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Das Kollektivierungstempo wird weiter beschleunigt, das Kulakentum liquidiert

Der Beschluß des ZK der KPdSU (B) ,Über das Tempo der Kollektivierung und die Hilfsmaßnahmen des Staates für den Kolchos-Aufbau’, 5. Januar 1930

 

1. In den letzten Monaten hat die Kollektiv-Bewegung einen neuen Schritt vorwärts getan. Sie hat nicht nur einzelne Grup­pen von individuellen Wirtschaften erfaßt, sondern auch ganze Rajons, Distrikte und selbst Gebiete und Gaue. Die Grundlage dieser Bewegung ist die Kollektivierung der Produktionsmittel der klein- und mittelbäuerlichen Wirtschaften.

Alle in den Plänen vorgesehenen Entwicklungsgeschwindig­keiten der Kollektivbewegung sind überschritten worden. Schon im Frühjahr 1930 machte die gesellschaftlich bearbeitete Saatfläche wesentlich mehr als 30 Mill. Hektar aus, d.h. der Fünfjahrplan der Kollektivierung, in dem vorgesehen war, daß zum Ende des Jahrfünfts 22 bis 24 Mill. Hektar von Kollektiven erfaßt werden sollten, wird schon in diesem Jahr wesentlich übererfüllt werden.

Auf diese Weise haben wir eine materielle Grundlage für die Ablösung der Großproduktion in Kulakenwirtschaften durch die Großproduktion der Kolchosen, für eine mächtige Vor­wärtsbewegung zur Schaffung des sozialistischen Ackerbaus, ganz abgesehen von den Sowchosen, deren Wachstum alle Plan­ansätze wesentlich überflügelt.

Dieser Umstand, der entscheidende Bedeutung für die ganze Volkswirtschaft der UdSSR hat, hat der Partei das volle Recht gegeben, in ihrer praktischen Arbeit von der Politik der Einschrän­kung der Ausbeutungstendenzen des Kulakentums zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse überzugehen.

2. Auf der Grundlage all dieser Umstände kann man zweifel­los feststellen, daß wir innerhalb des Jahrfünfts statt der im Fünfjahrplan vorgesehenen Kollektivierung von 20 Prozent der Saatfläche die Aufgabe der Kollektivierung der überwältigen­den Mehrheit der bäuerlichen Wirtschaft lösen können, wobei die Kollektivierung solcher wichtigen Getreide-Rajons wie Un­tere Wolga, Mittlere Wolga und Nord-Kaukasus im wesentli­chen im Herbst 1930 oder in jedem Fall im Frühjahr 1931 abge­schlossen sein wird; die Kollektivierung der anderen Getreide­-Rajons kann im wesentlichen im Herbst 1931 oder in jedem Falle im Frühjahr 1932 abgeschlossen werden.

3. Entsprechend dem wachsenden Tempo der Kollektivie­rung ist es notwendig, die Arbeit am Bau von Werken, die Traktoren, Kombinaten usw., Traktoren- und Anhängerzube­hör produzieren, noch mehr zu verstärken, damit die vom Obersten Volkswirtschaftsrat gesetzten Fristen für die Beendi­gung des Baues neuer Werke in keinem Fall überschritten wer­den ...

4. Da die Lösung der Aufgabe einer durchgängigen Ursetzung des Pferdebestandes durch einen Bestand an maschineller Zug­kraft nicht in kurzer Frist erfüllt werden kann, sondern eine Reihe von Jahren benötigt, fordert das ZK der KPdSU (B), daß den Tendenzen zur Unterschätzung der Rolle der Pferdezugkraft im derzeitigen Stadium der Kolchosbewegung entschiedener Widerstand geleistet wird, Tendenzen, die zur Verschleuderung (razbazarivanie) und zum vollständigen Verkauf der Pferde führen. Das ZK der KPdSU (B) unterstreicht die außerordentliche Wichtigkeit unter den gegenwärtigen Bedingungen, als Über­gangsmaßnahme in den Kolchosen Pferde- und Maschinen-­Stützpunkte sowie einen Mischtyp von Traktoren- und Pferde-­Stützpunkten zu schaffen, die die Zugkraft des Traktors mit der des Pferdes verbinden.

5. In Verbindung mit dem wachsenden Tempo der Kollektiv­Bewegung schlägt das ZK dem Volkskommissariat der Union für Landwirtschaft vor, die Kräfte und Mittel zur Flurbereini­gung derart umzugruppieren, daß die Flurbereinigungsbedürf­nisse der Rajons mit durchgängiger Kollektivierung vollständig gesichert werden, unter Hintanstellung der individuellen Flur­bereinigung mit Ausnahme einiger nationaler Rajons und ein­zelner Rajons des verbrauchenden Gürtels, wo die Kollektiv-­Bewegung noch keine breite Entfaltung erfahren hat.

