang noch in der Lösung technischer Aufgaben ihresgleichen kennen.«

Schließlich brach der lang erwartete, denkwürdige Tag an. Zum letzten Male wurde die Bereitschaft überprüft. Dann er­ging die Anweisung: »Hochofen anblasen!« Ein Arbeiter drehte den Heißwindschieber, der Obermeister rannte mit brennender Fackel zum gußeisernen Stichloch, im Ofen setzte ein Dröhnen ein, und im gleichen Augenblick heulte am Hauptgebäude des Wärmekraftwerks mit voller Lautstärke die Sirene los und ver­kündete die zweite Geburt von »Zaporozstal'«. Auf dieses Si­gnal hin rannten in der Stadt alle auf die Straße. Unbekannte umarmten sich, weinten vor Freude. Und einen Tag später, am 30. Juni 1947, floß das erste uns allen so kostbare Zaporoz'e­-Roheisen.

Ich erinnere mich an diesen Tag in allen Einzelheiten. Der Ofen dröhnte gleichmäßig, man mußte laut werden, um sich dagegen durchzusetzen, aber das war ein jedem Metallurgen vertrautes Dröhnen, und auch mich erfreute es, weil ich mich in meinem Innersten immer noch als Metallurge fühlte. Der Schneidbrenner brannte das Stichloch auf, und es erschien ein Bächlein weißglühenden Metalls. Funkensprühend gewann das Bächlein an Kraft und wurde zu einem Roheisenflüßchen. Die Oberfläche dieses Flüßchens kräuselte sich, wir alle folgten ihm, sahen zu, wie sich der Kübel erstmalig füllte. Ich entsinne mich, daß ich mit Bardin einen langen Händedruck tauschte und wir alle Hochöfner innig umarmten ...