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Edith Baumann

 

17 Tage in der Sowjetunion

 

Reiseeindrücke der ersten deutschen Nachkriegsdelegation

(Aus: 'Neue Welt', Heft 17, September 1947, S. 78ff)

 

 

 

"Wenn ich als Kind in der Geografiestunde vor der Europakarte stand und mit dem Zeigestock auf der großen Fläche der Sowjetunion die wichtigsten Städte suchte, dann war ich jedesmal erdrückt von der ungeheuren Weite dieses Landes, das längst nicht dort seine Grenzen hat, wo die Karte ihr Ende fand. Irgendwie war mir dieses Land in seiner unermesslichen Ausdehnung, mit seinen endlosen Wäldern, gewaltigen Strömen, der Verschiedenartigkeit seiner Menschen unheimlich. Die deutsche Öffentlichkeit hat wenig dazugetan, um den Schleier zu lüften, der über dieses Land gebreitet wurde. Im Gegenteil: Man legte es darauf an, das deutsche Volk nicht nur in Unwissenheit über die tatsächlichen Verhältnisse in der Sowjetunion zu halten, sondern brachte es sogar in eine Frontstellung gegen dieses Land und seine Bevölkerung. Dies trifft leider nicht nur für die Jahre des Hitlerfaschismus, sondern auch zum Teil für die Zeit der Weimarer Republik zu. Reaktionäre Elemente im deutschen Volk versuchten und versuchen heute erneut, dem gesellschaftlichen Leben der Sowjetunion den Stempel der Primitivität aufzudrücken.

 

Für mich war es ein großes Erlebnis, der ersten deutschen Delegation anzugehören, die nach dem Krieg die Sowjetunion besuchte. Damit war die Möglichkeit gegeben, aus eigenem Erleben das Land kennenzulernen, das als einziges der Welt eine völlige Neugestaltung seines gesellschaftlichen Lebens auf sozialistischer Grundlage vollzogen und sich damit den Hass aller kapitalistischen Staaten und reaktionären Kräfte zugezogen hat. Ich weiß, dass man sofort einwenden wird, es wäre unmöglich, während eines 17-tägigen Aufenthalts einen erschöpfenden Überblick zu gewinnen, und im Übrigen würde bei solchen Delegationen nur das Positive herausgestellt und das Negative geflissentlich verborgen gehalten. Das erstere trifft nur bis zu einem gewissen Grade zu; denn wer mit wachen Augen durch die Städte und Orte fährt, wer die Möglichkeit hat, mit allen Schichten der Bevölkerung, Akademikern, Arbeitern, Frauen und Jugendlichen, zu sprechen, erhält ein ziemlich zuverlässiges Bild über die Stimmung. Das andere Argument widerlegt sich schon dadurch, dass es niemanden in der UdSSR einfallen wird, wegen einer fünfköpfigen deutschen Delegation Potemkische Dörfer aufzubauen. Der Sinn dieser Delegation wurde auch von keiner Seite so aufgefasst, kritiklos und schematisch das Gesehene auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Im Gegenteil: Das sowjetische Volk ist aufgrund der besonderen Struktur seines Landes viel zu geschult, um nicht zu wissen, dass man der Mentalität eines jeden Volkes Rechnung tragen muss, und mehr als einmal wurde uns von den verschiedensten Seiten gesagt: 'Wenn ihr nach Deutschland zurückkommt, dann berichtet das, was ihr gesehen habt, ohne Schönfärberei! Damit erweist ihr uns und euch den besten Dienst.'

 

Wenn ich im Folgenden versuche, die wichtigsten Eindrücke dieser Reise wiederzugeben, dann geschieht das aus dem inneren Bedürfnis und der politischen Notwendigkeit heraus, im deutschen Volk tiefes Verständnis für dieses Land und seine Bevölkerung zu wecken und an der Festigung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden Völkern mitzuhelfen.

 

Als unsere Delegation am 19. Juli mit dem Flugzeug nach Moskau startete, war dies nicht eine Reise schlechthin. Zum ersten Mal seit Kriegsende begaben sich Vertreter einer deutschen Jugendorganisation in das Land, das wohl am schwersten unter den Verwüstungen der deutschen Armee und unter den Grausamkeiten der faschistischen Eindringlinge gelitten hat. Ein jeder von uns dachte an die unausgesprochene Frage: Wie wird man uns aufnehmen? Nach 6 1/2-stündigem Flug landeten wir auf dem Moskauer Flugplatz, etwa 30 km außerhalb der Stadt. Ein Augenblick lang ein etwas unschlüssiges Sichumsehen - aber schon kommt jemand unbefangen auf uns zu und nimmt uns in Empfang. Es sind der Vizepräsident des Antifaschistischen Komitees der sowjetischen Jugend, Tjurin, und einige Mitglieder des Komitees. Keine offizielle Begrüßungsrede, ein guter, fester Händedruck, ein paar herzliche Worte und wir fühlten uns aufgenommen in den Kreis dieser Menschen. So war es bei jeder neuen Begegnung mit sowjetischen Menschen. Man wusste nicht viel von uns, nur dass wir als Vertreter einer Jugendorganisation kommen, die sich bemüht, die fortschrittlichen Kräfte innerhalb der deutschen Jugend zu sammenln und zu entwickeln, um auf dem Boden einer wirklichen Demokratisierung Deutschlands die Grundlage für die Verständigung der Völker und einen dauerhaften Frieden zu schaffen. Das genügte, um uns aufzunehmen als Gleiche unter Gleichen. Dann ging es auf einer gut angelegten Straße der Stadt entgegen. Zu beiden Seiten alte, zum Teil schon schief stehende Holzhäuser, wie sie noch aus dem zaristischen Russland übrig geblieben sind, auf den Feldern hier und da die Überbleibsel der Panzersperren. Allmählich änderte sich das Bild: Die Reihen der niedrigen Holzhäuser wurden unterbrochen von großen massiven Bauten, und wenig später fuhren wir in die Stadt ein. Als Berlinerin bin ich an ein weitverzweigtes, präzise laufendes Verkehrswesen und das Getriebe einer Großstadt gewöhnt. Aber der erste Eindruck von Moskau war erdrückend durch die Mannigfaltigkeit des Straßenbildes: Autos in einer Menge und Eleganz wie ich sie bisher nicht gesehen habe, Straßenbahnen, Omnibusse, Trolleybusse und dazu Menschen in übersehbarer Zahl - das pulsierende Leben einer Weltstadt. Die niedrigen Häuser des zaristischen Russlands sind zum großen Teil längst abgelöst durch Hochhäuser und Bauten modernsten Stils. Nur hier und da erinnern noch kleine Häuser an das ehemalige Aussehen der Stadt. Aber auch sie werden kein langes Dasein mehr führen. Überall fallen die breiten Straßen auf. Man spürt, dass man in diesem Land nicht mit dem Quadratmeter zu rechnen braucht. Trotz dieses verwirrenden Verkehrs sind die Straßen sauber und bei aller Geschäftigkeit der Menschen hört man kein lautes oder unwirsches Wort. Die Älteren sind von einem Ernst, der erkennen lässt, dass viele Entbehrungen noch nicht überwunden sind, trotzdem aber sind sie von einem Selbstbewusstsein, das Energie und Initiative verrät. Die Jugend schlendert lachend und zukunftssicher durch die Straßen.

