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Albanien heute, 3/1974

DIE FARCE SOLSCHENIZYN

„DRITA“, literarisch-künstlerische Zeitung

Organ des Künstler- und Schriftstellerverbandes Albanien

Das konterrevolutionäre Phänomen Solschenizyn ist keineswegs überraschend. Es ist eine Ausgeburt der hektischen Aktivitäten der Weltreaktion gegen den Kommunismus, die logische Folge des verräterischen Kurses der sowjetrevisionistischen Führerschaft. Der grosse Rummel, den die reaktionäre Propaganda im Westen und im revisionistischen Lager in letzter Zeit für Solschenizyn machte, lag nur im Interesse der internationalen Bourgeoisie.

Die Tatsache, dass Solschenizyn aus der Sowjetunion ausgewiesen wurde, gewaltsam in ein Flugzeug verfrachtet wurde von 4 Geheimpolizisten bis zu einem westdeutschen Flughafen begleitet und dort abgeliefert wurde, ist nur ein banales Theater, das die Revisionisten nicht deshalb inszenierten, um den konterrevolutionären "Ruhm" des antikommunistischen Schriftstellers auszulöschen, sondern um ihn noch mehr zu vergrössern.

Solschenizyn wurde von den Revisionisten anfangs der sechziger Jahre auf die Bühne gerufen, gerade damals als sie bereit waren mit allen zusammenzuarbeiten, die sich gewillt erklärten, Stalins Name in den Dreck zu zerren. Für ihre fieberhafte Propaganda mobilisierten sie ohne Skrupel auch den Abschaum der sowjetischen Gesellschaft, all diejenigen, die nur eine genügend scharfe Zunge hatten, um gegen den Sozialismus zu wettern und ihn zu verketzern. Dabei wurde auch der ehemalige politische Gefangene Alexander Solschenizyn aus der Versenkung gehoben, der den revisionistischen Behörden seinen konterrevolutionären Hass und seine vergiftete Feder anbot. Die Revisionisten nahmen die Dienste des ehemaligen Häftlings voll Begeisterung an, denn sie erkannten sofort, wie gross sein Hass auf den Kommunismus war. Gerade einen solchen wütenden, ungezügelten und aggressiven Hass hatten sie notwendig. In der wichtigsten sowjetischen Literaturzeitschrift "Novij Mir" erschien dann auf direkte Weisung Chruschtschows die Erzählung "Ein Tag aus dem Leben des Iwan Denisowitsch", die man genauso gut "Ein Tag aus dem Leben des Alexander Solschenizyn" hätte betiteln können.

Damit wurde zum ersten Mal in einem Staat, der Anspruch erhob, die Interessen der kommunistischen Revolution zu verteidigen, einem Feind dieser Revolution das Wort erteilt, und nicht einem theoretischen Gegner, sondern einem von der Diktatur des Proletariats Verurteilten. Diese Erzählung, die eine Schande für die sowjetische Literatur ist, übrigens eine langweilige kitschige Erzählung, erntete unter anderem auch den Beifall der revisionistischen Kaste und wurde von ihr sogar für den "Leninpreis" vorgeschlagen.

So begann die Laufbahn eines Konterrevolutionärs. Die Zeit verging und Solschenizyn veröffentlichte ein Werk nach dem anderen. Er wurde zum geehrten Mitglied des sowjetischen Schriftstellerverbandes. Sein Name wurde auf Kongressen und Symposien erwähnt.

Merkwürdigerweise war es mit der Begeisterung für Solschenizyn auf einmal vorbei. Viele fragten sich: So schnell waren die Flitterwochen der revisionistischen Führerschaft mit diesem Schriftsteller, diesem Feind der Revolution zu Ende?

Nach der Abkühlung kam es zum Streit und schliesslich zum Zerwürfnis mit ihm. Solschenizyn wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Es wurde ihm auch das Recht untersagt, seine Werke zu veröffentlichen.

Weshalb zerstritten sich die Herren mit ihrem undankbaren Gesellen? Oder besser: Weshalb rebellierte der Geselle gegen seine undankbaren Gönner?

In Wirklichkeit gab es zwischen ihnen keine grundsätzliche Kontroverse. Es handelte sich lediglich um alte Rechnungen, um Missverständnisse zwischen Komplottteuren.

Der Günstling der Revisionisten Solschenizyn wurde mit seinem übermässigen Eifer, der Konterrevolution möglichst gut und schnell zu dienen, gewollt oder ungewollt diskreditierend für sie. Grosser Hass und Ungeduld hinderten Solschenizyn daran, das vorgeschriebene Tempo bei der Eskalation seines Verrats einzuhalten. Er wollte die verschiedenen Etappen des Verrats schneller durchlaufen als seine Herren. Dies wäre aber gefährlich für sie gewesen. Es stand im Widerspruch zu der einfachen Logik der Demagogie.

