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William B. Bland


'Der Kampf gegen die Religion in Albanien'

(Geschrieben vermutlich um 1975, aktualisiert durch Norberto Steinmayr

von der Britisch-Albanischen Freundschaftsgesellschaft)




Inhalt:

Einleitung

Religion als 'Opium für das Volk'

Die marxistisch-leninistische Taktik gegenüber der Religion in der nachrevolutionären Gesellschaft

Religion in Albanien: 1944-45

Religion in Albanien: 1945-66

Die Schließung der religiösen Einrichtungen: 1966-67

Die chinesisch-albanische Allianz in den späten 60iger Jahren

Von wem ging die Schließung der religiösen Einrichtungen aus und mit welcher Absicht geschah dies?

Antireligiöse Gesetze und Maßnahmen in den 70iger und 80iger Jahren

Die religiöse Erneuerung in den frühen 90iger Jahren

Schlussfolgerungen


Einleitung

Mehr als zwei Jahrzehnte lang, ab den 60iger Jahren, war Albanien das erste Land

der Welt, das keine religiösen Einrichtungen mehr besaß. Die Schließung seiner Kir-

chen und Moscheen im Jahre 1967 war der Endpunkt eines systematisch geführten

Kampfes gegen die Religion, gegen religiöse Vorurteile und rückständige Bräuche, der

seit der Errichtung der Volksmacht im Jahre 1944 im Gang war. Dieser antireligiöse

Kampf war tatsächlich ein wichtiger Bestandteil des allgemeinen Kampfes für die soziale

Befreiung der albanischen Arbeiterklasse, für ihre ideologische und politische Emanzipa-

tion beim Aufbau und der Festigung einer neuen sozialistischen Gesellschaft.

Albanien hatte sich lange Zeit seinen sozialistischen und revolutionären Charakter be-

wahrt und blieb im Wesentlichen von revisionistischen Erscheinungen bis in die 80iger

Jahre hinein verschont. Die vollständige Schließung seiner religiösen Einrichtungen und

die faktische Abschaffung der Religion in der Zeit von 1967 bis 1990 erwies sich jedoch

als eine kontraproduktive, sektiererische Maßnahme, die mit dem Marxismus-Leninis-

mus nicht zu vereinbaren war. Er besagt, dass in einer sozialistischen Gesellschaft

das Verschwinden religiöser Institutionen nur in dem Maße erfolgen darf, wie auch der

religiöse Einfluss im Bewusstsein der Menschen selbst verschwindet.

Eine nachträglich vorgenommene Analyse der Umstände, die zu dem Ereignis der

Schließung geführt haben, ergibt eindeutig, dass diese Schließungen von albanischen

Revisionisten, die sich nicht als solche zu erkennen gaben, vorbereitet wurde, mit dem

langfristigen Ziel, den erfolgreichen Aufbau des Sozialismus in diesem Lande zu hinter-

treiben und wieder rückgängig zu machen.


Religion als 'Opium für das Volk'

Die Religion stellt eine besondere Form des gesellschaftlichen Bewusstseins dar,

ein Bewusstsein, das auf der Annahme beruht, dass die Welt der Kontrolle einer über-

natürlichen Macht oder übernatürlichen Mächten unterliegt.

Die Religion hat nun im Laufe von Jahrhunderten Glaubenssysteme und -praktiken her-

vorgebracht, die allesamt dem Lager des philosophischen Idealismus zuzurechnen sind.

Während der Idealismus von dem Ursprung des Geistes vor der Natur ausgeht, betrach-

tet der philosophische Materialismus die Natur als das Ursprüngliche:

"Die große Grundfrage der Philosophie ... bezieht sich auf das Verhältnis von

Denken und Sein. ... Die Antworten, die die Philosophen auf diese Frage gege-

ben haben, ordnen sich zwei großen Lagern zu: Jene, die vom Ursprung des

Geistes über die Natur und deshalb letztlich von einer Schöpfung in der einen

oder anderen Form ausgehen, ... bilden das Lager des Idealismus. Die anderen,

die die Natur als ursprünglich ansehen, gehören zu den verschiedenen Schulen

des Materialismus."

(Friedrich Engels: 'Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen

Philosophie', in: Karl Marx & Friedrich Engels: 'Über Religion', Moskau 1955, S. 226f).

Die Religionen widerspiegeln in ihren verschiedenen Ausprägungen eine idealistische

Philosophie, die einem wissenschaftlichen Weltbild entgegengesetzt ist. Die Religion

steht deshalb in einem unversöhnlichen Widerspruch zum Marxismus-Leninismus, d.h.

zum wissenschaftlichen Sozialismus, der die wissenschaftliche, dialektische und mate-

rialistische Philosophie verkörpert. Ausgehend von dieser Unterscheidung stellt Lenin

im Folgenden den Charakter der Religion wie folgt dar:

"Marxismus ist Materialismus. Als solcher ist er der Religion gegenüber erbar-

mungslos feindlich gesonnen."

(Wladimir I. Lenin: 'Die Stellung der Arbeiterpartei zur Religion', in: W. I. Lenin:

'Gesammelte Werke', Band 15, Moskau 1973, S. 405).

"Idealismus ist klerikaler Obskurantismus."

(Wladimir I. Lenin: 'Über die Dialektik', Moskau 1951, S. 336).

"Die marxistische Lehre ... stattet den Menschen mit einer einheitlichen Welt-

anschauung aus, die mit jeder Form des Aberglaubens unvereinbar ist."

(Wladimir I. Lenin: 'Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus', Mos-

kau 1951, S. 78).

Auch Engels weist darauf hin, dass die Religion nicht als etwas angesehen werden

kann, das dem Menschen von vorneherein innewohnt. Die Religion ist ein irdisches Pro-

dukt und ist nicht vom Himmel gefallen:

"Alle Religion ... ist nichts anderes als die phantastische Widerspiegelung

jener äußeren Kräfte im Bewusstsein des Menschen, die ihr tägliches Leben

kontrollieren, eine Widerspiegelung, in der die irdischen Mächte die Gestalt über-

natürlicher Wesen annehmen."

(Friedrich Engels: 'Anti-Dühring', in: Karl Marx & Friedrich Engels: 'Über die Re-

ligion', Moskau 1955, S. 147).

Ursprünglich war es so, dass die natürlichen Erscheinungen personifiziert wurden, da

der primitive Mensch die 'überirdischen' Kräfte nicht von der Natur unterscheiden konnte.

Jene 'mysteriösen' und 'machtvollen' Kräfte der Natur, die der Mensch noch nicht verste-

hen und erklären konnte, wodurch er sich gegenüber der Natur ohnmächtig fühlen muss-

te, wurden in seiner Fantasie zu Geistern, Göttern, Engeln und Teufeln usw. Dies führte

dazu, dass das religiöse Bewusstsein nur die Ohnmacht des Wilden in seinem Kampf

gegen natürliche Mächte widerspiegelte:

"Zu Beginn der Geschichte waren es die Kräfte der Natur, die zuerst ... (in der

Religion - Verf.) widerspiegelt wurden."

(Ebenda).

"Die ersten Götter entstanden durch die Personifizierung natürlicher Kräfte."

(Friedrich Engels: 'Ludwig Feuerbach und das Ende der klassischen deutschen

Philosophie', in: Karl Marx & Friedrich Engels: 'Über die Relgion', Moskau 1955, S. 226).

"Die Ohnmacht des Wilden in seinem Kampf gegen die Natur weckt den Glau-

ben an Götter, Teufel, Wunder und dergleichen."

(Wladimir I. Lenin: 'Sozialismus und Religion', W. I. Lenin: 'Gesammelte Werke',

Band 10, Moskau 1962, S. 83).

Das religiöse Denken ist immer noch in zivilisierten Gesellschaften weithin verbreitet,

Gesellschaften, die in Klassen geteilt sind. Seine wichtigste Quelle ist jedoch jetzt nicht

mehr die Beherrschung des Menschen von den Naturkräften, sondern seine Beherrschung

von den Kräften der sozialen Entwicklung. In ihrer nach wie vor illusionären und phantasti-

schen Form widerspiegelt die Religion nun die tatsächliche Abhängigkeit von den gesell-

schaftlichen Kräften, die, wie insbesondere die Ausbeutungsverhältnisse in einer kapitalis-

tischen Gesellschaft, sich einer menschlichen Kontrolle zu entziehen scheinen.

"In der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft wird der Mensch von den ökono-

mischen Verhältnissen ... wie von einer fremden Macht beherrscht. Die eigent-

liche Grundlage für die widerspiegelte Aktivität, die die Religion hervorbringt, be-

steht somit weiter und mit ihr die religiöse Widerspiegelung selbst. ... Es ist im-

mer noch wahr, dass der Mensch denkt und Gott (d. h. die äußere Macht der

kapitalistischen Produktionsweise) lenkt."

(Friedrich Engels: 'Anti-Dühring', in: Karl Marx & Friedrich Engels: 'Über die Re-

ligion', Moskau 1955, S. 147ff).

"Das religiöse Gefühl ist selbst ein gesellschaftliches Produkt."

(Karl Marx: 'Feuerbachthesen', in: 'Karl Marx & Friedrich Engels: 'Über die Reli-

gion', Moskau 1955, S. 71).

"In modernen kapitalistischen Ländern sind diese Wurzeln (der Religion - Verf.)

im Wesentlichen gesellschaftlicher Natur. Die tiefste Wurzel der Religion be-

steht heute in den gesellschaftlichen Verhältnissen der Unterdrückung der arbei-

tenden Massen und in ihrer vollständigen Hilflosigkeit angesichts der im Verbor-

genen arbeitenden Kräfte des Kapitalismus. ... Es ist die Angst, die die Götter

hervorbringt, die Angst vor den verborgenen Kräften des Kapitals; 'verborgen',

weil die Massen des Volkes sie nicht erkennen können. Es sind dies die Kräfte,

die im Leben des Proletariats und der Kleinbourgeoisie stets und ständig schein-

bar 'urplötzlich', 'unerwartet' und 'zufällig' Ruin, Zerstörung, Verarmung, Prostitu-

tion und Hungertod hervorzubringen drohen und diese Dinge tatsächlich auch

hervorbringen. Hierin besteht die Wurzel der Religion."

(Wladimir I. Lenin: 'Die Stellung der Arbeiterpartei zur Religion', in: W. I. Lenin:

'Gesammelte Werke', Band 15, Moskau 1973, S. 404ff).

"Die Machtlosigkeit der ausgebeuteten Klassen im Kampf gegen die Ausbeuter ..

weckt den Glauben an ein besseres Leben nach dem Tod. ..Jenen, die sich ihr

ganzes Leben lang abrackern und dennoch in Armut leben, wird gepredigt, de-

mütig und geduldig im Diesseits zu sein und sich Trost zu suchen in der Hoff-

nung auf eine jenseitige Belohnung."

(Wladimir I. Lenin: 'Sozialismus und Relgion', in: W. I. Lenin: 'Gesammelte Werke',

Band 10, Moskau 1962, S. 83f).

In Klassengesellschaften wird die organisierte Religion durch die ausbeutenden herrschen-

den Klassen gefördert und als ideologische Waffe benutzt, um ihre Herrschaft zu unter-

mauern. Demensprechend soll durch die Religion das soziale Verhalten auf verschiedenen

Ebenen reguliert werden: durch eine Fülle von Tabus, Geboten, Vorschriften usw., die alle

angeblich von einer Gottheit vorgegeben und als heilig und unantastbar hingestellt werden

und den Zweck erfüllen, die Ausbeutung in einer kapitalistischen Gesellschaft zu rechtfer-

tigen und gleichzeitig die Macht der herrschenden bürgerlichen Klasse zu festigen. Es war

Marx selbst, der dieses täuschende und gerissene Wesen der Relgion herausstellte, als

er das berühmte Bild von dem 'Opium für das Volk' entwickelte:

"Religion ... ist Opium für das Volk."

(Karl Marx: 'Beitrag zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie', in: Karl Marx

& Friedrich Engels: 'Über die Religion', Moskau 1955, S. 42).

"Der Marxismus hat stets die moderne Religion und die Kirche und jede religiöse

Organisation als Werkzeuge der bürgerlichen Reaktion betrachtet, die dazu die-

nen, die Ausbeutung zu verteidigen und die Arbeiterklasse zu benebeln."

(Wladimir I. Lenin: 'Die Stellung der Arbeiterpartei zur Religion', W. I. Lenin: 'Ge-

sammelte Werke', Band 15, Moskau 1973, S. 403).

"Feuerbach hatte Recht, als er denen, die die Religion verteidigten, weil sie den

Menschen Trost spendet, das reaktionäre Wesen eines solches Trostes versuch-

te klarzumachen: 'Wer auch immer den Sklaven tröstet, statt ihn aufzufordern,

sich gegen die Sklaverei zu erheben, hilft dem Sklavenhalter."

(Wladimir I. Lenin: 'Der Zusammenbruch der Zweiten Internationale', W. I. Lenin:

'Gesammelte Werke', Band 21, Moskau 1964, S. 231f).

Schon vor dem Aufkommen des wissenschaftlichen Sozialismus waren eine ganze Reihe

von kämpferischen atheistischen Werken gegen die Religion erschienen. Diese frühen ma-

terialistischen Analysen besaßen jedoch ihre eigenen Grenzen, weil sie weder die gesell-

schaftlichen Wurzeln der Religion in zufriedenstellender Weise freilegten, noch in der Lage

waren, Wege aufzuzeigen, wie man sie überwinden kann.

Nur der dialektische Materialismus, der zuerst von Marx und Engels entwickelt wurde,

stellte den Kampf gegen das religiöse 'Opium' auf eine wissenschaftliche Grundlage.

Wenn man davon ausgeht, dass die Religion ihre sozialen Wurzeln in den kapitalistischen

Produktionsverhältnissen hat, dann erfordert ihr Verschwinden in erster Linie die Beseitigung

der Ursachen, die die Religion selbst hervorbringen, d. h. die Beseitigung des Kapitalismus.

Der Marxismus-Leninismus betrachtet deshalb die Frage der Religion und die Haltung zu

ihr als eine Frage des Klassenkampfes gegen den Kapitalismus. Der religiöse Glaube wird

in einer geplanten sozialistischen Gesellschaft allmählich verschwinden, in einer Gesell-

schaft, die vollständig der menschlichen Kontrolle untersteht, wodurch auch die Bedingun-

gen verschwinden, die das religiöse Bewusstsein hervorbringen und bewahren. Dazu Marx:

"Der religiöse Reflex der wirklichen Welt kann ... nur dann vollständig verschwin-

den, wenn die praktischen Verhältnisse des alltäglichen Lebens dem Menschen

nur vollkommen verständliche und vernünftige Beziehungen zu seinen Mitmen-

schen und zur Natur bieten."

(Karl Marx: 'Das Kapital', Band 1, in: Karl Marx & Friedrich Engels: 'Über die Reli-

gion', Moskau 1955, S. 136).

"Wenn die Gesellschaft sich und all ihre Mitglieder durch die Inbesitznahme sämt-

licher Produktionsmittel und durch ihre Verwendung auf einer planvollen Grundlage

von den Fesseln befreit hat, in denen sie jetzt noch durch diese Produktionsmittel,

die sie selbst hervorgebracht hat, aber die ihr als unüberwindbare fremde Macht

gegenüberstehen, gehalten wird; wenn der Mensch dann nicht mehr nur denkt, son-

dern auch lenkt - erst dann wird die letzt fremde Macht, die noch durch die Religion

widerspielelt wird, verschwinden und mit ihr auch die religiöse Widerspiegelung

selbst, aus dem einfachen Grunde, weil es dann nichts mehr gibt, was es zu wider-

spiegeln gäbe."

(Friedrich Engels: 'Anti-Dühring', in: Karl Marx & Friedrich Engels: 'Über die Reli-

gion', Moskau 1955, S. 149).


Die marxistisch-leninistische Taktik gegenüber der Religion in der nachrevolutionären Gesellschaft

Sowohl die Trennung religiöser Einrichtungen vom Staat als auch das Verbot der religiö-

sen Einflussnahme in Fragen der Erziehung stellen erste Vorbedingungen für die Stärkung

des Sozialismus in einer Gesellschaft nach der sozialistischen Revolution dar.

"Wir verlangen, dass die Religion eine private Angelegenheit bleibt, was den

Staat angeht. ... Die vollständige Trennung von Kirche und Staat ist das, was das

sozialistische Proletariat vom modernen Staat und von einer modernen Kirche verlangt."

(Wladimir I. Lenin: 'Sozialismus und Religion', in: W. I. Lenin: 'Gesammelte Werke',

Band 10, Moskau 1962, S. 84f).

"Die proletarische Regierung ... muss sich alle kirchlichen Einmischungsversuche

in staatliche Erziehungsfragen verbieten."

(Programm der Kommunistischen Internationale', London 1929, S. 38).

Obwohl er die freie Religionsausübung garantieren muss, darf der sozialistische Staat

den religiösen Einrichtungen keine Finanzmittel gewähren. Sie müssen sich ausschließ-

lich selbst tragen:

"Jedem muss freigestellt sein, sich zu jeder Religion seiner Wahl zu bekennen

oder zu gar keiner Religion."

(Wladimir I. Lenin: 'Sozialismus und Religion', in: W. I. Lenin: 'Gesammelte Wer-

ke', Band 10, Moskau 1962, S. 84).

"Der proletarische Staat muss ... die Freiheit der Religionsausübung garantieren."

(Programm der Kommunistischen Internationale, London 1932, S. 38).

"Weder sollten der etablierten Kirche Zuschüsse gewährt, noch sollten staatli-

che Zuwendungen an andere religiöse oder kirchliche Gemeinden geleistet werden."

(Wladimir I. Lenin: 'Sozialismus und Religion', in: W. I. Lenin: 'Gesammelte Werke',

Band 10, Moskau 1962, S. 84).

"Die proletarische Regierung muss der Kirche jede staatliche Unterstützung versagen."

(Programm der Kommunistischen Internationale, ebenda).