 

 

Auf eigene Faust durch das nächtliche Moskau

 

 

Noch am ersten Abend unternahmen wir eine Entdeckungsfahrt auf eigene Faust. Dies mögen vor allem jene zur Kenntnis nehmen, die beharrlich behaupten, ein Ausländer könne sich in der Sowjetunion nicht frei bewegen und Delegationen dürften nur an der Hand ihres sowjetischen Begleiters die vorgeschriebenen Wege beschreiten. Es war halb elf Uhr abends und die lichterfüllte Stadt, das brausende Getriebe ließ uns keine Ruhe. Natürlich waren wir gehörig neugierig und zogen schließlich los. Ein Mitglied der Delegation beherrscht die russische Sprache immerhin so weit, dass wir uns durchschlagen konnten; froh ließen wir uns von dem Strom der Menschen treiben. Es war Sonnabend und es schien uns, als wäre ganz Moskau auf den Beinen. Wir schlenderten die Hauptgeschäftsstraße entlang, bestaunten die Auslagen, gingen über den Roten Platz am Kreml vorbei, am Ufer der Moskwa entlang. Was meinen Begleitern kaum Ruhe ließ, war die U-Bahn. Ich selbst hatte zunächst ein etwas überlegenes Lächeln wegen dieser Neugierde. Denn was konnte eine Untergrundbahn schon anderes sein als ein mehr oder weniger bequemes Verkehrsmittel. Was sich aber hier meinen Augen bot, hat mir den Atem verschlagen. Die Moskauer Metro ist kein Verkehrsmittel, das nach den Grundsätzen der Rentabilität und des Profits errichtet worden ist, sondern schlechthin ein architektonisches Kunstwerk, das in der Welt einzigartig sein dürfte. Es gibt keinen Bahnhof, der in seiner Ausgestaltung irgendwie einem anderen gliche. Ein jeder ist ein Marmorpalast in den schönsten Farben und Formen, dessen gewölbte Decken kunstvolle Mosaikbilder zieren. Eine der Stationen wird beispielsweise von Stahlsäulen getragen und im grellen Licht der Lampen schimmert das ganze Gewölbe in einer herrlich mattblauen Farbe. Dieses Kunstwerk entstand zu einer Zeit, da Deutschland glaubte, durch einen räuberischen Überfall auf die Sowjetunion die Kultur des Abendlandes gegen den 'Strom aus dem Osten' verteidigen zu müssen.

 

Als wir nach ein Uhr nachts todmüde wieder in unser Hotel zurückkehrten, fragten wir uns, wann wohl die Moskauer eigentlich schlafen, denn der Verkehr war inzwischen kaum abgeebbt.

 

 

Sportparade im Dynamostadion

 

 

Der eigentliche Anlass unserer Reise war die allljährlich stattfindende Sportparade der sowjetischen Jugend. Es mag sporttechnisch geschulten Teilnehmern vorbehalten bleiben, die sportlichen Leistungen zu bewerten. Ich selbst habe verschiedentlich Sportfeste im großen, auch im internationalen Maßstab mitgemacht. Was sich jedoch bei dieser Sportparade an Farbenpracht und Konzentration der Leistung bot, war einzigartig. Man argumentiert so oft, dass in der Sowjetunion eine freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht möglich sei. Eine solche Sportschau aber wäre nicht denkbar ohne die hochqualifizierte Leistung und Konzentration des Einzelnen, nur fügt der Einzelne hier sein Können in das Gesamtgeschehen ein und ermöglicht damit die Geschlossenheit und Harmonie solch faszinierender Massenvorführungen. Insofern war für mich diese Sportparade gleichzeitig ein Ausdruck der ungeheuren Kraft des sowjetischen Volkes.