Die Geschichte hat gezeigt, dass die versteckten Feinde des Kommunismus, wenn sie den Kampf gegen ihn aufnehmen eine recht schlaue Politik verfolgen, um nicht diskreditiert zu werden. Sie geben auf keinen Fall zu, dass sie gegen den Kommunismus und die Revolution sind (Um Gotteswillen! - sagen sie und schlagen sich auf die Brust), sie seien nur gegen einige Praktiken bei seiner Durchführung. So ergehen sie sich gewöhnlich, bevor sie mit ihren Attacken beginnen, in Lobeserhebungen für Marx und Engels und etwas weniger für Lenin. Nach dieser Phase attackieren sie allerdings sehr sorgsam Lenin, selbstverständlich um unverhohlen ihren ganzen Hass auf Stalin zu zeigen. Nach der Logik der Eskalation wird dann die Praxis der Revolution im allgemeinen angegriffen, die Diktatur des Proletariats und alles andere, das dem Kommunismus teuer ist. Die Maske wird erst allmählich abgelegt, damit die Öffentlichkeit nicht sofort merkt, wohin der Hase läuft.

Solschenizyn folgte diesem Ritual der Heuchelei. In den ersten Werken passte er sehr auf. Es schien, als richtete sich sein ganzer Hass allein gegen Stalin. Obwohl alle Menschen, denen die Geschicke der Revolution und des Sozialismus am Herzen lagen, ganz klar sahen, dass aus der Feder des ehemaligen Häftlings, mit den Attacken gegen Stalin, dessen Name mit den Siegen der Revolution eng verbunden ist, Gift gegen die Revolution triefte. Solschenizyn war in seiner Peinlichkeit schlau genug, und in seinem Buch „Krebsstation“ dem Innenministerium der Chruschtschowschen Periode sowie allen revisionistischen bürokratischen Organen Lobeshymnen zu singen. Dies tat er, um der sowjetischen Öffentlichkeit zu zeigen, dass er nur mit Stalin unzufrieden sei und sonst mit nichts anderem.

Dies konnte aber nicht allzulange dauern. Wie alle seine Vorgänger legte er allmählich die Maske ab. In seinen Werken kamen Attacken gegen die Revolution zum Vorschein, er begann das alte Russland zu beweinen, die liquidierte Klasse der Kulaken zu bedauern, die Kollektivierung anzugreifen, um schliesslich ganz offen den Sozialismus zu verunglimpfen, während er andrerseits die russischorthodoxe Religion ganz offen in Schutz nahm. Zu jener Zeit geschah etwas in der Geschichte der sowjetischen Literatur Unerhörtes und Beispielloses. Ein sowjetischer Schriftsteller schrieb einen empörten Brief an den Erzbischof von Moskau und warf diesem vor, dass er nicht nachdrücklich genug die Interessen der Religion in der Sowjetunion in Schutz nehme. Dieser Schriftsteller war Solschenizyn. So etwas hatte bis dahin kein anderer liberaler sowjetischer Schriftsteller zu tun gewagt. Nicht einmal Pasternak, der berüchtigte Verfasser von "Doktor Schiwago".

Dies missfiel den sowjetischen Führern. Mit seinem Ungehorsam, mit seiner Übereile wurde er ihnen bald lästig, ja gefährlich. Da begann das Zerwürfnis zwischen den Herren und dem Gesellen.

Da glaubten die Herren, sie würden durch die Ausweisung des unfolgsamen Lehrlings das Sowjetvolk einigermassen beschwichtigen, das über Solschenizyns Unverschämtheit empört ist. Sie wiesen ihn aus dem Lande.

Im Lande aber durften die Freunde und Anhänger Solschenizyns ihre Tätigkeit unbehelligt fortsetzen. So hatte beispielsweise der verjagte Solschenizyn noch nicht seinen Fuss auf westdeutschen Boden gesetzt, als ein Vorkämpfer der liberalen Phalanx der sowjetischen Schriftsteller Jewtuschenko an Breschnew einen Brief richtete, in dem er gegen die Ausweisung seines Kollegen protestierte. Für Jewtuschenko ist es natürlich nicht einsehbar, was da die Kremlherren gemacht haben. Er ist von Breschnew enttäuscht und beeilt sich, ihm einen Brief zu schreiben, um ihn an die früheren Versprechungen zu erinnern. Breschnew würde auch ganz gerne diese Versprechungen erfüllen. Es sind nun aber einige Umstände eingetreten, die ihn gezwungen haben, solche Massnahmen gegenüber seinen früheren Verbündeten zu treffen.