Schließlich kommt es darauf an, einen entschiedenen ideologischen Kampf gegen die

Religion durch eine wissenschaftlich fundierte antireligiöse und atheistische Propaganda

zu führen. Dies muss jedoch so erfolgen, dass die Gläubigen nicht vom Kampf um den

Aufbau und die Verteidigung der sozialistischen Gesellschaft entfremdet werden, die sich

ansonsten an diesem Kampf beteiligen würden. Dazu Engels:

"Der beste Dienst, den man heute noch Gott erweisen kann, besteht darin, den

Atheismus zu einem verbindlichen Glaubensartikel zu erklären und Bismarcks

antiklerikale Kulturkampfgesetze noch dadurch zu überbieten, dass man die

Religion generell verbietet."

(Friedrich Engels: 'Emigrantenliteratur' - Auszug aus dem Zweiten Artikel', in:

Karl Marx & Friedrich Engels: 'Über Religion', Moskau 1955, S. 143).

"Herr Dühring kann nicht warten, bis die Religion diesen ihren natürlichen Tod

stirbt. ... Er geht noch über Bismarck hinaus und verordnet noch schärfere

Mai-Gesetze .. gegen jede Religion; er stiftet seine Gendarmen der Zukunft

gegen die Religion an und verhilft ihr dadurch zum Märtyrertum und damit zu

einem noch längeren Leben."

(Friedrich Engels: 'Anti-Dühring', ebenda, S. 149).

"Engels verurteilt Dührings pseudo-revolutionären Gedanken, dass die Religion

in einer sozialistischen Gesellschaft verboten werden sollte, nicht weniger ener-

gisch. ... Engels besteht darauf, dass die Arbeiterpartei in der Lage sein sollte,

sich geduldig der Aufgabe hinzugeben, das Proletariat zu organisieren und zu

erziehen, was zum Aussterben der Religion führen würde. Sie sollte sich nicht

in eine riskante Schlacht gegen die Religion stürzen. ... Die atheistische Propa-

ganda muss der Hauptaufgabe, der Entfaltung des Klassenkampfes, untergeord-

net werden.

Ein Anarchist, der Gott um jeden Preis den Kampf ansagte, würde in Wirklich-

keit den Pfaffen und der Bourgeoisie helfen. ... Ein Marxist muss Materialist sein,

d. h. er muss ein Feind der Religion sein, aber er muss dialektischer Materialist

sein, d. h. jemand, der den Kampf gegen die Religion ... von der Position des

Klassenkampfes aus führt, der sich gerade in der Praxis vollzieht und dies er-

zieht die Massen stärker und besser als alles andere."

(Wladimir I. Lenin: 'Die Stellung der Arbeiterpartei zur Religion', in: W. I. Lenin:

'Gesammelte Werke', Band 15, Moskau 1973, SS. 403-408).

"Wir verlangen die vollständige Trennung von Kirche und Staat, um in der Lage

zu sein, den religiösen Nebel mit rein ideologischen und ausschließlich ideolo-

gischen Waffen zu bekämpfen."

(Wladimir I. Lenin: 'Sozialismus und Religion', ebenda, S. 85f).


Religion in Albanien: 1944-45


Historisch gesehen - besonders aber im 19. und 20. Jahrhundert - besaß die Religion

im albanischen Volk nie tiefe Wurzeln. Sie blieb jedoch sowohl vor als auch nach der Be-

freiung von der türkischen Herrschaft 1912 eine Quelle von Zwist und Spaltung in der alba-

nischen Gesellschaft.

Vor der Unabhängigkeit Albaniens 1944 wurden Gottesdienste in drei verschiedenen

Sprachen abgehalten: auf Arabisch für die muslimischen Albaner, auf Griechisch für die

griechisch-orthodoxen und auf Lateinisch für die katholischen Albaner.

Die herrschenden ottomanischen (nach Osman, Begründer des türkischen Herrscherhau-

ses, hier gemeint: die türkischen Behörden im besetzten Albanien - Übers.) Behörden

setzten Nationalität und Religionszugehörigkeit gleich: Sie bezeichneten die muslimischen

Albaner einfach als Türken, die orthodxen Albaner als Griechen und die katholischen Alba-

ner als 'Römer'. Das heißt: Die Religionszugehörigkeit der Albaner wurde benutzt, um die

nationale Einheit des albanischen Volkes zu untergraben. Bezeichnenderweise traten auch

die religiösen Organisationen Albaniens nicht für die Sache der Unabhängigkeit ein. Die

nationale Unabhängigkeitsbewegung erhielt somit zwangsläufig einen nichtreligiösen Cha-

rakter. Die Führer dieser nationalen Unabhängigkeitsbewegung vernachlässigten die Reli-

gion und betonten dafür den Nationalismus. Die populärste Parole in der damaligen Zeit (ge-

meint in der Zeit der Unabhänigigkeitsbewegung gegen die osmanische Herrschaft im 19.

Jahrhundert - Übers.), die der Dichter P. V. Shkodrani (1825-92) an seine Landsleute richtete, war:

"Die Religion des albanischen Volkes ist der Albanismus."

Nach dem Ergebnis der Volkszählung aus dem Jahr 1945 konnte die albanische Bevölke-

rung (damals nur 1,12 Millionen) in drei Religionsgruppen unterteilt werden: In

Muslime: 817.000 (=72,8%),

orthodoxe Christen: 192.000 (=17,1%) und in

katholische Christen: 113.000 (=10,1%).

(Pandi Geco Shqiperia: 'Pamje Fiziko-Ekonomike' - physiko-ökonomischer Über-

blick', Tirana 1959).

Obwohl dies aus den Zahlen der Volkszählung nicht hervorgeht, nimmt man an, dass

sich der Bevölkerungsanteil, der sich zum muslimischen Glauben bekannte, wie folgt zu-

sammensetzte:

Sunniten: 613.000 (=75%)

Bektaschen: 204.000 (=25%)

Nach der Verfassung vom 5. Mai 1945 verteilte sich die Gemeinschaft der sunnitischen

Moslems auf vier Sektoren: auf

Tirana,

Shkodra,

Korca und

Elbasan.

Jeder Teil wurde von einem Großmufti (Mufti - arab., islamischer Rechtsgelehrter und

Oberpriester - Übers.) geführt. Das höchste Machtorgan dieser Religionsgemeinschaften

war der Generalrat. In ihm waren die Führer der moslemischen Gemeinden, die vier Groß-

muftis und je ein Laienvertreter präsent. Das Oberhaupt wurde vom Generalrat gewählt.

Die Wahl musste vom Staatsoberhaupt bestätigt werden.

Die Bektaschen bildeten eine Gemeinde für sich und wurden von vielen orthodoxen Mos-

lems als 'Ketzer' angesehen.

Die Religion der Bektaschen (vom heiligen Hadji Bektasch) entstand im 13. Jahrhundert

in Anatolien. Im 15. Jahrhundert brachten Abgesandte der ottomanischen Armee diese

Religion nach Albanien. Die Bektaschen waren eine Sekte von Mystikern und praktizierten

in ihren Gruppen ein allmähliches Heranführen der Gläubigen an ein 'Geheimwissen'. Der

Bektaschismus war jedoch liberaler als der Islam. Er bestand nicht auf der Verschleierung

der Frau, nicht auf einem Alkoholverbot. Anstelle des Ramadan feierten seine Anhänger

ein persisches Fest. Der Bektaschismus trat für Gewaltlosigkeit und Brüderlichkeit ein.

Auch Muslime wurden in die eigenen Reihen aufgenommen. Der bektaschische Dichter

Naim Frasheri sorgte dafür, dass die Sekte sich für die nationale Unabhängigkeit Albaniens

einsetzte.

Die Verfassung der bektaschischen Religionsgemeinschaft teilte diese in sechs Sektoren

ein: In

Kruja,

Elbasan,

Korca,

Gjirokastra,

Prishta und

Vlora.

An der Spitze jeder dieser Gemeinden stand ein 'Kryegiysh' (Erster Großvater). Ihm

unterstanden fünf 'Giysher' (Großväter), 'Baballare' (Väter) und 'Dervishe' (Mönche).

Die Geistlichen wohnten in 'Teqe' (Klöstern).

Im Jahre 1925 verbietet die türkische Regierung den Bektaschismus. Die Zentrale der

Bektaschen wird daraufhin nach Tirana verlegt. Der albanische 'Erste Großvater' wird

zum 'Welt-Großvater' aller Bektaschen ernannt. Die Zahl der Bektaschen beläuft sich

vor dem Zweiten Weltkrieg auf immerhin sieben Millionen.

Die orthodoxen Christen hatten sich hauptsächlich südlich des Shkumbin-Flusses nie-

dergelassen - in den Kreisen Korca und Gjirokastra.

Im September 1922 tritt ein orthodoxer Kongress in Berat zusammen und ruft die Un-

abhängigkeit der orthodoxen albanischen Kirche von Konstantinopel aus. Erst 1937, 15

Jahre später, wird die Existenz dieser unabhängigen Kirche vom Patriarchen (Titel des

obersten orthodoxen Geistlichen - Übers.) anerkannt.

Die Verfassung der Orthodoxen Kirche vom 14. August 1929 sah vier Bischofssitze vor:

Die von

Korca,

Durres und Tirana,

Berat und

Gjirokastra.

Der Bischofssitz von Durres und Tirana erhielt den Titel eines Metropoliten (Leiter einer

Kirchenprovinz - Übers.). Ihr Bischof durfte sich Erzbischof von Albanien nennen. Die

geistliche Autorität lag bei einer 'Synode' (Kirchenversammlung, die Fragen der Lehre

und der kirchlichen Ordnung regelt - Übers.). Die höchste geistliche Autorität lag bei

einer 'Heiligen Synode', die sich aus den Bischöfen jeder Diözese (Amtsgebiete der Bi-

schöfe) und dem Großen Mitred Ökonomus zusammensetzte. Die Synode war verant-

wortlich für die religiöse Erziehung, für die sie Schulen unterhielt. Die Verwaltung des

kirchlichen Eigentums lag bei einem so genannten 'Gemischten Rat', in dem die Mitglie-

der der Synode sowie ein Laie aus je einer Diözese vertreten waren. Dieser Rat traf sich

in Tirana unter der Leitung des Erzbischofs.

Die Katholiken lebten hauptsächlich im Norden des Landes, wobei Shkodra ihr Zentrum

bildete. Verwaltungstechnisch bestand die Kirche aus zwei Erzbistümern: aus dem von

Shkodra und dem von Durres. Das Erzbistum von Durres setzte sich aus einer einzigen

Diözese zusammen, während das größere Erzbistum von Shkodra aus vier Diözesen be-

stand (Shkodra, Lezha, Zadrima und Pulat). Die sechste Diözese (Mirdita) unterstand

direkt der Zuständigkeit des Vatikans! Der Bischof von Shkodra war gleichzeitig auch

Bischof von Albanien.

Wenn man die Rolle, die die Relgion in Albanien im Laufe der Geschichte gespielt hat,

betrachtet, kommt man zu dem Ergebnis, dass sie nur einen begrenzten Einfluss auf

die Entwicklung des Landes ausgeübt hat. Dazu Enver Hoxha 1967:

"Die Religion hat in Albanien nie starke theoretische und organisatorische

Wurzeln gehabt. Sie hat in den revolutionären, fortschrittlichen und Befreiungs-

bewegungen des albanischen Volkes nie eine Rolle gespielt. Die Geistlichen

und besonders die aus den führenden Kreisen der Muslime, der Orthodoxen

und besonders der Katholiken spielten eine offen reaktionäre und antinationale

Rolle zugunsten der türkischen, österreich-ungarischen und griechischen Ein-

dringlinge sowie der italienischen Faschisten und der deutschen Nazis. Sie

standen immer der nationalen Frage und der Freiheit des Volkes feindlich gegenüber.

Vor der Befreiung unseres Landes waren die verschiedenen religiösen Strömun-

gen kaum organisiert gewesen, mit Ausnahme der katholischen. Die Aktivitäten

der Einrichtungen des moslemischen Kults waren fast nur formaler Art; der ortho-

doxe Gottesdienst beschränkte sich auf liturgische (den Gottesdienst betreffend

- Übers.) Riten, während die katholische Kirche sich bemühte, den Katholizismus

auch als Ideologie zu entwickeln und ihn zu verbreiten. Ihr gelang jedoch hier nicht

das, was ihr in Italien, Frankreich und anderen Ländern gelungen war. Die muslimi-

schen und orthodoxen Geistlichen kannten sich in religiösen Dingen nur ungenau

aus; die katholische Geistlichkeit dagegen war gut ausgebildet."

(Enver Hoxha: 'Wir sind stolz darauf, mit Euch zusammen für die gleiche Sache

zu streiten', aus einem Gespräch mit Fosco Dinucci, Generalsekretär der Kommu-

nistischen Partei Italiens, Marxisten-Leninisten, vom 11. September 1967, in: E.

Hoxha: 'Reden, Gespäche und Artikel, 1967-68', Tirana 1978, S. 164f).

"Unser Volk ist zu keiner Zeit so fanatisch und mit der Religion verbunden gewe-

sen, die sich stets seinen Bestrebungen und seinem Befreiungskrieg entgegenge-

stellt hat. All die religiösen Sekten, die es in unserem Land gibt, sind durch fremde

Eindringlinge nach Albanien gebracht worden und haben ihnen und den herrschen-

den und ausbeutenden Klassen gedient. Unter dem Deckmantel der Religion, von

Gott und seinen Propheten lag das brutale Gesetz der fremden Aggressoren und

seiner inländischen Helfershelfer verborgen.

Die Geschichte unseres Landes zeigt deutlich, wie viel Leid, Not, Blutvergießen

und Unterdrückung unserem Volk durch die Religion zugefügt wurde, wie sie Zwie-

tracht gefördert hat, wie sie zum Brudermord angestiftet hat, wodurch wir leichter

versklavt und unser Blut leichter in ihrem Namen ausgesogen werden konnte. Dies

ist der Grund, weshalb wir nichts Gutes von ihr erwartet haben und von ihr erwarten,

von ihren Praktiken ...

Es gab jedoch auch patriotisch gesonnene Geistliche, die, ohne ihren Glauben

offen zu verleugnen, sich eng mit dem Volk verbanden und die sich der Idee der

nationalen Befreiung gewidmet haben. Die Religion als Glaube jedoch, als Ideolo-

gie, ist für uns nie ein fortschrittlicher Faktor gewesen. Sie hat der Sache des Vol-

kes und seiner nationalen Befreiung nicht die geringste Hilfe erwiesen."

(Enver Hoxha: 'Über die Rolle und Aufgabe der Demokratischen Front im Kampf für

den vollständigen Sieg des Sozialismus in Albanien', Bericht an den 4. Kongress

der Demokratischen Front Albaniens, 14. September 1967, in: E. Hoxha, Vepra

Nr. 36, Tirana 1982, S. 375f).

Nichtmarxistische Autoren bestätigen Hoxhas Einschätzung:

"Dem Albaner ... sind religiöse Dinge gleichgültig."

(C. A. Chekrezi: 'Albanien gestern und heute'; New York 1919, S. 201).

"Die Albaner sind aufgrund geschichtlicher Umstände nie ein religiöses Volk

gewesen."

(S. Skendi: 'Skanderberg und das albanische Nationalbewusstsein', in: Süd-

ostforschungen, Band 27, ohne Ort, 1968, S. 86).

"Historisch gesehen, mag es sicherlich richtig sein, dass die Existenz von vier

Religionsgemeinschaften unter den geschichtlichen Bedingungen des 19. Jahr-

hunderts ein Hindernis war für die Entstehung einer albanischen Nation."

(Bernard Tönnes: 'Religiöse Verfolgung in Albanien', in: 'Religion in kommunisti-

schen Ländern', Band 10, Nr. 1, ohne Ort, Frühjahr 1982).


Die Religion in Albanien: 1945-66


Albaniens nationale Befreiung vom Faschismus, die hauptsächlich unter der Führung

der Kommunistischen Partei Albaniens erfolgte, wurde schließlich im November 1944

erreicht. Das Land tat dann mit der Umsetzung eines Programms weitreichender wirt-

schaftlicher und sozialer Reformen die ersten Schritte in Richtung Sozialismus. Durch

die Bodenreform vom 29. August 1945 wurde alles Land, wurden alle Weinberge, Oliven-

haine, Obstgärten, Wirtschaftsgebäude und alles landwirtschaftliche Gerät denen gege-

ben, die das Land bebauten. Dieses Gesetz beschnitt den Reichtum verschiedener reli-

giöser Organisationen in erheblichem Umfang: Sie hatten dem neuen albanischen Staat

3.163ha Land, 61.024 Olivenbäume usw. zu überlassen.(I. Baci: 'Die Landwirtschaft in

der Sozialistischen Volksrepublik Albanien', Tirana 1981, S. 19).

Die Volksrepublik Albanien wurde im Januar 1946 gegründet.

Ihre Verfassung, die am 14. März 1946 angenommen wurde, geht von der Souveränität

des Volkes als ihrem wichtigsten Prinzip aus:

"Die Macht geht vom Volk aus und gehört dem Volk."

Was die Religion betrifft, so bringt die albanische Verfassung im Wesentlichen die

klassischen marxistisch-leninistischen Grundsätze, die oben angeführt wurden, zur

Anwendung. Die religiösen Einrichtungen verloren demgemäß ihren Einfluss auf Staat

und Schulen. Gleichzeitig blieb das Recht auf freie Religionsausübung garantiert:

"Rechte und Pflichten der Staatsbürger...

Artikel 15:

Alle Bürger sind gleich, unabhängig von ihrer Nationalität, Rasse oder Religions-

zugehörigkeit. Jede Maßnahme, die einzelnen Bürgern aufgrund ihrer Religions-

zugehörigkeit Privilegien gewährt oder Rechte beschneidet, widerspricht der

Verfassung. ... Jede provokatorische Handlung, die geeignet ist, Hass und

Unfrieden zwischen den Religionen zu säen, steht im Widerspruch zur Ver-

fassung. ...