 

Ein paar Einzelschilderungen mögen den Verlauf der Veranstaltungen aus der Zuschauerperspektive wiedergeben. Das Dynamostadion fasst ungefähr 90.000 Menschen. Es war nicht nur bis auf den letzten Platz gefüllt, sondern es konnte auch kein Apfel auf die Erde fallen. Auf der Ehrentribüne hatten die Mitglieder der Regierung Platz genommen, von jeder neu auftretenden Sportgruppe auf das stürmischte begrüßt. In dem riesigen Oval des Stadions saß der General neben dem Schüler, der Held der Sowjetunion neben dem Arbeiter, Frauen und Mädchen neben Studenten und Soldaten der Sowjetarmee. In den Reihen boten schmucke Verkäuferinnen Obst, Gebäck, Süßigkeiten, Eis und Zigaretten an. Während der kurzen Vorführungspausen spielte flotte Musik. Da hörte man neben russischen Volksweisen Straußsche Walzer und zu unserer großen Überraschung Melodien, wie wir sie täglich in Deutschland hören. Als zum Beispiel ein Junge munter hinter uns die Melodie pfiff 'In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine', mussten wir lachend feststellen, dass dies wohl ein internationales Problem ist.

 

Am Abend fand dann das Fussball-Pokalendspiel zwischen den Mannschaften Spartak und Torpedo statt. Unverständlicherweise öffnete gerade zu diesem Zeitpunkt der Himmel alle Schleusen, aber es gab kaum einen Zuschauer, der sich in seiner Begeisterung stören ließ. Man zog die Mäntel über den Kopf, wobei sich zwei oder drei einträchtig einen Mantel teilten, ohne zu bemerken, dass dadurch alle drei durchweichten. Die Vorsichtigen hatten die Regenschirme nicht daheim gelassen und die ganz Praktischen deckten sich mit einer Zeitung Brust und Rücken zu. Das Spiel vollzog sich mit der bei allen Fussblallspielen typischen Verbissenheit, als aber endlich die Entscheidung gefallen war, überreichten Angehörige der unterlegenen Mannschaft den Siegern und umgekehrt die Sieger der unterlegenen Mannschaft Blumen.

 

Es ist im Rahmen eines solchen Artikels selbstverständlich nicht möglich, alle Begebenheiten zu schildern. Es seien an dieser Stelle deshalb nur jene herausgestellt, die besonders eindrucksvoll waren. Dazu gehörte zweifellos der Besuch

 

 

im Historischen Museum in Moskau

 

Dieses Museum enthält unter anderem in einer Abteilung die dokumentarischen Unterlagen über die heldenhafte Beteiligung der sowjetischen Jugend an dem großen Verteidigungskrieg ihres Landes. Wir wurden von einem jungen Mädchen geführt, einer Angestellten des Museums. Unwillkürlich dachten wir an die Museumsführer in Deutschland, wie sie in der Regel monoton und innerlich unbeteiligt die Besucher durch die Ausstellung führen und waren bewegt, w i e dieses Mädchen - selbst ein Mitglied des Jugendverbandes - von den Heldentaten der sowjetischen Jugend erzählte. Da war nichts Angelerntes. Es war Miterlebtes, was sie berichtete. Sie zeigte uns Bilder, die man bei gefangenen deutschen Offizieren gefunden hatte und die von der abgrundtiefen Perversität der faschistischen Barbarei zeugten. Diese Vertreter einer 'höheren Gesellschaftsschicht' wollten wahrscheinlich bei ihrer Rückkehr nach Deutschland mit ihren eigenen Grausamkeiten prahlen. Wir sahen, wie Deutsche mehreren sowjetischen Soldaten den Sowjetstern mit glühenden Eisen in den Körper brannten. Wir sahen Frauen, die als Kugelabwehr auf Panzer gebunden waren, Jugendliche, die am Galgen hingen und deren Körper noch am Strick in der grausamsten Weise verstümmelt wurden. Wir hörten - um nur ein Beispiel von vielen herauszugreifen - von einem 19jährigen Rotarmisten, dem ein entscheidender Durchbruch in die feindlichen Stellungen gelungen war, der aber dann in die Hände der Faschisten fiel. Vier Soldaten haben ihn aufgebunden, gekreuzigt, mit Nägeln in Händen und Füßen - neben ihm sein Komsomolausweis.

 

Das Mädchen wusste, dass wir Deutsche waren. Im Laufe des Rundganges hatten sich Besucher dieses Museums unserer Führung angeschlossen. Auch sie werden an unserer Sprache bemerkt haben, dass wir aus dem Land kamen, das so unendlich viel Leid über ihr Volk gebracht hat. Aber kein böses Wort fiel, nicht einmal ein unguter Blick und wir schämten uns für unsere eigenen Landsleute, die mit ihren Grausamkeiten den deutschen Namen in der ganzen Welt geschändet haben, schämten uns doppelt, weil wir fühlten, dass trotz allem das sowjetische Volk nichts sehnlicher wünscht als eine Entwicklung innerhalb Deutschlands, die diese beiden Völker freundschaftlich zusammenführt.

 

An Hand statistischer Unterlagen konnten wir auch den wachsenden Anteil der Jugend am Produktionsprozess verfolgen. Allein in den 2.570 Berufsschulen der Arbeitsreserven wurden im Laufe des Krieges 2.250.000 neue Facharbeiter herangebildet, deren Produktion noch während ihrer Lehrzeit einen Wert von 5 Mrd. Rubel erreichte. Ganz besonders die Jugend fand vielfach neue Methoden, um schneller und besser produzieren zu können.

