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Das Alltagsleben soll umgestaltet werden, aber die Debatte über die sozialistische Lebensweise der Zukunft wird ab­gebrochen

Ein Beschluß des CK der Kommunistischen Partei vom 16. Mai 1930

 

Der erfolgreiche Verlauf des sozialistischen Aufbaus, speziell der Industrialisierung des Landes, schafft bereits in der gegen­wärtigen Etappe die notwendigen Voraussetzungen für eine planmäßige Arbeit auf dem Gebiet der Umgestaltung des All­tagslebens nach sozialistischen Grundsätzen. Der Enthusiasmus der Arbeitermassen bei der möglichst raschen Erfüllung des Fünfjahrplans beginnt, auch das Alltagsleben zu ergreifen. In einer Reihe von Betrieben werden Brigaden zu Fragen des All­tagslebens (bytovye brigady) geschaffen, die in den sozialisti­schen Wettbewerb mit der Genossenschaft eintreten, die Paten­schaft und Kontrolle über die Organisation gesellschaftlicher Speiseeinrichtungen, Kinderkrippen, Kindergärten u. a. über­nehmen.

Die Parteiorganisationen müssen dieser Bewegung in umfas­sender Weise helfen und sie mit ihren Ideen leiten. Die örtlichen Sowjets, Gewerkschaften und Genossenschaften müssen die praktische Entscheidung der Aufgaben übernehmen, die mit dieser Bewegung verbunden sind. Den einzelnen Initiativen der Arbeiter gegenüber, die zur Umgestaltung des Alltagslebens unternommen werden, ist größte Aufmerksamkeit zuzuwen­den; sorgfältig sind die Keime des Neuen zu studieren, und es muß in jeder Weise dabei geholfen werden, sie ins Leben zu überführen.

Das Zentralkomitee bemerkt, daß es neben den Keimen der Bewegung für ein sozialistisches Alltagsleben äußerst unbe­gründete, halbphantastische und deshalb außerordentlich schädliche Versuche einzelner Genossen gibt, »mit einem Sprung« jene Hindernisse auf dem Weg zu einer sozialistischen Umgestaltung des Alltagslebens zu überspringen, die einerseits in der ökonomischen und kulturellen Rückständigkeit des Lan­des, andererseits in der Notwendigkeit begründet sind, zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Maximum an Ressourcen auf die möglichst rasche Industrialisierung des Landes zu konzentrie­ren, die allein die realen materiellen Voraussetzungen für eine grundlegende Umstrukturierung des Alltagslebens schafft. Zu diesen Versuchen einiger Mitarbeiter, die ihr opportunistisches

Wesen hinter einer »linken Phrase« verbergen, zählen die in der letzten Zeit in der Presse aufgetauchten Projekte zur Neupla­nung der existierenden Städte und zum Aufbau von neuen Städ­ten ausschließlich auf Kosten des Staates, wobei alle Seiten des Alltagslebens der Werktätigen unverzüglich und vollständig vergesellschaftet werden sollen: die Ernährung, der Wohnraum, die Erziehung der Kinder, die von den Eltern getrennt werden sollen, wobei die Alltagsbeziehungen zwischen den Familien­mitgliedern zu beseitigen seien, die individuelle Speisezuberei­tung administrativ untersagt werden soll usw. Die Durchfüh­rung dieser schädlichen, utopischen Prinzipien, die nicht die materiellen Ressourcen des Landes und den Grad der Vorberei­tung der Bevölkerung in Betracht ziehen, würde zu einer gewal­tigen Verschwendung von Mitteln und zu einer ungeheuren Diskreditierung der Idee einer sozialistischen Umgestaltung des Alltagslebens selbst führen.

 

Somit beschließt das Zentralkomitee:

1. Der Rat der Volkskommissare der UdSSR soll innerhalb von fünfzehn Tagen Hinweise über die Regeln für den Bau von Arbeitersiedlungen und einzelnen Wohnhäusern für die Werk­tätigen geben. Diese Hinweise sollen die Entwicklung gesell­schaftlicher Dienstleistungen für das Alltagsleben der Werktäti­gen vorsehen (Wäschereien, Bäder, Fabrik-Küchen, Kinderein­richtungen, Kantinen u. a.), und zwar sowohl in den neu errich­teten als auch in den bestehenden Städten und Siedlungen.

2. Beim Bau von Arbeitersiedlungen in der Nähe der neuen Großbetriebe (Stalingrad, Dneprostroj, Magnitogorsk, Celja­binsk u. a.) ist für einen ausreichenden Grüngürtel zwischen den Produktions- und den Wohnzonen, für Straßen und Ver­kehrsverbindungen zu sorgen; diese Siedlungen sind mit Was­serleitung, elektrischer Beleuchtung, Bädern, Wäschereien, gesellschaftlichen Speiseeinrichtungen, Kindereinrichtungen, Klubs, Schulen und Einrichtungen für medizinische Hilfe aus­zustatten. Beim Neubau sind allgemein zugängliche hygieni­sche Einrichtungen sowie auch Maßnahmen zur Hebung des Komforts in maximalem Umfang sicherzustellen; gleichzeitig sind alle Maßnahmen für eine höchstmögliche Verbilligung des Bauwesens zu ergreifen.

3. Entsprechend diesen Aufgaben ist die Aufmerksamkeit aller Parteiorganisationen auf die Notwendigkeit zu konzen­trieren, die Arbeit zugunsten einer maximalen Mobilisierung

der Mittel der Bevölkerung selbst für den Wohnungsbau über die Wohnungsbaugenossenschaft erheblich zu intensi­vieren.

4. Angesichts der bestehenden Unklarheiten bei der Finanzie­rung der verschiedenen kulturellen und Dienstleistungseinrich­tungen durch die Wirtschaftsorgane und Gewerkschaftsorgani­sationen werden das Volkskommissariat für Arbeit der UdSSR und der Zentralrat der Gewerkschaften der UdSSR beauftragt, gemeinsam mit der Genossenschaft dringende Maßnahmen zur Regelung und Ausweitung der Finanzierung der Umgestaltung des Alltagslebens zu ergreifen.

5. Die Kommission zur Umgestaltung des Alltagslebens heim Volkskommissariat für Arbeiter- und Bauern-Inspektion der UdSSR hat auf die Durchführung dieses Beschlusses zu achten.

6. Der Rat der Volkskommissare der UdSSR soll dem Ober­sten Volkswirtschaftsrat der UdSSR eine Direktive übermitteln, beginnend mit diesem Wirtschaftsjahr die Produktion von Aus­rüstungen für die Versorgung der Werktätigen mit Dienstlei­stungen auszuweiten (Fabrik-[Groß-]Küchen, mechanisierte Wäschereien, öffentliche Speiseeinrichtungen u. a.) und die Fra­ge nach einer Ausweitung der Finanzierung von Maßnahmen zur Umgestaltung des Alltagslebens zu erörtern.