Artikel 18:

Allen Bürgern wird die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert.

Kirche und Staat sind getrennt.

Die religiösen Gemeinschaften haben die Freiheit, in Fragen ihres Glaubens

sowie in Angelegenheiten der Glaubensausübung selbständig zu entscheiden.

Artikel 31:

Schule und Kirche sind voneinander getrennt."

(Verfassung der Volksrepublik Albanien vom 14. März 1946, Tirana 1964, SS. 9, 13).

Gleichzeitig wurde der Missbrauch der Religion und der religiösen Einrichtungen

für politische Zwecke untersagt:

"Artikel 18:

Es ist verboten, die Kirche und die Religion für politische Zwecke zu be-

nutzen. Politische Organisationen auf religiöser Grundlage sind gleicherma-

ßen verboten.

In Übereinstimmung mit diesen Prinzipien begann ein gezielter ideologischer Kampf

gegen den religiösen Glauben. Dieser Kampf wurde jedoch dem Kampf für den Aufbau

und die Verteidigung der sozialistischen Gesellschaft in Albanien untergeordnet. Ent-

sprechend den klassischen marxistisch-leninistischen Prinzipien begannen die Kom-

munistische Partei Albaniens (später PLA), der Staat sowie verschiedene soziale Or-

ganisationen eine ideologische Kampagne gegen den religiösen Glauben. Im April

1947 zum Beispiel empfahl die Partei, Bildung und Erziehung an den Grundsätzen

des dialektischen Materialismus auszurichten.

Im April 1955 nahm das Zentralkomitee der PLA (Partei der Arbeit Albaniens) eine

Resolution zur ideologischen Arbeit an, in der die Notwendigkeit betont wird,

"unter den Arbeitern die materialistische und wissenschaftliche Weltanschau-

ung stärker zu verbreiten" ..

..und religiöse Überzeugungen und Bräuche zu bekämpfen, die die

"Verbreitung ... der sozialistischen Kultur unter den Massen behindern."

(Dokumenta Kryesore te PPSH - wichtige Dokumente der PLA - , Band 1,

Tirana 1960, SS. 329, 357).

In einer Rede vom September 1967 sprach Enver Hoxha von

"der langjährigen Arbeit, die von Partei und Staat, der Demokratischen Front

und allen anderen sozialen Organisationen geleistet wurde, um Bildung, Er-

ziehung und Kultur zu verbreiten und um die Massen im Geist des Atheismus

zu erziehen. In ihrer Herangehensweise an die Religion ist die Partei dem mar-

xistisch-leninistischem Prinzip treu geblieben, dass religiöse und kommunis-

tische Weltanschauung ... unvereinbar sind ..., weil sie die Interessen unter-

schiedlicher unversöhnlich zueinander stehender Klassen ausdrücken und

wahrnehmen. Sie hat stets den Kampf gegen die religiöse Ideologie dem Kampf

für die Befreiung der Arbeiter von sozialer Unterdrückung und wirtschaftlicher

Ausbeutung untergeordnet."

(Enver Hoxha: 'Über die Rolle und die Aufgaben der Demokratischen Front im

Kampf für den vollständigen Sieg des Sozialismus in Albanien', Bericht an den

4. Kongress der Demokratischen Front Albaniens, 14. September 1967, in: E.

Hoxha, Vepra Nr. 36, Tirana 1982, S. 375).

Was jedoch das marxistisch-leninistische Prinzip angeht, dass der Staat religiöse Ein-

richtung nicht finanziell unterstützen darf - diese Einrichtungen müssen sich selbst ver-

sorgen - so wich die VR Albanien bis 1967 von diesem Grundsatz ab. Denn in Artikel 18

ihrer Verfassung von 1946 heißt es, dass

"der Staat den religiösen Gemeinschaften materielle Unterstützung gewähren kann."

(Verfassung der VR Albanien vom 14. März 1946, Tirana 1964, S. 9).

Diese Bestimmung fand auch Eingang in die Gesetze, die die Beziehungen des Staates

zu den religiösen Institutionen näher regelten - Bestimmungen, die von der Volksversamm-

lung in den Jahren 1949 bis 1951 angenommen wurden:

"Erlass Nr. 743: 'Über die Religionsgemeinschaften', 26. Januar 1949;

Erlass Nr. 1064: 'Über die Annahme der Verfassung der Albanischen Moslemi-

schen Gemeinschaft', 4. März 1950;

Erlass Nr. 1065: 'Über die Annahme der Verfassung der Autozephalischen Kir-

che Albaniens, 4. März 1950;

Erlass Nr. 1066: 'Über die Annahme der Verfassung der Albanischen Bektaschi-

schen Gemeinschaft', 4. März 1950;

Erlass Nr. 1322: 'Über die Annahme der Verfassung der Katholischen Kirche Al-

baniens', 30. Juli 1951.

Das erste der oben angeführten Gesetze verlangte von allen Religionsgemeinschaften,

unter ihren Mitgliedern ein Gefühl der Loyalität zur VR Albanien zu entwickeln und sah

vor, innehalb eines Monats solche Orden und Gesellschaften zu schließen, die ihre Zen-

tralen außerhalb des Staates unterhielten. Diese Bestimmungen sahen somit die Auf-

lösung des jesuitischen und franziskanischen Ordens vor.

Die Verfassungen, auf die die angeführten Erlasse Bezug nehmen, wurden von den

Vertretern der betreffenden Religionsgemeinschaften angenommen. Die Verfassung der

Katholischen Kirche von Albanien wurde auf einer Versammlung katholischer Geistlicher

in Shkodra am 26. Juni 1951 gebilligt. Sie sah den organisatorischen, politischen und wirt-

schaftlichen Bruch mit dem Vatikan vor und schrieb vor, dass die religiösen Beziehungen

zum Vatikan über staatliche Kanäle zu erfolgen hatten. Außerdem mussten Ernennungen

hochgestellter Geistlicher vom Staat bestätigt werden. Der Vatikan behauptete, dass die

Versammlung 'nicht repräsentativ' gewesen sei und weigerte sich, die betreffende Verfas-

sung anzuerkennen.

Die Erlasse sahen jedoch eine staatliche finanzielle Unterstützung für die Religionsge-

meinschaften vor. Anfang der 60iger Jahre beliefen sich die staatlichen Subventionen für

die muslimische Gemeinschaft allein auf 12 Millionen Lek. (Arkivi Qendror i Shetit i RPSSH,

Zentrales Staatsarchiv der SVRA, Fond i Keshillit te Ministrave, Aufzeichnungen des Minis-

terrates, 1966, Dossier 470, S. 2).

Diese rechte Abweichung von den klassischen marxistisch-leninistischen Grundsätzen

bezüglich der Religion spielte in der Kampagne von 1967 für die Schließung der religiösen

Einrichtungen eine nicht unerhebliche Rolle. In ihrem Verlauf wurde immer wieder darauf

hingewiesen, dass es ungerecht sei, wenn Lieferanten von 'religiösem Opium' von der Ge-

sellschaft finanzielle Hilfe zuteil werde, während andere Organisationen kein Geld erhielten.

Gleichzeitig hatte diese rechte Abweichung auf die antireligiöse Kampagne vor 1967, die

in Übereinstimmung mit marxistisch-leninistischen Grundsätzen verlief und dem politischen

und sozialen Kampf für den Aufbau des Sozialismus untergeordnet war, keinen Einfluss.

Von Enver Hoxha wurde besonders auf die Tatsache hingewiesen, dass dieser Kampf

gegen das religiöse Opium, welcher in erster Linie eine ideologische und politische Kam-

pagne darstellte, durchgängig durch Überzeugungsarbeit und Feinfühligkeit geführt werden

sollte und unter Vermeidung von administrativen und repressiven Methoden:

"Der entscheidende Aspekt (im Kampf gegen die Religion - Verf.) besteht in der

ideologischen und wissenschaftlichen Arbeit der Partei. Gegen das Gift der Re-

ligion kann man nicht mit Hilfe von staatlichen Anordnungen vorgehen, sondern

nur durch eine ständige, ausdauernde Arbeit auf Seiten der Partei."

(Enver Hoxha: 'Lasst uns die Organisation der Propaganda und die Agitation der

Partei verbessern', Diskussion aus Anlass eines Treffens des Politbüros des ZK

der PLA vom 15. Januar 1952, in: E. Hoxha, Vepra (Werke) Nr. 9, Tirana 1972, S. 49).

"Die Ausrottung religiöser Vorurteile, unnützer Illusionen und schädlicher Ange-

wohnheiten ist eine schwierige und heikle Aufgabe. Sie verschwinden nicht schlag-

artig - weder durch Erlasse noch durch Versammlungen. Dies ist eine Arbeit, die

Ausdauer, Intelligenz und Feinfühligkeit verlangt."

(Enver Hoxha: Bericht an den 4. Parteitag der PLA, 'Über die Arbeit des ZK der

PLA', 13. Februar 1961, in: E. Hoxha, Vepra, Nr. 20, Tirana 1976, S. 270).

"Der Kampf zur Ausrottung dieser (religiösen - Verf.) Überreste der Vergangen-

heit, die aus anderen Jahrhunderten weiter vererbt wurden, ist in erster Linie ein

ideologischer Kampf, dessen Ziel die geistige Befreiung der Menschheit ist. ...

Zu diesem Zweck müssen wir die Propagandaarbeit der Partei, unsere kulturel-

len Einrichtungen, Schulen, Lehrer und alle anderen Intellektuellen, die Presse

und das Radio, die Literatur und die Künste stärker aktivieren. Jene, die sich

um die Erziehung der Arbeiter durch Vermittlung der neuen kommunistischen

Ethik und Weltanschauung bemühen, müssen dies als ihre vornehmste Pflicht

ansehen."

(Enver Hoxha: 'Über die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lage auf dem Lande

und die Maßnahmen sie zu verbessern', Bericht an das X. Plenum des ZK der PLA,

6. Juni 1963, in: E. Hoxha, Vepra Nr. 25, Tirana 1977, S. 138).

" ... auch im Kampf gegen die Religion müssen wir behutsam vorgehen. ...

Ganz besonders die Marxisten kämpfen gegen diese Ideologie (gemeint die reli-

giöse - Übers.) auf dialektische, revolutionäre Weise, nicht mit administrativen

Mitteln, sondern durch das Mittel der Überzeugung und auch nicht durch eine

oberflächliche und formelle Überredung, da diese sich als unwirksam herausstel-

len und schnell durch Verordnungen abgelöst werden würde."

(Enver Hoxha: 'Lasst uns alle verstehen, wie man die Direktiven der Partei besser

in die Tat umsetzen kann', Gespäch mit Kadern und einigen Arbeitern der Land-

wirtschaftlichen Kooperative Stalin von Kruja, Kreis Sushnja, 8. März 1966, in:

E. Hoxaha, Vepra Nr. 31, Tirana 1980, S. 415).

"Die Partei muss eine gut durchdachte, wissenschaftliche Arbeit leisten ..., nicht

in einer herzlosen Weise und nicht dadurch, dass die Gefühle der Menschen ver-

letzt werden, sondern durch eine gründliche politische Arbeit. Wir dürfen keine

Befehle erteilen dahingehend, dass die Kirchen und Moscheen auf dem Lande

zerstört werden. ... Der Marxismus bekämpft reaktionäre und religiöse Ideologien

nicht mit administrativen Mitteln, sondern mit dem Mittel der Überzeugung."

(Enver Hoxha: 'Die Erfahrung unserer Partei soll uns lehren, wie wir unsere Arbeit

verbessern können', Rede anlässlich eines Treffens des Sekretariats des ZK der

PLA, 14. März 1966, in: E. Hoxha, Vepra Nr. 31, Tirana 1980, S. 464f).

Aus diesen Aussagen geht hervor, dass sich Enver Hoxha und die PLA im Verlaufe des

Kampfes gegen die Religion in Albanien bis 1966 zu keiner Zeit für die Schließung von re-

ligiösen Einrichtungen ausgesprochen, geschweige denn die völlige Abschaffung der Reli-

gion selbst verlangt haben.


Die Schließung der religiösen Einrichtungen: 1966-67


Am 14. Mai 1966 (fast zeitgleich mit dem Beginn der von Mao Tse-tung initiierten 'Kultur-

revolution' in China - Übers.) schließt die Jugendorganisation der PLA im Dorf Xibrake,

Kreis Elbasan, die örtliche Moschee. Am Tag darauf folgt ihr die Jugendorganisation im

Dorf von Mynqan, Kreis Cerrik. Am 10. Juni verwandeln die Jugendlichen im Dorf von Theth,

Kreis Dukagjin, die örtliche Kirche in ein Kulturhaus. Ähnliche Aktionen ereignen sich in

den letzten Monaten des Jahres 1966.(Arkivi Qendror i RPSSH, Zentrales Staatsarchiv

der SVRA, Fondi i Keshillit te Ministrave - Aufzeichnungen des Ministerrats, 1966, Dossier 470, S. 2).

Am 8. Februar 1967 veröffentlicht das Organ des ZK der PLA Zeri i Popullit (Stimme des

Volkes) auf seiner Vorderseite einen Bericht, der die Überschrift trägt:

"Revolutionäre Initiative von Schülern und Lehrern der Naim-Frasheri-Schule von

Durres: Mit dem scharfen Schwert der Ideologie der Partei gegen die religiöse

Ideologie, gegen Vorurteile, Aberglauben und rückständige Sitten und Gebräuche."

(Zeri i Popullit, 8. Februar 1967, S. 1).

Der Bericht beschreibt, wie die Schüler und Lehrer dieser Schule 'unter Führung des

Parteikomitees des Distrikts von Durres' eine Aktion gegen 'offene Darbietungen der reli-

giösen Ideologie' und gegen eine 'Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber diesen Darbie-

tungen durchführten. (Ebenda, S. 2).

Diese Aktion umfasst die Bildung von Diskussionsgruppen zu den 'Lügen und die soziale

Schädlichkeit der Religion', das Anbringen von Wandzeitungen, die gegen die Religion ge-

richtet sind, die Schaffung einer besonderen Ecke in einer Schulbibliothek, die atheisti-

scher Literatur gewidmet ist.

Die Schüler und Lehrer tragen die Aktion auch aus der Schule hinaus und konfrontieren

ihre Familien mit den Inhalten, was so weit geht, dass 'Ikonenkästen in Erste-Hilfe-Kästen

umfunktioniert' werden. Die Aktionen finden auch auf der Straße statt. Eine große Schrift-

zeichenwandzeitung nach Art der chinesischen 'Kulturrevolution', die gerade parallel statt-

findet, wird im Laden eines ortsansässigen Bäckers angebracht, der angeblich 'Zauberwor-

te gegen Mumps' verkauft haben soll. (Ebenda).

Die beschriebene Kampagne von Durres wird sieben Monate später von Enver Hoxha in

seiner Rede vom 14. September 1967 folgendermaßen kommentiert:

"Es genügte ein einziger Funke, der von den revolutionären Schülern der Naim-

Frasheri-Schule in Durres angeschlagen wurde, ... um ein riesiges Feuer zu ent-

fachen, das sämtliche Brutstätten des religiösen Obskurantismus vom Erdboden

verschwinden ließ."

(Enver Hoxha: 'Über die Rolle und Aufgaben der Demokratischen Front im Kampf

für den endgültigen Sieg des Sozialismus in Albanien', ebenda, S. 376).

In den Monaten Februar, März, April und Mai 1967 breiten sich ähnliche Aktionen im

ganzen Land aus. Sie umfassen auch die erzwungene Schließung religiöser Einrichtun-

gen. In Stadt und Land werden zahllose Massenveranstaltungen gegen die Religion ab-

gehalten und eine Serie von Broschüren und Büchern, die die Religion lächerlich machen

und die Kirche bloßstellen, werden veröffentlicht.

Am 11. April 1967 verabschiedet das Präsidium der Volksversammlung den Erlass Nr.

4.236, der vorsieht, das bewegliche Eigentum der Relgionsgemeinschaften (einschließ-

lich des Viehbestands) entschädigungslos dem Geschäftsführenden Ausschuss der Volks-

räte der Kreise zu übertragen. Der Wert dieses Eigentums beläuft sich auf insgesamt

1,9 Millionen Lek. Schließlich werden bis Ende Mai 1967 sämtliche religiösen Einrichtun-

gen - insgesamt sind es 2.035, davon 1.270 Moscheen, 608 orthodoxe Kirchen und Klöster,

157 katholische Kirchen und Klöster usw. - geschlossen. (Arkivi Qendror i Shellit i RPSSH,

Zentrales Staatsarchiv der SVRA, Fondi i Ministrise se Arsimit e Kultures - Aufzeichnungen

des Kultur- und Erziehungsministeriums, Dossier 20, SS. 24, 36).

Religiöse Gebäude von historischem oder kulturellem Wert bleiben als Denkmäler erhal-

ten; die meisten anderen jedoch werden in Kulturhäuser verwandelt. Gebäude, die angeb-

lich von keinem historischen oder kulturellem Wert sind und die den Stadtplanern im Wege

sind, werden abgerissen.

Spätere offizielle Einschätzungen dieser Aktionen scheinen zu belegen, dass die Schlie-

ßung der religiösen Einrichtungen in Albanien fast widerstandslos von den Gläubigen hin-

genommen wurde, mit der Ausnahme einer kleinen Zahl reaktionärer Geistlicher.

Auffällig ist, dass in der entscheidenden Phase dieser Kampagne (Februar - Mai 1967),

als sämtliche religiösen Stätten geschlossen wurden, diese extremen Maßnahmen ent-

gegen den zahlreichen ausdrücklichen Hinweisen des Ersten Sekretärs der PLA, Enver

Hoxha, unternommen wurden. Auch in dieser Zeit bestand Hoxha weiter auf der Notwen-

digkeit eines verschärften ideologischen und politischen Kampfes auf diesem Gebiet, der

jedoch auf der Grundlage der Überzeugung der Gläubigen von der Sinnlosigkeit der Reli-

gion erfolgen sollte, ohne ihre Gefühle zu verletzten. Nie schien er dabei die Schließung

von Kirchen und Moscheen als angemessene und endgültige Lösung im antireligiösen

Kampf angesehen zu haben, der in Albanien schließlich seit 1945 geführt wurde. In der

Zeit zwischen Februar und April 1967 erklärte Hoxha Folgendes:

"Es ist nicht möglich, den Kampf (gegen die Religion - Verf.) zu Ende zu führen,

wenn den Kommunisten und den Massen politisch und ideologisch nicht einsich-

tig ist, warum die Religion eigentlich schädlich ist. ...