 

 

Im Lenin-Mausoleum

 

 

Ein anderes Erlebnis in Moskau möchte ich deshalb erwähnen, weil man in Deutschland oft die tiefe Verehrung, die das sowjetische Volk für den Begründer der Sowjetmacht, Lenin, empfindet, als einen Personenkult abzutun versucht. Wir besuchten das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz, das mit wunderbarem roten Marmor ausgestattet ist. Als wir auf dem Roten Platz ankamen, sahen wir Hunderte von Menschen, die sich in einer Doppelreihe sammelten und geduldig darauf warteten, zwei Minuten lang an dem toten Lenin vorbeigehen zu dürfen. Auch hier stand der Offizier neben dem alten Mütterchen, Frauen mit Kindern an der Hand neben Arbeitern und Studenten. Still und ehrfurchtsvoll gingen die Menschen an dem gläsernen Sarg vorüber, in dem Lenin liegt, als wäre er schlafend - Lenin, dessen Gedanken und Lehren die Grundlage des Sowjetstaates bilden. 23 Jahre nach dem Tod dieses Mannes schöpft das sowjetische Volk aus dieser schlichten Ehrung Mut und Zuversicht für die harten Pflichten der Tage. Man hat uns erzählt, dass gerade in Zeiten der Not dieses Bedürfnis am stärksten ist.

 

 

Jugendfrage - kein Problem

 

 

Als Jugenddelegation interessierten uns natürlich in erster Linie die Probleme der Jugend. Wir stellten die Frage des Jugendschutzes und des Jugendrechtes, der Berufsausbildung und begegneten dabei erstaunten Gesichtern. Sehr bald merkten wir, dass es in der Sowjetunion eine Jugendfrage in unserem Sinne nicht gibt, genauso wenig, wie man von einem Frauenproblem spricht - einfach deshalb, weil diese Fragen bei der Lösung der allgemeingesellschaftlichen Aufgaben ihre natürliche Beachtung und Lösung finden. Entscheidend für die Beurteilung des Einzelnen sind nicht Alter und Geschlecht, sondern die Leistung. Die sowjetische Jugend hat sich in den Jahren des Krieges und beim Wiederaufbau durch ihre Selbstaufopferung eine solche Basis geschaffen, dass es ein Generationenproblem in der Sowjetunion nicht gibt. Die Alten reden mit einem solchen Stolz und einer so großen Herzlichkeit von der Jugend, dass wir mit Bitternis an diejenigen im deutschen Volk dachten, die gar zu gern die Jugend als Blitzableiter für ihre eigenen Unzulänglichkeiten benutzen. Der Staat braucht Facharbeiter. Bei der Vielseitigkeit der Anforderungen und der großzügigen Unterstützung seitens des Staates für jeden Lernenden spielt das Problem der Berufsausbildung keine Rolle. Jeder hat die Möglichkeit, das Fach zu erlernen, zu dem er sich wirklich berufen fühlt. Die Arbeit wird hier nicht zu einem Broterwerb herabgewürdigt und das ist gleichzeitig die beste Voraussetzung für die Leistungssteigerung. Wer morgens schon die Stunden bis zum Feierabend zählt, wird kaum daran interessiert sein, seine beruflichen Leistungen über das Durchschnittsmaß hinaus anzuheben.

 

 

Ein Besuch in der Moskauer Universität

 

 

Wir hatten Gelegenheit, die Berufsschule und die Moskauer Universität zu besuchen und damit einen Einblick in die Heranbildung sowohl der handwerklichen als auch der wissenschaftlichen Arbeiter zu gewinnen. Unsere sowjetischen Freunde hatten eine Unterredung mit dem Rektor der Moskauer Universität, Herrn Prof. Galkin, ermöglicht. Wir stellten uns einen typischen Gelehrten vor, steif in den Umgangsformen, weltfremd in der Abgeschlossenheit seiner Weisheit, und waren auf das angenehmste überrascht, einen Menschen zu finden, der uns durch sein einfaches Wesen und die Herzlichkeit, mit der er uns empfing, sofort in seinen Bann zog. Im Laufe der Unterhaltung erfuhren wir, dass er während des Ersten Weltkriegs sein Studium an der Moskauer Universität begann, dann aktiv an der Revolution und am Bürgerkrieg teilnahm und seit Beendigung seines Studiums 1921 an der Moskauer Universität tätig ist. Wir erfuhren, dass hier das Studium fünf Jahre dauert. Die Studenten legen jedes Jahr ihre Prüfungen ab, wenn sie weiter an der Universität bleiben wollen. Bei denjenigen, die ihr Examen nicht bestehen, werden die Ursachen, z. B. Krankheit, geprüft, aber allen Bummelanten und solchen, bei denen die Fähigkeiten nicht ausreichen, wird nahegelegt, die Universität zu verlassen. Da der Staat allen Studenten Stipendien zahlt - monatlich 250 bis 450 Rubel je nach Semester - ist es nicht mehr als recht und billig, dass Faulenzer von dieser Vergünstigung ausgeschlossen werden. Mit diesem System hat man endgültig den Typ des 'ewigen Studenten' von der Hochschule verbannt, der auf Grund des Geldbeutels seines Vaters ein flottes Studentenleben führte, ohne die Fähigkeiten oder den Willen zu einem ernsten Studium zu besitzen. Jeder sowjetische Bürger im Alter von 17 bis 35 Jahren hat das Recht, in die Moskauer Universität und alle höheren Lehranstalten einzutreten; in der Regel aber findet man heute kaum Dreißigjährige. Meist sind es Jugendliche, die gerade die Schule verlassen haben. Ohne besondere Prüfung können nur diejenigen eintreten, die die Mittelschule mit der Verleihung der Goldmedaille absolviert haben. Nicht alle Bewerber können auf Grund ihres Antrages aufgenommen werden, nicht einmal diejenigen, die mit 'Gut' bestanden haben. So stark ist der Bildungsdrang in der Jugend. Jedes Jahr werden 2.000 Studenten neu aufgenommen, während in der Regel 8.000 bis 9.000 Anfragen vorliegen. Das ganze Prinzip der Ausbildung läuft darauf hinaus, den jungen Menschen die Möglichkeit der vollen Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu geben. Wir fragen nach der sozialen Zusammensetzung der Studierenden und können darauf zu unserem Erstaunen keine Antwort erhalten, da es Fragebögen dazu überhaupt nicht gibt. Für die Aufnahme der Studierenden genügen der persönliche Antrag und die Bestätigung des Besuchs der Mittelschule. Alle anderen Fragen sind verboten. Sofort nach der Oktoberrevolution wurden Studierende aus Arbeiter- und Bauernkreisen bevorzugt aufgenommen. Damals wurde nach der sozialen und politischen Herkunft gefragt. Heute ist dies auf Grund der gesellschaftlichen Entwicklung der Sowjetunion nicht mehr nötig.