Die revisionistischen Behörden würden vielleicht auch die Fusstritte Solschenizyns ganz gerne dulden, auch seine Attacken gegen den Sozialismus, seine Plädoyers für die Religion. Was sie aber nicht schlucken konnten, das war sein letztes Buch "Archipel Gulag", das in Paris in russischer Sprache erschienen ist. Dieses Buch brachte sie in Verlegenheit: entweder sie mussten eine wütende Kampagne einleiten und dieses Buch völlig ablehnen oder sie mussten es dulden, wenn auch Stillschweigend, wodurch sie aber vor der sowjetischen und der internationalen Öffentlichkeit blossgestellt werden würden.

"Archipel Gulag" - ein Buch, auf das die internationale Bourgeoisie schon ungeduldig wartet und das in mehreren Sprachen des Westens erscheinen soll bzw. erschienen ist - ist zweifellos das konterrevolutionärste, reaktionärste und skandalöseste Buch der sowjetischen Literatur. Künstlerisch völlig wertlos, in Form von Memoiren und Meditationen, Artikeln, Berichten über die Kriegszeit und die Nachkriegszeit geschrieben, wirft es offen Schmutz auf den Kommunismus, auf Lenin, auf alles, was mit den Interessen der Arbeiterklasse zusammenhängt.

Die bürgerliche Presse selbst ist genötigt, den offen antisozialistischen Charakter des letzten Buchs von Solschenizyn zuzugeben. Der bürgerliche Journalist Bernard Perron nimmt in der "Le Monde" vom 1.Februar dieses Jahres eine Analyse der heutigen Opposition in der sowjetischen Intelligenz auf seine Weise vor. Er teilt sie in zwei Gruppen: die Linken und die Rechten. Dann werden die Rechten eingehend analysiert. Auch diese werden in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe, schreibt er, versucht auf die Kreml-Führer einzuwirken, damit sie noch mehr vom Kurs abweichen, noch mehr nach rechts schwenken. Die zweite Gruppe kann mit der Führerschaft keine gemeinsame Sprache finden. Diese zweite Gruppe ist heterogen und besteht aus verschiedenen Nationalisten, Gegnern des Bolschewismus, Angehörigen der verschiedenen religiösen Sekten usw. „Solschenizyn gehört zur zweiten Gruppe der Rechten“ schreibt B. Perron. "Der Leser wird vergebens in seinem Werk nach irgend einem Ideal des Sozialismus suchen. Der Schriftsteller ist in seiner Jugend Mitglied des Komsomol gewesen, nichts deutet aber darauf hin, dass er dies aus irgendwelcher Überzeugung gewesen ist. In seinem Buch kann man nur ethische und religiöse Gedanken finden, für die er sich einsetzt. Warum sollte man ihm verbieten, das zu schreiben, was er für wahr hält? Weshalb sollte man ihm verbieten, zu schreiben, dass er gegen das kollektive Eigentum an den materiellen Gütern ist, wenn er so denkt?"

Das ist genau die Logik eines Spießbürgers. Der diskreditierendste Teil von "Archipel Gulag" ist der, wo Solschenizyn einen Verräter, den General der Roten, Armee Wlassow und seine Anhänger offen im Schutz nimmt. Generalleutnant Andrei Wlassow hatte sich während des Grossen Vaterländischen Kriegs nicht nur den deutschen ergeben, sondern er hat auch, nachdem er unter den sowjetischen Kriegsgefangenen Feinde der Sowjetmacht rekrutiert hatte, eine von den Deutschen bewaffnete Armee gebildet, mit der er an der Seite der Hitlerfaschisten gegen die eigene Heimat kämpfte. Für das Sowjetvolk werden Wlassow und dessen Anhänger, die "Wlassowianer" stets zu den bestgehassten Figuren gehören. Es schien fast, als ob die grosse Schande dieses Judas niemals vergessen werden könnte, denn Verrat gab es immer, aber ganz besonders in der Epoche des Sozialismus ist Verrat die grösste Schande. Nun aber ist kaum ein Vierteljahrhundert seit dem Ende des Grossen Vaterländischen Kriegs vergangen, als ein sowjetischer Schriftsteller den Verräter ganz offen in Schutz nimmt. So etwas konnte nur in einem gesellschaftlich, ideologisch und verpesteteten Klima geschehen. Dieses Klima aber haben die Revisionisten in der Sowjetunion selbst geschaffen.

Dieser Abschnitt aus dem berüchtigten "Archipel Gulag" wird es gewiss gewesen sein, der die revisionistischen Führer gezwungen hat, ihren Sprössling schleunigst fallen zu lassen, als ob er die Pest hätte. Sie schickten ihn tausende Kilometer weit weg. Es handelt sich jedoch nur um eine mechanische Trennung. (Die Menschen, die in der Sowjetunion und ausserhalb ihrer Grenzen den revisionistischen Verrat erkannt haben oder zu erkennen beginnen, sind sich darüber völlig im Klaren, dass Solschenizyn und seine Schutzherren, die Revisionisten, einander im Herzen immer nahe stehen werden. Sie sind vereint und werden es auch bleiben: in Ihrem gemeinsamen Los, in ihrer Schande.