Die Partei muss wie ein guter Arzt alle Anstrengungen unternehmen, um den

Kranken stets in einer überzeugenden und nie in einer herabsetzenden Art zu

heilen. ... Wenn wir den Kampf gegen den religiösen Glauben erfolgreich entwi-

ckeln wollen, müssen wir behutsam vorgehen, denn wir haben es hier mit den

Gefühlen von Menschen zu tun, die in der einen oder anderen Weise mit den

religiösen Einrichtungen verbunden sind. ... Lasst uns realistisch sein und die

Dinge stets politisch betrachten: Bei jedem einzelnen Schritt auf dem Wege des

Kampfes gegen die Religion müssen wir uns die Zustimmung der Menschen si-

chern und dürfen ihre Gefühle in keiner Weise verletzen. ... Der Kampf, den wir

bis jetzt geführt haben, all die Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen, stellen wich-

tige, qualitative Schritte nach vorn dar, auf der Grundlage der reichen Erfahrung

der Partei und der großartigen Arbeit, die die Partei bis jetzt geleistet hat. ...

Lasst uns zur Kenntnis nehmen, dass wir es hier nicht mit Kampagnen zu tun

haben, sondern mit politisch-ideologischen Fragen, die die Masse des Volkes

betreffen. Alle diese (Fragen - Verf.) müssen in unseren Presseorganen besser

zum Tragen kommen, da diese Arbeit außerordentliches Geschick erfordert.

Unsere Hauptaufgabe besteht darin, mehr Mühe in die Aufgabe zu investieren,

bei der Erziehung der Kommunisten, der Arbeiter und der Jugend einen qualita-

tiven Sprung nach vorne zu tun."

(Enver Hoxha: 'Die Probleme der Organe für Innere Angelegenheiten entziehen

sich nicht der Kontrolle der Partei', Diskussion anlässlich eines Treffens des Se-

kretariats des ZK der PLA, 23. Februar 1967, in: E. Hoxha, Vepra Nr. 35, 1982,

SS. 85-88).

"In dieser Angelegenheit (des Kampfes gegen die Religion - Verf.) müssen Ge-

walt, übertriebene oder übermäßige Aktionen verurteilt werden. In dieser Sache

ist es angebracht, mit dem Mittel der politischen und ideologischen Überzeugung

und nur mit ihm zu arbeiten, um die Voraussetzungen für jede einzelne konkrete

Aktion zu schaffen."

(Enver Hoxha: 'Die Kommunisten führen durch gutes Beispiel, Opfer und Verzicht',

Diskussion in der Parteiorganisation, Abteilung C der 'Enver-Werke'. 2. März 1967,

in: E. Hoxha, Vepra Nr. 35, Tirana 1982, S. 130f).

"Der Kampf gegen die Religion endet nicht mit der Zerstörung von Kirchen und Mo-

scheen. Ihre Zerstörung ist eine ziemlich einfache Sache, aber es ist sehr viel

schwieriger, gegen religiöse Sitten und Gebräuche zu kämpfen und sie aus dem

Bewusstsein der Menschen verschwinden zu lassen. ... Sie verschwinden nicht

durch einen Erlass, durch einen Federstrich oder durch eine Erklärung. ...

Aber wie verschwinden dann diese Sitten und Gebräuche, die sich über die Jahr-

hunderte so fest verankert haben?

Haben sich die Parteikomitees reiflich überlegt, wie diese große und schwierige

politisch-ideologische Aufgabe systematisch durch Vorträge, durch Verbreitung

und Vertiefung von Initiativen, durch besondere Veranstaltungen, durch die Steige-

rung der Aktivitäten der Jugend- und Frauenorganisationen in dieser Angelegen-

heit organisiert werden kann? Dies, so fürchte ich, wird nicht in einer Weise aus-

geführt, wie es eigentlich angebracht wäre. Falls dies zutreffen sollte, dann werden

wir nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen und die Verantwortung dafür wird

dann nicht bei den Massen, die gläubig sind, liegen, sondern bei uns, den Führern,

die nicht gelernt haben, den Glauben, den Enthusiasmus und die Bereitschaft der

Massen zu nutzen, zu organisieren und in angemessener Weise zur Anwendung

zur bringen."

(Enver Hoxha: 'Die Partei kann nichts ohne die Massen erreichen und ohne ihnen

zu helfen', Diskussion auf einem Treffen des Sekretariats des ZK der PLA, 22. März

1967, in: E. Hoxha, Vepra, Nr. 35, Tirana 1982, S. 138f).

" ...(Lasst uns - Verf.) mit Ausdauer ans Werk gehen, denn dies ist nicht die Auf-

gabe eines einzigen Tages oder eines einzigen Monats, sondern eine Aufgabe, die

Jahr für Jahr fortgesetzt werden muss. ... Es geht hier nicht um eine Sache der

Zeit oder der Schnelligkeit, sondern es geht darum, das auszutilgen, was negativ

ist und es geht darum, die sozialistische Revolution zu vertiefen."

(Enver Hoxha: 'Ditar' (Tagebuch), Nr. 9, 30. März 1967, Tirana 1999, S. 116).

"Wir werden es nicht zulassen, dass mit administrativen Maßnahmen nutzlose

religiöse Einrichtungen, Bräuche und religiöser Glaube abgeschafft werden sollen.

Es gibt nur einen einzigen Weg für die Lösung dieses Problems: politische, ideolo-

gische Überzeugungsarbeit. ... Rückständige Bräuche und religiöse Einstellungen

verschwinden nicht plötzlich, sondern nur allmählich als Ergebnis einer beständigen

und langfristigen Arbeit. ... Wir dürfen unter keinen Umständen die Gefühle der

Menschen im Streit um einen Moscheenturm verletzen, der, wenn er heute noch

nicht zerstört wird, dafür aber nächstes Jahr zerstört werden wird, dann nämlich,

wenn die Menschen zu der Überzeugung gelangt sind, dass die religiösen Bräuche

nutzlos sind."

(Enver Hoxha: 'Im Kampf gegen den religiösen Glauben gibt es nur einen Weg: poli-

tisch-ideologische Arbeit, Überzeugung', aus einem Gespräch mit dem Ersten Se-

kretär des Parteikomitees im Dibra-Distrikt, 7. April 1967, in: E. Hoxha, Vepra Nr.

35, Tirana 1982, S. 226).

"In dieser Frage (des Kampfes gegen die Religion - Verf.) werden wir die Anwen-

dung administrativer Mittel nicht zulassen. Es gibt nur eine einzige Methode ...die

politisch-ideologische und überzeugende Arbeit zusammen mit den Menschen."

(Enver Hoxha, 'Ditar', Nr. 9, 7. April 1967, Tirana 1990, S. 133).

"Die Partei hat die Direktive herausgegeben, sehr vorsichtig zu sein, sehr reif zu

sein in dieser Frage."

(Enver Hoxha: 'Die wahre Freundschaft ist nur die, die durch die Treue gegenüber

dem Marxismus-Leninismus gekennzeichnet ist', aus einem Gespräch mit dem

chinesischen Botschafter während eines Treffens in Tirana, 12. April 1967, in: E.

Hoxha, Vepra Nr. 35, Tirana 1982, S. 234).

Hieraus, d. h. aus diesen Zitaten, die sich auf die kritischen Monate Februar bis April 1967

beziehen, ergibt sich mit aller Klarheit, dass die Schließung der religiösen Einrichtungen in

Albanien unmöglich von der führenden Gruppe um Hoxha in Partei und Staat ausgegangen

sein kann.

Wir bereits oben mehrfach erwähnt, garantierte die Verfassung der VR Albanien von 1946,

welche 1967 in Kraft war, in dem Abschnitt über die Bürgerrechte die Ausübung der Reli-

gionsfreiheit. Die Schließung der religiösen Einrichtungen im Jahre 1967 stellte deshalb

eine Verletzung der verfassungsmäßig garantierten Rechte der albanischen Bürger dar.

Zwar trifft es zu, dass nach der Schließung der religiösen Einrichtungen im Mai 1967, das

Präsidium der Volksversammlung den Erlass Nr. 4337 verabschiedete (veröffentlicht in der

Gaseta Zyrtare - Amtszeitung - am 22. November 1967, S. 241), der den legalen Status

der Religion sowie die Gesetze von 1949 bis 1951 (siehe oben) aufhob, Gesetze, die die

Beziehungen zwischen dem Staat und den religiösen Einrichtungen regelten.

Dieser Erlass konnte jedoch keine Verfassungsänderung herbeiführen, da das Präsidium

der Volksversammlung dazu nicht ermächtigt war. Er stellte nur den Rechtszustand wie-

der her, der vor 1949 bestanden hatte, als die Beziehungen des Staates zu den religiösen

Institutionen gesetzlich noch nicht geregelt waren. Deshalb konnte Radio Tirana im Novem-

ber 1967 auch verkünden, dass die VR Albanien das erste atheistische Land der Welt ge-

worden war - das einzige, ohne religiöse Einrichtungen.

Von der Volksversammlung wurden bis zur Verabschiedung der neuen Verfassung im

Jahre 1976 auch keinerlei Zusatzartikel, die sich auf die Religionsfrage bezogen, verab-

schiedet. Nach der Annahme dieser neuen Verfassung war Albanien dann das erste Land,

in dem die Religion illegal geworden war und in dem die Verbreitung des Atheismus in sei-

ner Gesetzgebung vorgeschrieben wurde. Die Verfassung von 1976 sah nämlich vor:

"Artikel 37:

Der Staat erkennt keinerlei Religion an und unterstützt die atheistische Propagan-

da, um die wissenschaftliche materialistische Weltanschauung bei den Menschen

zu verankern. ...

Artikel 55:

Die Gründung jeder Art von Organisation mit ... religiösem Charakter ... ist verbo-

ten. ... Religiöse ... Aktivitäten und Propaganda ... sind verboten."

(Verfassung der Sozialistischen Volksrepublik Albanien, angenommen von der

Volksversammlung am 28. 12. 1976, Tirana 1989, Zweite Ausgabe, SS. 20, 26).

Also war die Schließung der religiösen Einrichtungen mehr als neun Jahre lang, von 1967

bis 1976, verfassungswidrig. Darüberhinaus stand diese Maßnahme im Widerspruch zu

den internationalen Verpflichtungen des Landes, da die VR Albanien als UNO-Mitglied seit

Dezember 1955 sich (in Übereinstimmung mit Artikel 55 der UNO-Charta) zur

"allgemeinen Anerkennung und Beachtung der Menschenrechte und Grundfreihei-

ten für alle, ungeachtet des Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion"

(UNO-Charta, Artikel 55)

verpflichtet hatte.

Somit war die Schließung der religiösen Einrichtungen im Jahre 1967 zusammengefasst

1. eine Verletzung der marxistisch-leninistischen Grundsätze, die die Abschaffung

der Religion weder durch Gewalt noch durch administrative Mittel vorsehen;

2. eine Verletzung der Verfassung Albaniens aus dem Jahre 1946;

3. eine Verletzung der internationalen Verpflichtungen Albaniens als UNO-Mitglied;

4. eine Aktion, die Gläubige in Albanien entfremdet hat, die ohne diese Aktion die

sozialistische Regierung stärker unterstützt hätten;

5. eine Aktion, die der internationalen antisozialistischen Propaganda, die gegen

das Land gerichtet war, Vorschub leisten musste;

6. eine Aktion, die in gewissem Umfang auch die internationale marxistisch-leninis-

tische Bewegung, für die Albanien in den 60iger, 70iger und 80iger Jahren die einzi-

ge Hochburg geblieben war, zurückwarf, weil durch diese Aktion der Eindruck ver-

mittelt wurde, dass der albanische Staat willkürlich die Verletzung seiner in der Ver-

fassung garantierten Rechte tolerierte und bis zu einem bestimmten Grade Gläubi-

ge, die ansonsten fest zur Bewegung gehalten hätten, von dieser entfremdete.

Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass diese Schließungen eine Aktion darstell-

ten, die nicht von der führenden Gruppe in Partei und Staat ausgegangen sein kann. Offiziel-

le Berichte über diese Kampagne weisen darauf hin, dass die Initiative 'von unten kam', 'von

den Massen' und besonders von 'den Jugendlichen', obwohl gesehen werden muss, dass die

Aktion andererseits einen hohen Grad an Organisation und Anleitung von oben erforderlich

machte! Dennoch bestand man offiziell darauf, dass

"die Jugend und andere Teile der Volksmassen in den Dörfern und Städten aufstan-

den und verlangten, dass die Kirchen und Moscheen, die Tempel und Klöster, alle

'heiligen Stätten' geschlossen werden. ... Die Menschen verurteilten die antinationale

und volksfeindliche Rolle der Religion ... und beschlossen, die religiösen Zentren zu

schließen und sie in Kulturstätten oder in andere Zentren zu verwandeln."

(Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der PLA, Tirana 1982, S. 437).

Das heißt nichts anderes, als dass die Aktion in der offiziellen Geschichtsschreibung der

PLA als ein Beispiel für eine

"Initiative des Volkes"..

(Ebenda).

hingestellt wird.

Als Enver Hoxha im September 1967 die Maßnahmen kommentierte, war auch er die-

ser Meinung:

"Das Volk erhob sich und zerstörte die Moscheen und Kirchen. ... All dies ge-

schah durch das Volk."

(Enver Hoxha: 'Albanien entstand durch die Revolution und baut den Sozialismus

durch die Revolution auf', 3. September 1967, in: E. Hoxha, Vepra Nr. 36, Tirana

1982, S. 250).

"Diese Bewegung (gegen die Religion - Verf.) ... ist durch die Initiative der Massen

selbst entstanden und entwickelte und vertiefte sich durch ihre aktive Beteiligung."

(Enver Hoxha: 'Über die Rolle und die Aufgaben der Demokratischen Front im

Kampf für den endgültigen Sieg des Sozialismus in Albanien', Bericht an den Vier-

ten Kongress der Demokratischen Front Albaniens, 14. September 1967, in:

E. Hoxha, Vepra Nr. 36, Tirana 1982, SS. 374-377).

Auf dem Sechsten Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens wiederholte Enver Hoxha

diese Einschätzung:

"Die arbeitenden Menschen entschieden von sich aus über das Schicksal der

religiösen Einrichtungen."

(Enver Hoxha: Tätigkeitsbericht des ZK der PLA an den Sechsten Parteitag der

Partei der Arbeit Albaniens, 1. November 1971, S. 135).

Noch zehn Jahre danach erklärte er:

"Unser Staat ist atheistisch durch den Willen seines Volkes."

(Enver Hoxha: Rede zu den Wahlen für die 10. Legislaturperiode der Volksver-

sammlung der SVR Albanien, gehalten im Wahlkreis Nr. 210 von Tirana, 1982, S. 39).

Die albanischen Historiker Pollo und Puto bestätigen dies:

"Im Herzen der jungen Leute, die noch zur Schule gingen, entwickelte sich eine

Initiative zur Schließung von Kirchen und Moscheen, ja von allen heiligen Stät-

ten. ... Sehr schnell wurde aus dieser Initiative eine große Volksbewegung."

(Stefanaq Pollo & Arben Puto: 'Die Geschichte Albaniens. Von ihren Anfängen

bis heute', London 1981, S. 282).

Tatsächlich wird die entscheidende Rolle der Jugend in diesem antireligiösen Kampf in

den späten 60iger Jahren auch von dem albanischen Historiker Sadikaj in einer ausführ-

lichen Studie zu diesem Thema hervorgehoben:

"Ende 1966 und während 1967 unternahmen eine ganze Reihe von Jugendorgani-

sationen eine Serie von Vorstößen gegen religiöse Zentren. ... Im Laufe des Jah-

res 1967 schlossen die Jugendlichen ... Kultstätten. ... Die Tatsache, dass die

Jugend zur Vorhut in diesem Kampf wurde, ist verständlich. Die junge Genera-

tion im Allegemeinen und die Schuljugend im Besonderen waren aufgrund der

neuen Verhältnisse, in denen sie aufwuchsen, weniger vom religiösen Denken

beeinflusst.

Das Wissen, das sie in der Schule erworben hatten, und die ständige erziehe-

rische Arbeit, die von der Partei in jeder Beziehung geleistet worden war, hatten

die Jugend mit der neuen marxistisch-leninistischen Weltanschauung ausgestat-

tet und hatten aus ihr Frontkämpfer gegen die religiöse Ideologie gemacht. ...

Unmittelbar nach dem Fünften Parteitag unternahm die Jugend eine ganze Rei-

he von Vorstößen und Initiativen gegen die materielle Basis der Religion. ... Im

Zusammenhang mit der revolutionären Bewegung gegen die Religion kommt der

Initiative der Naim-Frasheri-Schule von Durres eine zentrale Bedeutung zu. ...

Die Jugend wurde so zum Agitator der Partei bei der Ausweitung der Bewegung

gegen die Religion. ... Der Kampf gegen religiöse Dogmen, Riten und Glaubens-

einstellungen wurde in Übereinstimmung mit der Massenlinie geführt. Es war das

Volk selbst, das sich erhob und die religiöse Ideologie verurteilte. ... Die Jugend

erwies sich als die stärkste und lebendigste Kraft."

(Dilaver Sadikaj: 'Die revolutionäre Bewegung gegen die Relgion in den 60iger

Jahren', in: 'Studime Historike' - historische Studien - Nr. 4, 1981).