 

Gegenwärtig studieren an der Moskauer Universität Vertreter aus 40 Nationen und wir hören mit besonderer Freude, dass man jetzt auch Studenten aus der Sowjetisch Besetzten Zone Deutschlands erwartet. Wir fragen, was aus den Studenten nach Beendigung ihres Studiums wird. Herr Professor Galkin erwidert darauf, dass bereits Korrespondenten amerikanischer Zeitungen ihm die gleiche Frage gestellt hätten, ob es denn keine Organisation gäbe, die den Studenten Arbeit vermittelt. Eine solche Einrichtung erübrigt sich, da bereits vor Abschluss des Studiums bei der Universität eine Unmenge Offerten aus der Industrie, der Landwirtschaft und den Verwaltungsstellen vorliegt, die alle wissenschaftliche Mitarbeiter anfordern. Es werden also weit mehr Kräfte gebraucht als zur Zeit ausgebildet werden können. Das Ministerium für Höhere Bildung schickt Beauftragte zur Universität, die diese Anfragen nach staats- und wirtschaftspolitischen Erfordernissen und nach den persönlichen Wünschen des Studierenden prüfen. Wenn diese Frage geklärt ist, bewilligt der Staat die Mittel der Reise (einschließlich für die Familie). Darüber hinaus wird von der Dienststelle eine Summe gezahlt, die zur Sicherstellung der Existenz in dem neuen Aufgabenbereich dient.

 

Als wir die Universität verlassen, stellen wir nachdenklich den Vergleich mit unserer Heimat, wo lediglich in der Sowjetisch Besetzten Zone bedingt durch die demokratische Schulreform eine ähnliche Entwicklung angestrebt wird. Unabhängig von der sozialen Stellung der Eltern, sollten Begabung und Leistung die einzigen Voraussetzungen für das Studium sein. Wir denken an die vielen Talente, die unentdeckt bleiben, Fähigkeiten, die nicht entwickelt werden, weil die soziale Lage der Eltern die Jugendlichen zu einem schnellen Geldverdienen zwingt und wir denken an die bange Frage unserer Studenten: Was wird nach dem Studium?

 

Parallel dazu besuchten wir eine Berufsschule für Jungen, und zwar für Elekromonteure für die Moskauer Kraftwerke. Diese Berufsschulen bauen sich auf völlig anderer Grundlage auf als das deutsche Berufsschulwesen. Aus diesem Grunde sei einiges über die spezielle Struktur der sowjetischen Berufsschulen gesagt. Diese wurden 1940 auf Grund eines Erlasses der Regierung zwecks Heranbildung eines qualifizierten Facharbeiternachwuchses gegründet. Die Lehrzeit beträgt zwei Jahre. Während des ersten Lehrjahres verläuft sie ausschließlich in der Schule mit theoretischem Unterricht, in der angeführten Schule beispielsweise mit Physik, Mathematik, Elekrotechnik, russischer Sprache, Zeichnen und allgemeiner Bildung. Während des zweiten Lehrjahres übt der Schüler seine Lehre schon in den verschiedenen Werkstätten aus bzw. nimmt an den Montagearbeiten teil. Drei Tage in der Woche stehen ihm zur theoretischen Fortbildung zur Verfügung und drei Tage arbeitet er in einem Werk, in diesem Falle in einem Kraftwerk bei Moskau. Während des Krieges hat allein diese Schule etwa 2.000 Elektromonteure ausgebildet. Die Arbeiten, die die Schüler während des Krieges ausgeführt haben, stellen einen Wert von ungefähr 15 Millionen Rubel dar. Für die Ausbildung stehen in der gesamten Schule für 25 Schüler ein Meister und außerdem für die gesamte Schule 16 Lehrkräfte für den theoretischen Unterricht zur Verfügung. Die Ausbildung der Schüler erfolgt auf Staatskosten, einschließlich Kleidung, Essen, Fahrgeld usw. Jede Arbeit, die der Lehrling macht, wird vom Staat bezahlt. Da die Schüler alle aus Moskau kommen, wohnen sie zu Hause. Das Ministerium für Arbeitsreserven verfügt auch über technische Hochschulen, zu denen die besten Schüler der Schule entsandt werden. Aufgenommen wird jeder, der die Bedingungen erfüllt, das heißt die Zeugnisse beibringt, dass er nicht weniger als fünf Klassen der Volksschule besucht hat, nicht jünger als 14 und nicht älter als 16 Jahre ist. Sind diese Bedingungen erfüllt, so wird der Bewerber von einer Ärztekommission untersucht, um festzustellen, ob ihm seine Gesundheit diese Arbeit erlaubt. Der Betreffende muss sich außerdem verpflichten, nach Beendigung der Lehrzeit vier Jahre in diesem Fall zu arbeiten. Da jedoch die Bedingungen gut sind und die Jugendlichen nach zwei Jahren als Spezialisten entlassen werden, ist die Zahl der Bewerber sehr groß.