6. In Obereinstimmung mit dem Dargelegten hält es das CK für absolut notwendig, die gesamte Kreditsumme im Kolchos-­Sektor für 1929/30 von 270 Mill. Rubel auf 500 Mill. Rubel zu erhöhen und entsprechend die Kreditierung anderer Sektoren zu kürzen.

7. In Obereinstimmung mit den veränderten Bedingungen in den Rajons durchgängiger Kollektivierung müssen die Maschi­nen-Traktoren-Stationen, die im Allunions-Traktor-Zentrum vereinigt sind, ihre Arbeit auf folgende Grundlage umstellen:

a) Verträge vorzugsweise, wenngleich nicht ausschließlich, mit Kolchosen;

b) Verpflichtungen der Bauern, den Wert der Stationen inner­halb von drei Jahren zu tilgen.

Gleichzeitig muß in den Rajons mit bedeutender Verbreitung von Sowchosen (z. B. Mittlere Wolga und einzelne Rajons des Nord-Kaukasus) der Typ einer kombinierten Wirtschaft er­probt werden, dessen wichtigste Grundlage der Sowchos bildet, der auf Vertragsbasis und gegen Bezahlung wirkt sowie den vertraglich verbundenen Kolchosen vor allem beim Pflügen mit dem Traktor und bei der maschinellen Ernteeinbringung Hilfe leistet.

8. Angesichts der besonderen Bedeutung der Kader schlägt das CK dem Volkskommissariat der Union für Landwirtschaft, dem Kolchozcentr und den Gebietskomitees der Partei vor, die Arbeit zur Heranbildung von Kolchos-Kadern und zur Versor­gung der Kolchosen mit ihnen zu beschleunigen, nachdem da­für ein breites Netz von Schnellkursen geschaffen worden ist. Zu den Schnellkursen sind in erster Linie beförderte Praktiker der Kolchosbewegung aus der Bauernschaft und Organisatoren der Kolchosbewegung aus den Reihen der Arbeiterbrigaden, die sich hervorgetan haben, heranzuziehen.

9. Da die Erfahrung der durchgängigen Kollektivierung im gegenwärtigen Stadium der Kolchosentwicklung als verbreitet­ste Form der Kolchosen anstelle der Genossenschaften zur ge­meinschaftlichen Bodenbearbeitung, in denen bei vergesell­schafteter Arbeit das Privateigentum an Produktionsmitteln be­wahrt wurde, das landwirtschaftliche Artel in den Vordergrund rückt, in dem die hauptsächlichen Produktionsmittel (totes und lebendes Inventar, Wirtschaftsgebäude, das für den Markt und den Produktenhandel bestimmte Vieh) kollektiviert sind, be­auftragt das Zentralkomitee der VKP/b das Volkskommissariat der Union für Landwirtschaft damit, in kürzester Frist ein Mu­ster-Statut des landwirtschaftlichen Kolchos-Artels auszuarbei­ten, als Übergangsform der Kolchose zur Kommune; dabei muß berücksichtigt werden, daß die Aufnahme von Kulaken in die Kolchosen unzulässig ist.

10. Die Parteiorganisationen müssen die spontan von unten wachsende Kolchosbewegung leiten und ihr eine Form geben, damit dadurch eine Organisation tatsächlich kollektiver Produktion in den Kolchosen sichergestellt wird und damit auf dieser Grundlage nicht nur erreicht wird, den vorgesehenen Plan zur Erweiterung der Saatfläche und zum Wachstum der Ernteerträge vollständig zu erfüllen, sondern auch entspre­chend der Entscheidung des ZK-Novemberplenums die jetzige Saatkampagne in einen Ausgangspunkt für einen neuen Auf­schwung der Kolchosbewegung zu verwandeln.

11. Das ZK der KPdSU (B) unterstreicht die Notwendigkeit eines entschiedenen Kampfes gegen jeglichen Versuch, die Entwick­lung der Kollektivbewegung aus Mangel an Traktoren und komplizierten Maschinen anzuhalten. Zugleich warnt das ZK sehr ernsthaft die Parteiorganisationen davor, in irgendeiner Weise die Kolchosbewegung von oben zu »dekretieren«; dies schafft die Gefahr, einen tatsächlich sozialistischen Wettbewerb um die Organisierung von Kolchosen mit einem Kollektivie­rungsspiel zu vertauschen.