Es trifft zu, dass die offizielle 'Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens' davon ausgeht,

dass diese Initiative, sämtliche religiösen Einrichtungen zu schließen, von Hoxhas Bericht

an den Fünften Parteitag der PLA vom November 1966 sowie durch eine weitere Rede vom

6. Februar 1967 inspiriert wurde:

"Nach dem Fünften Parteitag und nach der Rede des Genossen Enver Hoxha vom

6. Februar 1967 setzte dieser Kampf (für die Schließung der religiösen Institutio-

nen - Verf.) auf breiter Front ein."

(Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der Partei der Arbeit Alba-

niens, Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens, Tirana 1982, S. 437).

In seinem Bericht an den Fünften Parteitag bezog sich Hoxha auch auf den ideologischen

Kampf gegen die Religion:

"Die ideologische und kulturelle Revolution ist Bestandteil des allumfassenden

Kampfes, um die sozialistische Revolution auf allen Gebieten zu vollenden. ...

Zum Wesen des Klassenkampfes gehört der Kampf gegen die religiöse Ideolo-

gie, gegen Vorurteile, rückständige Sitten und Gebräuche sowie gegen den Aber-

glauben."

(Enver Hoxha: Tätigkeitsbericht des ZK der PLA an den Fünften Parteitag der PLA,

1. November 1966, Tirana 1966, SS. 149, 151).

Der Hinweis auf die Religion in Hoxhas Rede war folgender:

"Wie kann die örtliche Parteiorganisation am Kai von Durres oder wie kann jener

Arbeiter, der dort arbeitet und dort tagsüber gute Arbeit leistet und für seine Ar-

beit gelobt wird, der aber dann zuhause nachts Kirchenbilder anfertigt und sie

am nächsten Morgen an Gläubige verkauft, als Revolutionär bezeichnet werden?"

(Enver Hoxha: 'Die weitere Revolutionierung von Partei und Regierung', 6. Febru-

ar 1967, in: E. Hoxha: 'Reden 1967-68', Tirana 1974, S. 5).

Dies sind die einzigen beiläufigen Hinweise auf den Kampf gegen die Religion in den

beiden zitierten Reden Hoxhas und der zweite Hinweis, der hier zitiert wurde, wird als

so unwichtig angesehen, dass er in der englischen Fassung der Rede, die in den 'Ge-

sammelten Werken', Band 4, erschien, gar nicht mehr auftaucht. (E. Hoxha: 'Gesammel-

te Werke', Band 4, Tirana 1982, S. 211).

In diesen Redeteilen spricht sich Hoxha eindeutig für eine Intensivierung des ideologi-

schen Kampfes gegen die Religion aus. Sie enthalten jedoch keinen Hinweis auf eine

Aufforderung, eine Massenbewegung für die Schließung der religiösen Einrichtungen ins

Leben zu rufen.

Selbst wenn man das Wort 'nach' in der 'Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens'

im chronologischen Sinn auffasst, ist es ungenau. Wir gezeigt wurde, begann die Kam-

pagne für die Schließung der religiösen Einrichtungen in Ansätzen schon im Mai 1966

(fast zeitgleich mit dem Beginn der 'Kulturrevolution' Mao Tse-tungs - Übers.), also sechs

Monate vor dem Fünften Parteitag der PLA. Die Aktion der Schüler und Lehrer der Naim-

Frasheri-Schule von Durres, die als Signal für die Auslösung der Massenaktionen gilt, fand

zweifellos gleich am Tag nach der Veröffentlichung von Hoxhas Rede am 6. Februar statt.

Aus dem Bericht, der in 'Zeri i Popullit' darüber veröffentlicht wurde, geht jedoch klar her-

vor, dass die Vorbereitungen für die Aktion schon

"einige Tage vorher"..

('Zeri i Popullit', 8. Februar 1967, S. 1).

begonnen hatten.

Hoxhas reservierte Haltung gegenüber der Kampagne zur Schließung der Kirchen kann

einer Tagebucheintragung entnommen werden, die er mit Bezug auf die Aktionen der 'Ro-

ten Garden' in China am 26. August 1966 machte:

"Kann das Problem des religiösen Glaubens einfach dadurch aus der Welt ge-

schafft werden, dass man einige katholische Kirchen schließt, wie es die Studen-

ten jetzt tun oder indem man die Kirchenbilder durch Maobüsten und -portaits er-

setzt?!! Natürlich kann man dies nicht.

Der religiöse Glaube in China ist ein zu großes Problem, als dass man es mit

solchen Maßnahmen lösen könnte."

(Enver Hoxha: 'Ein 16-Punkte-Programm zur Kulturrevolution wird angenommen',

26. August 1966, in: E. Hoxha: 'Betrachtungen über China', Band 1, Tirana 1979, S. 255).

Ganz offensichtlich ging die Schließung der religiösen Institutionen in Albanien nicht

von der führenden Gruppe in Partei und Staat und von Hoxha aus. Seine diesbezüglichen

Äußerungen in den ersten Monaten des Jahres 1967, die weiter oben angeführt wurden,

zielten nur auf eine Intensivierung des ideologischen und politischen Kampfes gegen die

Religion, ein Kampf, der - wie Lenin betonte -

"mit rein ideologischen Mitteln und ausschließlich mit ihnen" ..

(Wladimir I. Lenin: 'Sozialismus und Religion', in: W. I. Lenin: 'Gesammelte Werke',

Band 10, Moskau 1962, S. 86).

geführt werden muss.


Die chinesisch-albanische Allianz in den späten 60iger Jahren

Die Massenaktionen für die Schließung der religiösen Einrichtungen, die in der VR Alba-

nien 1966-67 stattfanden, stellten einen Kampf dar, der Bestandteil einer allgemeineren Be-

wegung war, die sich im ganzen Land entfaltete. Andere radikale und revolutionäre gesell-

schaftliche Bewegungen für Veränderungen zielten ebenfalls darauf ab, das private Interesse

dem Interesse der Allgemeinheit unterzuordnen: die Bewegung zur Befreiung der Frau, die

Bewegung zur Revolutionierung des Erziehungswesens, der Literatur, der Künste ...

In den 60iger Jahren, als die Schließung der Kirchen und Moscheen in Albanien begann,

ereignete sich gleichzeitig die 'Kulturrevolution' in China. Sie trug insofern ähnliche Züge,

als sie angeblich nicht von der Partei ausging und unter dem Banner 'revolutionärer' Parolen

durchgeführt wurde, wobei ständig betont wurde, dass sie 'den Massen' und insbesondere

'der Jugend' gehöre.

Aus den aufgeführten Tatsachen ergibt sich, dass die in Albanien führende Gruppe um

Enver Hoxha diese Aktion (die Schließungen - Übers.) nicht unterstützte. Diese Opposi-

tion wurde aber dadurch erschwert, dass die PLA, einschließlich ihre Führung, die 'Mao-

Tse-tung-Ideen' unterstützte sowie dadurch, dass die Führung der KP Chinas lange Zeit

falsch eingeschätzt worden war.

Der offiziellen 'Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens' zufolge, die 1971 herauskam,

war China in den späten 60iger Jahren und den frühen siebziger Jahren

"eine Bastion des Sozialismus und ein mächtiger Stützpunkt der Weltrevolution."

(Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der Partei der Arbeit Alba-

niens, Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens, Tirana 1971, S. 675).

Zu dieser Zeit wurde China von Hoxha als

"großes sozialistisches Land"..

(Enver Hoxha: 'Die Außenpolitik Chinas - eine Politik der Selbstisolation', 14. Juli

1967, in: E. Hoxha, 'Betrachtungen über China', Band 1, Tirana 1979, S. 379).

bezeichnet.

Hoxha brachte die bedingungslose Unterstützung der PLA für China und seine 'Kulturre-

volution' wie folgt zum Ausdruck:

"Ungeheuer groß ist die Rolle und der Beitrag der Kommunistischen Partei Chinas

und der Volksrepublik Chinas im Kampf für die revolutionäre Sache des internatio-

nalen Proletariats und der Völker der ganzen Welt. Sie sind jetzt eine unüberwind-

liche Bastion des Sozialismus, die fest Basis der Revolution, die Fahnenträger des

Marxismus-Leninismus, sie sind die eisernen Pfeiler, die Beschützer unserer ge-

meinsamen revolutionären Sache. (Applaus). ...

Der Weltimperialismus und der Chruschtschowrevisionismus attackieren gemein-

sam die Volksrepublik, sie verleumden die chinesische Proletarische Kulturrevolu-

tion. Vergeblich geben sich die Feinde der Hoffnung hin, das große Volkschina in

Verruf zu bringen. Unter Führung der Kommunistischen Partei Chinas und der Ideen

von Mao Tse-tung marschiert es triumphierend voran. (Anhaltender Applaus, Ovationen).

Die Partei der Arbeit Albaniens grüßt die chinesische Proletarische Kulturrevolution,

die gnadenlos gegen die bürgerliche und revisionistische Ideologie kämpft."

(Enver Hoxha: Tätigkeitsbericht des ZK der PLA an den Fünften Parteitag der PLA,

1. November 1966, Tirana 1966, S. 219f).

"Die glänzenden Siege, die von der Großen Proletarischen Kulturrrevolution des gro-

ßen chinesischen Volkes und ihrer ruhmreichen Partei, persönlich geführt von dem

hervorragenden marxistisch-leninistischen Genossen Mao Tse-tung, errungen wur-

den, haben die gemeinsame Sache des Sozialismus und der Revolution überall auf

der Welt gestärkt. Der Triumpf dieser Revolution ... stellt einen mächtigen Ansporn

für das Weltproletariat und die unterdrückten Völker in ihren Klassen- und Befrei-

ungskämpfen dar. Die Existenz und die Kraft von Mao Tse-tungs großem Volkschi-

na ist ein entscheidender Garant für den unvermeidlichen Sieg über Imperialismus

und Revisionismus."

(Enver Hoxha: 'Die Aufgabe der Revolutionierung unserer Partei und des Lebens in

unserem Land mit Ausdauer und auf schöpferische Weise ausführen', 21. Dezember

1968, in: E. Hoxha: 'Reden, 1967-68', Tirana 1974, S. 295f).

"Die Rolle der Volksrepublik China, dieser mächtigen Bastion der Revolution und

des Sozialismus, ist besonders groß für das Anwachsen und die Stärkung der re-

volutionären Bewegung überall auf der Welt. Der Triumph der Großen Proletarischen

Kulturrevolution, die von dem großen marxistisch-leninistischen Genossen Mao Tse-

tung ausging und geleitet wurde, stellt einen Sieg und eine Quelle der Begeisterung

für die gesamte internationale revolutionäre Bewegung dar."

(Enver Hoxha: Tätigkeitsbericht des ZK der Partei der Arbeit Albaniens an den Sech-

sten Parteitag der PLA, 1. November 1971, S. 14).

Erst gegen Ende der siebziger Jahre verurteilten Hoxha und die PLA die chinesische Spiel-

art des Revisionismus, indem sie die 'Mao-Tse-tung-Ideen' als eine anti-marxistisch-leninisti-

sche Theorie bezeichneten und China als nicht-sozialistisches Land, in dem die Diktatur des

Proletariats nicht existierte, ansahen. Schließlich wurde auch die 'Kulturrevolution', die in

den späten 60iger Jahren stattfand (von 1966 - 1969 - Übers.), als 'Schabernack' verurteilt.

In einer Studie, die in der PLA ab April 1978 im Umlauf war und die später, 1979, veröffent-

licht und in andere Sprachen übersetzt wurde, unterzog Hoxha die Politik Chinas einer Über-

prüfung und kam dabei zu folgenden Schlussfolgerungen:

"Als wir bemerkten, dass diese Kulturrevolution nicht von der Partei geleitet wurde,

sondern einen chaotischen Ausbruch darstellte, der auf einen Aufruf von Mao Tse-

tung zurückging, schien uns dies kein revolutionärer Standpunkt zu sein. ... Der

wichtigste Punkt war für uns die Tatsache, dass weder die Partei noch das Proleta-

riat diese 'Große Proletarische Kulturrevolution' anführten. Dieser ernst zu nehmen-

de Umstand ging auf Mao Tse-tungs alte anti-marxistische Unterschätzung der füh-

renden Rolle des Proletariats sowie auf die Überschätzung der Jugend in der Revo-

lution zurück. ... Unsere Partei unterstützte die Kulturrevolution, weil die Siege der

Revolution in China in Gefahr waren. ... Unsere Partei verteidigte das chinesische

Brudervolk, die Sache der Revolution und des Sozialismus in China und nicht die

Fraktionskämpfe antimarxistischer Gruppen. ... Im Verlauf der Ereignisse wurde

deutlich, dass die 'Große Proletarische Kulturrevolution' weder eine Revolution noch

groß noch kulturell war und - was das Wichtigste ist - in keinster Weise proletarisch

war. ... Natürlich war diese Kulturrevolution ein Handstreich. Er schaltete sowohl die

Kommunistische Partei Chinas als auch die Massenorganisationen aus und stürzte

China in ein neues Chaos."

(Enver Hoxha: 'Imperialismus und Revolution', Tirana 1979, S. 390ff. Das Buch war

zunächst nur in albanischer Sprache erschienen - im April 1978 - und sollte nur in-

nerhalb der PLA zirkulieren).

Es trifft zu, dass seinem Tagebuch 'Betrachtungen über China' zufolge (1979), Hoxha

schon Ende der 60iger Jahre Zweifel und Bedenken bezüglich der Führung der KP Chinas

hegte. Dennoch rechtfertigte er die Unterstützung der PLA für Mao Tse-tung und die 'Kultur-

revolution' in China als 'Verteidigung des Marxismus-Leninismus':

"Wir verteidigen China, Mao Tse-tung und die Kulturrevolution, weil wir den Marxis-

mus-Leninismus verteidigen."

(Enver Hoxha: 'Die Aufnahme Chinas in die Vereinten Nationen', 26, Oktober 1971,

in: E. Hoxha: 'Betrachtungen über China', Band 1, Tirana, S. 600).

Indem sie sich die falsche Einschätzung der PLA zu den Vorgängen in China und zur 'Kul-

turrevolution' zunutze machten, drängten die chinesischen Revisionisten 1966-1967 bei der

PLA darauf, eine ähnliche 'Kulturrevolution' in der VR Albanien mitzutragen:

"Die chinesischen Genossen wollen mit aller Gewalt Mao Tse-tung als den 'größten

Marxisten in der gesamten Geschichte des Kommunismus' durchsetzen; sie ver-

langen von der gesamten kommunistischen Weltbewegung, dass sie ihre Erfahrun-

gen in Bausch und Bogen übernimmt und ihre 'Kulturrevolution' anwendet."

(Enver Hoxha: 'Die Außenpolitik Chinas - eine Politik der Selbstisolation', 14. Juli

1967, in: E. Hoxha: 'Betrachtungen über China', Band 1, Tirana 1979, S. 371).

Seinem Tagebuch nach zu urteilen, war Hoxha gegen die Übernahme der 'Kulturrevolution'

in Albanien:

"Die chinesische Propaganda will uns einreden, dass wir alle durch dieses Stadium

hindurch müssen, weil ihre Kulturrevolution allgemeine Gültigkeit besitze! Aber dem

ist nicht so und dem kann auch nicht so sein. ... Eine marxistisch-leninistische

Partei wie die unsrige, die den Sozialismus auf richtige Weise aufbaut, ... die die

proletarische Revolution mit Erfolg vertieft, kann nicht den Weg einschlagen, den

die Chinesen befürworten. Der Weg unserer Partei ist revolutionär, konsequent und

marxistisch-leninistisch. Eine marxistisch-leninistische Partei wie unsere baut den

Sozialismus auf, vertieft die Revolution, aber führt sie nicht so durch wie die, die

heute in China stattfindet."

(Enver Hoxha: 'Betrachtungen über die Kulturrevolution. Anarchie kann nicht mit

Anarchie bekämpft werden', 28. April 1967, in: E. Hoxha: 'Betrachtungen über Chi-

na', Band 1, Tirana 1979, S. 360).

Einer der Hauptelemente der 'Mao-Tse-tun-Ideen' ist die 'Massenlinie', d. h., dass die 'rich-

tige Parteilinie von den Massen ausgeht'. Dazu Mao Tse-tung:

"In der gesamten praktischen Arbeit unserer Partei geht jede richtige Führung not-

wendigerweise von den Massen zu den Massen. ... Entnehmt die Ideen von den

Massen und fasst sie zusammen, geht dann zu den Massen zurück, haltet an

den Ideen fest und verwirklicht sie, um richtige Vorstellungen von Führung zu er-

halten. Dies ist die grundlegende Methode der Führung."

(Mao Tse-tung: 'Einige Fragen, die Methoden der Führung betreffend', 1. Juni 1943,

in: Mao Tse-tung: 'Ausgewählte Werke', Band 3, Peking 1967, S. 119f).

Obwohl die PlA diese Vorstellungen nicht voll akzeptierte, so scheint dennoch die 'Mas-

senlinie' bei den Ereignissen von 1966-67 eine Rolle gespielt und könnte zur Schließung

der religiösen Einrichtungen des Landes beigetragen haben. Es ist sicherlich bezeichnend,

dass in der Ersten Ausgabe der 'Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens' von 1971 der

erste Absatz des Kapitels, in dem die Schließungen abgehandelt werden, überschrieben

ist mit

"Vertiefung der Massenlinie".

(Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der Partei der Arbeit Alba-

niens, Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens, Tirana 1971, S. 556).

In der Zweiten Ausgabe von 1982 existiert diese Überschrift nicht mehr. Das Material wur-

de neu zusammengestellt. (Vgl. mit 'ebenda', S. 391).