 

Die Arbeitsvermittlung erfolgt dorthin, wo das Ministerium für Arbeitsreserven den Auftrag gegeben hat. Allerdings bedeutet dies keine Verpflichtung - im Gegenteil. Die Schule prüft zunächst die Arbeits- und Lebensbedingungen der zugewiesenen Stellen, und erst wenn diese für geeignet empfunden werden, erfolgt die Vermittlung der Schüler. Sie erhalten dann 300 Rubel Vorschuss und außerdem zu Beginn der Arbeit einen Monat Urlaub. Bei der Planwirtschaft in der Sowjetunion ist die Verpflichtung auf mehrere Jahre notwendig. Nach dem Fünfjahrplan müssen allein durch die Schulen viereinhalb Millionen neue Fachkräfte vorbereitet werden. Auch in diesem Fall gilt das Grundprinzip der sowjetischen Gesellschaft: Die Erziehung jedes Einzelnen zur Verantwortlichkeit gegenüber der Gesamtheit und der Erziehung zur Arbeit als der allein sinnvollen Ausfüllung des Lebens. Dafür sorgt der Staat in ausgiebigem Maße für die Bedürfnisse der Jugend. An der Universität, an der Berufsschule und in den Fabriken gibt es kulturelle Interessengemeinschaften in Form von Laienspielgruppen, Chören, Musikclubs usw. Sanatorien und Kurorte stehen für die Erholung der Jugendlichen zur Verfügung. Der Jugendverband hat ein weitgehendes Recht der Überwachung und Kritik. Kürzlich tagte beispielsweise die Moskauer Konferenz des Komsomol, auf der eine Reihe von Dingen im Schulwesen kritisierte wurde. In einer Schule hatte sich herausgestellt, dass die Lebensbedingungen und die Kleidung der Schüler ungenügend waren. Der Komsomol hat erreicht, dass der dafür verantwortliche Direktor von der Schule entfernt wurde.

 

Ich habe über diese Dinge deshalb ausführlicher berichtet, weil gegenwärtig in Deutschland das Jugendproblem eine besonders wichtige Rolle spielt und leider nicht immer die gebührende Anerkennung und Lösung in den maßgeblichen Kreisen findet. Vor allem ist in der Sowjetunion der Beweis erbracht, dass eine zweijährige Lehrzeit genügt, wenn die Berufsausbildung planmäßig und systematisch erfolgt.

 

Wir hatten außerdem Gelegenheit ein Kindererholungsheim einer Fabrik in der Nähe von Moskau zu besuchen, und waren auf das Angenehmste überrascht von der guten Erziehung, die im Benehmen der Kinder zum Ausdruck kam. Vielleicht ist die Lagerordnung für unsere Begriffe ein wenig zu straff. Entscheidend aber ist, dass hier bei den Kindern echte Kameradschaft gepflegt wird und die Kinder im Rahmen ihres kleinen Erlebnisbereiches vor Aufgaben und Verantwortung gestellt werden.

 

 

Die Stellung der sowjetischen Frau

 

 

Als Frau interessierte mich natürlich die Stellung der Frau in der Sowjetunion, aber nirgendwo fand ich ein besonderes Frauenproblem. Die sowjetische Frau hat sich auf Grund ihrer Leistungen eine natürliche Anerkennung erworben und genießt allgemein eine ungeheure Hochachtung. Wir besuchten die Lenin-Bibliothek. Die Direktorin war eine Frau. Wir ließen uns in Leningrad durch die berühmte Gemäldegalerie, die Ermitage, führen. Als Leiterin fanden wir eine Frau. Für die Wiederherstellung der Anlagen in Peterhof in Leningrad, jener berühmten und von den Faschisten mutwillig zerstörten Kulturstätte des russischen Volkes, ist eine Frau verantwortlich. Wir fanden Frauen am Steuer der Busse, bei Montagearbeiten, als Kranführerinnen im Werk 'Roter Oktober' in Stalingrad - kurz bei allen Arbeiten, die sie auf Grund ihrer körperlichen Konstitution verrichten können. Man glaube nicht, dass die sowjetische Frau durch diese tatsächliche Gleichstellung vermännlicht wäre. Ich empfand Stolz für diese Frauen, erfreute mich an der Sicherheit ihres Auftretens, ihrer selbstständigen Haltung und fühlte aus der wahren Herzlichkeit, die von ihnen ausströmte, dass sie ihr Frauentum in des Wortes bester Bedeutung bewahrt haben.

 

Die sowjetische Frau hat es meisterhaft verstanden, das berufliche Leben und die gesellschaftlichen Aufgaben mit ihrer fraulichen Eigenart in Einklang zu bringen und daraus hat sich ein Frauentyp gebildet, der nicht nur als angenehm, sondern als beispielgebend angesehen werden kann.