Tatsächlich war die 'Massenlinie' in den späten 60iger Jahren in China in einer Weise an-

gewendet worden, die dazu beitrug, dass die KP Chinas faktisch in Folge des internen

Machtkampfes liquidiert wurde. Es konnte also mit diesem Instrument der erfolgreiche Ver-

such unternommen werden, die politische Macht der nationalen Bourgeoisie in China zu

zerstören. Mit Hilfe der 'Großen Proletarischen Kulturrevolution' wurde von Seiten der po-

litischen Vertreter der chinesischen Kompradorbourgeoisie (des rechten Flügels der chine-

sischen Bourgeoisie, der mit dem Ausland verbunden war - Übers.) mit Mao Tse-tung an

der Spitze gegen die nationale Bourgeoisie, angeführt von Liu Schao-chi, mobilisiert - zu-

nächst mit Hilfe der Jugend; als dies fehlschlug, mit Hilfe der Arbeiter; als dies ebenfalls

fehlschlug mit Hilfe der Nationalen Befreiungsarmee. Weil die 'Kulturrevolution' in Wirklich-

keit einen politischen und konterrevolutionären Machtkampf darstellte, kann sie kaum als

'kulturelle' oder 'revolutionäre' Bewegung, die marxistisch-leninistischen Grundsätzen ent-

sprach, bezeichnet werden.

Wenn man einschätzen will, in welcher Weise Chinas 'Kulturrevolution' den Aufbau des

Sozialismus in Albanien in den späten 60iger Jahren untergraben hat, ist es sicher wichtig

sich zu vergegenwärtigen, dass ihr Einfluss (zunächst - Übers.) insgesamt gesehen be-

grenzt und eher zufälliger Natur war, obschon einige ihrer Wesenszüge direkte Auswirkun-

gen auf die Aktionen hatten, die zur Schließung der Kirchen und Moscheen führten. Je-

doch konnte die revolutionäre Bewegung in der VR Albanien in der damaligen Zeit nie die

chaotischen und anarchistischen Züge der Pseudo-Revolution, die gleichzeitig in China

stattfand, annehmen. Die erfolgreiche Praktizierung des Marxismus-Leninismus in Alba-

nien war - im Unterschied zu China - auf die Tatsache zurückzuführen, dass die PLA, al-

so die kommunistische Partei der Arbeiterklasse, Schritt für Schritt ihre entscheidende

führende Rolle bei der Verwirklichung der Diktatur des Proletariats auszubauen verstand.

In Bezug auf die Bewegungen der späten 60iger Jahre bestätigt die offizielle Geschichts-

schreibung in Albanien, dass

"der Fünfte Parteitag (November 1966 - Verf.) die Stärkung und Stählung der

Partei als revolutionäre Partei der Arbeiterklasse, die Unterstreichung ihrer

führenden Rolle im gesamten Leben des Landes als wichtigste Voraussetzung

für die ununterbrochene Entwicklung der sozialistischen Revolution und für

ihre Vollendung ansah."

(Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der PLA, ...ebenda, S. 587).

Ohne Mao Tse-tungs Idee von der 'Massenlinie' zu übernehmen, betonte Hoxha stets

das grundlegende Prinzip, die führende Rolle der PLA unter den Massen im Laufe der

revolutionären Entwicklungen, die in der Gesellschaft stattfanden, zu verwirklichen :

"Die Revolution und der Sozialismus sind die Errungenschaft der Massen

selbst, die von den Kommunisten geführt werden. ... Es ist die Pflicht der Par-

tei, ... das Prinzig 'von den Massen zu den Massen' richtig anzuwenden, es

zu einer Arbeitsmethode für die gesamte Partei, den Staat und die wirtschaft-

lichen Organisationen, die Massenorganisationen, für alle Kommunisten und

Kader, gleich wo sie tätig sind, in allen Bereichen des sozialistischen Aufbaus

zu machen. ... Die Partei ist die führende Kraft im gesamten System der Dik-

tatur des Proletariats."

(Enver Hoxha: Tätigkeitsbericht des ZK der PLA an den Fünften Parteitag der

PLA, 1. November 1966, Tirana 1966, SS. 123, 125, 146).

" ... in einem sozialistischen Land ist das gesamte Volk an der

Macht, die Diktatur des Proletariats ist errichtet und die marxistisch-leninisti-

sche Partei ist an der Macht, die Linie der Partei, die Linie der Massen befindet

sich an der Macht."

(Enver Hoxha: 'Die weitere Revolutionierung von Partei und Regierung', 6. Feb-

ruar 1967, in: E. Hoxha: 'Reden, 1967-68', Tirana 1974, S. 40).

"Durch die Massenaktionen und -bewegungen verschmilzt der revolutionäre

Elan der Kommunisten zu einem einheitlichen Ganzen mit der Schöpferkraft

der Massen."

(Enver Hoxha: Tätigkeitsbericht des ZK der PLA an den Sechsten Parteitag

der PLA, 1. November 1971, S. 192).

 

Von wem ging die Schließung der religiösen Einrichtungen aus? Mit welcher Ab-

sicht geschah dies?


Kurz nachdem die Aktionen für die Schließung der religiösen Einrichtungen am 27.

Februar 1967 im vollen Umfang begonnen hatten, schickte das ZK der PLA ein Rund-

schreiben an sämtliche Parteikomitees der einzelnen Kreise, das von Hoxha in seiner

Eigenschaft als Sekretär unterzeichnet und mit der Überschrift 'Über den Kampf gegen

die Religion, gegen religiöse Vorurteile und Bräuche' versehen war. Darin hieß es:

"Kürzlich ist in vielen Kreisen der Kampf gegen die Religion, gegen religiöse

Vorurteile und Bräuche verstärkt worden."

('Über den Kampf gegen die Religion, religiöse Vorurteile und Bräuche', Rund-

schreiben des ZK der PLA an die Parteikomitees der Kreise, von Enver Hoxha

unterzeichnet, 27. Februar 1967).

In dem Rundschreiben wird betont, dass dieser Kampf nicht dem spontanen Handeln

überlassen werden dürfe und es wird die Hoffnung ausgedrückt, dass er 'korrekt, ohne

Fehler und erfolgreich' geführt wird. Die marxistisch-leninistische Position, dass der Kampf

gegen die Religion nicht in einer Weise geführt werden darf, dass jene, die an ihren religiö-

sen Überzeugungen festhalten, von der sozialistischen Gesellschaft entfremdet werden,

wird hier erneut betont:

"Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass wir nicht mit jenen einen

offenen Kampf führen, die an die Religion glauben, weil es unter diesen Leuten

ehrliche Menschen gibt, die mit der Partei verbunden und glühende Patrioten

sind, die noch eine lange Zeit ihre religiösen Überzeugungen im Bewusstsein

behalten werden - vielleicht bis zu ihrem Tode.

Wir müssen sie weiterhin zu überzeugen versuchen, immer wieder und mit

großer Geduld, in einer Weise, die keinen Anstoß erregen darf. ... So wenig

wir auch nur einen Moment die antireligiöse Propaganda vernachlässigen dürfen,

so sehr müssen wir uns vergegenwärtigen, dass wir es mit Menschen zu tun ha-

ben. Übertriebene und extreme Aktionen müssen verhindert werden. Wir müs-

sen jede Aktion, die wir durchführen, sorgfältig politisch vorbereiten."

(Ebenda).

Das Schreiben bezeichnet die Schließung der religiösen Einrichtungen als 'schwierig',

wenn die angeführten Prinzipien zur Anwendung kommen sollen:

"Die Beseitigung von Kirchen, Moscheen ... und Klöstern ist mit Schwierigkei-

ten verbunden."

(Ebenda).

Eine solche Maßnahme sollte nicht 'mit Gewalt und ohne Zustimmung des Volkes' und

gegen die Wünsche der Gläubigen erfolgen:

"Sie (die Schließungen - Verf.) darf nicht in direktem Widerspruch zu dem Teil

des Volkes erfolgen, der gläubig ist. Deshalb muss mit Sorgfalt und Einfühlungs-

vermögen in dieser Richtung vorgegangen werden."

(Ebenda).

Die Gläubigen sollten geistig, ideologisch und politisch auf die Aktion vorbereitet werden:

"Moscheen und Kirchen nach Kampagnen und aufgrund von Befehlen zu schlie-

ßen, ist einfach, aber es ist viel schwieriger, die Gläubigen geistig und ideologisch

darauf vorzubereiten, dass sie verstehen, dass diese Einrichtungen nutzlos sind;

es ist schwieriger, die Religion aus den Sitten und Gebräuchen ihres Lebens zu

löschen und sie dazu zu veranlassen, ihre Praktiken aus Überzeugung abzulegen.

... Die Menschen müssen geistig und politisch vorbereitet werden."

(Ebenda).

Im Gegensatz zu dem marxistisch-leninistischen Prinzip, dass eine solche geistige, ideo-

logische und politische Vorbereitung erst dann als abgeschlossen betrachtet werden kann,

wenn der Glaube selbst verschwunden ist, wurde unterstellt, dass sie schon als abgeschlos-

sen gelten könne, wenn die Schließung der religiösen Einrichtungen widerstandslos hinge-

nommen werden würde:

"Aber es wurden schon viele von ihnen (den religiösen Einrichtungen - Verf.) ge-

schlossen, ohne dass dadurch eine Reaktion ausgelöst wurde. ... Es ist inter-

essant festzustellen, dass es bei uns in den ländlichen Gebieten keinen Wider-

stand gegen diese Maßnahmen gegeben hat."

(Ebenda).

Die Kreiskomitees der Partei wurden deshalb angewiesen, die Kampagne für die Schlie-

ßung der religiösen Einrichtungen zu unterstützen, anzuleiten und bis zum Ende durchzu-

führen:

"Wir müssen auf diese Weise fortfahren, bis sie (die kirchlichen Einrichtungen -

Übers.) vom Erdboden verschwunden sind."

(Enver Hoxha: 'Lasst uns gegen die religiösen Praktiken mit der patriotischen und

revolutionären Begeisterung der Massen kämpfen', Brief des ZK der PLA an die

Kreiskomitees der Partei zum Kampf gegen Religion, religiöse Vorurteile und Bräu-

che, 27. Februar 1967, in: E. Hoxha, Vepra, Nr. 35, Tirana 1982, S. 102f).

Die offizielle 'Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens' bestätigt, dass die Kampagne

für die Schließung der religiösen Einrichtungen

"die mächtige Unterstützung der Parteiorganisationen sowie der Organe der

Volksmacht besaß."

(Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der PLA Albaniens, Ge -

schichte der Partei der Arbeit Albaniens, Tirana 1982, S. 437).

Auch der albanische Historiker Sadikaj weist darauf hin, dass

"diese Initiativen, die von der Basis ausgingen, von oben eine mächtige Unter-

stützung erfuhren, auch von Seiten der Parteikomitees, der Grundorganisatio-

nen sowie der Massenorganisationen. ... Die Partei führte den gesamten Kampf

gegen die religiöse Ideologie. ... Bei der Lösung jedes einzelnen Problems waren

es stets die Komitees und Grundorganisationen der Partei, die die Massen orien-

tierten, organisierten und anleiteten."

(Dilaver Sadikaj: 'Die revolutionäre Bewegung gegen die Religion in den sechzi-

ger Jahren', in: 'Studime Historike' (Historische Studien), Nr. 4, 1981).

Folglich bezeichnete Hoxha auf dem folgenden Sechsten Parteitag der PLA im Novem-

ber 1971 die Kampagne zur Schließung der religiösen Einrichtungen als 'einen Sieg':

"Diejenige Aktion, die großartige Erfolge zeitigt, ist der Kampf gegen die Religion.

Innerhalb kürzester Zeit wurde durch diesen Kampf erreicht, dass all die Einrich-

tungen und all die Prediger der Relgion ein für allemal ihre Tätigkeit einstellen

mussten. ... Albanien wurde zu einem Land ohne Kirchen und Moscheen, ohne

christliche oder moslemische Priester. ... Dies war ein entscheidender Schlag

und ein Sieg, der neue und mächtige Voraussetzungen schafft für die vollständi-

ge Befreiung von religiösen Glaubensvorstellungen und Vorurteilen."

(Enver Hoxha: Tätigkeitsbericht des ZK der Partei der Arbeit Albaniens an den

Sechsten Parteitag, 1. November 1971, Tirana 1971, S. 135).

Da aber die führende Gruppe um Hoxha die Kampagne zur Schließung nicht einleitete,

wie lässt sich dann Hoxhas recht widersprüchliche Haltung im Jahre 1971 erklären, als

er die plötzliche Schaffung eines atheistischen Albaniens ohne Kirchen und Moscheen

als einen 'Sieg' bewertet? Was hat Hoxha dazu veranlasst, in seiner Eigenschaft als Ers-

er Sekretär der PLA am 27. Februar 1967, also mitten in der Kampagne, allen Kreisko-

mitees der Partei ein Rundschreiben zuzuleiten, dass sie letzten Endes anwies, jene

Kampagne für die Schließungen bis zum Ende zu unterstützen und anzuleiten?

Es erhebt sich zwangsläufig die Frage: Gab es eine einflussreiche, organisierte Gruppe

innerhalb der Partei- und Staatsführung in den späten sechziger Jahren, die die Massen-

bewegung, die zur Schließung der Kirchen und Moscheen führte, ins Leben rief und dies

deswegen tat, weil sie der VR Albanien und dem Sozialismus gegenüber feindselig einge-

stellt war?

Während und nach den Ereignissen von 1966/67 gab es tatsächlich in der PLA eine

einflussreiche Gruppe, die solche prominenten Persönlichkeiten wie Pacrami, Lubonja,

Balluku, Dume, Caki, Kellezi, Theodhozi und Ngjela umfasste und von dem damaligen

Ministerpräsidenten Mehmet Schehu (zusammen mit Fiqret Schehu, Fecor Schehu und

Kadri Hazbiu) angeführt wurde, auf die dies zutraf.

Ende der sechziger Jahre setzte sich das höchste Machtorgan der Partei, sein Polit-

büro, das auf dem Fünften Parteitag der PLA im November 1966 gewählt worden war,

aus folgenden Mitgliedern zusammen:

Enver Hoxha (Erster Sekretär);

Adil Carcani*;

Beqir Balluku*;

Gogo Nuschi;

Haki Toska;

Hysni Kapo;

Manusch Myftiu;

Mehmet Schehu*;

Ramiz Alia*;

Rita Marko und

Spiro Koleka sowie

aus folgenden Kandidaten für das Politbüro:

Abdyl Kellezi*;

Kadri Hazbiu*;

Koco Theodhosi*;

Petrit Dume* und

Pilo Peristeri.

(Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der Partei der

Arbeit Albaniens, Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens, Tirana 1971, S. 606).

Von den insgesamt 16 Mitgliedern und Kandidaten stellten sich mindestens die Hälfte,

(die mit einem Sternchen gekennzeichneten Namen) in den sechziger, siebziger und acht-

ziger Jahren als geschworene Gegner und Liquidatoren der sozialistischen Sache in Alba-

nien heraus, die häufig ihre Aktivitäten mit ausländischen Geheimdienten abstimmten.

Der Kampf gegen die Religion in Albanien in den späten sechziger Jahren lieferte diesen

verdeckt arbeitenden antisozialistischen Kräften einen günstigen Nährboden, konnten sie

doch damit zu sektiererischen, pseudorevolutionären Aktionen ermuntern, um das sozialis-

tische System in Albanien zu untergraben, die PLA-Führer um Enver Hoxha in Verruf zu

bringen und um ihnen später 'Sektierertum' vorwerfen zu können. Ganz offensichtlich passte

die Einleitung der Kampagne zur Schließung der religiösen Einrichtungen, die erfolgreich

durchgeführt wurde, voll und ganz in das sektiererische Konzept der inneren und äußeren

Feinde des Sozialismus Albaniens - noch dazu in einer Zeit, als das Land vollständig von

feindseligen revisionistischen und kapitalistischen Staaten eingekreist war.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Einleitung der Kampagne der 'Massen' zu-

gunsten der Schließungen die führende Gruppe um Hoxha in eine schwierige Lage brachte.

Hätte sie die Kampagne offiziell verurteilt, dann wäre sie in die Position geraten, das 'religiö-

se Opium' gegen eine 'revolutionäre' Bewegung der 'Massen', die dieses zu beseitigen trach-

tete, zu verteidigen.

Man kommt also zu der Schlussfolgerung, dass die marxistisch-leninistische Gruppe um

Hoxha in der Frage der Religion in eine Minderheitenposition geraten war und sich deshalb

gezwungen sah, das gutzuheißen und schließlich noch anzupreisen, was Lenin eine 'pseu-

do-revolutionäre' Kampagne genannt hätte.

Es sind zu keiner Zeit Informationen durchgesickert, die einen Hinweis darauf erbringen,

bis zu welchem Grade Hoxha in den höheren Organen der Partei einen Kampf in dieser

Frage geführt hat, da der demokratische Zentralismus in der PLA die kollektive Führung

garantierte, das Auftreten organisierter Fraktionen in ihr untersagte und einzelne Partei-

führer, einschließlich des Ersten Sekretärs, der Parteilinie unterwarf.

Dazu Hoxha:

"Eine der wichtigsten Fragen für alle Parteiorgane besteht darin, darauf zu

achten, dass die Prinzipien der kollektiven Führung rigoros eingehalten werden

und in dieser Beziehung keine Verletzungen auftreten. Fragen sollten im Geiste

der Kollektivität gelöst werden, nich jedoch auf der Grundlage von Einzelent-

scheidungen, welche die Rolle der Partei herabmindern."

(Enver Hoxha: 'Über einige organisatorische Fragen der Partei', Bericht an das

Elfte Plenum des ZK der PLA, 12. Juli 1954, in: E. Hoxha: 'Gesammelte Werke',

Band 2, Tirana 1975, S. 411).

"Unsere Partei hat stets das Prinzip der kollektiven Führung in der Arbeit seiner

führenden Organe betont. ... Alle sind verpflichtet, sich der Generallinie der Par-

tei, den Kriterien, Orientierungen, Beschlüssen und Verfahrensweisen, die sie

für die Kader entwickelt hat, zu unterwerfen. Nichts sollte auf diesem Gebiet auf

individuelle Weise getan werden. ... Jedes Individuum befindet sich in der Hand

der Partei und der Arbeiterklasse."

(Enver Hoxha: Tätigkeitsbericht des ZK der Partei der Arbeit Albaniens an den

Siebten Parteitag der PLA, 1. November 1976, Tirana 1978, S. 86f).

Die PLA hatte die wichtige Schlussfolgerung gezogen, dass, obwohl sie Widersprüche

in ihren eigenen Reihen duldete, die nicht unversöhnlicher Natur waren, sie als marxistisch-

leninistische Partei das Entstehen von Fraktionen, von verschiedenen Linien nicht hinneh-

men durfte. Im Statut der PLA hieß es dazu:

"Die Partei erlaubt in ihren eigenen Reihen nicht die Existenz von Fraktionen. ...

Das wegweisende Prinzip für die Organisationsstruktur der Partei ist der demo-

kratische Zentralismus. ... Beschlüsse werden nach einem freien Meinungsaus-

tausch gefasst; aber von dem Moment an, wo eine Entscheidung gefällt worden

ist, egal ob einstimmig oder nach Mehrheitsbeschluss, sind sämtliche Parteimit-

glieder verpflichtet, sie ohne weitere Diskussion auszuführen."

(Statut der Partei der Arbeit Albaniens, angenommen auf dem Dritten Parteitag

der PLA, einschließlich der auf dem 4., 5., 6. und 7. Parteitag der PLA angenom-

menen Änderungen, Tirana 1977, SS. 3, 11f, 29f).

Die Initiative für die Schließung von Kirchen und Moscheen in den Jahren 1966-67 ging

von einer einflussreichen antisozialistischen Gruppierung heimlicher Revisionisten aus,

die von dem damaligen Ministerpräsidenten Mehmet Schehu angeleitet wurde. Sie war

natürlich nicht in der Lage, sich offen in einer politischen Fraktion zu organisieren; sie

erwies sich jedoch als stark genug, um den Ersten Sekretär der PLA, Enver Hoxha, in

eine Minderheitenposition in der Frage der Relgion zu manövrieren und ihn zu zwingen,

eine sektiererische Position im Kampf gegen die Religion mitzutragen.

Eine letzte Frage bleibt noch zu erörtern: Wie ging diese Gruppierung antisozialisti-

scher Kräfte mit Schehu an der Spitze daran, diese Kampagne für die Schließungen

dazu zu benutzen, um die führende Gruppe um Hoxha in Misskredit zu bringen, da sie

es doch schließlich war, die sie ins Leben gerufen hatte und sie im Allgemeinen von

der Parteiführung unterstützt wurde?

Eines der Phänomene, das jedem Albanienbesucher sofort ins Auge fiel, war der 'Per-

sönlichkeitskult', der um die Person Hoxhas aufgebaut wurde. Er äußerte sich in den

allgegenwärtigen Büsten und Portraits Hoxhas, in der Parole 'Partei Envers', die Hoxha

mit der Partei gleichsetzte und in den üblichen Hinweisen auf die PLA als die 'PLA mit

dem Genossen Enver an der Spitze'.

Hoxha war bekannt, dass der 'Personenkult' in der Sowjetunion von Verrätern aufge-

baut worden war, mit dem Ziel, Stalin später in Verruf zu bringen und mit ihm das so-

zialistische System selbst, das in der Sowjetunion zu jener Zeit noch existierte, und

auch den Marxismus-Leninismus:

"Was den so genannten Kult um Stalin angeht, so wurde dieser von den

chruschtschowschen Verrätern bewusst angezettelt, um ihn gegen den Mar-

xismus-Leninismus ins Feld zu führen, was sie dann ja auch taten. ... Nach

Stalins Tod wurde deutlich, dass diese Verräter diese ungezügelte Proaganda

als Waffe einsetzten, nicht nur gegen Stalin und die Sowjetunion, sondern auch

und gerade gegen den Marxismus-Leninismus auf internationaler Ebene."

(Enver Hoxha: 'Gespräch mit Zhou En-lai', Juni 1966, in: 'Gesammelte Werke',

Band 4, Tirana 1982, S. 45).

Hoxha jedoch kritisierte Stalin, weil er dem 'Personenkult' nicht energischer entgegen-

getreten sei:

"Wir sind der Meinung, dass Stalin keinen ernsthaften Versuch unternahm, um

dieser Propaganda auf marxistisch-leninistische Weise Einhalt zu gebieten, um

so ihre vielen negativen und gefährlichen Seiten zu vermeiden."

(Enver Hoxha: 'Unsere Partei wird fortfahren, den Klassenkampf voranzutreiben,

so wie sie dies stets getan hat: konsequent, mutig und mit Reife', aus einer Un-

terhaltung mit Zhou En-lai', 24. Juni 1966, in: E. Hoxha: 'Gesammelte Werke',

Band 4, Tirana 1982, S. 45).

Schon in den fünfziger Jahren hatte Hoxha selbst Schritte gegen den 'Personenkult' in

Albanien unternommen:

"Der Kult des Individuums ... ist eine antimarxistische und schädliche Praxis,

weil er aus dem Individuum einen Fetisch macht, die entscheidende Rolle des

Kollektivs und der Massen schwächt und das Vertrauen der Volksmassen in

seine schöpferischen Kräfte untergräbt.

Der Personenkult führt zur Minderung der Rolle der Partei als Vortrupp der Ar-

beiterklasse sowie seiner Führung: des Zentralkomitees. Wir sollten uns an Karl

Marx These über den Kult des Individuums erinnern. Er schrieb:

'Aufgrund meiner Abscheu vor irgendeiner Form des Kults des Individuums ge-

stattete ich während des Bestehens der Internationale nie, die zahlreichen Bot-

schaften zu veröffentlichen, die aus verschiedenen Ländern eintrafen, in denen

von meinen Verdiensten die Rede war. Es kam vor, dass ich sie erst gar nicht

beantwortete, außer jene, in denen ich den Verfassern Vorwürfe machte. ...'

(Karl Marx & Friedrich Engels: 'Werke', zweite russische Auflage, Band 34, S. 241).

Der Aufbau eines Persönlichkeitskults in einer marxistisch-leninistischen Partei

ist schädlich, denn er schwächt nicht nur die führende Rolle der Partei und seines

Zentralkomitees; er untergräbt nicht nur die Stärkung des Geistes der kollektiven

Führung der Partei, welcher der einzige Garant für die Weisheit und Richtigkeit

der Linie der Partei ist, sondern er verhindert auch die Kritik von Fehlern, von Nach-

lässigkeit, Mängeln in der Arbeit der Partei und an verschiedenen Personen; er

schwächt die Selbstkritik, erzeugt Überheblichkeit und Selbstzufriedenheit bei

den Leuten und lähmt die Arbeitsinitiative. ...

Tagtäglich wurde ein kontinuierlicher Kampf zur Stärkung der kollektiven Arbeit

geführt. Die Genossen des Politbüros können dem Zentralkomitee mitteilen, dass

der Generalsekretär (Hoxha - Verf.) dem Politbüro, aber auch anderen Genossen

in der Führung gegenüber immer wieder die Frage der Schädlichkeit aufwarf, die

durch den Kult des Individuums entsteht und dass er verlangte, ein für allemal da-

mit Schluss zu machen, Schluss zu machen mit den ausufernden öffentlichen

Kundgebungen der Volksmassen für meine Person, auf denen mein Name im Chor

besungen wird, Schluss zu machen mit der Aufstellung von Büsten in verschiede-

nen Städten, damit Schluss zu machen, dass mein Name, ohne dass irgendein

ersichtlicher Anlass oder Grund besteht, in die Zeitungen oder Zeitschriften gesetzt

wird ...

Es ist jetzt an der Zeit, dass sich das Zentralkomitee in erster Linie an die Partei

wendet, um diesen Dingen ein Ende zu bereiten."

(Enver Hoxha: 'Über einige organisatorische Fragen die Partei betreffend', Bericht

an das Elfte Plenum des ZK der PLA, 12. Juli 1954, in: E. Hoxha: 'Gesammelte

Werke', Band 2, Tirana 1975, S. 411ff).

"Die Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus haben mit ganzer Kraft

gegen den Kult des Individuums in all seinen Schattierungen, in denen er auftritt,

gekämpft, als etwas, das dem Marxismus in jeder Beziehung fremd ist, das un-

nützt ist und ihm schadet. ... Die Partei der Arbeit Albaniens hat die Äußerungen

der Überschätzung der Rolle von Persönlichkeiten und Führern auf marxistische

Weise kritisiert, weil diese Erscheinungen die Rolle der Partei, der Parteibasis

und der Massen schwächen und geeignet sind, den Eindruck zu erwecken, dass

'die Führer unfehlbar' sind.

Der Kult des Individuums ist ein entartetes Überbleibsel, das Produkt der aus-

beutenden Klassen und der Kleinproduzenten. ... Auf der einen Seite erzeugt er

auf allen Ebenen der Partei und des Staates Arroganz und Eingebildetheit bei den

Kadern und bei solchen Leuten, die noch nicht genügend im marxistisch-leninisti-

schen Geist erzogen und gefestigt sind, erzeugt er bei den Funktionären verschie-

dene Grade von Überheblichkeit, Angeberei, von Willkürhandlungen, entwickelt

er krankhaften, kleinbürgerlichen Stolz und das Gefühl von persönlicher Überle-

genheit und Unfehlbarkeit und auf der anderen Seite schwächt er die kollektive

Führung der Partei auf allen Ebenen, schwächt er die gesunde prinzipielle Kritik

und Selbstkritik und entfremdet die Führung den Massen.

Das Zentralkomitee unserer Partei hat sich stets dafür ausgesprochen, mit je-

der schädlichen, unmarxistischen Praxis des Kults des Individuums Schluss zu

machen."

(Enver Hoxha: Bericht an den Dritten Parteitag der PLA, 25. Mai 1956, in: E. Hox-

ha: 'Gesammelte Werke', Band 2, Tirana 1975, S. 595f).

In den späten 60iger Jahren, in den 70iger und 80iger Jahren wurde der 'Personenkult' um

Enver Hoxha jedoch wieder auf ein Niveau geschraubt, das noch höher war als in den fünf-

ziger Jahren und dies, obwohl zu jener Zeit die Rolle des 'Personenkults' bei der Anbahnung

der Diskreditierung des Sozialismus in der Sowjetunion sehr viel genauer gekannt war. Die-

se Tatsache lässt darauf schließen, dass die führende Gruppe um Hoxha in dieser wichti-

gen Frage ebenfalls (wie in der Frage der Schließung der religiösen Einrichtungen - Übers.)

in eine Minderheitenposition gedrängt worden war. Und deshalb war sie auch nicht in der

Lage, den Hoxha-Kult zu verhindern.

Dies ebnete den Weg dafür, dass die von Schehu geführte revisionistische Gruppe die

Aktion zur Schließung der religiösen Institutionen (obwohl diese von ihr selbst ausging)

dazu benutzen konnte, die führende marxistisch-leninistische Gruppe um Hoxha unglaub-

würdig zu machen: Sie konnte so später behaupten, dass Hoxha eine 'private Diktatur'

ausgeübt habe, die er dazu missbrauchte, um marxistisch-leninistische Grundsätze und

die albanische Verfassung zu verletzen.

Diese heimlichen Feinde des Sozialismus, die den 'Personenkult' um Hoxha jahrzehnte-

lang eifrig unterstützt hatten, brauchten dann noch einige Zeit, bis sie dazu übergingen,

sämtliche marxistisch-leninistischen Prinzipien und Maßnahmen, die in Albanien verwirk-

licht worden waren, offen anzugreifen und zunichte zu machen.

Dies geschah dann auf dem Zehnten Parteitag der PLA 1991, auf dem die Schließung

der religiösen Einrichtungen und die Abschaffung der Religion in Albanien zweckdienlich

als 'grobe Verletzung von Menschenrechten' und als 'sektiererische und willkürliche Hand-

lung' seitens Hoxha und der führenden Gruppe in Partei und Staat hingestellt wurden.


Antireligiöse Gesetze und Maßnahmen in den 70iger und 80iger Jahren


Auf der Grundlage der neuen Verfassung der SVR Albanien wurde am 15. Juni 1977 von

der Volksversammlung ein neues Strafrecht verabschiedet. Gemäß Artikel 55 dieser neu-

en Verfassung fielen religiöse Handlungen unter die Kategorie von faschistischen, anti-

demokratischen, kriegstreiberischen und antisozialistischen Aktivitäten gegen den Staat.

Religiöse Handlungen standen somit ausdrücklich unter Strafe, da sie 'Agitation und

Propaganda gegen den Staat' darstellten:

"Artikel 55

Agitation und Propaganda gegen den Staat.

Faschistische, antidemokratische, religiöse, kriegstreiberische und anitsozialis-

tische Agitation und Propaganda und die Erstellung, Verbreitung und der Besitz

von Literatur solchen Inhalts, mit dem Ziel, den Staat, den Staat der Diktatur

des Proletariats zu schwächen oder zu untergraben, wird bestraft mit:

Freiheitsentzug von drei bis zehn Jahren.

Falls diese Handlungen in Kriegszeiten begangen werden oder besonders schwere

Folgen nach sich ziehen, werden sie bestraft mit:

Freiheitsentzug von nicht unter zehn Jahren oder mit dem Tode."

(Strafgesetzbuch der SVR Albanien, angenommen am 15. Juni 1977).

Im September 1975 waren schon zwei Erlasse verabschiedet worden, die vorsahen, Per-

sonen- und geografische Namen mit religiöser Bedeutung zu ändern. Im Erlass Nr. 5339

wird festgestellt, dass

"Bürger, die ungeeignete Namen und solche Namen besitzen, die aus politischen,

ideologischen und moralischen Gründen Anstoß erregen können, verpflichtet sind,

diese zu ändern."

(Erlass Nr. 5339, 23. September 1975, veröffentlicht am 11. November 1975 in der

Gazeta Zyrtare).

In dem Erlass heißt es außerdem, dass von denjenigen Personen, die von der Verordnung

betroffen sind, erwartet werde, dass sie sich freiwillig nach ihm richten; jene jedoch, die sich

ihm widersetzen, würden 'geeignete Namen' von sozialen Organisationen vor Ort gegeben

werden.

Eltern hatten sich dann einen passenden albanischen Namen aus einer von der Regierung

vorgelegten Liste mit 3000 Namen auszusuchen. Dieser Erlass richtete sich in erster Linie

an Albaner, die relgiöse Namen besaßen, insbesondere orthodoxe und römisch-katholische

Christen. Ungefähr zur gleichen Zeit verabschiedete die Regierung auch den Erlass Nr. 225,

der die Änderung geografischer Namen mit religiöser Bedeutung vorsah. Diese Verordnung

betraf hauptsächlich Namen, denen ein 'Sankt' vorangestellt war.

Religiöse Feiertage und Zeremonien wurden ab Ende der 60iger Jahre durch neue sozialis-

tische, nationale, örtliche und Familienfeste und -bräuche ersetzt. Bei Beerdigungen wurde

der Brauch eingeführt, anstelle eines Priesters eine ältere Person oder einen Vertreter einer

Massenorgansation sprechen zu lassen und die Verwandten des Toten hatten auch mit der

Sitte zu brechen, größere Geldsummen für eine Beerdigung auszugeben.

In ganz Albanien wurde (besonders in den 70iger Jahren) eine ganze Serie von wissen-

schaftlichen Tagungen, die sich mit atheistischen und antireligiösen Themen beschäftig-

ten, abgehalten. Fernsehen, Kino, Kunst und Kultur wurden mobilisiert und angewiesen,

antireligiöse Aufgaben zu übernehmen. Durch häufige Plakatwerbekampagnen wurde athe-

istisches Gedankengut weiter verbreitet. In Shkoder wurde ein atheistisches Museum ein-

gerichtet.

Die Religion wurde in den 70iger und 80iger Jahren in Albanien als private, persönliche

Angelegenheit betrachtet. In einer Rede, die er im November 1982 hielt, erkannte Hoxha

das Recht, einen religiösen Glauben zu besitzen, in folgender Weise an:

"Zu glauben oder nicht zu glauben, ist ein privates Recht, eine Frage des Ge-

wissens und keine Frage von Einrichtungen."

(Enver Hoxha: Rede zu den Wahlen der Zehnten Legislaturperiode der Volksver-

sammlung der SVR Albanien, 10. November 1982, Tirana 1982, S. 38f).

1982 betonte Albaniens Vertreter Bashkim Pitarka vor der UNO, dass

"es eine echte Gewissensfreiheit in Albanien gibt. Das Recht, einen religiösen

Glauben zu haben, wird als ein Recht angesehen, als eine private Angelegen-

heit, als eine individuelle Gewissensfrage."

(Brief des Ständigen Vertreters der SVR Albanien bei den Vereinten Nationen,

9. Mai 1988, UN-Dokument A/43/354 zu 8).

Wie weiter oben ausgeführt, ist es nach den klassischen marxistisch-leninistischen

Prinzipien unstatthaft, die Religionsausübung in einer sozialistischen Gesellschaft ein-

zuschränken, weil der Kampf gegen die Religion nur auf ideologischer Ebene geführt

werden darf. Religiöse Einrichtungen verschwinden dann und dürfen erst dann verschwin-

den, wenn der religiöse Glaube selbst verschwunden ist.

In Albanien aber war der religiöse Glaube auch nach den Schließungen lebendig: Offi-

zielle Quellen und Hoxha selbst bezeugen, dass der religiöse Glaube im sozialistischen

Albanien auch nach den Schließungen von Kirchen und Moscheen in gewisser Weise

weiter existierte. Dazu die offizielle 'Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens':

"Die Beseitigung von Kirchen und Moscheen hatte die religiöse Weltanschau-

ung nicht verschwinden lassen. Die Religion hat sehr tiefe Wurzeln."

(Institut für marxistisch-leninistische Studien beim ZK der Partei der Arbeit Al-

baniens, 'Geschichte der Partei der Arbeit Albaniens', Tirana 1971, S. 626).

Die beiden albanischen Historiker Pollo und Puto bestätigen in der 'Geschichte Alba-

niens' ebenfalls, dass

"... auch nach der Schließung von Kirchen und Moscheen dies nicht bedeutete,

dass die Religion als umfassende Gedankenrichtung damit verschwunden war."