 

 

In Leningrad und Stalingrad

 

 

Es gäbe noch eine Unmenge zu berichten. Allein über Leningrad könnte man Seiten schreiben, über diese stolze

Stadt an der Newa, von der man in der Tat sagen kann, dass sie ein Museum ohne Dach ist. 900 Tage hat Leningrad unter unerhört schwierigen Bedingungen der Belagerung standgehalten. Der Besuch des Verteidigungsmuseums hat uns ein eindrucksvolles Bild von der harten Not dieser Zeit vermittelt. Die Ernährung der Bevölkerung war auf 125 g Brot für Angestellte, Kinder und Nichtarbeitende und auf 250 g für Schwerarbeiter täglich reduziert worden. Alle anderen Nahrungsmittel erreichten im Monat eine Gesamtmenge von 920 g. Die Stadt hatte kein Wasser, kein Licht. Ganze Familien sind dem Hungertod zum Opfer gefallen. Fabriken wurden bombardiert, aber die Produktion hat nicht an einem Tag ausgesetzt und die Stadt war bereit, den Kampf mit den deutschen Belagerern in den Straßen aufzunehmen. Von dieser Stadt hat Hitler erklärt, dass sie den Deutschen zu Füßen fallen werde wie eine reife Frucht. Wir wohnten im Hotel Astoria. Dieses Hotel war von Hitler bereits für die Siegesfeier vorgesehen, der Tag genau festgelegt und das Menü zusammengestellt. Wir sahen gedruckte deutsche Ausweispapiere für Last- und Personenkraftwagen mit der Unterschrift: 'Knuth, Stadtkommandant von Leningrad'. Heute merkt man Leningrad kaum noch die Zerstörungen des Krieges an, denn sofort nach der Befreiung der Stadt ging die Bevölkerung daran, die Schäden des Krieges zu beseitigen.

 

Zum Schluss sei noch ein Erlebnis geschildert, das wohl den stärksten Eindruck auf uns machte. Es war der viertägige Aufenthalt in Stalingrad. Allein der Name schon ist ein Begriff für die ganze Welt geworden, verbindet sich doch mit ihm der Sieg des Fortschritts und der Menschlichkeit über die finstere Gewaltherrschaft.

 

In einer Transportmaschine flogen wir in vier Stunden von Moskau nach Stalingrad. Schon die Zusammensetzung der Passagiere war bezeichnend dafür, in welchem Maße alle Teile der Bevölkerung an den modernsten Errungenschaften der Technit teilhaben. Mit uns flog beispielsweise eine 70jährige Kolchosbäuerin aus Stalingrad, die ihren Sohn besucht hatte, der an der Moskauer Universität studiert. Dieses alte Mütterchen überbrückte die 600 km lange Fluglinie mit einer Selbstverständlichkeit und Sicherheit wie sie unsere alten Frauen vielleich für die S-Bahn-Fahrt nach Wannsee aufbringen. Neben mir saß ein Abgeordneter des Obersten Sowjets. Es flogen mit uns Soldaten der sowjetischen Armee und eine junge Frau mit einem ungefähr acht Monate alten Kind. Eine Reise im Flugzeug, die in Deutschland nur einer kleinen Schicht wohlhabender Menschen möglich ist, gehört zu den Alltäglichkeiten des sowjetischen Lebens.

 

Es war ein schöner, klarer Sonnentag. Die Maschine flog indessen nicht übermäßig hoch, so dass wir Gelegenheit hatten, das weite Gebiet unter uns zu betrachten. Je mehr wir uns Stalingrad näherten, desto aufgewühlter wurde das Gelände; die Städte und kleinen Ortschaften waren nahezu völlig zerstört. Wir sahen Felder, die einer Kraterlandschaft glichen und die heute noch nicht bestellbar sind. Als wir auf dem Stalingrader Flugplatz ankamen und auf mehr als unwegsamer Straße der Stadt zufuhren, spürten wir die ganze Verbissenheit, mit der um diese Stadt gekämpft worden ist. Wir sind Trümmer gewöhnt, aber hier ist eine Stadt nahezu völlig dem Erdboden gleichgemacht worden: 85 Prozent der Wohnhäuser wurden zerstört, fast alle Schulen, Kindergärten, kulturellen Bauten und Fabriken, rings um die Stadt ein ödes Land, kein Baum, kein Strauch, so weit das Auge reicht. Vor dem Krieg war Stalingrad von einem breiten Waldgürtel umgeben, der Schutz gegen die aus der Steppe herüberkommenden Winde bot. Nicht einmal ein Baumstumpf ist übriggeblieben. Dabei sieht man noch an den Trümmern, dass Stalingrad einmal eine sehr schöne Stadt gewesen sein muss. In einer Länge von 65 km zieht sie sich unter südlich blauem Himmel an den Ufern der Wolga entlang; die Gebäude, soweit noch erkennbar, trugen meist hellen Anstrich. Heute bietet die Stadt ein Bild grauenhaftester Zerstörung. Eine Fahrt mit dem Auto durch die Stadt ist mehr als eine Geländefahrt, so unwegsam und aufgerissen sind heute noch die Straßen. Es geht durch die Trichter hindurch, der Wagen liegt bald auf der linken, bald auf der rechten Seite, steht halb kopf; aber mit einer erstaunlichen Geschicklichkeit werden wir über alle Hindernisse hinweg glücklich zum Ziel gebracht. Man könnte das ganze Bild trostlos nennen und doch möchte ich sagen, dass mich der Anblick unserer, bei weitem nicht in diesem Maße zerstörten Städte mutloser stimmt, wenn ich an die Unlust denke, mit der weite Kreise unseres Volkes an die notwendigen Aufbauarbeiten herangehen. Die Verwüstungen und die Trostlosigkeit der äußeren Umgebung von Stalingrad werden überwunden durch die Begeisterung, mit der die Menschen an den Aufbau dieser Stadt gehen, so dass man inmitten all der Trümmer zuversichtlich wird. Alles, was die Stalingrader bauen, bezeichnen sie als 'unser': unsere Fabrik, unser Theater, unsere Stadt.

 

Großes ist bis heute geleistet worden. Vor der Zerstörung lebten in Stalingrad 550.000 Einwohner, jetzt sind es 330.000. Noch wohnen die Menschen teilweise in den Kellern der zerstörten Häuser und auf eine Familie kommt nur ein Wohnraum. Aber schon sind neue Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, Kinderheime, Theater und Kinos entstanden. Wasserleitung, Kanalisation, Straßenbahnen und Omnibusse sind wieder in Betrieb, ebenso die Stadtbahn, die die ungewöhnlichen Ausdehnungen überbrückt. Die Stalingrader Bevölkerung macht von der Benutzung ihrer neuerstandenen kulturellen Einrichtungen den lebhaftesten Gebrauch. Wir erleben beispielweise am Samstagabend, wie auf einem der größten Plätze der Stadt Tanzmusik vom Rundfunk übertragen wird. Hier vergnügt sich die Stalingrader Jugend im hellen Schein der Lampen auf der neu hergerichteten Tanzfläche.

 

Stalingrad wird in erster Linie von der sowjetischen Jugend aufgebaut. Auf Grund eines Aufrufs des Zentralkomitees des Komsomols haben die Jugendgruppen des gesamten Landes im Jahre 1943 ihre besten Vertreter zum Aufbau der Stadt entsandt, etwa 10.000 Jungen und Mädchen. Obgleich sie nie Einwohner dieser Stadt waren, werden sie jetzt 'Stalingrader' genannt, denn sie fühlen sich auf das engste mit dieser Stadt verbunden. Wir besuchten Jugendliche, die an einem der vielen Schulbauten arbeiteten. Die täglich notierten Arbeitsleistungen zeigen, dass die Jungen und Mädchen das von ihnen selbst festgesetzte Soll bei weitem überschreiten.

 

Der für den Wiederaufbau verantwortliche Architekt erklärte uns die Baupläne der Stadt. Das neue Stalingrad, terrassenförmig an den Ufern der Wolga aufgebaut, wird zweifellos ein städtebauliches Meisterwerk werden. Bis zum Jahre 1950 soll der Wohnraum im Umfang des Vorkriegsstandes wiederhergestellt sein. In zehn Jahren soll der gesamte Wiederbau beendet sein. In uns steigt leiser Zweifel auf. Aber wir sehen diese tatkräftigen Menschen und wir wissen, sie werden es schaffen, denn hier wird beinahe Menschenunmögliches geschafft. Als abschließendes Beispiel sei hierfür das metallurgische Werk 'Roter Oktober' erwähnt. Dieses Werk wurde während des Krieges 162 Tage lang belagert und nach 82-stündiger, pausenlosen Bombardierung völlig zerstört. Eine amerikanische Studienkommission, die die Fabrikanlagen nach der Zerstörung besichtigte, hielt selbst bei dem Stande der amerikanischen Technik einen Wiederaufbau für völlig ausgeschlossen. Inzwischen sind von 1943 bis heute 75 Prozent der Fabrikanlagen wiederhergestellt worden. Auch die Produktion hat fast drei Viertel ihrer alten Höhe erreicht. Die Fabrik, die 1943 mit 43 Arbeitern von vorne begann, hat heute eine Belegschaft von etwa 10.000 Männern und Frauen. Man wird einwenden, dass es in der Sowjetunion wahrscheinlich keinen Materialmangel gibt. Dies trifft durchaus nicht zu. Zum Bau von Häusern fehlt es an Steinen. Man hilft sich aus einer Mischung von Schlacke und Zement, die einen guten Isoliertstoff ergeben soll. Im Werk 'Roter Oktober' steht für die Stahlproduktion nicht eine ausreichende Menge an Guss zur Verfügung und man verarbeitet deshalb auch Schrott.

 

 

Arbeit für die Erhaltung des Friedens

 

 

Als wir uns von Stalingrad verabschiedeten, wünschten wir aufrichtigen Herzens, dass seinen Einwohnern das große Aufbauwerk gelingen möge, denn einer der stärksten Eindrücke unserer Reise war dieser: Das Sowjetvolk wünscht nichts sehnlicher als die Erhaltung des Friedens. Es trägt dem deutschen Volke nichts nach. Es hegt nur einen glühenden Hass auf den Faschismus, aus welchem Land er immer kommen mag.

 

In der Sorge um die demokratische Entwicklung des Weltgeschehens verfolgt man eifrig auch die Vorgänge bei uns in Deutschland. Ein jugendlicher Bauarbeiter aus Stalingrad wusste beispielsweise genau über die Berliner Oberbürgermeisterkrise Bescheid. Die Frage der künftigen Gestaltung Deutschlands interessiert den Akademiker wie den Arbeiter. Wenn das deutsche Volk in seiner Gesamtheit nur einen Bruchteil von dem Interesse für die Sowjetgesellschaft aufbrächte, dann hätten jene verantwortungslosen Elemente, die heute erneut den Hass gegen die Sowjetunion zu schüren versuchen, ein für allemal politisch ausgespielt.

 

Abschließend möchte ich sagen, dass unsere Reise, die erste Reise einer deutschen Delegation in die Sowjetunion, von weittragender politischer Bedeutung ist. Für mich wird es vielleicht das größte Erlebnis meines Lebens bleiben, das Land und seine Menschen kennengelernt zu haben, die wohl den größten Beitrag zur Niederwerfung des Faschismus geleistet haben. Künftig werde ich in noch stärkerem Maße als bisher an der wachsenden Verständigung und der Freundschaft zwischen dem deutschen Volk und den Völkern der Sowjetunion mitzuarbeiten versuchen."