(Stefanaq Pollo & Arben Puto: 'Die Geschichte Albaniens. Von den Ursprüngen

bis heute', London 1981, S. 282).

Enver Hoxha hat wiederholt darauf hingewiesen, dass auch nach den Schließungen

die Notwendigkeit bestehe, den religiösen Einfluss, der noch in der albanischen Gesell-

schaft vorhanden sei, weiter zurückzudrängen:

"Können wir behaupten, dass wie die Religion und sämtliche rückständigen

Bräuche vollständig beseitigt haben? Nein. Das wird Jahrzehnte dauern - viel-

leicht sogar noch länger."

(Enver Hoxha: 'Die Revolution siegt nur, wenn die marxistisch-leninistische Par-

tei die Massen wachrüttelt und ihnen ihre Unentbehrlichkeit bewusst macht', aus

einem Gespräch mit zwei sudanesischen Genossen, 12. Juli 1967, in: E. Hoxha:

Reden, Gepräche und Artikel, 1967-68, Tirana 1978, S. 122).

"Man sollte der falschen Vorstellung entgegentreten, dass Religion nur die Kirche,

die Moschee, den Priester, den geistlichen Lehrer, die Ikonen usw. umfasst und

dass mit ihrem Verschwinden auch die Religion und ihre Macht über die Menschen

automatisch verschwinden."

(Enver Hoxha: 'Über die Rolle und die Aufgaben der Demokratischen Front im

Kampf für den vollständigen Sieg des Sozialismus in Albanien', Bericht an den

Vierten Kongress der Demokratischen Front Albaniens, 14. September 1967, in:

E. Hoxha, Vepra Nr. 36, Tirana 1982, S. 374ff).

" ... Der eigentliche Kampf gegen die Religion muss auf dem Gebiet des Bewusst-

seins, der Einstellung der Menschen geführt werden. Die Beseitigung einer Kirche

allein führt noch nicht dazu, dass idealistischer Glaube aus dem Bewusstsein der

Menschen verschwindet. ... Tatsache ist, dass Kirchen und Moscheen sehr schnell

beseitigt werden können. Aber bedeutet dies, dass damit auch der Glaube so

schnell aus dem Bewusstsein der Menschen entfernt werden kann? Gewiss nicht.

Können wir in Anbetracht dieser Sachlage behaupten, dass die Partei und die Mas-

senorganisationen einen gut organisierten politischen und ideologischen Kampf

gegen die Religion geführt haben? Nein, dies lässt noch sehr zu wünschen übrig."

(Enver Hoxha: 'Für einen Kampf gegen rückständige Bräuche', Diskussion auf der

Sitzung des Sekretariats des ZK der PLA, 31. Januar 1969, in: E. Hoxha, Vepra

Nr. 40, Tirana 1983, S. 106).

"Natürlich bedeutet dies (die Schließung der religiösen Einrichtungen - Verf.) nicht,

dass eine vollständige Befreiung der arbeitenden Menschen vom religiösen Opium

erreicht worden ist; im Gegenteil: Ein langer Erziehungs- und Umerziehungsprozess

ist hierfür vonnöten."

(Enver Hoxha: Tätigkeitsbericht des ZK der Partei der Arbeit Albaniens an den Sech-

sten Parteitag der PLA, 1. November 1971, S. 135).

"Unsere Partei und unser Volk zerstörten diese (religiösen - Verf.) Strukturen inner-

halb weniger Jahrzehnte; der Kampf zur Ausrottung dieses Krebsgeschwürs aus

dem Bewusstsein der Menschen ist aber noch lange nicht beendet. ... Wenn aber

ein konsequenter und überzeugender Kampf in dieser Richtung geführt wird, dann

wird dies keine Jahrhunderte mehr dauern, sondern nur noch einige wenige Jahr-

zehnte oder ein paar Generationen."

(Enver Hoxha: 'Wie wir die imperialistisch-revisionistische Einkreisung unseres

Landes und die Auswirkungen auf uns auffassen und bekämpfen sollten', Rede vom

15. März 1973, in: E. Hoxha: 'Über die weitere Revolutionierung unserer Partei und

des gesamten Lebens im Lande', Reden, 1971-73, Tirana 1974, S. 278).

"Es gibt noch (1976 - Verf.) ältere Menschen, die religiöse Bräuche praktizieren.

Was sie angeht, so müssen wir hier den Weg der Überzeugung einschlagen und

daran arbeiten, sie von den religiösen Fesseln zu befreien."

(Enver Hoxha: 'Lasst uns wohlüberlegt Entscheidungen treffen', aus der Diskussion

anlässlich der Sitzung des Präsidiums der Volksversammlung der SVRA, 31. Ja-

nuar 1976, in: E. Hoxha, Vepra Nr. 56, Tirana 1987, S. 343).

Auch der albanische Historiker Sadikaj stellt in seiner detaillierten Untersuchung zum anti-

religiösen Kampf in Albanien, die 1981 veröffentlicht wurde, fest, dass auch nach der

Schließung der religiösen Einrichtungen religiöse Äußerungsformen erhalten blieben:

"Trotz der Erfolge, die im Kampf gegen die Religion erreicht wurden, war nicht zu

übersehen, dass religiöse Überreste ... geblieben waren und sich hier und da so-

gar noch ausbreiteten - oft in neuem Gewande. Darunter befanden sich Begrüßun-

gen, Beileidsbekundungen, Schwüre und Drohungen, die den Namen des 'Schöp-

fers der Welt', des 'Herrn' ... trugen, aber auch fanatische und idealistische Aus-

drücke.

... Eine Form des passiven Widerstandes bestand in der Pflege bestimmter reli-

giöser Gebäude, die keinen historischen Wert oder irgendeinen praktischen Ver-

wendungszweck mehr besaßen. Sie wurden zeitweilig für Taufen oder für andere

Handlungen mit religiösem Charakter benutzt. In einer nicht unerheblichen Zahl

von Dörfern, aber auch in dieser oder jener Stadt gab es viele Hinweise darauf,

dass gewisse Leute weiter an ihrem religiösen Glauben, an religiösen Feiertagen

und Zeremonien festhielten. ...

Es gab Tendenzen, insgeheim die materielle Grundlage der Relgion zu bewah-

ren oder wieder aufzubauen. ... Hier und da zeigte sich der passive Widerstand

gegen den Kampf gegen die Religion sogar in den Reihen der Kommunisten: ent-

weder im Verborgenen oder unter dem Vorwand, dass man 'den Ältesten nicht

widersprechen darf'. Es kam vor, dass selbst in den Familien gewisser Kommu-

nisten religiöse Riten und Bräuche weiter respektiert wurden. ... Die religiösen

Überbleibsel sind nicht vollständig beseitigt worden, nicht ein für allemal."

(Dilaver Sadikaj: 'Die revolutionäre Bewegung gegen die Religion in den sechziger

Jahren', in: 'Studime Historike', Nr. 4, 1981).

In einer anderen Untersuchung, die in 'Ruga e Partise' (Weg der Partei) 1986 veröffentlicht

wurde, stellt Professor Hako fest, dass es Fortschritte bei der antireligiösen Kampagne ge-

geben hat, muss aber gleichzeitig eingestehen, dass

"Überreste und Anzeichen von Religion immer noch beträchtlich ... vorhanden waren."

(Hulusi Hako: 'Auf dem Weg zur Schaffung einer vollständig atheistischen Gesell-

schaft', in: 'Ruga e Partise', Nr. 3, 1986).

1988 stellt Albaniens Vertreter bei der UN, Bashkim Pitarka, fest, dass

"in Albanien niemand gezwungen werden kann, an Gott zu glauben oder sich an

religiösen Zeremonien zu beteiligen. Das bedeutet aber nicht, dass Gläubige sich

an keinerlei Zeremonien mehr beteiligen. Letzten Endes ist dies eine private und

familiäre Angelegenheit."

(Brief des Ständigen Vertreters der SVR Albanien bei der UN, 9. Mai 1988, in: UN-

Dokumente Nr. A/43/354, zu 8).

Die zitierten offiziellen Dokumente legen somit zweifellos davon Zeugnis ab, dass - bis zu

einem bestimmten Grade - der religiöse Einfluss und der religiöse Glaube in Albanien in

den siebziger und achtziger Jahren, d.h. auch noch nach der Schließung der Kirchen und

Moscheen weiter vorhanden war.


Die religiöse Erneuerung in den frühen 90iger Jahren


In den späten achtziger Jahren, nach Hoxhas Tod 1985, wurde der revisionistische Prozess

der kapitalistischen Restauration in Albanien von Ramiz Alia in seiner Eigenschaft als Erster

Sekretär der PLA unter dem Deckmantel der 'Demokratisierung' angeführt.

Verschiedene Geistliche und ehemalige Missionare durften jetzt Albanien besuchen, nach-

dem sich die Regierung auf diesem Gebiet sehr viel toleranter zeigte als je zuvor.

Im November 1988 erhielten Dr. Jacques und seine Frau, die zwischen 1932 und 1940 als

evangelische Missionare an der US-amerikanischen Missionsschule in Korca tätig gewesen

waren, ein Visum für einen zehntägigen Besuch. Zwischen Juli und September 1988 besuch-

ten drei albanische, im Ausland lebende Priester das Land für einen kurzen Zeitraum. Darun-

ter befand sich auch Reverend A. E. Liolin, der aus den USA stammende Rektor der Ortho-

doxen Albanischen Diözese in Amerika, der wohl erste Priester, der seit 1967 das Land wie-

der im Priestergewand betreten und bereisen durfte. Er sprach bei verschiedenen Anlässen

auf Friedhöfen Gebete und durfte während seines Besuches auch ein Exemplar seiner Bibel

mit sich führen. Bei den anderen beiden Priestern handelte es sich um Reverend Imam Veh-

bi Ismail, einem aus Albanien stammenden US-Bürger und Direktor des Albanischen Islami-

schen Zentrums in Detroit sowie um den Jesuitenpater Ndoc Kelmendi, der die Erlaubnis

bekam, seine Familie in der Nähe von Shkodra zu besuchen. Auch andere Priester durften,

Berichten zufolge, das Land wieder besuchen - sei es als Pensionäre oder als Journalisten

oder Lehrer. Mutter Theresa besuchte Albanien im August 1989 zum ersten Mal und Reve-

rend Liolin wurde dann noch ein zweites Mal vom albanischen Minister für Kultur und Aus-

wärtige Angelegenheiten eingeladen.

Der Hauptarchitekt des Revisionismus in Albanien in dieser Zeit Ramiz Alia (langjähriges

Politbüromitglied - Übers.) bemühte sich, weiter nach außen einen antireligiösen Stand-

punkt zu vertreten. Vor dem Achten Plenum des ZK der PLA erklärte er 1989:

"Gegenüber der bürgerlichen Ideologie dürfen wir auf keinem Gebiet Zugeständ-

nisse machen. ... Gegenüber der religiösen Ideologie dürfen ebenfalls keine Zu-

geständnisse gemacht werden. Wir nehmen diese Haltung nicht nur deswegen

ein, weil wir überzeugte Atheisten sind, sondern auch, weil wir die Einheit unseres

Volkes verteidigen."

(Ramiz Alia: 'Immer in der Avantgarde der Gesellschaft, immer Garant des Fort-

schritts', Rede vor dem Achten Plenum des ZK der PLA, 25. September 1989, S. 34).

Diese Äußerungen konnten jedoch kaum verhindern, dass ein paar Monate später das

Relgionsverbot offiziell aufgehoben wurde, was zur allmählichen Wiederbelebung religiöser

Handlungen und zur Restaurierung und dem Wiederaufbau von Kirchen und Moscheen in

Albanien führte. Schließlich verabschiedete die Volksversammlung der SVR Albanien am

8. Mai 1990 Änderungen des Strafrechts in der Weise, dass von nun an religiöse, antiso-

zialistische und andere Propaganda sowie das Verfassen und die Verbreitung derartiger

Schriften nicht mehr als Verbrechen angesehen wurden. ('Die Perfektionierung der Gesetz-

gebung vertieft die Demokratisierung des Lebens in der SVR Albanien, Tirana 1990, S. 19,

Anmerkung 1).

Gleichzeitig wurde der Erlass zur 'Änderung ungeeigneter Namen und Nachnamen' eben-

falls wieder aufgehoben. Nur ein paar Monate später war es derselbe Alia, der verkünden

durfte, dass die religiöse Freiheit von nun an voll respektiert werde. Das in der Verfassung

verankerte Religionsverbot von 1976 werde bald aufgehoben werden.

Im Juni 1991 hielt die PLA ihren Zehnten Parteitag ab. Bei dieser Gelegenheit verwandelte

sie sich vollständig in eine sozialdemokratische (offiziell 'sozialistische' - Verf.) Partei.

Allen früheren marxistisch-leninistischen Prinzipien wurde abgeschworen.

Nach der Einleitung einer umfassenden kapitalistischen Restauration des Landes hielten

es die albanischen Revisionisten jetzt auch für angebracht, den einstigen Kampf gegen die

Religion als 'grobe Verletzung von Menschenrechten' zu bezeichnen, als 'sektiererische'

und 'willkürliche' Aktion, die unter dem Einfluss der chinesischen 'Kulturrevolution' durchge-

führt worden sei. Zu dieser Frage heißt es in dem Bericht an den Parteitag:

"Es ist eine Tatsache, dass die Rechte des Einzelnen, insbesondere das des re-

ligiösen Lebens, grob verletzt wurden. ... Die juristische Abschaffung der Religion

brachte die offizielle Haltung der Partei in Widerspruch zu dem Wunsch breiter

Volksmassen, einem Glauben nachzugehen. ...

Es muss betont werden, dass diese Fehler und Entstellungen sich besonders

in der Zeit der späten 60iger Jahre ereigneten, die auch die Periode der Revolutio-

nierung genannt wurde. Außer ausländischen Einflüssen, besonders durch die

chinesische Kulturrevolution, wirkten sich in diesem Zeitabschnitt auch einige sub-

jektivistische Neigungen aus, um neue, originelle Lösungen für eine Reihe von

Problemen in der Gesellschaft zu finden. ... Es scheint, dass der Antirevisionis-

mus, den wir als Strategie übernahmen, oft zu linksgerichteten Positionen führte."

(Bericht an den Zehnten Parteitag, genannt 'Parteitag der allseitigen ideologischen,

politischen und organisatorischen Erneuerung der Partei', vorgelegt von Xhelil Gjor-

ni, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der PLA, abgedruckt in: 'Zeri i

Popullit', 11. Juni 1991).

Nachdem die religiöse Betätigung erst einmal wieder im Lande erlaubt war, öffneten sehr

schnell die verschiedensten religiösen Einrichtungen ihre Pforten. Reiche, im Ausland le-

bende Exilbürger begannen, den Bau neuer Moscheen in ihren ehemaligen Heimatdörfern

zu finanzieren. Ausländische Regierungen und Organisationen gewährten finanzielle Unter-

stützung für den Bau religiöser Bauwerke oder für ihre Renovierung. In ganz Albanien waren

bis September 1992 100 Moscheen und 30 orthodoxe und katholische Kirchen wieder für

die relgiöse Nutzung geöffnet worden.

Mehr als eine halbe Million Exemplare des Korans - was weit über die Nachfrage hinaus-

ging - wurde von der saudischen Regierung für den Export nach Albanien bereitgestellt und

Hunderttausende von Bibeln wurden fieberhaft in albanischer Sprache gedruckt. Islamische

Organisationen sprangen ein, um jenen Albanern finanzielll zu helfen, die eine Reise gen

Mekka planten, während gleichzeitig eine immer größere Zahl von Delegationen aus der

gesamten islamischen Welt begann, Albanien zu bereisen. Dieser wachsende islamische

Einfluss hielt allerdings Papst Johannes Paul II nicht davon ab, Albanien im Frühjahr 1993

zu besuchen - der erste Besuch eines Papstes in diesem Lande. Er sprach zu Tausenden

von Menschen in Tirana, bevor er in der neu gestalteten Kathedrale von Shkodra eine Mes-

se zelebrierte und vier albanischen Priestern die Bischofsweihen verlieh.


Schlussfolgerungen


Die Schließung der religiösen Einrichtungen in den Jahren 1967/67, die im Rahmen

des antireligiösen Kampfes vorgenommen worden war,

*verstieß gegen marxistisch-leninistische Prinzipien;

*stand im Widerspruch zur Verfassung der SVR Albanien;

*stand Albaniens Verpflichtungen als UN-Mitglied entgegen;

*war eine Aktion, die von der chinesischen 'Kulturrevolution' beeinflusst war,

die gleichzeitig in China stattfand;

*war eine Kampagne, die in gewissem Umfang Gläubige in Albanien dem So-

zialismus entfremdete;

*stellte eine Aktion dar, die der internationalen antisozialistischen Propaganda

in die Hände arbeitete;

*war eine Maßnahme, die in gewisser Weise der internationalen marxistisch-

leninistischen Bewegung Schaden zufügte, für die Albanien in den sechziger,

siebziger und achtziger Jahren die einzige Festung darstellte - dadurch näm-

lich, dass der albanische Staat sich als eine Einrichtung präsentierte, die auf

willkürliche Weise die Verletzung verfassungsmäßig geschützter Rechte hin-

nahm und es zuließ, dass sich Glaubensanhänger, die sonst diese Bewegung

unterstützt hätten, von ihr abwandten;

*war eine Aktion, die nicht von der damals führenden Gruppe in Partei und

Staat um den Ersten Sekretär der PLA Enver Hoxha ausging;

*war eine Aktion, die von einer gut organisierten und einflussreichen Gruppe

verdeckt arbeitender Revisionisten ausging, die unter Ausnutzung des um die

Person Hoxhas aufgebauten Personenkults darauf aus war, diese sektiereri-

sche Kampagne später für die Diskreditierung der marxistisch-leninistischen

Führung des Landes um Enver Hoxha auszunutzen - als Bestandteil der um-

fassenderen Zielsetzung, den Aufbau des Sozialismus in Albanien wieder

rückgängig zu machen.